Stillographie

Abstillen2

Erschrocken reiße ich die Augen auf. Ohne es benennen zu können, spüre ich, dass etwas anders ist. Ich horche in das Zimmer. Abgesehen von dem gleichmäßigem Atmen meiner Tochter und  dem Schnarchen meines Mannes ist es vollkommen still. Im gesamten Wohnhaus regt sich nix. Ein sanfter Lichtstrahl durchdringt die Dunkelheit des Raumes.
Moment mal!!!! Lichtstrahl? Da dämmert es mir.

Seit einem Jahr und einer Woche und drei Tagen habe ich das erste mal durchgeschlafen. Ich starre in die Dunkelheit. Tastend suche ich den Wecker. Ein Blick auf das Ziffernblatt bestätigt meine Annahme. Es ist 6 Uhr morgens. Ich verharre ganz still und präge mir diesen Moment ein. Ich will ihn ganz bewusst erleben.
Am 10.06. trank ich morgens eine Tasse Pfefferminztee. Damit leitete ich den berüchtigten Prozess des Abstillens ein. Ohne einen einzigen Schrei schläft mein Kind in der Folgenacht durch. Ich bin völlig perplex. Lange habe ich auf diesen Moment hingearbeitet, ihn gleichzeitig stets gefürchtet. Ihn vor mir hergeschoben. Genauso ambivalent sind meine Gefühle, die er nun in mir auslöst. Während ich vor mich hinstarre, schweifen meine Gedanken zurück zum 2.6.2016.
Zu dem Tag als ein feuchtes, zerknautschtes Bündel Mensch auf meiner Brust lag und hungrig mit dem Mündlein nach Nahrung suchte, kurz darauf die ersehnte Milchquelle fand und gierig zu saugen anfing, sodass sich meine Fußnägel aufrollten.

Im Stillen erinnere ich mich daran,

– wie ich anschließend nachts unter Tränen mein Kind stillte, weil aus meinen prallen Brüsten nicht ein winziger Tropfen Milch kam;

– wie ich literweise Malzkaffee in mich hineinschüttete, um die Milchbildung in Gang zu bringen;

– wie ich nahezu panisch blähende Lebensmittel von meinem Speiseplan strich und mein Mann und ich uns beinahe in die Haare gerieten, weil ich trotzdem heimlich  Falafel mit ordentlich Zwiebeln aß;

– wie in den ersten Wochen unser Zimmer permanent nach Kümmelöl stank, dass ich auf der Brust anwandte, in der Hoffnung durch die ätherischen Düfte würden sich der aufgeregte Magen meines Kindes beruhigen;

– wie ich während der anfänglichen Stillmarathon von 2 Stunden alle Bücher von David Safier und Ildiko von Kürthy verschlang;

– wie mein Mann Wollfett aus der Apotheke hortete, damit ich meine wunden Warzen  pflegen konnte;

– wie ich plötzlich eine Mega- und eine Minibrust hatte, weil ich die Fütterung des Raubtierkindes immer mit derselben Brust startete;

– wie ich mich auf die Nächte freute, weil meine Tochter tagsüber bitterlich beim Stillen weinte und nur im Halbschlaf ausreichend Ruhe zum Trinken fand und ich deswegen schwor, spätestens mit sechs Monaten abzustillen;

– wie ich vor dem Stillen eiskalt duschte oder die Brust in Eiswürfeln eingrub, damit die Milch nicht wie eine Fontäne aus mir sprudelte;

– wie ich wütend auf die Hebammen war, weil sie das Weinen meiner Tochter ständig als Zahnen interpretierten, was aus meiner Sicht zu einem so frühen Zeitpunkt völliger Schwachsinn war und plötzlich schon im vierten Monat zwei weiße Stümpfe im Unterkiefer meines Knöpfchens aufblitzten;

– wie mein Mann mir während des Stillens einen Garten und ein Auto aus den Rippen leierte, weil ich nur eingeschränkt kognitiv leistungsfähig war;

– wie ich es zunehmend genoss, mein Kind immer und überall ernähren zu können;

– wie ich so manche Nacht Knöpfchen nahezu stündlich stillte und trotzdem am kommenden Tag fit war;

– wie ich den lauthalsen Protest meines Kindes beim Ersetzen der Milch- durch Breimahlzeiten kaum aushielt;

– wie ich trotz beruflichen Einstieges des Nachts weiterstillte, weil dies die Momente waren, die nur mein Knöpfchen und ich teilten.

Das alles sollte nun zu Ende sein?

Immer wieder hatte ich das Abstillen vor mir hergeschoben. In erster Linie hatte ich einfach keine Lust auf das herzerweichende Weinen meiner Tochter. Gleichzeitig  schien meine Brust ihre wahre Bestimmung gefunden zu haben. Nix von wegen sexuelle Stimulanz. Warum also überhaupt Abstillen? Warum nicht einfach Langzeitstillerin werden? Ein starkes Immunsystem, eine innige Mutter-Tochter- Bindung und schnelles nächtliches Beruhigen sprechen doch allemal dafür.

Ganz ehrlich!? Aus rein egoistischen Gründen.

Ich war es so leid,

– beim Sport trotz Imaginärenstökcheneinklemmens stets den Beckenboden zu verlieren;

– bei Knöpfchens Püpsen mit hochrotem Kopf und schlechtem Gewissen an die letzte Zwiebel oder den Krautsalat zu denken;

– bei Schnupfen einen enormen Schlüppiverbrauch zu haben;

– permanent nach Süßigkeiten zu verlangen;

– irgendwie nie richtig wach zu sein.

Also setzte ich mir und meinem Kind eine Deadline. Es sollte eine „samtene Abstillution“ nach tschechischem Vorbild sein. Nur Notstillen, wenn Streicheln absolut nicht hilft. Ich wollte nicht die Holzhammermethode anwenden. Doch diese war Plan B. Schlafzimmerflucht mit Papa als Nothelfer, wenn gar nichts mehr geht. Das wäre dann quasi die Brust des himmlischen Friedens geworden.

Kein Wunder, dass ich eine Abstillneurose entwickelte. Der festen Überzeugung, dass sich unsere Tochter den Milchluxus nicht ohne Gegenwehr nehmen ließe, konzentrierte ich mich auf die vor mir liegende Freiheit:

– wieder joggen

– wieder essen und trinken, was ich will

– wieder ganz Herr über den eigenen Körper zu sein

– und endlich eine neue Brille kaufen zu können, sobald kein Stillhormon mein Sehvermögen mehr durcheinander bringt.

Mein Mantra. Innerlich arbeitete ich schon an einem Plan C.

Plötzlich schläft Knöpfchen durch. Einfach so.

Das ist jetzt eine Woche her. Mein Mädchen schläft immer noch durch. Endlich steht wieder Knoblauch auf meinem Speiseplan. Sport treibe ich  zwar noch nicht. Dafür haben wir das Kuscheln neu entdeckt. Schmusen, schmusen, schmusen.

Stundenlanges Weinen, wie befürchtet, blieb (bisher) aus. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Sie hat nicht geweint, ich schon.