Oh weh, Reisen mit der DB

step0001In der vorletzten Woche meiner Elternzeit spielten sich wahre Dramen ab. Es gab so Klassiker wie „Ausstand feiern beim Jobwechsel“, „Oh weh, Reisen mit DB“ und „Hilfe, mein Baby erstickt“. Genauer betrachtet wurden die drei Stücke nicht im Laufe einer Woche aufgeführt, sondern im Laufe von gut 24 Stunden. Aber eben in meiner vorletzten Elternzeitwoche.

Anlässlich des durchaus aufwühlenden Abschieds von meiner alten Arbeitsstelle packten mein Knöpfchen und ich unsere sieben Sachen und machten uns auf, um den Mobilitätsservice der Deutschen Bahn auf dem Weg ins Tal der Ahnungslosen zu erproben. Grundsätzlich bietet die Deutsche Bahn in jeder Gesprächsrunde unter Freunden hinreichend Anlass für ausgiebige Kritik; und dass ohne in Gefahr zu laufen, irgendjemanden vor den Kopf zu stoßen, wie es bei vergleichbar politischeren Themen der Fall sein kann. DB ist schichtübergreifend konsensbildend.

Ich allerdings bin kein Freund von Generalisierungen, sondern eher eine Freundin vom guten alten Für-und-Wider. Ja, dabei kann ich mich gelegentlich auch über exorbitante Preise und die Abwesenheit von w-lan-fähigem Internet bei der DB aufregen. Grundsätzlich liebe ich aber Zugfahren – mit viel Platz, stets zwei freien Händen und einer schnell erreichbaren Toilette. Es gibt kein anderes Reisemittel, in dem ich so entspannt reise. Auch mit Kind.

Im Hinblick auf überregionales Reisen verweigere ich das Autofahren mit Baby sogar. Zumindest, wenn ich solo reise. Das liegt sicherlich vor allem daran, dass ich keine sonderlich versierte Autofahrerin bin, aber auch bzw. gerade deswegen ist meine Konzentration mit quengelnden Kind an Bord hochgradig gestört. Ich breche schon in Schweiß aus, wenn ich nur daran denke. Dementsprechend genieße ich es, in der Bahn Zeit und zwei tröstende Hände für mein Töchterchen zu haben.

Doch wohin mit dem Kinderwagen, mag jetzt der eine oder die andere einwenden. Richtig, das ist das größte Problem. Dafür hat die Bahn den Mobilitätsservice als Lösung parat. Jede/r mobil eingeschränkte kann diesen kostenlosen Service beanspruchen. Bisher zögerte ich, darauf zurückzugreifen, da Knöpfchen entweder in der Tragehilfe auf Regionalfahrten zu den Großeltern mitreiste oder ich ungefragt Tragehilfe durch Passagiere im ICE erhielt. Der Kinderwagen stellte somit für uns bisher weder im ICE, RB noch im RE ein Problem dar. Gänge sind breit und Treppen werden dank aufmerksamer Mitreisender problemfrei überwunden.

Ein schwarzes Schaf gibt es jedoch immer. So auch bei der DB.  Zwar der IC. Verschwommen erinnerte ich mich an den Hybrid aus eng und nicht ganz so schnell. Er sollte mein Testobjekt für den Mobilitätsservice werden. Pünktlich 20 Minuten vorher traf ich meine Serviceleistung in Person einer schlecht aus dem Mund riechenden Bahn-Mitarbeiterin vom Typ Früher-war-alles-besser, die die Wartezeit nutzte, um zu erklären, dass sie wegen diverser Bandscheibenvorfälle nicht heben könne.  Und außerdem, um ausgiebig über die unterschiedlichen Gepäckstücke von Passagieren zu lästern. Der IC kam, mit Ach und Krach verfrachtete sie mein Knöpfchen und mich in den Zug und weg war sie. Puh. Wir waren im Zug. Es gab nur ein Problem: Das Kleinkindabteil befand sich auf der gegenüberliegenden Seite des Wagens.

Das erbrachte uns die nächste gewinnbringende Erkenntnis: Unser Kombikinderwagen ist definitiv zu breit für die Gänge im IC. So standen wir zwei, beschallt vom Rattern des Zuges, zwischen zwei Wagen und versperrten zahlreichen Mitreisenden den Weg ins Bistro. Auf dem Rückweg nach Jena misstraute ich dem Mobilitätsservice schließlich derart, dass ich aufgrund geänderter Wagenreihung dem stoffeligen Mann – ebenfalls mit Bandscheibenvorfall – beharrlich widersprach und schlussendlich selbst verschuldet an der falschen Stelle einstieg. Lediglich in Leipzig verlief dank hilfreicher Passagiere und ehrenamtlicher Mitarbeiter/innen der Bahnhofsmission alles reibungslos. Allerdings verkehren zwischen Köln und Dresden inzwischen neuartige ICs mit barrierefreiem Einstieg für Rollstuhlfahrer/innen und Kinderwagenfahrer/innen, sodass ich mir etwas dämlich vorkam, als die zwei Mobilitätsdienstleistenden mich von einem zum nächsten Zug begleiteten, während ich den Kinderwagen mit hochrotem Kopf vor mir herschob.

Innerhalb von 24h war ich so sehr mit der DB beschäftigt, dass ich beinahe meinen eigenen Ausstand verpasst hätte. Er war vergleichsweise zu meinem Abschied im Frühjahr 2016 unspektakulär. Meine Elternzeitvertretung war bestechend gut gelaunt, mein Chef behandelte mich weiter wie eine Mitarbeiterin (was ich sehr genoss) und den Rest der Truppe hielten Knöpfchen und ich erfolgreich vom Arbeiten ab. Als ich dann in einer ruhigen Minute alleine in den sogenannten „großen Saal“ ging, in dem ich unzählige Seminare gehalten hatte, wurde mir das Herz doch sehr schwer. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass ich innerlich schon losgelassen hatte und langsam bereit für etwas Neues bin. Sollte ich vielleicht auch, schließlich beginnt in wenigen Tagen meine neue Tätigkeit bei einem anderem Bildungsträger in Jena.

Kaum nach Jena zurückgekehrt, fuhren wir rasch nach Hause, um schnell auszupacken und Knöpfchen ins Bett zu packen. Mein Mann hatte Spätschicht und ich freute mich auf ein gepflegtes Date mit der Couch und dem TV.

Eine Minute. Genau eine Minute lässt man das Kind alleine, um sich flugs auf dem WC zu erleichtern und schon hat es ein Plastikteilchen von einer Verpackung in der Hand. Eine Minute, die alles ändern kann. Ich stürmte zu der Kleinen um Schlimmeres zu verhindern, entriss ihr das Unteil, dass sie aus einer Schublade gepfriemelt hatte. Erstaunlich, da sich Knöpfchen dato nur in der Horizontale bewegte. Als die Kleine plötzlich übermäßig zu husten und zu keuchen anfing, schwante mir Übles. Ich griff beherzt in ihren Rachen und fühlte ein Plastikteilchen. Ich war zu spät gekommen. Sie japste und hechelte. Mit jedem Röcheln geriet ich zunehmend in Panik. Verzweifelt wühlte ich in ihrem Rachen, erwischte das verflixte Teil jedoch nicht. Knöpfchen weinte und schrie. Meine Finger lösten schließlich den Würgereflex aus. Hoffnungsvoll durchsuchte ich ihr Erbrochenes. Fand jedoch nix.

In meiner Verzweiflung wählte ich die 112, schilderte gehetzt die Situation. In der Zwischenzeit beruhigte sich mein kleines Baby und beobachtete interessiert, wie ich in den Telefonhörer sprach. Da nun keine akute Erstickungsgefahr mehr bestand, empfahl man mir in die kinderärztliche Notfallambulanz zu fahren. Die kannte ich schon. Mit Höchstgeschwindigkeit düste ich los. Doch auch diesmal wartete ich vergeblich auf sprintende Ärzte mit wehenden, weißen Kitteln. Allerdings legte ich eine rasante Vollbremsung vor dem Eingang hin und ließ unser neues Auto kreuz und quer geparkt stehen. Etwas Dramatik muss schon sein. Der Arzt untersuchte mein Knöpfchen. Lunge frei. Kind war inzwischen trotz Übermüdung bester Dinge, quiekste vergnügte und schäkerte mit dem Mediziner. Therapievorschlag: Warten und die Sch****ße durchwühlen, bis wir das Plasteteilchen finden.

Beruhigt ging ich zum Auto, wo ich einen krankenhauseigenen Parkwächter traf. Geistesgegenwärtig hatte ich noch einen Parkschein gezogen und ersparte mir so einen Strafzettel. Naja, eigentlich wollte ich die Wartezeit überbrücken und hatte nachträglich einen gelöst. Dennoch! Glaubt man das denn? Abends um 20 Uhr kontrollieren die den Parkplatz vor der Notfallambulanz! Als hätte man in Notfällen nix besseres zu tun als regelkonform zu parken. Halt! Mann, warte! Ich verblute zwar, aber lass uns bitte noch schnell einen Parkschein ziehen…. ORRRR

Zuhause angekommen informierte ich erstmal den Vater und die Oma. Während ich so auf der Couch lümmelte und telefonierte, puhlte ich an meinen Beinen herum. Da kratzte doch was. Mensch, was ist das denn? Überrascht betrachtete ich das kleine Plasteteilchen, das zusammen mit etwas Erbrochenen von meiner Tochter an meinem Bein klebte…