Lost in Kleingartenanlage

Meistens habe ich keine Ahnung, wo sich der Mann gerade rumtreibt, aber es muss irgendwo in der Nähe von unserem Kleingarten und zugehöriger Kleingartenanlage sein. Der Mann ist Vollblutgärtner. Ich nicht. Wie es dazu kam, dass wir uns gemeinsam einen Kleingarten zulegten? So richtig kann ich mir das heute nicht mehr erklären. Es war wohl irgendwie so, dass der Mann sich kurz nach Knöpfchens Geburt eng an mich kuschelte. Ich dachte schon: Hoppla, was wird das denn hier? Da sagte der Mann: „Ich will ein Kleingarten von dir.“

Das ist das, was Frauen von Männern hören wollen. Wenn ich auch nur geahnt hätte, welches Risiko ich unserer Beziehung aussetzte, ich hätte mir von meinem Hausarzt eine Pflanzenallergie attestieren lassen. Oder Heuschnupfen. So stimmte ich nach tagelanger psychischer Druckausübung zu. Die Konsequenz: Meine Psychotherapeutin kann dank mir ihren vorzeitigen Renteneintritt planen.

Der Mann liebt Pflanzen. Gemessen an der Zeit, die der Mann im Garten verbringt, habe ich manchmal den Eindruck, er selbst sei eine Pflanze. Er will immer wieder in den Garten zurück. Wenn der Mann nicht online shoppt, gärtnert er also.  Manchmal kann es passieren, dass ein Gärtner ein Gewächshaus braucht. Der Mann benötigte auch ein Gewächshaus. Dazu kombinierte er die beiden Hobbies und ging ins WorldWideWeb. Er ist wirklich gerne dort und berauscht sich an den technischen Details, Produkttypen und Rezensionen. Ungewöhnlich schnell war diesmal das Gesuchte gefunden und bestellt.

Der Bau des Gewächshauses warf seine Schatten lange voraus. Vor meiner Kündigung äußerte ich unvorsichtigerweise den Wunsch, mal „etwas mit den Händen zu machen“. Eigentlich bewegte sich mein Ehrgeiz für Gärtnern und Gartenbau im Nanobereich. Geradeso mit der Lupe erkennbar. Die Vorstellung, im Garten Rübchen und Zucchini zu ziehen oder Plexiglasscheiben in schiefe Schienen zu schieben, kommt für mich gleich nach einer Fußmassage für die Schwiegermutter.

Aus der Sicht des Mannes qualifizierte ich mich mit meinem Wunsch nach körperlicher Betätigung zur Gärtnerin in Ausbildung. Auf Lebenszeit. Blöd, dass ich nichts davon mitbekam. Entsprechend aufmerksam folgte ich seinen floristischen Ausführungen. Er liebt es, mit fundamentalistischem Eifer zu erklären und zu belehren. In der ganzen Familie ist er für sein umfangreiches Gartenwissen geschätzt und verehrt. Nur ich outete mich als Gartenbanausin. Für mich sind seine Vorlesungen in Landschaftsgartenbau der beste Zeitpunkt, um ungestört im Kopf die To-Do-Liste der anstehenden Woche durchzugehen, die Einkaufsliste mental zu füllen und meine Blogprojekte zu planen.

Es kann also sein, dass er den Bau des Gewächshauses mit mir besprach. Es kann sein, dass ich der Bestellung des Gewächshauses zustimmte. Es kann sein, dass er die zwei 50-Kilo-Pakete, Lieferung Bordsteinkante, ankündigte. Als plötzlich ein polnischer Fahrer an der Haustür klingelte und auf das Gewächshaus in spe zeigte, fiel ich trotzdem aus allen Wolken. Ich bin mir sicher, man konnte meiner Miene ansehen, was ich mit dem Mann so alles in einem geheimen Gefängnis auf Guantanamo anstellen wollte.

Der Mann war jedoch geschickt darin, Überzeugungsarbeit zu leisten. Er argumentierte psychologisch. Er wolle unbedingt mit mir ein Gemeinschaftsprojekt. Nur er und ich. Als Paar. Einmal. Bitte! Innerlich warf ich einen beunruhigenden Blick in die Zukunft: Ich sah den Mann, wie er anderen Kleingärtner:innen nachts heimlich Wühlmäuse über den Maschendrahtzaun in den Garten setzte. Wenn diese ihn dann empört fragten, warum er das tue, antwortete er: „Weil meine Frau nie mit mir gärtnern wollte.“ Ich gab nach. Andere gehen schön essen, wir gehen in den Garten. Pärchenbuilding eben.

Ich erschien also gegen meinen Willen im Garten. Sogar pünktlich. Das Gesicht des Mannes strahlte und glomm vor Freude über meine Gärtnermotivation mit der Sonne um die Wette. Das hielt nicht lange. Beim ersten Arbeitseinsatz bauten der Mann und ich das Punktfundament. Meine Aufgabe war es, den Beton anzumischen und anschließend mit dem Mann in die Löcher einzufüllen. Als ich die Schubkarre mit dem Mörtelkübel versehentlich in das frisch bestellte Kartoffelbeet neben dem zukünftigen Gewächshaus stellte, war das wie ein Faustschlag in die Magengrube des empfindsamen Gärtners.

Die Verdichtung der Erde sei eine Katastrophe. Wutentbrannt stürmte der Mann davon, um mit Harke, Rechen und Besen zurückzukehren und das zu machen, was man mit Harke, Rechen und Besen so macht: Hack. „Die Erde“ Hack. Hack. Hack. „darf nicht zu sehr verdichten.“ Hack. Hack. Rech.Rech. Feg. Feg. Der ist doch nicht ganz dicht, dachte ich so bei mir. Das war augenscheinlich der Moment als der Mann das Pärchenprojekt zu bereuen begann. Sicherheitshalber verkrümelte ich mich aus der Gefahrenzone und fluchte leise, weil es meine kognitiven Fähigkeiten überstieg, mich mit Keimzeiten und Saatabständen zu beschäftigen, während das Leben gleichzeitig Kinderschokolade und einen LapTop für mich bereithielt.

Während meiner Gartenauszeit machte sich der Mann über den Alurahmen des Gewächshauses her und verband ihn mit dem Punktfundament. Stolz berichtete er, welch herkulische Aufgabe er bewältigt habe. Nun folge der Aufbau des Gewächshauses, dass die Anwesenheit meiner Wenigkeit erfordere. Also gut. Ich sah ein, dass Beziehung Arbeit bedeutete. Hätte mir jedoch jemand auch nur angedeutet, dass das auch Gartenarbeit inkludiere, ich hätte einen Antrag auf Junggesellinnendasein auf Lebenszeit gestellt. Nun saß ich mit der Aufbauanleitung in der Hand da und begann zu ahnen, dass der Aufbau länger dauern könnte als die Besetzung von Stalingrad.

Aufbauanleitung…völlig überbewertet.

„Du hast die Aufbauanleitung nicht gelesen.“, stellte ich mit Kennerblick auf den bereits unabänderlich fest verschraubten Aluraumen fest. „Alurahmen und Gewächshaus werden gleichzeitig aufgebaut und erst dann auf das Fundament gesetzt.“ Die Kombination aus „meine Frau“ und „weist mich auf einen Fehler hin“ erwies sich als besonders tückisch. Der Mann warf mir einen scharfen Blick zu, der bedeutete ich könne gleich einen Termin bei der Familienberatung machen, um den anstehenden Konflikt aufzuarbeiten. Ich schwieg lieber. Und schraubte. Und schraubte. Und schraubte.

Ich verschraubte das Fenster. Die Halterungen natürlich VORHER festschrauben. Verdammt. Nochmal. Die Scheiben in die Schienen schieben. Die Schienen befestigen. Natürlich BEVOR die Scheiben eingeschoben werden. Verdammt. Nochmal. Der Mann hyperventilierte, schimpfte mich eine Technikniete und mieseste Gärtnerin aller Zeiten. Am liebsten wollte ich den Schraubenzieher verzweifelt in die Ecke werfen. Diese Lösung stellte mich allerdings überhaupt nicht zufrieden. Wieso konnten sich meine technischen Fähigkeiten nicht meinen feministischen Idealen anpassen. Wozu hatte ich sämtliche Genderklassiker gewälzt, wenn sich meine Kompetenzen auf dem Level einer Barbie bewegen? Mist.

Irgendwann stand das Aluskelett der lichtdurchlässigen Konstruktion, die zur Aufzucht von Pflanzen dient. Doch die Dachleisten schlossen nicht bündig ab. Oje. Warum? Wir haben die Anweisungen der Aufbauanleitung doch präzise befolgt. Gut nicht von Anfang an. Geschenkt. Wir suchten den gesamten Nachmittag nach der Ursache, die natürlich NICHT im unvorschriftsmäßigen Aufbau bestand. Dabei nahm sich der Mann ausgiebig Zeit, meine technischen Unzulänglichkeiten zu bedauern. Als ich es wagte, zu fragen was so schlimm daran sei, wenn es durch das kleine Loch reinregnete, es sei doch von Vorteil, schließlich erspare uns das das Gießen bei gleichzeitigem Erhalt des erwünschten Treibhauseffektes, mutierte mein Mann zum fanatischen Befürworter von Daumenschrauben. Er erklärte mit maskulinem Tremolo: „Ein Gewächshaus muss dicht sein! Basta! Wir sind doch nicht in Russland!“

Es folgte eine Vorlesung über die Unterschiede zwischen russischer und deutscher Bauweise.  Was Russland mit unserem verkorksten Gewächshaus zu tun hat, ist mir ein Rätsel. Mir ist aber auch ein Rätsel, wieso wir kein zweites Kind bekommen und, warum man sich einen Fernseher für einen vierstelligen Betrag kauft, nur weil er ein großartiges Schwarz zeigt. Ich sagte lieber nichts mehr. Mit einem Mann, der ein Gewächshaus baut, war nicht zu spaßen. Ich stand daneben, lauschte den gartenphilosophischen Handreichungen des Mannes und träumte von Kinderschokolade.

Es kam dann zu einem echten Rosamunde Pilcher Showdown. Jede:r kennt diese Momente aus den Filmen. Das Unglück dehnt sich stundenlang von wunderschönen Landschaften gerahmt dahin. In Zeitlupe trifft der die Hauptfigur eine lebensverändernde Entscheidung, Musik kommt aus dem Hintergrund und plötzlich ist alles eitel Sonnenschein – ohne, dass die Zuschauer:innen die Lösung des, Konflikts mitbekommen hätten. Als ein Sachbearbeiter vom Gesundheitsamt anrief und uns zum zweiten Mal statt in den Urlaub in die Quarantäne schickte, steckte der Mann gerade in dieser Zeitlupe. Während die Hiobsbotschaften in meinem Hirn einen Stromausfall verursachten, stürzte mein Mann sich in eine Konstruktionsorgie vor der leuchtend rot untergehenden Sonne.  

Mitten in der Nacht erwachte ich. Dunkelheit. Kein Mann neben mir. In meinen Vorstellungen spielten sich die schlimmsten Szenarien ab: Umgestürzte Leitern, knabbernde Wühlmäuse, ausgetrunkenes Düngermittel geisterten vor meinem inneren Auge umher. Beunruhigt rief ich den Mann auf seinem Smartphone an. Er nahm ab. Gut. Er lebte. Mit Grabesstimme erklärte er mir, dass nichts – GAR NICHTS – am Gewächshaus passte. Wir hätten einen riesigen Fehler gemacht. Zähneknirschen. Vielleicht hätten wir den Alurahmen doch erst anbauen sollen.

*TUUUUT*

Ich legte auf.

Am nächsten Morgen – ich rechnete mit dem Schlimmsten – kam der Mann gut gelaunt in die Küche.

„Ich bin fertig!“, die Augen des Mannes glänzten als erwarte er die Verleihung des Gartenverdienstkreuzes.

„Aha“, sagte ich. „Wie hast du das löchrige Problem gelöst?“

„Gar nicht.“

„????“

„Meine Güte, das ist ein Gewächshaus. Ein Gewächshaus muss nass sein.“

Ich blickte ihn an. Echt jetzt? Eigentlich legte ich keinen übersteigerten Wert auf Rechtbehalten. Doch meine innere Stimme schrie mit 200 Dezibel: DEN MANN HAT EINE GARTENMEISE!!! Keine Frage. Es musste so sein.

„Meine Meinung ist halt dynamisch.“, rechtfertigte er sich. Ein Mann, der solche Weisheiten verteilt, braucht keinen Impfstoff. Der heilt sich selbst. Meiner dynamischen Meinung nach.

Nun stand das Gewächshaus. Der Mann kam gar nicht mehr aus dem Schwärmen und dem Gewächshaus raus. Er schwärmte, dass die Leisten des Gewächshauses völlig entgratet und wie stabil die Streben doch seien. So ging das die nächsten 15 Minuten. Nächste Woche kämen die neuen Aubergine- und Paprikapflanzen. Ganz frisch. Die übernächsten 15 Minuten. Pah. Ich hatte auch keinerlei Grate und war recht stabil. Und die meiste Zeit fühlte ich mich frisch. Trotzdem rief mein Erscheinen im Garten nicht die gleichen Begeisterungsstürme bei dem Mann hervor, wie die Lieferung der Pflanzpakete. Ihr vermutet zwischen meinen Zeilen Eifersucht? Ja, ich war eifersüchtig. Gemeinschaftsprojekt! Von wegen. Pfhhhh.

Der Mann verlieh mir abschließend den Titel „Gartenvollpfosten“. Wenn ich sagte, ich sei traurig darüber, würde ich lügen. Nicht auszudenken, was passierte, wenn er zufrieden mit mir wäre?! Ich lerne Demut mit einem Gärtner zum Manne.