Survival of the Hibbels – Masterplan für Hibbelhonkanfänger – Die Praxis

Im Rahmen meiner privaten Langzeitstudie über das Kinderwunschverhalten des gemeinen Hibbelhonks lest ihr heute die Forschungsergebnisse zum Themenkreis: „Wie überlebt das Hibbelhonk die Hibbelzeit“. Es handelt sich um einen Selbstversuch. Versuchsleiterin und Probandin sind dieselbe Person. Forschungsobjekt sind die verschiedenen Survival-Strategien des Hibbelhonks in der Hibbelzeit.

Die entsprechende Testreihe läuft bereits seit 2018 und ich verfüge über zahlreiche Ergebnisse. Bevor ich die Forschungsergebnisse aus dem Hibbelhonk-Biotop präsentiere, möchte ich den Fokus der Leser:innen auf das ausgesprochen hohe Gefahrenpotenzial dieser Studie lenken. Bei einem ausgewachsenen Hibbelhonk – mir – handelt es sich um ein sehr edles, aber auch angriffslustiges bis lebensgefährliches Versuchsobjekt. Es ist in der Lage, heftig zu fluchen, um sich zu schlagen und sogar einen bösen Post in einer Facebookgruppe zu veröffentlichen. Die Überlebensstrategien, die ich vorstellen möchte, sind dementsprechend unter erschwerten Bedingungen zusammengetragen worden. Ich überlege beim BzGA eine Gefahrenzulage zu beantragen.

Das Hibbelhonk ist spätestens ab ES+23 hartnäckig der Ansicht, es sei schwanger. Nach mehrfach negativer Testung mit unterschiedlichen PCR-Streifen, verlegt sich das Hibbelhonk auf den Standpunkt, es sei noch kein HcG nachweisbar, weil sich – selbstverständlich – der Eisprung verschoben habe. Das ist der Augenblick, in dem das Hibbelhonk Übersprungsverhalten ausbildet.

Hier setzte die Versuchsleiterin an und erprobte unterschiedliche Ablenkungsmanöver. Von Ablenkung kann das Hibbelhonk nicht genug haben und es hat davon auch nie genug.  Folgende Strategien wurden auf Wirksamkeit ausgetestet und akribisch im Hibbelhonktagebuch dokumentiert:

  1. Meditation
  2. Neues Hobby
  3. Neuer Beruf

1. Versuchsreihe: Meditation

Im Vorfeld der Studie empfahlen zahlreiche Hibbelhonkweibchen, durch meditative Übungen, Seele und Geist zu entspannen, dadurch Stress zu reduzieren und so der Fruchtbarkeit mehr Raum zu geben. Entsprechend motiviert rief ich YouTube auf. Kugelnde Yogafrauen lachten mir entgegen. Ich nahm an, dass es sich bei der Meditation „Mut zum Eisprung“ um eine Deppenmeditation handelte, und drückte Play.

Eine verschlafene Männerstimme begrüßte mich und forderte mich auf, zu entspannen und betonte, regelmäßig zu atmen. Die Atmung sei entscheidend. Also übten wir atmen. Das sei das A und O der Entspannung. Damit erhöhte die Stimme aus dem Off den Leistungsdruck. Ich bekam schwitzige Hände. Ich atmete einmal ein, dann ganz schnell zweimal aus, und noch zweimal ein. Der sechste Atemzug klappte beinahe, beim siebten verpasste ich den Einsatz. Ich fühlte mich, als versuche der Sprecher einer Formel-1-Fahrerin das Schneckentempo zu erklären.

In sanftem Singsang bot er an, meine negativen Glaubenssätze durch positive Affirmationen auszutauschen. Unglücklicherweise war mein Es ein Sturkopf und begab sich in einen motzigen Schlagabtausch mit dem affirmativen Sprecher:

Die Affirmation: „Atme tief ein. Und aus. Spüre jeden Atemzug. Zug um Zug wirst du entspannter.“

Das Es: *kicher, kicher, kicher* (Auf der Straße fuhr die Straßenbahn vorbei. Mein Es steht auf lautmalerische Zufälle.)

Die Affirmation: „Das Leben passiert für dich.“

Das Es: „Das ist mein Problem. Andere planen ihr Leben mit 12 und sind fertig mit 32. Mir passiert Leben. Ich bin fast alt und habe keine Vorstellung von meinen Leben. Doch mit fast 40 brauche ich mindestens ein Haus, zwei Kinder und eine Scheidung. Was habe ich? Eine Wohnung, die den Titel nicht verdient, drei Sternchen und ein Hibbelhonkmännchen, das eine Affäre mit unserem Garten hat. Naja, wenigstens Knöpfchen kann ich auf dem Habenkonto verbuchen.“

Die Affirmation: „Sei offen, dann vermehrt sich das Glück in deinem Leben.“

Das Es: „Hrmpf, meine Eizellen zeigen leider keine Vermehrungsambitionen mehr.“

Die Affirmation: „Verbinde Dich mit Deinem Körper und Deinen Emotionen.“

Das Es verband sich mit meinem Körper und rief: „Ich muss mal!“

Die Euphorie für die Meditation packte mein Es nicht in dem gewünschten Umfang. Ich sah mich gezwungen, das Experiment abzubrechen und ein gewisses Örtchen aufzusuchen.

2. Versuchsreihe: Neues Hobby

Mein Es war sehr störrisch in Sachen Kinderwunsch. Jedes Mal, wenn ich das Es behutsam dazu bewegen wollte, doch endlich neue Pläne nicht mit Fress- oder Heulattacken zu blockieren, schrie Es: „Ich will meinen Kinderwunsch nicht aufgeben. Nicht jetzt. Nicht, wenn ich in die Menopause komme. Niemals!“

Also griff ich auf eine defensive Taktik zurück und überzeugte mein Es, todesmutig ein neues Hobby auszuprobieren. In Jugendjahren verarbeitete ich meinen Schmerz mittels Poesie. Ich lockte Es aus der Reserve, indem ich mich für den VHS-Kurs „Kreatives Schreiben“ anmeldete. Eine Schreibschule. Dort wollte ich die hohe Kunst des Schreibens lernen. Ich hoffte, auf Ruhm und Reichtum. Beim Ausfüllen des Anmeldebogens imaginierte ich einen Stapel Einladungen für Talk-Runden. Schon rissen sich förmlich alle um die Newcomerin am Schriftsteller:innenhimmel.

Wer schreiben will, sollte lesen können. Dann hätte ich vielleicht VOR dem Kurs verstanden, dass es sich bei selbigem um eine Selbsthilfegruppe für schicksalsgebeutelte Existenzen handelte, die mittels Schrift und Wort ihre Krisen auszudrücken und damit aufzulösen lernten. Ich traute mich kaum in den Raum, weil der gesamte Raum mit Schmerz und Leid vollgestopft war. Während ich den anderen Teilnehmenden aufmerksam zuhörte, realisierte ich, wäre ich in deren Situation, wäre ich sehr wahrscheinlich cracksüchtig oder zündete ätherische Kerzen Zuhause an, während ich in Embryonalstellung Kinderriegel in mich hineinfutterte. Ich brach auch diesen Versuch ab.

3. Versuchsreihe: Neuer Beruf

Nachdem die ersten beiden Versuchsreihen erfolglos verliefen, widmete ich die abschließende Versuchsreihe der beruflichen Weiterentwicklung des Hibbelhonks. Obwohl mich bereits seit einigen Jahren ein Gefühl des Stillstands bemächtigte, weigerte sich auch hier mein Es beharrlich die Komfortzone zu verlassen. Nur mit viel gutem Zureden war es zu motivieren, mein Ich in Ruhe nach Jobs recherchieren, einen Lebenslauf tippen und schließlich die Bewerbung abschicken zu lassen. Die meiste Zeit lümmelte das Es dabei auf der Couch und aß provokant einen Kinderriegel nach dem anderen. Doch diesmal ließ ich mich nicht beirren. Mit Erfolg.

Der Mann sah mich an als sei ich eine nackige Salafistin als ich ihm mitteilte, dass ich mein unbefristetes und ausreichend schlecht bezahltes Arbeitsverhältnis für ein befristetes und noch schlechter bezahltes Arbeitsverhältnis aufzugeben gedachte. Mein Es und das Über-Ich waren seiner Meinung.

Ich sagte zu.

Am Tag der Vertragsunterzeichnung machte ich morgens einen Schwangerschaftstest. Rechnerisch wäre es möglich. Ich wollte Gott oder das Universum entscheiden lassen. Wäre der Test positiv, unterzeichnete ich nicht. Wäre der Test negativ, so schwor ich mir, wäre es mein letzter Test. Dann hakte ich den Kinderwunsch ab.

Mein Es betete inbrünstig zu Gott.

Es betete und betete.

Und betete.

Ein Strich.

„Götter sind auch zu nichts zu gebrauchen!“, schimpfte mein Es.

Ich machte mich auf den Weg zur Vertragsunterzeichnung. Vor dem Eingang verharrte ich kurz und sinnierte darüber, wie ich am besten zur Personalabteilung komme: Aufzug, Treppe oder gar nicht. Wie in Trance stolperte ich die Treppe aufwärts und hörte mein Es protestieren: „Falsche Richtung! Falsche Richtung!“. Doch mein Über-Ich und mein Ich warfen sich einen kurzen Blick zu. Der Wunsch nach Normalität, Leben und Freude war größer. Viel größer. In dem Schlagabtausch zwischen Über-Ich und seinem Sparringspartner Ich gegen das Es war nur ein gemeinschaftliches Hüsteln notwendig und schon stopften sie dem Es das vorlaute Maul.

Das Erste, was ich nach der Unterzeichnung dachte, war: „Ich bin verrückt!“. Das Zweite, was ich dachte, war: „Ich habe recht, ich bin wirklich verrückt!“ Und das Dritte war: „Ich hätte das Ganze besser durchdenken und planen sollen. Zum Beispiel hätte es nicht geschadet, vorher eine Ausbildung als Verwaltungsangestellte zu absolvieren. Doch wer hat schon Zeit dazu, einen Berufswechsel ordentlich zu durchdenken? Vielleicht sollte ich mit Hibbeln und Nachdenken aufhören und einfach machen? Ja, definitiv.“

Da meldete sich mein Es wieder zu Wort: „Du könntest doch auch weiter hibbeln und dabei nachdenken. Zum Beispiel Zuhause. Oder im Internet. Du kannst auch verzweifeln oder rumheulen und gaaaanz viele Kinderriegel essen.“

„Halt endlich die Klappe!“, sagte mein Ich. 

Siehe da. It’s magic: Mein Es verstummte und schmollte. Da begann ich mich zu freuen.

Walt Disney hat meine Realitätswahrnehmung grundsätzlich verdorben. Im Stillen hoffte ich die ganze Zeit auf ein glückliches Ende mit zwei Kindern an der Hand. Das „Happy End“ existiert leider nur in Walt Disney Filmen. In meiner Realität kommt „Kinderwunsch“ nur im Dreiklang mit „Alles scheiße“ und „So ein Mist“ vor.  Schwanger bin ich immer noch nicht, doch ich nehme die Zügel wieder aus den verführerischen Händen meines Kinderwunsches. In meine eigene. Und das ist gut so.

Abschließende Betrachtungen

Die Beobachtung des gemeinen Hibbelhonks verlangt nach einer Erweiterung der Naturgesetze. Der Versuchsleiterin ist es gelungen, eine alte Formel zu widerlegen:

Kinderwunsch + Ablenkung = Schwangerschaft

Nach mehrjähriger Beobachtungsarbeit ist es nämlich gelungen, eine neue Formel zu entwickeln:

Kinderwunsch + Ablenkung = Krampf.


Diese elementare Formel basiert zunächst einmal auf der Tatsache, dass der Versuch, nicht an einen rosa Elefanten zu denken, zu allem führt, nur nicht dazu, nicht an einen rosa Elefanten zu denken. Sagst Du einem Hibbelhonk, ‚Denk nicht ans Schwangerwerden‘, wird es genau das tun: Daran denken. Der Ablenkungsbegriff existiert nicht für einen Hibbelhonk.

Die Verteilung des Gedankenkontingents erfolgt bei einem Hibbelhonk schließlich nach dem Paretoprinzip:

20% Ablenkung. Hier werden in Sekundenbruchteilen Hygiene, Ernährung, Schlaf erledigt.

80% Kinderwunsch. Davon verteilen sich 40% auf die Berechnung des Eisprungs und 40% auf die Testung der Schwangerschaft.

Die Versuchsleiterin weist ferner darauf hin, dass folgende Strategien in der Hibbelzeit nachweislich nicht der Ablenkung und damit der psychischen Gesundheit dienen:


– sich selbst die Schuld geben
– neidisch auf andere sein.

Du kannst nicht das nächste Kapitel deines Lebens beginnen, wenn du ständig den letzten Abschnitt wiederholst. Michael McMillan