Ungewollt unschwanger: Drei Fehlgeburten nacheinander – und jetzt?

Schwanger oder nicht schwanger?

Das war im August die Frage. Eine Woche trieb sie mich um. Wer zwei Fehlgeburten hinter sich hat, zögert Gewissheiten gerne hinaus. Also erwartete ich nichts und hoffte alles. Seit der letzten Fehlgeburt sind 1,5 Jahre vergangen. In dieser Zeit haben wir wahrlich nicht auf Knopfdruck geherzelt und rechneten von Vorherein nicht mit dem Riesenwurf. Doch, wenn Monat für Monat der rote Drache zielsicher landet, wird die Hoffnung recht schmalbrüstig. Das war inzwischen okay. Seit Monaten lenkte ich den Fokus auf andere Dinge. Allmählich fand ich meine Mitte wieder. Irgendwie entstand in mir eine Ahnung, dass Knöpfchen ein Einzelkind sein würde. Umso überraschter war ich über das Ausbleiben der Menstruation im August. Sollte ich etwa zu diesen illustren Erfolgsstories gehören, die einem jeder wohlmeinend auftischt, wenn er den Leidensweg einer abortgeschädigten Person erfährt? Lasse los, dann klappt’s.

Tatsächlich. Der Test ließ keine Zweifel zu. Zwei Streifen. Das Fatale – sobald der zweite Strich sichtbar war, startete ein Film in meinem Kopf. Ein Blockbuster. Nicht neu, aber zum Wohlfühlen. Ich sah meinen kugelrunden Bauch, quietschende Autoreifen auf dem Weg zur Klinik, wunde Nippel und ein zahnloses Grinsen. Nie war ich als Frau mehr in meiner Kraft als zur Schwangerschaft, Geburt und Elternzeit mit Knöpfchen. Alles andere verlor an Bedeutung. Ich war erfüllt vom biologischen Sinn des Daseins. Durfte ich das wirklich nochmal genießen? Ist doch etwas daran, dachte ich, nachdem ich mit mir ins Reine gekommen bin, findet nun ein neues Wesen in mir Platz. Eigentlich logisch. Meine Psyche war optimistisch eingestellt. Körperlich fühlte ich mich fit wie nie. Als mein Mann und ich einen Schwarm von 50 Störchen über der Autobahn kreisen sahen, wurde mir ganz warm. Was konnte das andere sein, als ein göttlicher Schwangerschaftstest? Natürlich positiv. Trotzdem verschwieg ich meinem Mann die Schwangerschaft. Ich wollte erst die Bestätigung des Frauenarztes. Trotzdem fuhr mein biologisches und emotionales Programm hoch. Kurz darauf setzten Blutungen ein. Mit 150 Sachen gegen die Wand. Meine Gefühle erlebten einen Totalschaden. Seitdem steht meine Menstruation auf einer Stufe mit Extremisten – wobei mir Extremisten grundsätzlich sympathischer sind.

An dem Tag funktionierte mein Autopilot mit Ach und Krach. Es reichte, um Knöpfchen sicher von der Kita nach Hause zu befördern. Glücklicherweise ist sie inzwischen so konditioniert, dass sie sofort mit Arztkoffer im Schlepptau mich untersuchen möchte, kaum dass ich auf der Couch in die Horizontale sinke. Das war ein kleiner Trost. Als mein Mann nach Hause kam, gönnten wir uns zur Feier des Tages einen ordentlichen Zoff mit allem Drum und Dran, was man als Eltern und Partner so falsch machen kann. Vor dem Kind, mit dem Kind, über das Kind. Irgendwie verpasste ich zwischen Begrüßung und Kissenwerfen den Moment, meinem Mann vom Abgang zu berichten. Wahrscheinlich wäre dann alles anders verlaufen. So hatte er keine Chance und ich fand mich kurze Zeit später an der Saale wieder, wo ich Pläne schmiedete, sowohl Beziehung als auch Beruf aufzugeben. Einfach alles auf Null setzen. Zumindest für den Moment ein Trost. Doch die Wirklichkeit zeigte mir einen Stinkefinger und machte unermüdlich weiter.

Wie weiter – Loslassen?

Anders als bei den vorherigen zwei Fehlgeburten reagierte ich diesmal jedoch nicht auf die typische Manja-Art: Lächeln, so tun als wäre nichts und eine Woche später bei der Psychotherapeutin in eine mittelschwere Depression verfallen und schließlich versuchen, den Schmerz mit dem Mantra Lasse los! wegzumeditieren. Stattdessen redete ich. Immerzu und überall. Stück für Stück setzten erst mein Bruder, eine gute Freundin und mein Mann mich wie ein Legomännchen zusammen. Und nun stehe ich da. Was ganz weit entfernt war, verdrängt von Reise- und Schreibplänen, runtergespült mit Frusecco, ist plötzlich ganz nah. Zu nah. Vor acht Jahren hätte ich nicht lange gefackelt. Doch mit 38, einer diagnostizierten Chomosomenstörung und drei Fehlgeburten im Gepäck, ringe ich um eine persönliche Haltung. Muss ich etwa akzeptieren, dass es unerfüllte Dinge im Leben gibt: Den Weltfrieden, den Kinderwunsch und meinen Kühlschrank? Wieder mal befasse ich mich ernsthaft mit dem Gedanken, dass das Lebensmodell ‚Geschwisterkinder‘ nicht mehr im Angebot für mich ist.

Ich weiß gar nicht, wie das geht, Einzelkind. Mein Leben lang hat sich mein Selbstwertgefühl an meinem Bruder gerieben. Da war immer jemand, der war besser als ich, konnte mehr als ich, musste mehr als ich, teilte mit mir, lachte mit mir, tröstete mich, prägte mich, zweiteilte die Aufmerksamkeit meiner Eltern. Wie macht das ein Einzelkind? Wie lernt ein Einzelkind zurückzustehen oder sich durchzusetzen? Und zwar im Dauerzustand und nicht nur gelegentlich in Sozialisierungsräumen wie Kita, Schule, Verein, Kirche, Clique….?

Brauche ich noch ein Kind? Jein. Schwanger sein ist zwar ein sehr schöner Zustand, irgendwie fühlt sich das Leben zu dritt aber nicht gänzlich falsch an. Wenn ich will, kann ich Vorteile finden: Mehr Liebe, mehr Zeit, mehr Energie und mehr Geld füreinander. Das Einzige bei dem ich schreien, weinen und um mich treten will, ist der Gedanke, dass Knöpfchen alleine ist, wenn mein Mann und ich eines Tages gehen. Niemand da, der von der Geburt an zu ihr gehört. Niemand da, der ihr die Aufmerksamkeit der Eltern streitig machen kann. Niemand da, der dieselben Wurzeln mit ihr teilt. Die Geschwisterbeziehung ist die längste Beziehung, die ein Mensch im Leben haben kann. Die meisten Menschen wenden an dieser Stelle ein, dass Geschwisterschaft keine Qualitätsgarantie ist und erzählen mir von zerrütteten Familienbeziehungen. Innerlich balle ich dann die Faust und dresche auf meine mentalen Klangschalen ein. Meine Geschwister sind mit die wichtigsten Personen für mich. Außerdem bin ich überzeugt, dass wir als Eltern viel Einfluss auf die Entwicklung des Verhältnisses unter Geschwistern nehmen können. Meine Eltern haben das auch geschafft. Ich kann keinen Trost darin finden, dass mein Knöpfchen und ein potenzielles Geschwister sich eventuell doof finden könnten.

Loslassen light?

Andere Schlaumeier empfehlen, einfach zu entspannen und loszulassen. Wie soll das bitteschön gehen? Mir ist das ein Rätsel. Solange ich nicht verhüte, besteht die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden. Dementsprechend werde ich alle 28 Tage hoffen, dass mich das Erdbeermonster verschont. Wenn ich ernsthaft loslasse, dann verhüte ich. Ergo kann ich nicht schwanger werden. Es ist für mich ein Riesenparadoxon, diese Story vom Loslassen. Wie sind all die Frauen schwanger geworden? Der Heilige Geist? Loslassen und nicht verhüten funktioniert bei mir nicht. Ich versuche mich abzulenken und andere Ziele zu fassen, dennoch bleibt die Hoffnung zum Ende des Zyklus.

Weitermachen?

Nach meiner zweiten Fehlgeburt haben wir uns an eine Kinderwunschklinik gewandt. Nicht mit dem Ziel, eine künstliche Befruchtung vornehmen zu lassen. Dazu bin ich zu sehr Christin. Mal abgesehen davon, dass ich es weder emotional noch finanziell durchstehen würde. Unglücklicherweise posaunte ich das bereits im Erstgespräch mit der Ärztin hinaus. Hätte ich in einer privaten Kinderwunschklinik vielleicht nicht tun sollen. Unser Ziel, reine Diagnostik, war nicht lukrativ genug. Es wurde zwar ein Hormonspiegel und eine Chromosomenanalyse erstellt, doch wirklich ernsthafte Beratung sieht anders aus. Oder zählt die Empfehlung an meinem Mann, kein Spermiogramm durchzuführen, weil ich ja schwanger geworden bin, etwa dazu? Die Chromosomenanalyse bescherte mir die Diagnose Mosaik und uns vor allem eines: Die Angst vor Behinderungen. Für die Klinik und die Humangenetikerin stand fest, ich habe eine habituelle Abortneigung. Die Diagnose hat meinen Kinderwunsch ins ovulatorische Grab gebracht. Denn mit dem Gedanken, entweder Abgang oder behindertes Kind, herzelt es sich nur halb so gut. Dass nur ein kleiner Teil (4%) der Zellen betroffen waren, ging irgendwie unter. Mein Mann und ich entschieden uns, es Gott* (Nichtchristen können hier wahlweise die Natur, das Universum oder Rabe Socke ergänzen. Ich bevorzuge im Zusammenhang mit neu entstehendem Leben dem Bezug zum Schöpfer) zu überlassen. Als ich nun meine dritte Fehlgeburt erlebte, zum dritten Mal in der 6. Woche, wischte die Urlaubsvertretung meiner Frauenärztin diese humangenetische Diagnose mit den Worten weg: Hätten se dat ma nicht gewusst, dann wären Se entspannter. Merken Se sich eins: Es gibt Läuse und Flöhe.  Und verordnete mir eine Abortsprechstunde im Universitätsklinikum. Das überfordert mich ein wenig.

Warum? Wer heutzutage Kinder bekommen will, kann nicht einfach unter die Bettdecke schlüpfen und loslegen. Eine ganze Industrie lebt davon, uns mit Hochdruck biologische Defizite einzureden. Diese  Kinderwunsch-Industrie suggeriert gleichzeitig: Egal, welche Mängel wir haben, wir können anschließend Fruchtbarkeit einkaufen. Dieses Einkaufen funktioniert analog dem wöchentlichen Lebensmitteleinkauf. Es gibt einen virtuellen Supermarkt der Kinderwunschmöglichkeiten, aus dessen Regalen wir uns eine Dose Künstliche Befruchtung, ein Stückchen Traditionelle Chinesische Medizin oder eine Schachtel Ausschalten des Immunssystems zur Unterstützung der Einnistung zusammenstellen können. Leider führt die bloße Verfügbarkeit dieser  Fruchtbarkeitsangebote nicht immer zur erwünschten Schwangerschaft. Ich bin sehr unsicher, ob ich mich emotional noch mal den Optionen des Kinderwunsch-Supermarkts aussetzen kann. Es ist verführerisch, gleichzeitig überflutet es mich.

Zwei Dinge stehen für mich fest: 1. Der Kinderwunsch ist plötzlich wieder ganz nah. 2. An der Hoffnung, Knöpfchen doch noch ein Geschwisterchen schenken zu dürfen, festzuhalten, tut genauso weh, wie sich dazu zu entscheiden, den Kinderwunsch endgültig aufzugeben. Was also tun?