Oje, ich werde erwachsen…

oje-ich-werde-erwachsen…schoss es mir durch den Kopf, als ich mein kleines Töchterlein nach 24h Stunden Wehen, Erbrechen und Geburt in den Händen hielt. Endlich.

Der Erwachsenenstatus wird heutzutage verzögert erreicht. Juristisch gilt man mit Erreichen des 21. Lebensjahres als erwachsen. Doch soziologisch hat sich das alles stark verschoben. Nach W. Galston befand ich mich bisher in der prekären Odyssee-Phase. Die ist gekennzeichnet durch wechselnde Partner, keine festen Jobs, keine Kinder, keine wirtschaftliche Selbständigkeit. Aaaha!

Das änderte sich nun. Die Metamorphose begann mit der Schwangerschaft. Nach und nach verlor ich elementare Fähigkeiten z.B. Schlafen, Rennen, Erinnern. Proportional dazu gewann ich an Körperumfang. Nach der Niederkunft reaktivierte ich mein verlorengegangenes Vermögen, leicht modifiziert selbstverständlich, und ergänzte es um neue, lebensnotwendige (z.B. Fingerspiele) Fähigkeiten. Analog zu H. van de Rijts und F. X. Plooijs Entwicklungsphasen eines Babys durchlief (und durchlaufe) ich während meiner einjährigen Elternzeit diverse „Sprünge“ in meiner mentalen Reifung als Mutter. Ohne Quatsch. Schlafen mit Kind stellt ganz andere Herausforderungen an mich als Mutter als ohne Kind.

Ohne Kind: Hinlegen, lesen, Augen zu, morgens erfrischt aufwachen.

Mit Kind: Kind hinlegen, Lied singen, streicheln, schschen, aus dem Zimmer schleichen, Kind stillen und wieder in den Schlaf wiegen, selbst hinlegen, kurz vorm Wegnicken Kind stillen und wieder ins Bett legen, mitten in der Nacht aufwachen, Nuckel suchen und Kind geben, trotzdem stillen, schnell nochmal auf das Klo, anschließend wach liegen und nicht einschlafen können, kurz vorm Wegdämmern quengelndes Kind beruhigen, schließlich einschlafen…naja, ihr wisst, worauf ich hinaus will.

Doch, was nach einem Drama in zwanzig Akten klingt, ist in Realität ganz gut zu ertragen. Denn die eigene Schlafkompetenz passt sich den neuen Anforderungen hervorragend an. Erstaunlicherweise fühlte ich mich bisher fast immer ausgeschlafen. Ausnahmen kamen vor. Einen ähnlichen Wandel durchliefen weitere Kompetenzen. Sei es Pflege mit Baby, Kommunikation mit Baby, Entertainment mit Baby etc. Wie beim Baby kann der Erwerb einer neuen Kompetenz jedoch verstörend sein. Nicht selten trieb auch mich der rasche Reifungsprozess „zu dem, was mir am vertrautesten ist“ – zu meiner Mutter. Ohne die ich das alles wohl kaum überstanden hätte.

Häufig zog ich in meinem Mamaalltag die Parallelen zu dem Buch „Oje, ich wachse“. Mir fiel auf, dass ich selbst gleichzeitig mit den Entwicklungsphasen des Babys neues Können herausbildete, sprichwörtlich wuchs. Immer noch wachse. Die Klassifizierung der einzelnen Phasen vermag ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vorzunehmen. Die mir zur Verfügung stehende empirische Basis besteht aus meiner Mamarunde und mir. Wir befinden uns mitten im Reifungsprozess. Das liefere ich noch nach.

In meiner Wahrnehmung standen sich in der Öffentlichkeit diejenigen, die völlig verklärt und verzerrt, denjenigen, die desillusioniert und dramatisch von der Elternschaft berichteten, gegenüber. Leider hatte ich die KindersinddasBestederWeltEltern nicht ernst genommen. Und hörte immer nur den IchwillmeinLebenzurückEltern zu, sodass sich Jahr für Jahr eine höhere Barriere in meinem Kopf aufbaute. Bis hin zur Totalverweigerung, jemals Mutter zu werden. Bis meine Eltern kurz nacheinander die Diagnose Krebs erhielten. Jetzt bin ich leidenschaftliche Jungmama. Mir ist es ein Anliegen, Elternschaft zu normalisieren. Weder hört alles auf, noch beginnt alles völlig neu, trotzdem ist alles anders. Den Umgang damit kann man lernen.

Da ich selbst ein schizophrenes Verhältnis zu Ratgebern pflege, wollte ich euch dergleichen ersparen. Dieser Blog bietet vielmehr einen Überblick in anekdotenhafter Form über die einzelnen Entwicklungsphasen und Kompetenzen, die ihr euch in den ersten  Lebensmonaten eures Mamaseins aneignet. Er stellt somit eine Sammlung von Gedankensplittern zu meiner persönlichen Mamawerdung dar und ist weder dogmatisch noch pädagogisch wertvoll zu verstehen. Kann aber als Anregung dienen.

Beachtet dabei, dass die Mama in der neuen Welt nicht alles auf einmal entdecken kann. Die meisten Fähigkeiten entwickelt die Mama erst Wochen, manchmal sogar erst Monate später (oder auch früher;).