Wie erkläre ich einer Dreijährigen Corona?

Pädagogik ist bekanntermaßen meine Stärke – nicht. Das ist ein Grund, warum meine Tochter und ich mit unseren beiden Sturköpfen regelmäßig aneinander rasseln. Dann knallt es richtig. Bis mir – hupsi – einfällt, dass ich die Erwachsene von uns beiden bin und die Vorbildrolle habe. Erinnere: Erwarte ich von meinem Spross Nachgiebigkeit, bin ich schlecht beraten, wenn ich meinen Willen auf Biegen und Brechen durchdrücke.

Um die fehlende pädagogische Kreativität zu kompensieren, beratschlage ich mich gerne mit befreundeten Mamas und durchforste einer Affenmutter gleich den digitalen Dschungel nach Erziehungstipps. So auch in der Coronazeit: Wie wasche ich richtig Hände? Warum sind die Kitas geschlossen? Warum darf der kleine Olaf in die Kita und Knöpfchen nicht? Wann darf ich wieder Oma & Opa sehen?

Als Antwort erhielt ich sämtliche YouTube-Links aus Österreich, Deutschland & Co, die Corona kindgerecht erklärten. Das war dann aber auch schon das Ende der Pädagogikstange. Hin und wieder begegnete ich auch dem Argument, Das sind Kleinkinder, was willst Du mit Mindestabstand? Ich bin froh, wenn sie Mindestanstand zeigen. Das mag sein, doch ich habe zwei krebskranke Eltern, die ich gerne wiedersehen möchte, bevor ein Impfstoff oder Medikament die Welt rettet und ein Pharmazieunternehmen stinkreich macht.

Welche Maßnahmen habe ich also ergriffen, um gemeinsam mit meiner Tochter die neue Situation zu begegnen? Am hilfreichsten war mir dabei die Seite https://www.kindergesundheit-info.de/coronavirus-elterninformationen/

  1. Corona erklären

Knöpfchen kennt den Begriff ‚Corona‘ zwar, kann damit jedoch nicht viel anfangen. Bei ihr läuft der gesamte Spaß nun unter dem Label ‚Viba‘. Das haben wir dem Detektiv Blitze Blank zu verdanken. Detektiv Blitze Blank hilft den Menschen die ‚Vibas‘ (Viren und Bakterien) zu bekämpfen. Denn die ‚Vibas‘ können alten und kranken Menschen gefährlich werden.

In unserem filmbegleitenden Gespräch war ich überraschend gezwungen, mich einer unangenehmen Realität zu stellen. Mitten in unserem liebevoll in leichter Sprache geführten Corona-Aufklärungsdialog, legte Knöpfchen ihren Kopf schief und fragte mich seelenruhig: „Mama, stirbst du?“ Schnappatmend antwortete ich: „Hm, irgendwann gehe ich wie jeder Mensch zum lieben Herrgott, aber noch nicht jetzt. Wie kommst du darauf?“ „Na, du bist doch alt!“

Es dauerte ein paar Sekunden ehe ich begriff, dass Knöpfchen mich knallhart zur Risikogruppe zählte. Ein Gedanke, der mir einiges abverlangte. Da waren sie also, die ersten Warnzeichen, neben dem inzwischen unvermeidlichen Siezen von Jugendlichen oder dem Gestörtsein von nächtlichen Partylärm. Der Zenit des Lebens steht vor der Haustür. Jetzt ist es nicht mehr weit, bis ich die Milch auf dem Herd vergesse und in Hausschuhen auf die Straße renne.

„Nein, mein Schatz, deine Mama ist noch jung. Guck mal, sehen denn alte Menschen aus wie ich? Die haben doch Falten, graue Haare… “, fragte ich liebevoll-empört. Prüfend blickte Knöpfchen mich an und meinte: „Stimmt, du hast recht, alte Leute haben alle Haare grau. Du hast fünf.“, und streckte mir stolz auf ihre Zählfähigkeiten drei Finger entgegen. (Diese Zähltaktik muss ich mir für die nächste Gehaltsrunde merken.) Wer blöd fragt, hat wahrscheinlich keine andere Antwort verdient.

Sowohl Corona als auch das Thema Sterben versuche ich stets mit Ruhe und Gelassenheit an das Kind zu bringen. Doch nach dieser Aussage war ich geneigt, kurzzeitig davon abzuweichen und pädagogisch wertvolles Handeln hinter mir zu lassen. Gerade so konnte ich mich zügeln, bestand darauf, jung zu sein (Das-ist-so,-weil-es-so-ist-Prinzip) und nahm Knöpfchen so die Angst vor meinem baldigen Ableben.

Dem Thema eine gewisse Leichtigkeit zu geben, hilft sehr. Wenn ich wie ein aufgeregtes Huhn umherflattere, kaum, dass die Sprache auf Corona kommt, fällt es auch Knöpfchen schwer, Ruhe zu bewahren. Darum habe ich es mir abgewöhnt, Corona als Ausnahmezustand zu betrachten, sondern versuche ihn als neuen Normalzustand anzunehmen.

Dabei achte ich nicht nur bei mir, sondern auch bei Knöpfchen darauf, welche Informationen sie bekommt. Radio, Tablet, TV sind in ihrer Gegenwart meistens aus (abgesehen für die hunderttausendste Wiederholung von ‚Ich lass jetzt los‘ der Eiskönigin bzw. Albas tägliche Sportstunde.) Bei Gesprächen unter Erwachsenen habe ich es mir angewöhnt, einen strengen Zensurblick in die Runde zu werfen, falls die Thematik zu brisant aufgearbeitet wird.

2. Hygieneregeln einhalten

Das war herausfordernd. Ehrlich gesagt, glich es schon vor Corona einer Mammutaufgabe unser Kind zum Händewaschen zu bringen. Seife? Was ist das? Händewaschen? Schon wieder etwas, das vom Spielen abhält. Bäh, mag ich nicht. Es gab Zeiten, da musste mein Mann Knöpfchen zum Waschbecken tragen. Händewaschen schien mir schlichtweg zu banal und zu selbstverständlich zum Alltag dazuzugehören, dass mir der Gedanke, ein Mindestmaß an pädagogischen Feingefühl in die Händewaschkultur zu investieren, gar nicht kam. Bis Corona uns dazu zwang.

Das Händewaschlied von Agent Blitze Blank „Hände nass“ stellte den Auftakt für eine regelrechte Händewaschorgie. Meiner Vorbildrolle voll bewusst, wusch ich natürlich stets und ständig die Hände zusammen mit ihr. Dank Spotify begann ich Punkte auf ihre Hände zu malen, wenn die abends weg waren, lobten wir sie. Das gab ich schnell wieder auf, nachdem ihre Hände trocken und rissig wurden. Ich weigerte mich allerdings eine Belohnung für das Hände waschen einzuführen, wie es einige Eltern in meinem Bekanntenkreis taten. Für das Atmen erhält sie schließlich auch keine Belohnung. Genauso selbstverständlich sollte Händewaschen sein.

Spielerisch bauten wir stattdessen Handlungen in den Alltag ein, die mit Wasser verbunden sind z.B. müssen ihre Bauernhoftiere, die Pinsel, ihr Fahrrad, die Steine zum Anmalen gereinigt werden. Außerdem muss Knöpfchen sich seit der Kitaschließung stärker im Haushalt engagieren. Gezielt achte ich auf waschintensive Tätigkeiten. Ich binde sie stärker beim Kochen (Gemüse, Geschirr abwaschen) ein und Tischabwischen ist ihre feste Zuständigkeit geworden. Dafür erhielt sie den offiziellen Titel ‚Küchenassistentin‘. Noch freut es sie. Manchmal. Es gab auch schon den einen oder anderen Tag, da flog der Waschlappen durch das Zimmer mit den Worten: „Alles muss ich machen!

Ausbaufähig ist die Abstandsregel. Doch erkläre einer Dreijährigen mal, was Anderthalbmeter sind. Ich ließ es auf zwei Armlängen beruhen. Allerdings sind bei Dreijährigen die Arme auch nicht gerade ein Zollstock. Wenigstens das Niesen in die Armbeuge klappt. Sogar so gut, dass Knöpfchen wildfremden Niesern auf der Straße erklärt, dass sie total falsch hatschien.

Glücklicherweise unterliegt sie noch nicht der Nasen- und Mundschutzpflicht, weswegen ich das Thema sehr entspannt angehe. Sie hat zwar eine eigene Maske. Das mit dem regelmäßigen Tragen müssen wir jedoch noch üben. Ich habe mir vorgenommen, mit ihr eine eigene Maske zu basteln. Was Knöpfchen selbst macht, ist sie eher bereit, anzunehmen. Falls das nicht funktioniert, bekommt sie eine mit Anna & Elsa drauf. Das zieht momentan immer. Es ruiniert mit zwar total mein Vorhaben, überzogene Weiblichkeitsklischees aus ihrem Leben zu halten, doch das ist es mir wert. Das kompensiere ich mit Büchern von Pipi Langstrumpf.

3. Fehlen der Kita & Großeltern kompensieren

Es riss ein großes Loch in Knöpfchens Leben, ihre Freunde, Erzieherinnen und Großeltern nicht mehr sehen zu können. Mit den Großeltern videochatten wir in regelmäßigen Abständen. Mit meiner Mutter gibt es sogar eine abendliche Lese- und Gesangsstunde. Glücklicherweise ist auch Knöpfchens Bezugsperson in der Kita recht medienaffin und singt regelmäßig via YouTube Lieder vor oder hat eine Geschichte eingelesen. Sie gestaltet das recht interaktiv, indem sie die Kinder dazu auffordert, Zuhause Häuser zu bauen und zu fotografieren. Die Kinder müssen schließlich raten, wer welches Haus gebaut hat. Wir haben sogar mal versucht, mit Knöpfchens Freunden videozuchatten. Das war mir auf Dauer zu anstrengend. Daher sind wir auf Voicemails und kleinere Filme ausgewichen.

Da die Notbetreuung erweitert wurde, gehen inzwischen einige Freunde von Knöpfchen wieder in die Kita. Das hat sie nicht gleich verstanden. Hier habe ich sprichwörtlich zwei Fliegen mit einer Klappe mausetot schlagen müssen: „Knöpfchen, die Notbetreuung ist für Kinder, deren Eltern besonders aktiv gegen die ‚Vibas‘ kämpfen z.B. Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen, oder uns alle mit Essen versorgen z.B. Verkäufer*innen. Wenn die alle Zuhause blieben, um ihre Kinder zu betreuen, wer würde denn dann gegen die ‚Vibas‘ kämpfen?“ Das leuchtete ihr ein. Positiver Nebeneffekt: Es gab ihr Sicherheit. Da draußen sind Menschen, die die ‚Vibas‘ bekämpfen.

Zwar strauchelte ich an diesem Punkt erneut kurzzeitig, doch bekam gerade noch die Kurve: Mein großherziges Kind stand unmittelbar vor einer Depression, weil wir nicht gegen die ‚Vibas‘ kämpften. „Doch mein Knöpfchen wir kämpfen gegen die ‚Vibas‘. Unsere Waffen sind Steine bemalen, Hände waschen, Masken tragen, in den Ellenbogen husten und niesen, nicht ins Gesicht fassen, Hoffnungsbriefe für die Großeltern und Personen in Pflegeheimen schreiben, Abstand halten…nie war es einfacher die Welt zu retten!“ Um die Abwertung meiner eigenen beruflichen Tätigkeit kümmere ich mich später. Nicht systemrelevant! Pah.

30.04.2020