Ungewollt unschwanger Teil 2: Gibt es noch Hoffnung- dank Gebärmutterbiopsie?

Die dritte Fehlgeburt im Sommer stellte mein emotionales Tschernobyl dar. Das Verzwickte an der Sache war: Mein Ich und mein Über-Ich sahen das Thema Kinderwunsch recht entspannt. Eigentlich abgeschlossen. Lediglich das Es bockte rum und grätschte den beiden mal wieder in die Parade. Meinem Es war völlig klar, das Thema war nicht abgehakt. Es wurde lediglich ein neues Kapitel aufgeschlagen. Neues Kapitel, neuer Frauenarzt. Dieser stellte mir eine Überweisung für die Abortsprechstunde im Universitätsklinikum Jena aus.

Mein Liebster begleitete mich glücklicherweise zu dem Termin. Ich lockte ihn mit einer Radtour und einem Imbiss beim Asiaten. Nicht, dass ihn das Thema nicht interessierte. Sein Es war nur nicht ganz so widerspenstig und schien leichter mit der aktuellen Situation Frieden schließen zu können als meines. Zumindest mit dem offenen Kinderwunsch, nicht aber mit Krankenhäusern. Daher gestaltete ich unsere Ausflüge aus der Komfortzone hinein in den klinischen Kosmos möglichst angenehm.

Die Abortsprechstunde

Wohl genährt warteten wir fast 2 Stunden, um mit dem Professor zu sprechen. Ich befürchtete schon, mein Mann machte die Biege, da öffnete der Professor endlich die Tür und hieß uns Platz nehmen. Der Professor lehnte sich entspannt zurück – eine Mischung aus Sean Connery, Weihnachtsmann und kleinem Junge der vom Nobelpreis träumte. Kurz schilderte ich ihm unsere Situation und legte ihm die – inzwischen ein Jahr alten – Testergebnisse der Hormon- und Genetikuntersuchungen vor.

Er nahm sich die Zeit, alles ausführlich zu erläutern. Ich verstand kein Wort von dem was er sagte. Er erzählte von Studien und Fallzahlen. Er erzählte von Frauen in meinem Alter, die nach 4-5-6 Fehlgeburten doch noch schwanger wurden. Er erzählte davon, dass er nichts für uns tun könne, weil nicht das Schwangerwerden, sondern das Schwangerbleiben mein Problem sei. In Spielfilmen kommen an dieser Stelle immer Untertitel. Wieso kommen im wirklichen Leben keine Untertitel? Was mein Mann und ich schließlich verstanden: „Ihre Werte sind im Normbereich. Das Ergebnis der Humangenetik liegt im Fehlertoleranzbereich, dürfen Sie also gerne ignorieren. Machen Sie einfach weiter!“

Puh, also auf Gott vertrauen und den Mann zur Magd schicken, wie es einst Sara und Rahel taten? Ich wagte einen vorsichtigen Vorstoß und erkundigte mich beim Professor nach einer immunologischen Untersuchung – Facebook sei Dank hatte ich schon von uNK-Zellen (uterine Natürliche Killerzellen) und Plasmazellen gehört. Hat frau zu viel von diesen beiden Kameraden in ihrem Uterus, kann schon mal eine Einnistung der befruchteten Eizelle verhindert werden. Ich stelle mir dabei immer schwer bewaffnete Zellen vor, die wild durcheinander schießend den Überblick verlieren und aus Versehen die eigenen Zellen abballern. Friendly Fire im Uterus sozusagen. Der Professor bejahte die Möglichkeit. Mittels Biopsie ließe sich feststellen, ob die uNK-Zellen und Plasmazellen den Mindestabstand in meiner Gebärmutter einhalten. Die Gebärmutterbiopsie ist ein kleiner, schmerzfreier Eingriff zur Entnahme von Gewebe an der Vorder- und Hinterwand der Gebärmutter. Sollte sie meine biblische Magd des 21. Jahrhunderts sein?

Die Entscheidung

Erstmal war die Gebärmutterbiopsie eine IGEL-Leistung. Mein Ich sendete mir unmittelbar die Nachricht, dass es völlig überzogen sei, einen dreistelligen Betrag für 3 Millimeter Endometrium hinzublättern. Ich zögerte. Doch beim Anblick des nächsten blütenweißen Schwangerschaftstests landeten diese Nachrichten in meinem mentalen Spam-Ordner. Ich verarbeitete den Schmerz über das negative Ergebnis mit der lexikalischen Neuschöpfung >Scheißpisspullerpops< (Habe ich von meiner Tochter gelernt. Es hilft.) und rief den Professor an, um ihn um einen Termin zu bitten. Ohne Problem erhielt ich einen – zusammen mit dem Hinweis, diesen Monat nicht zu herzeln. Herzlichen Willkommen in Absurdistan. Ich möchte ein Kind und darf keinen Geschlechtsverkehr haben? Mein Mann las mir meinen Wunsch, Paarungsverhalten auszulösen, von den Augen ab und meine Gabe, Risiken zu ignorieren, behielt die Oberhand. Kurz vor der Gebärmutterbiopsie ging mir dementsprechend die Flatter und ich war kurz davor die Aktion abzublasen. Ich googelte durch sämtliche Kinderwunschforen, bis ich den einen Artikel fand, in dem eine Frau davon berichtete, dass sie trotz Biopsie schwanger wurde/blieb. Digital gestärkt radelte ich zum Universitätsklinikum Jena.

Die Behandlung

Schnell wertete ich mich auf dem Klinik-WC olfaktorisch auf, da klopfte auch schon die Sprechstundenhilfe an die Tür. Ich begrüßte den Professor, kletterte auf den Untersuchungsstuhl und gab mich meinen Gedanken hin. „Na bravo.“, dachte ich. „Mein verzweifelter Wunsch, ein zweites Kind zu bekommen, führte offensichtlich dazu, dass ich jeglichen Verstand über Bord warf. Wie komme ich sonst dazu, die polierte Kopfhaut von Sean Connery zu bewundern, während er in meinem Mutterleib mit einer 30cm langen Kanüle rumfuhrwerkt. Und auch noch 300,00 € dafür zu bezahlen? Freiwillig.“

Als mir Sean die Kanüle einführte, begann meine Bauchhaut plötzlich zu jucken. „Vielleicht eine allergische Reaktion auf die mir bevorstehende Diagnose?“, dachte ich. „Was wenn alles in Ordnung ist? Dann bin ich genauso schlau wie zuvor? Will ich das etwas gefunden wird? Das letzte Mal hat es einen Befund gegeben. Doch der utopisierte unseren Kinderwunsch.“ Mein Gehirn beschäftigte sich zu 50 Prozent mit der langen Kanüle in meinem Gebärmutterhals, weitere 40 Prozent starrten auf das Ultraschallbild vor mir und mit den verbliebenen 10 Prozent sinnierte ich über die Frage, ob ein Gynäkologe erotische Gefühle gegenüber einer Frau hegen kann, wenn er hin und wieder mit dem ein oder anderen ästhetischen Fukushima untenrum konfrontiert war? (Das nur, falls sich einige Leser fragen sollten, was eine Frau auf dem Untersuchungsstuhl so denkt.) Schließlich wischte sich der Professor die Hände ab, ich rutschte vom Gynäkologenstuhl herunter und sah dabei entsprechend attraktiv aus. Dann war der Spuk auch schon vorbei. Ich verspürte ein starkes Bedürfnis zwei Kilogramm Kinderschokolade zu verdrücken, so sehr irritierte mich die Behandlung. Nun hießen es warten. Zehn Tage.

Das Ergebnis

Dann kam der Brief. Meine Finger bebten beim Öffnen des Kuverts in Stärke 9. Ich starrte auf das Ergebnis. Gerne würde ich mein Mantra strapazieren und mir einreden, alles wird gut. Doch mein limbisches System verweigerte den Dienst. Endometritis – Entzündung der Gebärmutterschleimhaut. Die Diagnose weckte hysterisches Verhalten in mir. In Schocksituationen hilft nur Schokolade. Leider versagte die Zartbitterschokolade (aus Gewichtsgründen war ich vorrübergehend von Kinderriegel auf 85% Zartbitterschokolade umgestiegen) ihren Dienst als Stimmungsaufheller. Ich musste zu härteren Glukosemitteln greifen. Heimlich konsultierte ich den – dank der Großeltern reichlich gefüllten – Süßigkeitenteller meiner Tochter. Das half mein limbisches System wieder in den Entspannungsmodus zu versetzen. Da stand es. Schwarz auf Weiß. Deutlich erhöhte Plasmazellen und uNK-zellen/mm² und somit ein deutlich erhöhter Verdacht auf chronische Endometritis. Also hatte mein neuer Frauenarzt recht. Ich hatte Läuse UND Flöhe. Sowohl die Gene als auch die Gebärmutter hatten irgendwie keine gute Aura. Mist. Verständlich, dass meine Endorphine zögerten. Anders als bei der ersten Diagnose wurde mir der Therapieplan gleich mitgesandt. Vierzehn Tage Antibiotika und eine erneute Gebärmutterbiopsie. Das lockte meine Endorphine schließlich aus der Deckung. Gab es vielleicht doch noch Hoffnung für mich? Es bleibt abzuwarten.