Erste Worte oder ‚Aua‘ is the new ‚Mama‘

Aua is the new MamaEs stimmte mich sehr nachdenklich, dass der erste eindeutige und scheinbar bewusst ausgestoßene Ausruf meines Kindes „Aua“ und nicht „Mama“ war. Der naive Leser könnte nun annehmen, mein Kind habe häufig Schmerzen und leide unter meiner wenig durchdachten Erziehung. An dem ist nicht so. Legt die Nummer des Jugendamts getrost beiseite!

Tatsächlich ist mein Knöpfchen noch nicht in der Lage konstruktiv Konzepte und Lautfolgen miteinander zu verknüpfen. Es ist zwar auf einem guten Weg, aber Schmerz und „Aua“ gehören noch nicht zusammen. Jedenfalls nicht im Kopf meines Kindes. Ihre stakkadoiden Ausrufe basieren bisher auf schlichter Imitation. Das bedeutet allerdings im Umkehrschluss, dass ich als sein sprachliches Vorbild häufig „Aua“ zu sagen scheine. Anders lässt es sich nicht erklären, dass Knöpfchen bevorzugt umgeben von älteren Mitbürgerinnen unserer Gesellschaft „Aua,aua,aua“ ruft. Im Crescendo steigern sich vorwurfsvolle Blicke und gute Ratschläge. Hmpf.

Anscheinend vernimmt Knöpchen den Ausruf sogar häufiger als vermeintlich frequentere Wörter wie ‚Hallo‘, ‚gleich‘, ’nein‘, ‚Mama‘, ‚Papa‘, ’nicht‘ , ‚Mist‘ oder auch kindgerecht phonetische komprimierte Sätze wie ‚Ei‘ (=Bitte streichle das andere Baby sanft, ich habe vergessen, deine Fingernägel zu schneiden.), ‚Hamham‘ (=Bitte iss den mühevoll selbst gekochten Brei, ich habe auch heimlich etwas Obstmus untergemischt, damit es schmeckt.) oder ‚AA‘ (=Echt jetzt? Hast du schon wieder in die Windel gemacht?).

Testweise beobachtete ich daher am heutige Tage mein Sprachverhalten. Und siehe da, ich hatte zahlreiche Aua-Anlässe: Mein Kind bietet meinem Auge den Nuckel an – Aua, es zieht mir das Kissen unter dem Kopf weg, der knallt auf die Fliesen – Aua , es hält meine Nase für ein Kraftsportgerät…naja, ihr versteht. Und das waren nur die ersten fünf Minuten meines Tages.

Sorgen bereitet mir in dem Zusammenhang, dass mein Kind offenbar’Aua‘ mit einem positiven Konzept zu verbinden scheint. Ihre Augen leuchten bei meinen erschrockenen Auas. Was passiert dann erst im Kindergarten oder auf dem Spielplatz? Ein Kind fällt hin und sie lacht sich kaputt? Sie zwickt ein anderes Kind und pieselt sich ein vor Lachen über die erschreckten Aua-tiraden? Doch wie vermittle ich meinem Kind, dass ‚Aua‘ eigentlich weh tut? Zurück zwicken scheint mir zwar eine wirksame, aber moralisch zweifelhafte Lösung. Brustentzug? Mir dünkt, dass Knöpfchen an der kognitiven  Verknüpfung von dem einen mit dem anderen scheitert.

Während ich also auf dem Klo über ähnlich komplexe Fragen der kindlichen Sprachentwicklung sinniere, dämmert mir langsam, dass meine Querbeeterziehung vielleicht doch langsam ein Fundament benötigt.