Mama und kein Bock auf Mamasein? – Wie schaffe ich kleine Auszeiten im Alltag?

Es gibt diese Momente. Da will ich keine Mama sein. Ich spreche nicht von den Momenten, in denen ich mich mit Schlafentzug, Kotze auf der Kleidung oder überfüllten Windeln auseinandersetzen musste. Nein, es sind die Momente, wenn ich mal wieder eine Portion zu viel verdrückt habe und diese auf meinem Lieblingsmöbel ausgiebig verdauen möchte. Oder nach der Arbeit, wenn ich von meinen gefühlt hundertausend Todos wieder minus drei geschafft habe. Da brauche ich das. Nur zehn klitzekleine Minuten Auszeit, um den Stress abzuschütteln. Ein bisschen von Mirdochscheißegal und Ichdösweg. Und die Welt ist wieder gut. Blöd, dass der Nachwuchs keinerlei Emapthie für derartige Ansprüche hegt. Ist ja auch völlig überzogen…

Wie kürzlich. Da holte ich dank eingeschränkten Regelbetriebs (mein persönliches Unwort des Jahres) Knöpfchen direkt nach der Arbeit von der Kita ab. Zeit den mentalen Prozessor zur resetten? Keine Chance. War es da nicht eine Spitzenidee, direkt auf den Spielplatz zu gehen? Ein bisschen mit befreundeten Mamas klönen und abschalten. Der Spross kann mit den anderen Sprösslingen spielen. Perfekte Formel: Kind+nocheinKind+Spielplatz = Mamas kleine Auszeit. Kalkulierte ich zumindest. Doch Knöpfchen hatte andere Pläne mit meinen Synapsen.

Knöpfchen erhob einen 24/7-Anspruch auf Mama. Wie kann das sein, dass Mama nicht Anna & Elsa spielen will? Mit einer Freundin soll ich spielen? Wozu habe ich eine Mama? Was? Alleine schaukeln? Geht doch gar nicht. Wie? Mama will sich unterhalten? Wo gibt es sowas? Knöpfchens Ambiguitätstoleranz ließ mich hängen und macht dem kleinen Zornigel die Bahn frei: Weinen, schreien, brüllen. Knöpfchen gab richtig Gas und ließ sich weder durch Bestechungsquetschis noch durch alternative Spielvorschläge ablenken. Es musste Mama sein. Doch Mama hatte aus Versehen keine Lust, Mama zu sein.

Kind schreit, Mama streikt.

Als die ersten Nachbarn aus dem Fenster spähten und pikiert ob der Ruhestörung ihre Augenbrauen hochzogen, prüfte ich kurz, ob mir mein eigenes Bedürfnis nach Ruhe und Austausch wirklich wichtig war. Ist ja gut möglich, dass ich mich geirrt hatte. Vielleicht hatte ich ja Lust, glitzernde Einhörner zu malen und war enttäuscht, nur Schaukeln schubsen zu dürfen. Manchmal esse ich ja auch, obwohl ich Durst habe. Doch nein, ich hatte wirklich keine Lust, Mama zu sein. Ja, die Mama in mir war plötzlich weg und ließ mich mit meinem schreienden Kind alleine zurück. Statt eines seligen Lächelns rief der Dreikäsehoch Mrs. Scrooge in mir hervor. So viel Kinderschokolade konnte ich gar nicht essen, um die wieder loszuwerden.

Klassische Pattsituation. Knöpfchen schreit und Mama streikt. Kurzerhand entschied ich mich für Rückzug. Wenn Knöpfchen Zeit mit Mama will, dann können wir das genauso gut Zuhause. Meine Ankündigung brachte den Wutzwerg jedoch erst richtig in Fahrt. Damit wurde der Spielplatz zur Bühne für die hochgezogenen Augenbrauen. Endlich konnten sie sich empören. Ihr Kopfschütteln rief ein neues Bedürfnis in mir hervor. Ich zögerte. Schön langsam packte ich unsere Siebensachen ein. Ich wollte ihnen Gelegenheit geben, sich richtig zu ärgern. Bis sich Jesper Juul in mir regte: „Sollen sie dich doch für eine schlechte Mutter halten.“ Zuhause sanken Knöpfchen und ich erschöpft auf die Couch. Beide hatten wir Tränen in den Augen.

Der Ausweg: Kinderbetreuung vom Sofa aus

Wir redeten darüber, was passiert war. So gut das mit einer Vierjährigen eben geht. Mir wurde klar, wie kopflos wir beide reagiert hatten, weil unsere Wünsche nicht erfüllt wurden. Sie hatte das Alter als Entschuldigung, ich nicht. Ich brauchte eine Knöpfchen-Auszeit. Knöpfchen brauchte Mamazeit. Das hätte selbst Mary Poppins überfordert. Ich bin ein Verfechter von klaren Grenzen. Dafür riskiere ich auch einen Tobsuchtsanfall meiner Tochter. Gleichzeitig glaube ich jedoch, dass durch pädHacks das Leben unaufgeregt vereinfacht werden kann und am Ende des Tages ALLE zufrieden einschlafen können.

Also begab ich mich auf digitale Lösungssuche und stieß auf das Konzept „horizontal parenting“. Grundidee: Mama und Papa erziehen liegend auf der Couch, im Bett, im Gras. Das ist genial! Knöpfchen bekommt Mama- und ich meine Ruhezeit. Unter Kinderbeschäftigung für Faule und Müde kursieren zahlreiche Ideen für kleine Auszeiten im Alltag, die ich nun gezielt für Euch ausgetestet habe. Hier sind meine Favoriten, die euch mindestens 15 Minuten Auszeit garantieren und dem Kind Spaß machen:

NOTFALLAUSZEITEN sind schnelle und sehr effiziente Methoden den Nachwuchs zu beschäftigen und sich Ruhe zu verschaffen.

Wettschweigen

Wer kann am längsten still sein? Herrlich diese Ruhe. Bringt auch jede Menge Spaß, denn irgendwann kichert man nur noch. Tipp: Von Anfang an zeitlich Begrenzung festlegen, sonst zerlegt das permanente „Pscht“ die zwischenmenschliche Kommunikation für den Rest des Tages. Ihr wisst schon, die Geister die ich rief…

Eiskönigin mal anders

…ist das Wettschweigen für Fortgeschrittene. Weder Geräusche noch Bewegungen sind erlaubt, weil alle von der Königin Elsa eingefroren wurden. Wer als erstes spricht oder sich bewegt, hat verloren.

Vorlesen ist die literarische Möglichkeit, sich entspannt mit seinem Kind auf der Couch zu sielen. Ein Rollentausch intensiviert die eigene Entspannung. Meine Tochter liebt es, sich mit mir auf die Couch zu kuscheln und mir ausgiebig Kinderbücher vorzulesen. Das Kauderwelsch entspricht nicht immer dem antiken Dreiakter, doch mit gezielten Rückfragen entstehen die schönsten Geschichten. Tipp: Die Geschichten aufschreiben, Bild vom Nachwuchsgoethe dazu und das Werk der Oma zum Geburtstag schenken. Noch ein Tipp: Gelegentliches Mitdenken verhindert lautes Schnarchen (Mann, war Knöpfchen sauer.)

Hörspiele hören: Falls die Lust, etwas vorzulesen noch im Bücherregal chillt, sind Hörspiele eine geeignete Alternative. Das ist Medienkonsum light mit gutem Gewissen. Knöpfchen spielt dazu entspannt auf dem Teppich oder kuschelt bei mir auf der Couch. Tipp: Ich hole die Hör-CDs ganz traditionell aus der Kinderbibliothek. Alternativ gibt es zahlreiche (kostenlose) Plattformen für altersgerechte Hörspiele und –bücher.

ROLLENSPIELE verschaffen nicht nur kleine Musemomente im Alltag, sondern sind gleichzeitig ein hervorragendes Berufstraining #keindruck

Im Krankenhaus:

Klar, dass die Nachwuchsärztin eine sehr, sehr kranke Patientin vor sich hat. Die muss ausgiebig untersucht werden und – wegen Schwäche – ausschließlich im Liegen. Das Herz muss abgehört, das Blut abgezapft und der Arm verbunden werden. Tipp: Wir haben zwar einen kleinen Arztkoffer; ist der nicht zur Hand, können Klebeband und eine leere Stifthülse als Pflaster und Spritze dienen. Von Assistenz- zur Chefärztin steigt Knöpfchen auf, wenn sie meine Binde nach der Plasmaspende abnehmen und wiederverenden darf.

In der Küche:

Beim Nachhausekommen erhält Knöpfchen den Auftrag, mir erstmal ein leckeres Essen einzukaufen und zu kochen. Dort zaubert sie dann wahre 3-Gänge-Menüs aus Möhre (Vorspeise), Pizza mit Schokolade und Pfirsichen (2 Gänge in einem). Tipp: Nachschlag verlangen, das verlängert die persönliche Couchauszeit.

Im Haarstudio:

Meine persönliche Lieblingsauszeit. Knöpfchen wird mit Bürste und Kamm hochoffiziell zu Udo Walz geschlagen und darf mir einen Eisköniginzopf frisieren. Selbstverständlich bedürfen die Haare einer ausgiebigen Kämmung und Bürstung. Tipp: Falls vorhanden dem Kind einreden, dass die Kopfkralle ein unabdingbares Werkzeug eines jeden Friseurs sei. Auch hier gilt das Prinzip der Wechselseitigkeit. Schließlich ist es ein Geben und Nehmen. Einziger Nachteil: Bei dieser Auszeit ist Liegen nicht möglich.

Bei der Post:

Beim Nachhausekommen habe ich meist die Hände voller Briefumschläge, die unmittelbar in das Spiel integriert werden. Knöpfchen schnappt sich sämtlich Werbezettel, „schreibt“ Briefe und verpackt sie aufwändig mit einhundert Meter Klebeband in den Umschlägen. Anschließend öffnete sie sie mir wieder und liest sie mir vor. Nachteil: Zugegeben für Nachhaltigkeitsfreunde ist das nichts.

WELLNESSAUSZEITEN sind meine persönlichen Favoriten. Genau wie Affen sich lausen, tun Knöpfchen und ich uns gegenseitig etwas Gutes. Ja, Beziehung schafft Erziehung.

Fußmassagen – wer mag sie nicht? Gegenseitiges Füße kraulen stärkt die Bindung und ist unproblematisch im Liegen auszuführen. Knöpfchen legt ihr Füße auf meinen Bauch, so können wir unsere Quadratlatschen gleichzeitig krabbeln.

Pizza backen

Ein fiktiver Teig wird auf dem Rücken ausgerollt (kräftig mit den Handflächen kneten) und ordentlich mit Tomatensauce bestrichen (leicht mit flacher Hand streichen). Anschließend kann nach gusto belegt werden. Salami, Pilze, Paprika, Mais kommen immer gut an (einfach die Formen mit den Fingern nachahmen). Anschließend noch eine große Portion Streukäse (mit den Fingern über den Rücken krabbeln) und ab in den Ofen (Hände aneinander reiben und die Handflächen auf den Rücken legen). Tipp: Dieses Spiel nicht hungrig spielen. Noch ein Tipp: Falls ihr den ersten Tipp ignoriert habt, sicherheitshalber vorsorglich eine Tiefkühlpizza im Haus haben.

Der kleine Dali

Wir malen uns gegenseitig Dinge mit den Fingern auf den Rücken. Ist sensationell entspannend und fördert das Denkvermögen. So malte ich kürzlich ein Auto auf Knöpfchens Rücken:

Ich: Was ist das?

Knöpfchen: Ein Vogel?

Ich: Nein, es ist ein Gegenstand. Gegenstände leben nicht.

Knöpfchen: Ein toter Vogel?

Körperautobahn

Ein paar Matchboxautos und los geht’s. Die Beine werden zur Schnellstraße, der Po ist ein Gebirge und der Rücken das Formel-1-Stadion. Tipp: Es gibt sogar T-Shirts mit aufgezeichneten Straßen. Ich bevorzuge allerdings die kindliche Fantasie. Knöpfchen bisher auch.

„Horizontal parenting“ löst zwar nicht das Grundproblem – die ewige Zweigleisigkeit des Mamaseins – doch verschafft es kleine Verschnaufpausen, die wir Mamas (und Papas) uns zusammen mit Kind überall dort nehmen können und dürfen, wo es Liegeflächen gibt. Wie ist das bei Euch so? Schreibt mir doch gerne bei Facebook oder Instagram, wie ihr kleine Auszeiten in den Mamaalltag integriert?