Perspektive Wiedereinstieg

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Seit vergangener Woche ist Knöpfchen das Kind einer erotischen, diplomatischen, distanzierten Führungskraft mit ovalem Gesicht und einem Hang zu blaustichigen Farben. Das ist offiziell bestätigt. Wofür so eine Elternzeit doch alles gut sein kann! Es blieb nicht nur für Babyschwimmen, Rückbildung oder PEKIP Zeit. Nein, ich fand auch zu meinem Farbtyp und lernte mich muttergerecht in Bewerbungsgesprächen zu artikulieren.

Fangen wir von Vorne an. Der Eintritt in meinen Mutterschutz begann mit einem Workshop im Rahmen des Programms „Perspektive Wiedereinstieg.“ Getrieben von der Angst, nach meiner Elternzeit keine Aufgabe, keine Geld und keine Anerkennung anderer Erwachsener zu haben, versuchte ich bereits vor meiner Niederkunft meine Einstiegschancen ins Berufsleben zu optimieren. Dabei soll die „Perspektive Wiedereinstieg“ helfen.

Das mag ich wirklich an der deutschen Gesellschaft. Es gibt für jede Problematik ein Programm. Und gibt es eine Problematik nicht, so wird eine passend zum Programm kreiert. Beispielsweise arbeitswillige Mütter und Väter im Übergang von Elternzeit in das Arbeitsleben. Ein Typus, der die Unterstützung öffentlicher Dienste dringend bedarf. Deswegen schuf das BMFSFJ 2008 die „Perspektive Wiedereinstieg“ Ob das Programm wirklich fruchtet oder am realen Bedarf vorbei geht, habe ich nicht eruiert, wäre aber spannend zu erfahren. Wahrscheinlich gibt es auf die Frage geografisch bedingt unterschiedliche Antworten.

Kugelrund wie ich war, besuchte ich also im vergangenen Mai einen kostenlosen Workshop der Reihe „Business-Knigge“. Hier lernte ich zusammen mit vier weiteren Frauen unterschiedlichen Alters und Kinderanzahl, meinen zukünftigen Arbeitgeber davon zu überzeugen, dass ich auch mit fleckigen Top und tiefen Augenringen eine Top-Fachkraft bin.

Ganz ehrlich, als ich mir die anderen Teilnehmerinnen so ansah, wurde mir klar, dass mindesten 80% der Frauen, ob mit oder ohne Kinder Schwierigkeiten, beim beruflichen Einstieg hätten. Ob es ihnen mit mir genauso ging?

Da war die junge Rumänin, die nach jahrelanger Tätigkeit in Frankreich nun mit ihrem Mann nach Deutschland kam und überraschend schwanger wurde. Kind Nummer zwei und drei hat sie gleich nachgelegt, um währenddessen nahezu perfekt Deutsch zu lernen. Ihr traute ich am meisten zu. Die anderen drei Frauen hatten auch zahlreiche Kinder und trotz akademischer Abschlüsse im naturwissenschaftlichen Bereich zahlreiche Jahre in Arbeitslosigkeit verbracht.

Völlig wertfrei grübelte ich darüber, ob es an falschen Erwartungen ihrerseits oder an ihren überdreht-verschrobenem Auftreten lag. Jedenfalls beängstigte mich die Tatsache, dass selbst Naturwissenschaftlerinnen schwer Zugang zum ostdeutschen Arbeitsmarkt finden. Welche Hürden hätte dann erst ich als Geisteswissenschaftlerin zu nehmen? Innerlich sah ich mich, alleinstehend, mit Fluppe im Mundwinkel und Kleinkind auf der Hüfte in einem Topf Suppe in einer alten Neubauwohnung im ach-so-lebenswerten Winzerla (Beate und die zwei Uwes kennen sich aus) stehen. Damit frustrierte mich der Workshop derart, dass ich die nächsten Monate das Programm und die Frauen mied. Zumindest an meinem Bedarf ging er gründlich vorbei.

Na gut, außerdem verbrachte ich lieber die Zeit mit meinem Kind. Überkam mich doch mal die Jobpanik, beruhigte ich mich mit dem Gedanken an all die zahlreichen Mütter, die es vor mir schafften. In besonders schwarzen Stunden entwickelte ich ein Teilzeitmodell, um bei meinem alten Arbeitgeber wieder einzusteigen. Oder schickte von Zeit zu Zeit halbernst gemeinte Bewerbungen an Bildungsträger in der Umgebung. In diesem Fall informierte ich in vor mich hingemurmelten Sätzen meinen Mann, dass er dann in Elternzeit müsse, ich jedoch nicht wirklich von einem Stellenangebot ausgehe. Stets nickte er kurz als erzählte ich ihm, dass er kurz mal Brot holen sollte.

Tja, wie wir alle wissen überschlugen sich plötzlich die Ereignisse und der berufliche Wiedereinstieg steht inzwischen kurz bevor. Weder mein Mann noch ich hatten damit gerechnet. Dass sein Arbeitgeber so unkompliziert einer zweiten Elternzeit zustimmte, kam auch überraschend. Insgeheim habe ich meinen Mann im Verdacht, dass er eigentlich auf eine Ablehnung hoffte. Vielleicht, weil ich es selbst tat?

Mental ist mein Liebster nun also dabei, sich an fünf Monate Fulltime-Papa zu gewöhnen. Gleichzeitig begann ich mit der Neuauflage meiner beruflichen Rolle – reaktivierte verschütt gegangenes Wissen, erarbeitete eine Chef-Checkliste, durchforstete die Seite des BAMF. Beim Blick auf meinen After-Baby-Body schwante mir, dass auch hier ein Makeover notwendig sein würde (Anglizismen Konto ist wieder aufgeladen). Hier kam nun die „Perspektive Wiedereinstieg“ erneut ins Spiel. Pünktlich zum Frauentag boten sie kostenlos eine Farb- und Stilberatung an. Glücklicherweise mit Kinderbetreuung.

Der Workshop war in zweifacher Hinsicht spannend. Einerseits hoffte ich, aus dem Workshop zu gehen und endlich zu wissen, was ich in einem Bekleidungsgeschäft einkaufen kann. Jedenfalls ohne danach von dem Katastrophenschutzteam umgehend verhaftet zu werden. Andererseits fieberte ich der Reaktion meiner Tochter auf die Fremdbetreuung entgegen.

Als ich die zwölf wuscheligen und fleckigen Mütter im Seminarraum erblickte, schwand meine Hoffnung auf optische Optimierung. Es war nicht zu erwarten, dass jede von uns in drei Stunden in den Genuss einer Beratung kommen konnte. Dazu war der Bedarf zu groß. Innerlich dankte ich meiner weisen Voraussicht, einen orangefarbenen Schal zu einem knallig rotem Oberteil angezogen zu haben. Streberhaft positionierte ich den farblichen Totalschaden, also mich, direkt in das Blickfeld der Typberaterin. Ihre Augen sollten bei meinem Anblick schmerzen. Mit Erfolg.

Nachdem sie quälend lang die Farbtypen Frühling, Sommer und Herbst vorgestellt und anhand von drei Teilnehmerinnen mit zahlreichen Farbbeispielen exemplifiziert hatte – Tücher, Brillen, Schmuck, die natürlich bei ihr käuflich zu erwerben waren – offenbarte sie mir mein ästhetisches Typgeheimnis: Winter! Schwarz, Weiß und alle Farben mit Blaustich sind meine ästhetischen Glücksbringer. Das Kalte und Intensive. Mein Schmuck ist Silber und darf dank ovalem Gesicht rund, eckig oder ruckig sein. Alles Ockerfarbene ist strikt zu meiden. Diesmal gehe ich mit Mehrwert aus dem Seminar. Allerdings bezweifelte ich, dass die acht verbliebenen Teilnehmerinnen von der Veranstaltung profitierten. Denn die Kursleiterin weigerte sich stur, den anderen ihre Jahreszeit zu offenbaren. Na ja, den Job können auch online-Tests übernehmen. Die Trefferquote scheint mir recht hoch.

Voller blaustichiger Ideen verließ ich den Seminarraum, um mein Kind zu suchen. Im Vorfeld hatte ich mich sehr auf die Kinderbetreuung gefreut. In der Nacht unmittelbar vor Frauentag, als ich wie üblich die kommenden Ereignisse mental durchspielte, beschlich mich ein seltsam mulmiges Gefühl. Ich kenne die Betreuerinnen ja gar nicht. Was ist, wenn das totale Flachpfeifen sind? Und sie meinem Mädchen weh tun? Oder sie vergessen zu windeln, nicht rechtzeitig schlafen legen, dass Essen nicht richtig erhitzen?? Sie fallen lassen??? Ich ahnte, dass meine Muttergefühle anklopften. Am nächsten Morgen packte ich eine riesige Tasche mit vorgekochtem Essen, Wechselkleidung, Windelutensilien, Spielzeug, Notfallnummern …leicht übertrieben?

Joar, mag sein, dass vielleicht mein A4-Spickzettel, auf dem ich nur die notwendigsten Hinweise (27) zur richtigen Handhabung meiner Tochter notiert hatte, tatsächlich etwas übertrieben war. Ganz sicher sogar. Vor lauter Eifer verspätete ich mich nämlich, kam in letzter Sekunde zum Veranstaltungsort und drückte mein Knöpfchen samt Reisetasche in die Hände einer Frau, die schnell noch nach ihrem Namen und der Farbe des Kinderwagens fragte. Weg war sie. Knöpfchen auch.

Das saß ich nun. Fühlte mich nackt und amputiert. Wartete auf das Weinen meiner Tochter, das den Trennungsschmerz bezeugte, den ich überdeutlich empfand. Hielt die Luft an und wartete. Mein apfelsinfarbener Schal wurde mir eng um den Hals. Da kam… nix. Immer wieder lauschte ich.War gelegentlich mehr mit dem Gedanken im Nebenraum als bei der Farbsache. Nix. NIXXX.

In der Pause überwältigte mich meine Sehnsucht. Nur kurz wollte ich mein Mädchen in den Armen halten. Doch die „Flachpfeife“ war mit meinem Kind spazieren. Ich sollte sie erst am Ende des Seminars wiedersehen. Verliebt wie ein junges Mädchen riss ich also die Tür auf, kaum dass sich die Kursleiterin verabschiedet hatte, rannte zu meinem im Kinderwagen liegenden Kind und beugte mein Kopf in freudiger Erwartung ihres strahlenden Gesicht’chens über sie. Vor meinem inneren Auge sah ich sie erleichtert auflachen, wie sie es immer tat, wenn ich sie alleine bei Papa ließ und ich schließlich zurück kehrte.

Stattdessen verzog sie ihre Schnute zu einem Merkelgesicht und weinte. Verzweifelte Tränen kullerten die Wange hinunter. Da war es also. Das Weinen, auf das ich die ganze Zeit gewartet hatte. Sie weinte es beim Wiedersehen. Das irritierte mich etwas. Es war, als begriff sie just in dem Moment, dass ich sie allein bei einer fremden Person gelassen hatte. Insgesamt überstand sie die Zeit der Trennung trotzdem besser als ich.

Damit brachte mir der Workshop nicht nur ästhetischen Fortschritt, sondern auch die Erkenntnis, für den beruflichen Wiedereinstieg ist nicht nur der enge Arbeitsmarkt eine Hürde, sondern viel mehr und vor allem die familienunfreundliche Arbeitskultur. Ja, ich habe zwar einen Arbeitsplatz. Ich habe jedoch auch genügend Berufserfahrung, um zu erahnen, dass dieser mir viel Zeit und Kraft abverlangen wird. Werde ich das leisten können? Will ich das leisten? Kann ich so lange von meinem Knöpfchen getrennt sein?