Kramiki-Kraoki-Kraomu Kind krank was nu?

In meinem Wochenrückblick muss ich mich diesmal mit einem Thema auseinander setzen, dass Väter und Mütter verzweifeln lässt. Eigentlich war ich nahezu zwei Wochen mit diesem Sachverhalt beschäftigt. Zwei Wochen lang hangelte ich mich von Absage zu Absage, fühlte mich sozial völlig isoliert und war mit meinen Nerven so am Limit, dass es mir mal wieder gelungen ist, meinen Mann, mein Kind und mich in eine Situation zu bringen, die wir mit Blut und Geld zu bezahlen hatten.

Das alles wegen Kraoki, Kramiki und Kraomu!!! Was nach leckeren, koreanischen Safrantörtchen klingt, meint tatsächlich die drei verschiedenen Krankheitszustände mit Kind.

Kraoki = Krank ohne Kind

Kramiki = Krank mit Kind

Kraomu= Krank ohne Mutter

Als das absolute Mamageddon  gilt Kramiki, wenn Mutter und Kind gleichzeitig krank sind. Es ist einfach unmöglich, sich sowohl um das Baby als auch um sich selbst angemessen zu kümmern. Irgendjemand kommt immer zu kurz. Ich bin mir allerdings nach den letzten zwei Wochen nicht mehr so sicher, ob Kramiki wirklich so furchtbar ist. Wir machten jede Variante des gemeinschaftlichen Krankseins durch. Gleichzeitig mit dem Kind krank zu sein, scheint mir nun gewisse Vorteile gegenüber Kraoki und Kraomu zu haben.

Was Erkältung, Durchfall und Verstopfung betrifft, beherrsche ich nunmehr zahlreiche alternative Heilmethoden, seien es feuchte Handtücher auf der Heizung, Thymianaufguss und Zwiebeln unter dem Bett, schräge Lagerung des Kindes bei Husten und Schnupfen oder sämtliche Bauchmassagen mit Kümmelöl, frisch geriebener Apfel bei Verstopfung sowie Möhrchen-Bananen-Brei bei Durchfall. Die Bahnhofsapotheke ist mein liebster Freund in solchen Zeiten. Das mutet zwar seltsam an, da ich bis zur Schwangerschaft bei dem kleinsten Erkältungssymptom zur Chemiekeule griff. Doch meinem Knöpfchen wollte ich das nicht antun. Sämtliche Krankheiten wurden daher bisher mit Hilfe von Mutter Natur und viel Nähe kuriert. Da Schwangerschaft und Stillen eine Medikamenteneinnahme für mich ebenfalls unmöglich machten, verließ ich mich auch ausschließlich auf die körpereigenen Abwehrkräfte. Erschreckend wie lange der natürliche Verlauf einer Krankheit dauert.

Mein Fazit ist nun, Kramiki ist hart, aber die erträglichste Variante. Im Gegensatz zu Kraomu und Kraoki können beide Patienten sich gemeinsam ins Bett kuscheln und vor allem eins-nämlich Kranksein, Tee trinken, ab und zu auf’s Klo, dösen und die Welt einfach sch****e finden. Wenn die Wohnung verranzt, was soll’s?  Bett ist der einzig zulässige Ort.

In den beiden anderen Fällen gibt es hingegen gewisse Interessens-und auch Gewissenskonflikte. Letztere allerdings ausschließlich mütterlicherseits. Bei Kraoki, robbt der Zögling ungeachtet plötzlicher Schwächeanfalle der Mutter durch die staubige Wohnung, entdeckt jeden liegen gelassenen Krümel und ergreift alles Verbotene, um es freudig in den Mund zu stecken. An einen Kurzaufenthalt im Heilung und Ruhe versprechenden Bett ist nicht zu denken.

Erkrankt das Kind, will die Mutter ungeachtet des quengelnden Kindes durch die Stadt krabbeln, shoppen, Sport treiben und jedes Kaffeeangebot anderer Mütter ergreifen und freudig verschiedene Backwaren in den Mund stecken. Nicht selten spürte ich mein schlechtes Gewissen anklopfen, wenn ich dem überwältigenden Drang nachgab und doch mal die eine oder andere Verabredung wahrnahm.

Kraomu und Kraoki führen allerdings dazu, das Mutter und Kind sich jeweils gegenseitig re-infizieren, solange bis ein Kramiki-Zustand erreicht ist und beide erschöpft endlich den Kampf gegen Viren und Co in der einzig geeigneten Arena führen: Im Bett.

Dort lümmelten mein Knöpfchen und ich letzte Woche. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Anfänglich trauerte ich all den versäumten Gelegenheiten hinterher. Zumal der Frühling vor der Türe stand. Doch irgendwie entwickelten mein Kind und ich einen humorvolle Art damit umzugehen und allmählich gewann ich den Eindruck, dass Kramiki sogar beziehungsfördernd war. Statt Planks mit den anderen Müttern im Park zu machen, tanzten wir zu zweit durch die Wohnung, kuschelten oder spielten.

Als ich dann eines Tages versehentlich mir statt mein Tochter das Lätzchen anlegte, hätte ich sofort B12 & Folsäure einnehmen, ein Kreuzworträtsel lösen und ein ausgedehntes Nickerchen machen sollen, um dem erneut ausbrechenden stilldemenziellen Syndrom entgegenzuwirken. Dank Erkältung entfaltete es eine durchschlagende Kraft. So waren weder mein Mann noch ich überrascht als unsere Fahrt zu IKEA leicht ausgebremst wurde, weil der Schlüssel im Schloss und wir uns jeweils auf der falschen Seite der Wohnungstür befanden.

Da wir bereits zur Beginn meiner Elternzeit ausgiebige Kenntnisse in solch einer Lebenslage sammeln konnten, aktivierten wir jegliche Ressourcen um einen Anruf beim Schlüsseldienst zu vermeiden. Auch Nachbarn unterstützten uns tatkräftig mit Getränken, Klomöglichkeit, Kreditkarten, Kleiderbügeln. Nachdem wir unsere Hände bei unseren kläglichen Einbruchsversuchen blutig geschrammt hatten, gaben wir auf und setzten den Notruf ab. Mit Handschlag und einem kumpelhaften „Wie geht’s denn so?“ begrüßte uns der Schlüsseldienst und befreite uns aus unserer misslichen Lage. Ganz ehrlich: Wir sind kurz davor eine Standleitung zum Schlüsseldienst einzurichten.

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