Another crack in the wall – Mein digitales Coming Out

Atmen. Atmen. Atmen. Mir ist gerade speiübel. Warum? Ich habe innerhalb eines Tages eine neue Domain erworben, drei Blogbeiträge veröffentlicht und das Impressum meiner Blogseite erstellt. Das macht mir Angst! Richtig Angst! So mit Schweißausbruch, kalten Händen und zitternden Knien. Für mich ist das ein digitaler Seelenstriptease.

An mehreren Stellen durchbreche ich die sicheren Mauern meiner digitalen Komfortzone:

1. Riss in der Mauer

Mit dem Weggang aus Dresden habe ich Stück für Stück gelernt, mein Innerstes nur durch das Hintertürchen nach außen zu lassen. Die vergangenen vier Jahre verkümmerte meine Fähigkeit zur Selbstreflexion regelrecht. Das liegt sicherlich an den neuen Rollen, die ich in Jena angenommen habe – beruflich wie privat.

Einerseits verlangt die Mamarolle, das eigene emotionale Chaos hinter den Bedürfnissen und Anforderungen eines Kleinkinds – ja, selbst hinter denen des Haushalts, des Einkaufs, des Hungers der Katze, etc. – zurückzustellen. Falls ich mir doch mal den Luxus eines Gefühlsausbruchs leistete, so bedeutete das zumeist pädagogisch aufwändige Aufräumarbeit, um entweder Traumata oder apokalyptisches Sprachverhalten des Kleinkindes zu verhindern. Denn Kinder neigen dazu, ihre Eltern unmittelbar zu imitieren. Ein Grund, mein Verhalten in Knöpfchens Gegenwart gut zu kontrollieren. Ich versuche stets eine Art lockere Gelassenheit nach außen zu tragen, nachdem ich miterleben durfte, wie Knöpfchen völlig kopflos durch die Wohnung stampfte und unaufhörlich Scheiße, Scheiße, Scheiße rief. Weil sie einen Becher Wasser umgekippt hatte…Sicherlich geht das zu Lasten der eigenen Authentizität dem Kind gegenüber. Doch ich will nicht die Mutti sein, an die alle denken, wenn ihr Kind ein neues Schimpfwort aus der Kita nach Hause bringt.

2.  Riss in der Mauer

Andererseits schlüpfte ich beruflich in eine Rolle, an der personelle sowie fachliche Führungsverantwortung klebt. Seitdem befinde ich mich im Zwiespalt zwischen zu viel Nähe und zu viel Distanz. Ich bin gerne unter Menschen und arbeite gerne mit ihnen, doch sachorientierte Diskussionen und Entscheidungen stehen im Widerspruch zum emotionalen Wirrwarr, dass das Mama- und Menschsein in meinem Leben verursacht. Kategorisch verbannte ich private Themen aus Mitarbeitergesprächen beziehungsweise ließ sie auf dem Niveau Ich schneide meine Haare lieber selbst als zum Friseur zu gehen rumdümpeln. Gänzlich entziehen kann man sich dem Small Talk in den Pausen ja nicht. Mit der Erstellung des Impressums richte ich nun den Scheinwerfer auf meine ganz persönlichen Schwächen und Stärken für alle 7 Milliarden Menschen dieser Welt. Inklusive meiner Mitarbeiter*innen. Und inklusive meiner eigenen Vorgesetzten.

Warum ich mich dennoch für diesen Schritt entschied? Weil ich glaube, dass jeder Mensch Schwächen hat. Weil ich glaube, dass der Umgang mit (vermeintlichen) Schwächen tiefe psychische Gräben in unsere Herzen reißt. Weil ich glaube, dass ein offener und souveräner Umgang mit den eigenen Schwächen und Unsicherheiten Mut machen kann und diese Gräben schließt. Darin liegt die eigene Stärke. Deswegen möchte ich als Frau, Mutter und Führungskraft meinen alltäglichen Vereinbarkeitskampf in der Arena des World Wide Web ausfechten.

3. Riss in der Mauer

Dieser Schritt erforderte von mir jedoch auch das Loslassen von Ansprüchen und damit meinem persönlichen Perfektionismus einen Tritt in den Hintern zu verpassen. Bei anderen bin ich in der Regel großzügig mit Fehlern, schließlich eignen sie sich hervorragend zum Lernen. Bei mir selbst setze ich andere Maßstäbe an. Mein Schwur, den Blog erst nach der Ausstattung mit einem optimierten Design, mehrfach redigierten Blogbeiträgen sowie einem ausgefeilten Redaktionsplan zu veröffentlichen, zwang mich nahezu drei Jahre lang allwöchentlich in die Knie. Erst mit Corona sickerte es allmählich in mein Bewusstsein, ohne den ersten Schritt gehe ich nie los oder, um es mit den Worten von Romano Prodi zu sagen: „Wenn man alles berechnet, gelingt nichts.“ Daher entschied ich mich, einfach anzufangen und mir damit die Möglichkeit zu geben, besser zu werden.

4. Riss in der Mauer

Seit Google denken kann, vertrete ich die Überzeugung, keine privaten Daten im Netz zu veröffentlichen – zumindest keine Kontaktdaten. Geschlecht, Aufenthaltsorte, Jobs, sportliche Aktivitäten sind alles unverfängliches Material. Doch das Impressum jagt mir wirklich einen Schauer den Rücken runter. Nun steht er da, mein Name. Ich fühle mich schrecklich nackig dadurch. So, dermaßen splitterfasernackt, dass ich den digitalen Schwanz beinahe eingezogen hätte. Doch auch hier lasse ich zur Selbstmotivation die Sprücheklopferin raushängen: „Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.“ – Demokrit

Drum reiße ich heute digitale Mauern ein und hoffe, aus den Trümmern etwas Schönes bauen zu können!

28.04.2020