Mamicus Komparativus

dsc07697Das erschreckendste an der Elternschaft ist, dass sich still und leise ein Klischee nach dem anderen in das eigene Verhaltensreportoire einschleicht. Besonders niederschmetternd ist die Gleichgültigkeit diesem Eindringling gegenüber. Was heißt Gleichgültigkeit? Nein, das eigentlich Schlimme: Ich heiße ihn regelrecht willkommen. Ja, ich genieße ihn und zwar mit jedem einzelnen Streifen meiner Schwangerschaft.

Man versendet Fotos, deren fragwürdiger künstlerischer oder informativer Mehrwert sich lediglich den Eltern, maximal den Großeltern erschließt. Das auch nicht immer. Berichte jedem zwanghaft von Fortschritten meiner Tochter. Selbst Leuten, deren Interesse unterdurchschnittlich ist. Kürzlich ertappte ich mich, wie ich die Frage eines schwulen Bekannten, wie es meinem Kind denn gehe, mit: „Mäusezahn kackt jetzt regelmäßig.„, beantwortete. Dabei vibrierte meine Stimme vor Stolz. Ja, ich meine mich zu erinnern, dass ich sogar den Rücken leicht straffte.  Mein Bekannter blickte mich an als hätte ich ihm erzählt „Brot kann man essen.“ Sein Gesichtsausdruck war dem Lebensmittel in dem Moment auch nicht unähnlich. Allerdings ahnte er nicht, dass mein Mäusezahn zwei Wochen zuvor gar kein Stuhlgang hatte. Bin ich dennoch überrascht, dass er nie wieder weder nach ihrer Befindlichkeit noch nach meiner fragte? Wahrscheinlich ängstigte er sich vor einem detaillierten Bericht über Stuhlgänge des Hauses!

Ja, und irgendwie bin ich auch in den Mamicus komparativus geschlittert. Einfach so. Er ist gefürchtet. Jede Mutter regt sich auf über ihn, doch es ist wie immer – denkt nur an die Bild. Keiner liest sie und trotzdem ist sie eine der auflagenstärkste Tageszeitung Deutschlands. Genauso ist es mit dem Mamicus Komparativus. Jede Mutter steckt irgendwie ganz tief drin. Auch, wenn sie sich über ihn aufregt. Was also ist der Mamicus Komparativus? Dabei handelt es sich um die Gesamtheit aller mütterlichen Verhaltensmuster mit Vergleichen umzugehen. Positiv wie negativ.

Absolutes No Go für fortgeschrittene Mamas: Die Fähigkeiten und Entwicklungsschritte des eigenen Sprösslings der Öffentlichkeit preisgeben. Ist eine Mutter so mutig oder naiv, gerät sie in Lichtgeschwindigkeit in den Verdacht der Prahlerei. Sofort wird ihr jedes Selbstwertgefühl abgesprochen. Dafür der Vorwurf entgegen gebracht, sich über das Kind profilieren zu wollen.

Das geht soweit, dass die Mutter eines recht flott entwickelnden Bubens, mir allen Ernstes Glauben machen wollte, dass es eine Qual sei, dass er mit sieben Monaten schon gehe, die Schränke ausräume etc. Wo sind wir, dass sie glaubt, seine Fähigkeiten entschuldigen bzw. abwerten zu müssen? Mal ganz ehrlich, jede Mutter regt sich über Angebermamas auf. Doch wer sind dann die Prahldamen? Seid doch glücklich über eure gesund entwickelten Babys und schreit es in die Welt!!! Es ist das größte Glück-neben dem Geschmack von Kinderriegeln-und außerdem kein Wettbewerb!

Der Mamicus Komparativus zieht leider eine völlige Tabuisierung des Vergleichens nach sich. Ernsthaft! Beim Sport unterhielt ich mich neulich mit einer Mutter über die Ernährungsgewohnheiten ihres Sohnes. Er erwies sich als ausgesprochen guter Esser. Gleichzeitig ist er sehr mobil. Angetan von der guten Entwicklung erkundigte ich mich nach seinem Alter. Als ich erfuhr, dass meine Tochter und ihn nur wenige Tage trennten, blickte ich meine Tochter überrascht an und sagte mit angedeutet vorwurfsvollem Unterton: „Mäusezahn….“, bevor ich weiter sprechen und verschmitzt sagen konnte, da musst du aber einen Zahn zulegen, löste ich eine Druckwelle entsetzter Aufschreie aus: „BLOSS NICHT VERGLEICHEN!!!!“ Nervöse Blicke trafen mich. Aaaaaah ja. Hä??? Erleide ich etwa einen Identitätszusammenbruch, wenn ich vergleiche? Oder befürchten sie einen drohenden Fall von Kindeswohlgefährdung, weil ich meine Tochter nun mästen werde?

Ähnliches im PEKIP Kurs (Krabbelgruppe mit Förderanspruch. Nicht zu verwechseln mit Förderunterricht.) Voller Begeisterung staunte ich, dass so eine kleine Wanze bereits krabbelte und verlieh meinem Staunen freudigen Ausdruck. Mit nervös zuckendem Augenlid wiederholte die Kursleiterin daraufhin ihr wöchentliches Begrüßungsmantra: „Der Nachteil an PEKIP ist, dass alle Babys gleich alt sind und Eltern leicht in Versuchung geraten, zu vergleichen, aber jedes Baby ist individuell, vergesst das nicht. Es ist individuell. I-N-D-I-V-I-D-U-E-L-L „

Nach dieser Episode stand ich nachdenklich vor dem Spiegel und suchte nach dem Schild „Schwer von Begriff“ auf meiner Stirn. Sehe ich aus wie eine Vergleichsdomina, die ihr Kind einem ausdrücklich erdrückenden Leistungsdruck aussetzt???? Ganz nach dem Motto, die Zweiten sind die ersten Verlierer? Ich bin erst seit kurzem Mama, doch so viel habe selbst ich begriffen. Jedes Kind entwickelt sich in seinem Tempo und jeweils unterschiedliche Fertigkeiten. Das ist auch gut so.

Ganz ehrlich, mir ging diese Vergleichsangst dermaßen auf den Sack, dass ich im darauf folgenden Kurs ein wenig für Nervenkitzel sorgte. Ich erzählte, dass meine sieben Monate alte Tochter SCHON Mama und Papa sagen kann. Und zwar auf Englisch und rückwärts. Dann drehte ich mich zu der Mutter neben mir, blickte auf ihren Sohn und fragte: „Und deiner so?“ Dabei packte ich genüsslich einen Kinderriegel aus und grinste breit.