Sauna gegen das Coronavirus?

Herbstzeit ist Saunazeit. Kerzen & Kürbissuppe, Bücher & Basteln, heiße Schokomilch und eben Sauna. Das ist Herbst für mich. Kaum trübt sich der Himmel ein und es fallen die ersten Tropfen, schlüpfe ich in die Badelatschen, schnappe das Handtuch und werfe mir den Bademantel über. Am besten nach einem Läufchen im Nieselregen. Doch dieses Jahr zögerte ich. Dank des omnipräsenten Polochs (FSK 4 Variante von A***loch – meiner Tochter zuliebe) Corona.

Wie gestaltet sich ein Saunabesuch in Zeiten der Pandemie? Nackedei mit Maske? Statt Lendenschutz – Mund-Nasen-Schutz? Statt Aufguss verwedeln – Desinfektionsspray versprühen? Ist die Sauna nicht ein Tummelplatz für Viren? Mein Fazit nach dem ersten Saunabesuch:

Auf den ersten Blick war nichts anders. Gut, das Dampfbad befand sich im Ruhestand. Doch das hatte mich noch nie sonderlich gereizt. Maske durfte ich schon in der Umkleide absetzen. Denn die Coronaviren machen glücklicherweise vor gefliesten Räumen halt. Mögen sie nicht so. Ganz klar. Trotzdem Mindestabstand galt auch hier. Die Zahl der Saunabesucher pro Kabine wurde stark beschnitten. In die Finnische Sauna durften nunmehr nur 10 Personen. Spannend, dachte ich bei mir, zu Aufgusszeiten tummelten sich hier nicht selten bis zu 60 Personen. Da passierte es schon mal, dass plötzlich ein Männerkopf zwischen den Beinen auftauchte und ich innerlich betete, er möge sich nur ja nicht anlehnen. Das war jetzt anders. Endlich Platz! Ist ja spitze.

Doch die wenigen Plätze waren heiß(-begehrt). Musste man zu präcoronaler Zeit spätestens fünf Minuten vor Aufgußbeginn das Reservierungshandtuch auf der Saunabank ausbreiten, war jetzt das Zeitfenster von einer Viertelstunde zu optimistisch angesetzt. Bereits 20 Minuten vorher gingen die pensionierten Profis in Position gegenüber des Kabineneingangs. Von hier hatten sie die Tür und alle Geschehnisse davor ideal im Blick. Kaum sammelten sich mehr als fünf Paar Schuhe vor der Sauna, wurde der Turbo eingeschaltet und im Stechschritt durch die Tür gestürmt. Ich ließ es etwas ruhiger angehen, voll vertrauend auf meine Jugendlichkeit. Ja, richtig gelesen J-U-G-E-N-D-L-I-C-H-K-E-I-T! In Relation zum Durchschnittssaunagänger darf ich dieses Label für mich beanspruchen. Der ist schließlich stolze ü60. Nicht alle sind da in der Lage, länger als fünfzehn Minuten 90 Grad Hitze auszuhalten. Für einige war es schlichtweg das Limit. Zu meinem Glück gab es also immer mindestens einen, der kurz vor Aufgussbeginn den Schnitter kommen sah, barfüßig kapitulierte und fluchtartig die Manege verließ. Da war es auch schon geschehen. Einen raffte es tatsächlich hin. Pensionär und Kreislauf entschieden sich für die Horizontale. Das rief den Notarzt auf den Plan. Selbstverständlich mit Maske. Trotz der Fliesen. Alle am Leben. Nur die Gattin war empört, dass sie den dauerreservierten Platz verlassen musste. Da waren es plötzlich nur noch acht. Das hieß: Mein Auftritt. Endlich schwitzen. Doch ohne Verwedelung ist der Spaß nur halb so lustig. Im Galaxsea versuchte man, mit wohlriechenden Düften über den Verlust des Hitzeerlebnisses, das dem Kreislauf ne klare Kante zeigt, hinwegzutäuschen. Meine ehrliche Meinung? Schenkt euch das! Ein Duftdiffuser habe ich auch daheim. Wahrscheinlich gingen die pensionierten Herren so zeitig zum Aufguss, um wenigstens ein bisschen in den Genuss des Schwitzens zu kommen?

Bedauerlicherweise hat nicht nur das Aufgussverhalten gelitten, sondern auch die allgemeine Stimmung bekam ein paar Kratzer ab. Denn der internationale Handtuchkrieg erreichte einen neuen Höhepunkt: Die Handtuchnazis erhielten Konkurrenz von der Handtuchstasi. Diese war stets sofort zur Stelle, wenn einer der begehrten Saunaplätze widerrechtlich mit einem Stückchen Stoff belegt wurde. Und entsorgten selbiges unmittelbar. Nicht zur Freude des*der Besitzer*in. Unübertroffen, als eine Frau, die einer Victoria Secret Show entsprungen sein könnte, sich einen Handtuchzweikampf mit einer Vertreterin von Rubens Spätwerk lieferte. Letztere gewann. Klasse dank Masse. Außerdem war die Sauna zum Expertenforum für Hobbyvirologen mutiert. Verschwitzt diskutierte man, wann die Viren durch den Hitzetod dahingerafft seien. Sechzig Grad reichten. So das Fazit. Ich geh trotzdem lieber in die Finnische Sauna. Summa sumarum: Sauna stärkt nicht nur Durchblutung, Stoffwechsel und Immunsystem, sondern bietet soziologisch gesehen einen hervorragenden Ersatz für das ausgefallene Dschungelcamp 2020 und zerstreut so zumindest für kurze Zeit die Sorgen des Corona-Alltags. Und wenn man bis zur Kabinentür Maske trägt, entspannt sich auch das Infektionsrisiko bei 90 Grad.