Stell Dir vor, du gehst als Chefin in den Feierabend und kehrst als Sekretärin zurück!

Seit drei Jahren hatte in dem Raum zwischen meinen Ohren nichts anderes Platz als der Kinderwunsch. Ich mutierte zur Fruchtbarkeitsexpertin, Hibbelvollhonk und dreifacher Sternchenmama. Doch wie das weise Hibbelhonk empfiehlt, schadet es nicht, neue Ziele in den Blick zu nehmen. Schwanger wird man davon nicht, vielleicht aber glücklich. Das mit dem Glück hatte ich in Sachen Kinderwunsch nachweislich versemmelt.

Also gut. Es ist Zeit für etwas Neues. Nur was? Was hatte ich denn für Ziele in der Prähibbelzeit? Mal überlegen. Ach ja, ich wollte die Weltherrschaft an mich reißen. Am besten gründe ich einen Onlineversandhandel, mit dem ich Daten von Milliarden Usern sammle und statt Opium gibt es Konsum für das Volk. Befriedung der Welt durch Materialismus. Großartig. Der Spaß braucht noch einen Namen:

Weiblich.

Stark.

Unüberwindbar.

Die Amazone.

Das ist es. Wie? Die Idee hat Bezos schon?

Na gut, dann erfinde ich eben ein tödliches Virus, verbreite es und flöße mit dem Heilmittel allen einen neurologischen Chip ein, um die Deppen dann zu manipulieren. Wuahahaah. Was? Wer ist Gates?

Welche Ziele gibt es denn noch? Entweder Weltherrschaft oder Familie. Gibt es etwa mehr? Ach ja, der Job.

Vier Jahre als Migrantentante für Hinz und Kunz oder bessergesagt für Ali und Bebegol hinterließen ihre Spuren. Schon länger standen mein Job und ich auf Kriegsfuß. Es war ein Thema, das mich fortwährend frustrierte, weil ich mir jährlich vornahm, etwas zu ändern, es dann aber nur halbherzig tat und mich anschließend monatelang ärgerte, es wieder nicht geschafft zu haben:

2017 Zu Vorstellungsgespräch 1 bin ich hingegangen und die wollten mich nicht.

2018 Zu Vorstellungsgespräch 2 bin ich nicht hingegangen. Ich wollte lieber ein Kind.

2019 Zu Vorstellungsgespräch 3 bin ich hingegangen, die wollten mich, aber ich wollte immer noch das Kind. 

Bescheuertes Spiel. Ich weiß. Im Lockdown Nr. 2 passierte schließlich etwas Merkwürdiges. Ich wachte morgens auf und hatte eine Vision:  Ich kündigte. Nicht erst einen neuen Job suchen und dann auf Arbeit ein Stück Papier einreichen, nein, eine Kündigung mit Mittelfinger und dann ab in die Alpen, um bei Sonnenaufgang auf der Zufrittspitze die Ziege Mette und ihre Schwestern zu hüten und ein Buch über „Die Herstellung von Ziegenkäse – für Dummies“ zu veröffentlichen. Diese Art von Kündigung.

Als ich es dem Mann sagte, musste er lächeln. Er wusste nicht, dass ich es ernst meinte. Wusste ich zu dem Zeitpunkt auch nicht. Klar, ich sagte das immer wieder: Ich will ein Buch schreiben. Genauso wie man sagt: Irgendwann ziehen wir nach Neuseeland und machen einen Radladen auf. Oder: Lass uns auf den Mond fliegen. Oder: Lass uns ein Eisbein bestellen. Lauter absurde Ideen halt, über die wir gemeinsam lachen und sie noch beim Prusten schon verwerfen.

Wie dringend meine Kündigung notwendig war, erkannte ich jedoch, als mir mein Arzt erklärte, dass ich keinen Ohropax im Ohr hätte. Und, dass das dumpfe Gefühl im Gehörgang, was ich für einen Ohropax gehalten hatte, trotzdem da war und nicht da hingehöre. Genauso wenig wie das Fiepen. Und, dass extreme Stimmungsschwankungen, Aggressionen, Heulkrämpfe, Schwindelgefühle und sonstige psychische und physische Ausfallerscheinungen nicht zu dem Konzept ‚gesundundglücklichleben‘ gehörten.

Stets war ich stolz, als Mutter erfolgreich im Beruf zu sein. Nach dem dritten Sternenkind bekam ich nun Schlagseite. Allerdings war ich unsicher, was mich an meiner Arbeit krank machte – die Unternehmenspolitik oder meine eigene Unfähigkeit, Grenzen zu setzen oder wenigstens einen Sinn zu finden. Das war so typisch für mich, dass ich echt überrascht war, nach 38 Jahren noch genervt davon zu sein.

Ich vergegenwärtigte mir meine typischen Arbeitstage. In der Regel ging ich mit minimaler Motivation auf Arbeit. Nicht selten saß ich schließlich am Schreibtisch und wusste nicht, was zuerst zu erledigen. Doch statt wie ein Berserker loszulegen, starrte ich auf den Bildschirm und hoffte, dass die Zahlen der Budgetplanung zu mir sprachen. Das hatte ich auf der Fortbildung für betriebswirtschaftliche Grundlagen gelernt: „Die Zahlen müssen zu Ihnen sprechen!“. Doch entweder schwiegen sie oder ihr Stimmengewirr überforderte mich.

Richtig unglücklich machte mich jedoch die Tatsache, dass ich eine Vorgesetzte war. Es war nicht die Verantwortung, die ich scheute. Ich hasste es einfach, den ganzen Tag Autorität und Kompetenz ausstrahlen zu müssen. Ich beneidete meine Mitarbeiter:innen darum, dass sie ohne Scham und Scheu über Entscheidungen der Leitung lästern konnten. Ich war die Pfeife, die diese Entscheidungen umsetzen und verteidigen musste. Das deprimierte mich. Am Ende bestand ich  aus 75 70 Kilogramm fleischgewordener Unzufriedenheit.

Ich durchbrach meinen Unzufriedenheitskreislauf, indem ich die zwei Konzepte ‚Downshifting‘ und ‚atmender Lebenslauf‘ spontan kombinierte.

Downshifting‚ meint den Eintausch von Prestige, Position und Geld gegen Zeit, Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Einen ersten Versuch, downzushiften hatte ich bereits 2018 gewagt und meine Stunden reduziert. Mit der Konsequenz, dass ich genauso viele Stunden wie zuvor arbeitete, weniger Geld und mehr Frust hatte.

Der ‚atmende Lebenslauf‚ ist ein Konzept von Karin Jurczyk, dass ein staatlich gewährleistetes Carezeit-Budget für jede:n vorsieht. Im Laufe des Lebens kann dieses an unterschiedlichen Zeitpunkten in der beruflichen Biografie für diverse persönliche Belange von ehrenamtlichem Engagement über Schwangerschaft bis zur Pflege der Eltern eingesetzt werden. Auf diese Weise kann das Ausbrennen des Einzelnen durch Doppelbelastungen verhindert und gleichzeitig Kosten der Gesellschaft für Kinderbetreuung und Altenpflege menschenwürdig umgelagert werden. Die Frage, wie dieses Konzept finanziert werden soll und der politische Wille, ein solches Konzept umzusetzen, konnten sich allerdings nicht einigen. Es gibt ja Eltern- und die Pflegezeit. Reicht doch. Wenn der Staat zögert, liegt es schließlich an einem selbst, Wege zu finden. Die suche ich.

Bereits seit der letzten Fehlgeburt liebäugelte ich mit der Idee, ab dem eigentlichen Entbindungstermin meines Sternenkinds eine selbst finanzierte Elternzeit zu nehmen und mich von Prestige, Geld und Status vorübergehend zu trennen und in mehr Lebenssinn zu investieren. Durch die Welt zu reisen, Zeit mit Knöpfchen und meinen Eltern zu verbringen. Das war mein Plan. Mein Haushaltsbuch bestätigte mir, dass ich ausreichend Rücklagen für ein paar Jahre Auszeit gebildet hatte.

Meine Gesundheit und Corona machten mir einen Strich, der es locker mit dem Bullen von Tölz aufnehmen konnte, durch die Rechnung. Ich war k.o. und die Grenzen zu. Die erzwungene Auszeit zeigte mir allerdings, dass eine Auszeit ohne Bewegungsfreiheit wenig befriedigend ist. Also entschied ich mich, runterzuschalten, für mich sowie meine Familie da zu sein und trotzdem am Arbeitsleben teilzuhaben!

Während der Krankheit versandt ich fünf Bewerbungen. Alles befristete Teilzeitstellen. Vier Einladungen zu Vorstellungsgesprächen folgten, die in drei Jobzusagen mündeten. Vermutlich irgendeine Sternenkonstellation, wie sie nur einmal alle hundert Jahre auftritt. Oder Influencer Number One – der liebe Herrgott – hatte seine Finger im Spiel. 

Trotzdem, wer die Wahl hat, hat die Qual. Die Entscheidungsfindung machte einen Aufenthalt in Guantanamo zum Kuschelseminar. Seien wir ehrlich, während des Lockdowns kündigen nur Idioten, Vollhonks und ich. Und dann noch ein befristeter Vertrag. Es weiß doch jeder jenseits der 30, dass ein unbefristeter Vertrag mehr wert ist als der Impfstoff von Biontech/Pfizer!

Und jetzt? Jetzt bin ich Sekretärin in Teilzeit. Damit wäre das Wichtigste auch schon gesagt. Ich bin downgeshifted bis in die Haarspitzen. Mehr Downshifting geht nicht.

Was als Sehnsuchtsprojekt nach mehr Lebensqualität gestartet ist, fühlt sich inzwischen ein wenig wie ein feministisches Experiment an. Wieso? Weil es einen Unterschied macht, ob du als Mann oder als Frau Status, Verantwortung und Gehalt gegen Zeit und Lebensqualität eintauschst.

Downshifting beim Mann klingt ungefähr so:

Herr Söder-Spahn arbeitete in einem renommierten Unternehmen 60 Stunden die Woche, analysierte, verkaufte, programmierte. Dann packte ihn die Sinnfrage und er entschied sich, seine Arbeitszeit zu reduzieren, um mehr purpose ins Leben zu holen. Er tauscht Geld gegen Zeit. Jetzt fühlt er sich wohl, geerdet.

Downshifting bei der Frau klingt so:

Frau Merkel tappt in die Teilzeitfalle.

Dass Frauen zugunsten der Familie die Arbeitszeit reduzieren und damit auf monetäre Anerkennung und Status verzichten, verdient keiner besonderen Erwähnung. Im Gegenteil. Unter Feminist:innen ist es sogar verpönt. Unter konservativen Hardlinern gefordert. Tja, und Männer kassieren dafür Anerkennung. 

Für mich steht dennoch fest:

„Taking a break can lead to breakthroughs.“