Kommunikation hilft zwar, nützt aber nichts

Der Mann und ich legen ein diametrales Kaufverhalten an den Tag. Ich bin impulsgesteuert. Um größeren Schaden von der Familie abzuwenden, bemühe ich mich um kommerzielle Contenance, verkneife mir monatelang jegliche Kaufvorhaben und plötzlich, ohne dass ich es selbst gewusst oder geplant habe, kaufe ich nachts um 2 Uhr auf dem Klo ein neues Smartphone. Etwas unkontrolliert, aber ohne großes Bohei.

Der Mann ist anders gepolt. Vernunftgesteuert. Sagt er. Ich sage, er hat das Wort ‚Bohei‘ erfunden. Er recherchiert taaaaaagelang jedes Detail eines Produkts im Internet, studiert sämtliche Rezensionen und trägt Informationsmaterial für zwei Dissertationen zusammen. Man könnte annehmen, dass das reiche, um eine fundierte Kaufentscheidung zu treffen. Nicht doch. Dem Recherchemarathon folgt ein nächtelanges Grübeln und Abwägen. Wenn wir anschließend beide wegen Schlafmangels völlig gerädert sind, folgt die Verteidigung der Kaufentscheidung. Die nehme ich ab.

Das Problem ist nur, meist halte ich die Shoppingpläne meines Mannes für Humbug. Doch wie kommuniziere ich das? Stellt euch vor, ich sagte ihm das! Seine Reaktion wäre eine Lehrstunde in Sachen Renitenz. In meinem Linguistikstudium lernte ich, dass der Anteil nonverbaler Signale an der Wirkung von Kommunikation etwa 80 Prozent betrage. Das wollte ich nutzen und konditionierte den Mann seit Jahren auf folgende nonverbale Signale. Zumindest versuchte ich es:

Tiefer Blick in die Augen = Finde ich echt spitze.

Abwesender Blick im Raum = Es gibt Wichtigeres. Störe mich nicht.

Sturer Blick aus dem Fenster = Wage es ja nicht.

Blick auf den Boden = Wenn es sein muss. Ich bin aber dagegen.

Der Lockdown bot zahlreiche Gelegenheiten für testosteronbasierten Humbug. Somit auch für nonverbale Kommunikation.

Es kam dem Mann der glorreiche Gedanke, dass er online shoppen müsse. Sein 42 Zoll Fernseher sei ungenügend. Sein VOLL FUNKTIONSFÄHIGER 42 Zoll Fernseher! Aus meiner Sicht sind Fernseher ein Relikt aus Zeiten, als die Leute noch Wörter wie Straßenfeger in ihrem Wortschatz beherbergten: Unnötig. Die Pandemie bescherte der Television jedoch ein Revival. „Gerade jetzt möchte das Auge ganz besonders verwöhnt werden.“, mit diesen Worten tauchte der Mann in die Weiten des Internets ab…

…, um eine Woche später völlig aus dem Häuschen vor mir zu stehen und von seinen neuesten Erkenntnissen zu berichten: „Es gibt die QLED-Technik und die OLED-Technik. OLED schlägt sie alle. Die bietet viiiiiel bessere Kontraste und kann ein tieferes Schwarz als alle anderen zeigen!“ 

Aha. Humbug. Sag ich doch. Sofort begann ich nonverbal gegen die Kaufpläne des Mannes zu intrigieren:

„….“ Abwesender Blick.

Der Mann strahlte mich mit erwartungsvollen Grinsen an. 

„…, ….“ Blick aus dem Fenster.

Das Grinsen des Mannes schrie nonverbal: „Ist das nicht megasuperobergenial?“ 

Äh….“ Blick auf den Boden.

Ich vermutete, (und hoffte) 50 Prozent der deutschen Bevölkerung fragen sich das Gleiche wie ich: „Was zur Hölle stimmt nicht mit dem Schwarz, das bisher über unsere Mattscheiben flimmerte?“ 

Sobald ich mit den Augen „Mattscheibe“ blicken kann, nonverbalisiere ich diese Frage. Bis dahin verhallte sie ungehört in den Weiten meines Hirns und der Mann betrieb sein Kaufvorhaben mit dem üblichen Engagement weiter. Nonverbale Kommunikation für den Arsch! Widerwillig bemühte ich mich, minimalen Kooperationswillen zu zeigen. Ich öffnete eine Packung Kinderriegel und hörte ihm halbherzig zu. Ich weiß nun mehr über OLED und QLED als mir lieb ist.

Der Mann pries die Farbdarstellung des OLED-Verfahrens als segensreich. Ich lächelte und aß einen Kinderriegel. Dann referierte er noch ein bisschen über organische Leuchtdioden, fehlende Hintergrundbeleuchtung und Farbspektren. Drei Kinderriegel. Allerdings sei ein Nachteil, dass die Technik noch nicht ausgereift sei. Noch einer. Dadurch haben die OLEDs eine verkürzte Lebensdauer. *Schmatz*. Man müsse Standbilder in jedem Fall vermeiden. Die brennen sich sonst dauerhaft ein. Mist! Packung alle! Mein Hirn war völlig verklebt. Dies erklärt vielleicht, wieso die nonverbale Kommunikation erneut versagte. Es kann sein, aber nur ganz vielleicht, dass ich dem Mann im Zuckerschock, für einen winzigen Augenblick direkt in die Augen sah.

Denn eigentlich schwante mir, dass mit dem Erwerb eines OLEDs unser Familienfrieden auf die Rote Liste bedrohter Lebensweisen gesetzt werden müsste. Eine analoge Erfahrung sammelte ich bereits beim Kauf des gemeinsamen Familienwagens. Zugegeben, sich direkt nach der Geburt von Knöpfchen einen Neuwagen zuzulegen, kann nicht anders als blauäugig eingeschätzt werden. Doch was soll ich sagen? Damals stand ich unter dem Einfluss von Stillhormonen. Dem Mann gelang es damals, nicht nur einen Kleinwagen, sondern sogar einen Kleingarten aus meinen Rippen zu leiern. Wahrscheinlich schielte ich.

Die Folge war, der Mann fiel anschließend jedes Mal in Ohnmacht, wenn ich auch nur andeutete, ich wolle mit dem neuangeschafften PKW fahren. Ohne viertelstündigen Vortrag über die StVO durfte ich mich dem Wagen nicht nähern. Saß Knöpfchen als Mitfahrgelegenheit an Bord, litt der Mann Höllenqualen. Erst nachdem der Kindersitz mit zehn verschiedenen Schutzdecken ummantelt war und der Mann eigenhändig mit dem Heck die Wand in der Tiefgarage touchierte, entspannte sich die Lage etwas. Was passiert erst bei einem hirnrissig überteuerten Fernsehgerät? Ein Gerät, das in unserem Wohnzimmer steht? In einem Wohnzimmer, in welchem permanent ein vierjähriger Hüpfer ungebremst unterwegs ist? 

Ganz klar. Ich musste den Kauf eines Fernsehers mit OLED-Technik dringend verhindern.

Der Countdown startete, als ich gerade nichtsahnend bei der Plasmaspende saß. Der Raum war gefüllt mit Menschen, die stumm auf ihre Smartphones starrten. Es war vollkommen still. Abgesehen von den Plasmapheresegeräten, die gemütlich vor sich hinbrummten, piepten und klackten. Da klingelte mein Smartphone. Schnell warf ich einen Blick in die Runde, um zu zeigen, dass ich kurz ranmüsse. Der Mann. Vier Menschen neben mir wurden Ohrenzeuge folgenden Gesprächs:

„Hallo…
Bei der Plasmaspende…
PLASMASPENDE…

Ich bin nicht allein…
Ja, auch Männer…
Kannst du das nicht mit deinem Vater…?
Nein, ich will mich nicht mit den anderen Männern ungestört unterhalten…
Na gut, mach es aber bitte kurz…
Ja, der OLED hat ein tolles Schwarz…
Stimmt, so ein Schwarz habe ich noch nicht gesehen…

Ich darf nicht zwei Stunden den gleichen Sender sehen, weil das Logo statisch ist und sich in die organischen Leuchtdioden einbrennt? Was ist das für ein Schwachsinn!…
Der QLED hat doch eine viel längere Lebensdauer. Na, dann ist die Sache klar. Du nimmst den…

Was heißt, du möchtest beide Fernseher bestellen?
Kannst du dazu nicht die Erfahrungsberichte bei Media Markt lesen…?
Wie? Sie haben dich dort gesperrt…?

Und bei Saturn…

Ach, da hast du auch digitales Hausverbot?…

Nein, ich frage die anderen Männer nicht, ob sie einen OLED Zuhause haben…
Ich versuche Dich ja zu verstehen…
Nein, ich bin nicht sauer…
Meine Stimme klingt immer so…
Nein, ich sage nicht nur, dass ich ausgeglichen wie Ghandi bin…ich bin entspannt…
Ich. Bin. GHANDI…!!!

Ich hätte nun einen Satz sagen können wie: „Das Plasmapheresegerät fällt aus.“, oder „Die Kanüle ist aus meinem Arm gerutscht.“, stattdessen sagte ich: „Also gut, bestell beide Fernseher.“

>>PIIIIIEEEEPPP <<
Das Plasmapheresegerät fiel aus.

Scheiß Timing!

Der Mann legte auf. Ich lächelte die anderen Spender:innen dämlich an. Wie, bitteschön, kommuniziere ich nonverbal am Telefon? Das kann nur schief gehen. Die Schwester kam, um mir den Arm abzubinden. Ohne mich anzusehen murmelte sie: „Nehmen sie den QLED. Nehmen sie ihn! Nix anderes!“ Ihr wahnsinniger Blick ließ mich erschauern.

Der Mann bestellte beide Geräte.

Als erstes kam der QLED. Mit leuchtenden Augen (der Mann) und schwitzigen Händen (ich) packten wir das Gerät aus. „Stop!“, plärrte der Göttergatte plötzlich. „Hast du dir gemerkt, wie der TV verpackt war? Damit wir ihn eventuell zurücksenden können?“. Natürlich nicht.“, ich zog diese Option ehrlicherweise nicht in Betracht. Ein YouTube-Tutorial schaffte Abhilfe. (Ja, es gibt tatsächlich YouTube-Tutorials, in denen das Ent- und Verpacken von Fernsehgeräten pro Typ (!) beschrieben ist. Ohne Mist. Ein Wunder, dass wir ohne YouTube kacken gehen können!) Sicherheitshalber dokumentierten auch wir JEDEN EINZELNEN Entpackungsschritt fotografisch.

Endlich stand der Fernseher auf dem Sideboard. Der Mann schien zufrieden. Als er entspannt auf der Couch liegend feststellte, dass das Stück fantastisch sei, atmete ich innerlich auf und schaltete in den mentalen Ruhemodus. Doch keine Trennung, weil ich versehentlich bereits VOR dem Duschen das Gerät einschaltete und das Bibi Blocksberg Standbild sich in die organischen Leuchtdioden hineinfruzzelte.

Dann wurde das zweite Fernsehgerät geliefert. Das mit dem organischen Irgendwas. Mit gefährdeter Lebensdauer. Es stand drei Tage verpackt im Wohnzimmer. Der Mann wollte es – zu meinem Glück – ungesehen zurücksenden. Im Nachhinein lässt es sich schwer rekonstrieren, wieso ich mich zu der zu der kamikazeesken Äußerung hinreißen ließ. Vermutlich Entzugserscheinungen: „Willst du ihn nicht wenigstens auspacken und ausprobieren? Du wolltest doch den ultimativen Vergleich.“ Upsi. Mit diesen Worten öffnete ich die Büchse der Pandora. Verzweifelter Blick aus dem Fenster. Doch das nonverbale Signal, das ich ins Universum sandte, fand keinen Empfänger. Der Mann nickte erfreut und öffnete die Verpackung des Fernsehers. Ich eine Kinderriegelpackung.

Ein Youtube-Tutorial, eine Fotoserie über Entpackung und drei Beinahetrennungen später stand der Fernseher auf der Kommode. Die Farbgebung war besser. Da waren wir uns einig. Unsere Nerven waren jedoch von dem Aufbau derart strapaziert, dass selbst mein Mann einsah, dass die OLED-Technik einfach nicht für unsere Synapsen und ein Leben mit Kleinkind geschaffen war. Mein Ruhepuls kehrte dahin zurück, wo er hingehörte. Ich war zufrieden. Der Mann hat eine vernünftige Entscheidung im Sinne der Familie getroffen, ohne dass ich gezwungen war, zu reglementieren und ich blickte einer entspannten TV-Zukunft entgegen. Wie erwachsen wir doch waren.

Bis mein Bruder mit seinem Freund zum Kaffeekränzchen vorbeikam. Die Gefahr lauert stets da, wo man sie am wenigstens vermutet. Besinnungslos vor Begeisterung präsentierte der Mann meinen nächsten Angehörigen die Geräte. Als der Mann die beiden nach ihrer Meinung fragte, hätten bei mir die Alarmglocken schrillen müssen. Doch ich reagierte zu spät. Ich schoss noch mit nonverbalen Signalen um mich. Zwecklos. Schweigen. Beide starrten auf die f***king organischen Leuchtdioden. Mein Schwager tippelte aufgeregt beim Anblick des OLEDs und fragte: „Bietet das Jahresbudget noch Spielraum für technische Anschaffungen?“ Ich hielt entsetzt die Luft an. Wenigstens mein Bruder war auf Empfang: „Naja, das Bild ist schon besser, aber der QLED reicht vööööllig aus. Gerade mit Kind…“. „Richtig!“, stimmte der Mann zu. „Ich gebe nicht Unsummen aus, um in ständiger Angst, dass etwas kaputt geht, zu leben.“ Ich atmete erleichtert aus. Gerade nochmal gut gegangen.

Abends kam ich ins Schlafzimmer. Der Mann lag besinnlich lächelnd im Bett und klopfte auf die freie Fläche vor sich: „Komm her mein Schatz! Lass uns kuscheln.“, gurrte er. Mit einer Hand versteckte er etwas hinter dem Rücken. Der Mann hat so viel Sinn für Romantik, dass es selten etwas Gutes bedeutet, wenn er kuscheln will. Rein statistisch gesehen, wäre allein das Grund, misstrauisch über seine nonverbalen Signale zu werden. Da folgte die unheilvolle Offenbarung auch schon: „Ich kaufe den OLED.“

Scheiß auf nonverbale Signale: „Hast du einen kleinen Knacks in der Birne?“, fragte ich verbal und warf ihm einen düsteren Blick zu, der es selbst mit dem Schwarz eines OLEDs aufnehmen konnte. Lachend zog er die rechte Hand hinter seinem Rücken hervor und hielt mir eine Packung Kinderriegel entgegen. Worte können das selige Lächeln des Mannes nicht beschreiben. Tja. Was soll ich sagen? Gegen diese nonverbalen Signale bin ich machtlos. Der Mann beherrscht das deutlich besser als ich.