Vom Hibbelhonk zum Kugelhonk – 1. Trimester

Mein Leben hat ein genauso mieses Timing wie ich selbst. Wieso? Zur Erinnerung: Anfang des Jahres schmiss ich meinen Job hin. Kurz darauf nahm ich zwei neue Jobs an und stolperte von Quarantäne zu Quarantäne. Irgendwann dazwischen erhielt ich die Diagnose CIN III – Vorstufe zu Gebärmutterhalskrebs. Ein Eingriff mit dem vielversprechenden Titel Konisation war unumgänglich. Ich saß gerade auf dem Klo, als die zuständige Gynäkologin mich anrief und mir den Termin für die „Koni“ mitteilte. Ja, da war einer dieser Momente, die in sich so stimmig sind, dass es weh tut… Kurz blitzte der Gedanke in mir auf, wie ich meinem neuen Arbeitgeber nach zwei Quarantänen die erneute Krankschreibung schmackhaft machen sollte. Schon holte ich Luft, um eine Verschiebung der OP nach dem Ende der Probezeit zu bitten. Da fiel mir ein, dass ich meinem Knöpfchen noch nicht beigebracht hatte, sorgfältig mit sich selbst sowie der sozialen und ökologischen Umwelt umzugehen. Also stimmte ich der OP für Ende Juni zu.

Dann kam der 25. Mai.  Das war ein Dienstag. Die Sonne schien. Ich hätte an diesem Tag ein Eis essen gehen können, joggen oder einfach nur in der Nase bohren. Eben das, was normale Leute so machen an einem Tag, an dem die Sonne scheint. Stattdessen machte ich morgens um acht einen Schwangerschaftstest. Das war vier Wochen vor der Konisation.

Während ich auf das Ergebnis wartete, erinnerte ich mich daran, wie ich eine Woche zuvor von dem geballten Familienglück im näheren sozialen Umfeld erschlagen wurde. Eine Schwangerschaft und ein Neugeborenes. Es waren kleine Stiche im Herzen. Wie immer. Doch schnell folgte ein heilsamer Moment. Meine Tochter streichelte über meinen Bauch und meinte: „Da ist ein Baby drin.“ Unwirsch wiegelte ich ihre Worte ab und fragte sie, wie sie denn darauf käme. „Dein Bauch ist so dick.“ Ah ja, dachte ich und nahm ihre Worte zum Anlass, meine Turnschuhe anzuziehen. Während des Trainings träumte ich von Kreta, Costa Rica und meiner neuen beruflichen Tätigkeit. Dinge, die ich verschieben, gar aufgeben müsste, sollte ein zweites Baby kommen. Nein, für Stillen, Windeln und durchwachte Nächte hatte ich keine Kraft, Zeit und Nerven (mehr). Alles war gut so wie es war.

Tja nun, eine Woche später, spannten die Brüste und ich verspürte leichte Übelkeit. Wie ein Pawlow‘scher Hund machte ich den Test. Ein Strich. Blütenweiß. Gott sei Dank. Gut, einseitig war dort, wo sonst der zweite Strich erscheint, eine leichte Verfärbung. Doch ich verbuchte ihn als Verdunstungslinie. Dann blieb die Periode aus. Ich testete erneut. Hauchzart war ein zweiter Strich zu erkennen. Mir wurde schlecht. Schwanger! Gott legte es echt darauf an, zu beweisen, was für ein Scherzkeks er ist. Jetzt mal ernsthaft. Wie, bitte schön, passen Probezeit, entstehender Gebärmutterhalskrebs und Schwangerschaft einer 39-Jährigen zusammen? Ganz genau! Gar nicht. Cool bleiben. Den blassen Strich interpretierte ich als einen niedrigen HCG-Wert. Wieder eine Fehlgeburt. Da war ich mir sicher. Vielleicht auch ganz gut so, da muss ich mir wegen der OP keine Gedanken machen.

Als ich den Mann am Nachmittag davon in Kenntnis setzte, reagierten wir recht unaufgeregt und beschlossen, zukünftig nicht mehr auf NFP zu setzen. Derartigen emotionalen Wirrwarr hältste ja im Kopf nicht aus. Sicherheitshalber setzte ich nicht nur den Mann, sondern auch meinen Gynäkologen in Kenntnis, bat um Progesteron (Famenita) und einen Termin. Er kannte meine Situation, wusste von der bevorstehenden Konisation. Daher war es nicht überraschend, dass er mich ein paar Tage später mit der Frage begrüßte, wem ich Vorrang gebe, Mutter oder Kind? Mit dieser Frage hatte ich mich noch nicht beschäftigt. Bei mir besteht ein hohes Fehlgeburtsrisiko. Schließlich hatte ich drei Fehlgeburten und habe bis heute eine Endometritis und ein Mosaik. Bevor ich mich dem Dilemma – Mutter oder Kind – widmen wollte, wollte ich erst die Gewissheit einer intakten Schwangerschaft.

Da war sie. Eine Fruchthöhle, ein Dottersack und ein Embryo. Dann suchte er das Herzchen, fand es gleich. Es war sogar zu hören. Ich schluchzte nicht wissend, ob vor Freude oder aus Verzweiflung. Nie waren wir nach Knöpfchens Geburt an diesen Punkt gekommen. Mein Gynäkologe gab zu, dass er meine Fragen zu der Krebsvorstufe und der therapierenden OP nicht beantworten konnte. Wir einigten uns darauf, in einer Woche nochmal nachzusehen, ob alles in Ordnung sei und Informationen zu sammeln.

Seitdem stolpere ich von Arzttermin zu Arzttermin. Dabei strahlte ich hauptberuflich Trübsal und Schwermütigkeit aus. Selbst Gottes Prototyp von perfekter Schokolade – Kinderschokolade – versagte ihren Dienst. Mit einem Schlage eroberte mein Leben den Status verzwickteste Angelegenheit der Welt. Ich steckte in einem echten Dilemma. Was sollte ich tun? Operieren, um die Entstehung des Krebses zu verhindern, damit aber ein 25% Fehlgeburtsrisiko in Kauf nehmen? Warten und darauf vertrauen, dass die Zellveränderungen sich nicht mehr veränderten? Würde das Embryo überhaupt überleben? Würde der Krebs warten, bis ich das Baby durch den Geburtskanal durchgeschleust hatte?

Nur mein Körper selbst konnte mir die Antwort geben, aber der Sack schwieg beharrlich. Seit dem positiven Test bin ich nicht mehr zu komplexeren Tätigkeiten in der Lage – ganz zu schweigen von der komplizierten Aufgabe des Denkens. Stattdessen lief meine Amygdala mit maximaler Auslastung und legte Sonderschichten ein. Wer jetzt beim Lesen vor Freude die Hände zusammenschlägt und meint: „Endlich hat sie es geschafft!“, der irrt. Ich horchte in mich hinein und suchte nach Freude, Zuversicht und Optimismus. Doch alles, was ich fand, waren Zweifel, Angst, Unglauben und Frust. Die feierten eine exzessive Party in meinen für Emotionen verantwortlichen Teil des Gehirns. Kurzen Exkurs in meine Gefühlswelt des 1. Trimesters gefällig? Ja? Kommt schon! Mein Leiden soll nicht umsonst gewesen sein. Los geht‘s…

„Echt jetzt!? Muss das sein?“, knurrte der Frust beim Anblick des positiven Schwangerschaftstests. „Jahrelang bemüht man sich um Nachwuchs und dann, wenn ein beruflicher Neustart im Gange ist und endlich wieder eine Fernreise geplant wird, geht der Mist von vorne los.!“ Er boxte gegen die Wand. Erschrocken zuckte die Angst zusammen und blickte den Frust vorwurfsvoll an: „Es geht doch eh wieder ab. Warum sollte es diesmal halten? Was mir vielmehr Sorgen macht: In zwei Wochen ist die Konisation. Das ist eine OP. EINE OP. Hörst Du? Selbst wenn das Baby bleibt, wird es durch die OP abgehen.“

„Wenn die OP nicht vorgenommen wird, dann gibt es Krebs und was das bedeutet, wissen wir alle!“, setzte der Frust nach und erhielt eine zustimmendes Nicken von der Angst.

„GRRRRG!“ Überrascht drehten sich Angst und Frust um die eigene Achse, um herauszufinden, woher das merkwürdige Geräusch kam.

„GRRRG.“ Der Unglauben saß mit wirrem Blick und zerzaustem Haar in der Ecke. Kopfschüttelnd brabbelte er: „Das ist rechnerisch unmöglich. Es geht nicht. Der Eisprung war doch vorbei.“

Ein Spuckfaden löste sich aus seinem Mund: „Außerdem hatten wir die Impfung gegen Corona.“

Bei dem Wort Impfung blickte die Angst erschrocken auf, zuckte und zappelte und begann sich von grellem Blitzlicht begleitet zu deformieren. Einen Knall später hatte sie sich in Panik verwandelt und lief kreischend im Kreis durch das Zimmer: „Ah die Impfung! Das Baby wird ein Monster. Ein MONSTER. Als ob nicht schon das Alter und der genetische Defekt das Risiko einer Behinderung potenzierten.“

Stundenlang diskutierten meine Befindlichkeiten. Gegen Abend machten sie eine kurze Pause. Lösungsansätze: Fehlanzeige. Ein wenig fühlte ich mich an die hiesige Politik erinnert.

Ein Riesenknall setze der Diskussionsorgie ein Ende: „Ruhe jetzt! Seid ihr denn alle verrückt geworden?“, schallte es in meiner Amygdala.

„Du, Frust, hast gar nichts zu melden. In der Probezeit genießen Frauen Sonderkündigungsschutz bei Schwangerschaft. Was bedeutet das? Ganz genau, frau ist automatisch unbefristet. Freu dich! Und du, Angst-Panik, halte die Bälle flach! Du darfst da sein und deine Gedanken äußern, aber Ratschläge überlässt du bitte denjenigen, die sich mit Tatsachen auskennen! So, und jetzt muss ich noch zur Konferenz „Unverschämte Mieterhöhung abwenden“, und zwar pronto.“, sprach die Vernunft und verschwand aus der Tür genauso plötzlich, wie sie erschienen war. Verdutzt starrten meine Gefühle mich an und warteten auf meine Reaktion. Doch, bevor ich auch nur Luft holen konnte, öffnete sich die Tür erneut und meine Vernunft schaute mir direkt in die Augen: „Jetzt zu Dir. Du kannst nur gewinnen in dieser Situation. Du verlierst das Baby? Herzlichen Glückwunsch, du kannst beruflich durchstarten, die Zellveränderung entfernen und fröhlich mit deiner Familie durch die Welt reisen. Vergiss nicht ab und an etwas Gutes zu tun. Egoismus steht dir schlecht. Das Baby bleibt? Herzlichen Glückwunsch, dann hast du endlich das Geschwister für dein Erstgeborenes. Gib dir gefälligst Mühe, dass die zwei sich mögen. Und für den Krebs, die Behinderung und den Beruf habe ich hier jemanden für dich.“ Die Vernunft pfiff durch die Zähne. „Nana, nicht so schüchtern.“ Mit einem kräftigen Ruck zog sie den Glauben an Gott an den Ohren ins Zimmer. Der Unglauben schlug vor Schreck seinen Kopf gegen die Wand, torkelte ein wenig und schob sich hektisch an der Vernunft vorbei in den Flur. Damit war alles gesagt. Ende der Abschweifung.

Wirkliche Beruhigung fanden meine aufgebrachten Emotionen allerdings erst durch den Besuch in der Dysplasie-Sprechstunde von Frau Scheunengraber. Hätte ich in der Kinderwunschzeit nicht schon den einen oder anderen Gynäkologen verschlissen, ich wechselte zu ihr. Sie gab mir genau das, was ich brauchte, in einer Sprache, die ich verstand. Sie legte mir mehrere Statistiken von Studien mit Frauen vor, die analog zu meiner Diagnose in die Schwangerschaft starteten und bei denen in nahezu allen Fällen die Zellveränderungen nicht zunahmen. Sie selbst habe bereits über 2000 Frauen operiert. Circa acht Prozent kamen zu ihr in der Schwangerschaft – keine von ihnen erlebte eine Verschlechterung bis zur Geburt. Engmaschige Betreuung war die Lösung. Alle vier Wochen testen. Ein PAP-Test hier eine Skolposkopie da. Im Zweifel handeln, das aber sowieso erst ab dem 2. Trimester. Watch and wait.

Tja, das ist jetzt mehr als drei Monate her. Inzwischen sage ich nicht mehr: „Ich hatte einen positiven Schwangerschaftstest.“ Nein, ich sage: „Ich bin schwanger.“ Sogar meine Arbeitgeber*innen habe ich inzwischen – zugegeben mit der Ausstrahlung von frisch Erbrochenem – von meiner überraschenden Schwangerschaft informiert. Die Angst ist dennoch meine ständige Begleiterin. Ich bekam sie mit einem Spitzenvorschlag meines Humors in den Griff: Ich esse soviel bis der Bauch endlich ordentlich zu sehen ist, um mich davon zu überzeugen, dass ich tatsächlich schwanger bin.

Fortsetzung folgt…