Mamahonks neueste Rabenteuer: Rennsteiglauf 2026 – Von der Couch bis zum Grenzadler
Meine intrinsische Motivation, Sport zu treiben, verabschiedete sich zeitgleich mit Plazenta und Nabelschnur. Also vor ungefähr 44 Jahren. Seitdem ist es für mich von außerordentlicher Bedeutung, extrinsische Motivatoren zu schaffen, um meinen Luxuskörper aus der Horizontalen in die Senkrechte zu bewegen und Handlungen zu vollziehen, die Expert:innen gemeinhin als Joggen bezeichnen.
In meine Genetik eingeschrieben ist dennoch der Wunsch, irgendwann einmal einen Marathon zu laufen. Liegt vermutlich daran, dass ich bereits als Kleinkind zusammen mit meiner leicht übergewichtigen Großmutter zwischen Schweißgeruch und Turnschuhen der Ankunft meines Vaters in Schmiedefeld harrte. Als logischer Zwischenschritt fungiert der Halbmarathon.
Ungünstig nur: Seit ich 40 bin, fällt meine Energiekurve steiler ab als meine Motivation. Als sich meine Gesundheit Ende 2025 kurzzeitig offiziell verabschiedete, zog ich die Reißleine und meldete mich zum Jahreswechsel für den Rennsteiglauf an. Denn was ist besser geeignet, hinreichend Druck aufzubauen, als öffentlich proklamierte Selbstüberschätzung?

Öffentlicher Druck als Trainingsplan
Immer wenn ich mein soziales Umfeld über meine geplante Teilnahme an einem Halbmarathon informierte, erhielt ich bewundernde Ausrufe wie:
- „Wow, ich könnte das nie!“
- „Respekt!“
- „Also ich jogge ja nur bis zum Kühlschrank.“
Offenbar assoziiert man mit der Fähigkeit, einen Halbmarathon zu laufen, schlanke, durchtrainierte Körper, schicke Funktionskleidung und eiserne Selbstdisziplin.
Meine Realität hingegen:
Ein epischer Überlebenskampf in 20 Jahre alter Sportkleidung mit etwa 10 Kilo Übergewicht und einer Amygdala, die regelmäßig „Warum tust du mir das an?“ schreit.
Mir geht es nicht um Bestzeiten. Mir geht es um: Ankommen. Nicht sterben.
Januar: Ich plane, also bin ich (fit)
Kaum hatte ich mich angemeldet, rebellierte wenig überraschend meine Amygdala lautstark – tatkräftig unterstützt von meinem Immunsystem. Ein kratzender Hals, eine triefende Nase und ein Herpes, der sich pünktlich am ersten Arbeitstag des Jahres 2026 durch ein leichtes Kribbeln in der Unterlippe ankündigte. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass mein Immunsystem noch im vergangenen Jahr festhing.
Ich verschob den Trainingsbeginn um eine Woche. Aus Gründen der Selbstfürsorge. Selbstverständlich. Eine demotivierte Amygdala hatte damit nichts zu tun.

Voller Inbrunst stürzte ich mich in die Planung. Anstatt die Laufbibel mit ihren 520 Seiten aufmerksam zu studieren, destillierte ich sie zu einem unschlagbar simplen Konzept:
Mein Trainingsplan:
- wöchentlich 2 Läufe
- monatlich Steigerung um 5 km
Klingt machbar.
- Januar: 5 km
- Februar: 10 km
- März: 15 km
- April: 20 km
Der erste Lauf: Plan trifft Übergewicht
Dann kam der erste Trainingslauf. Ich bin mir nicht sicher, ob die Zuckungen in meinen Muskeln vom Übergewicht oder vom kollektiven Schock meines Bewegungsapparates herrührten. Doch ich stellte relativ schnell fest:
- Ich hatte 2025 einen Arbeitsunfall (Gelenkkapselriss).
- Ich habe 10 kg Übergewicht.
- Ich bin über 40.
- Die Zeit von Januar bis Mai vergeht erschreckend schnell.
Daraus leiteten sich zwei klare Ziele ab:
- Fuß instabil: → physiotherapeutische Übungen
- Zu schwer: → 10 kg abnehmen
Schon das Wort Abnehmen trieb mir allerdings jede Motivation zum Sport aus allen Poren.
Februar: Systemabsturz
Der Februar war ambitioniert und gleichzeitig gnadenlos.
- Reise nach Wien
- Magen-Darm
Meine Amygdala stemmte sich mit allem, was sie hatte, gegen jede Form von Bewegung. In die innere Verwirrung hinein knallte mein Großhirn schließlich die Hand auf den Tisch und rief: „Schluss jetzt! Stell dich nicht so an, du Bemme!“ Darin ist es gut.
Die Amygdala war beleidigt. Und nachtragend. Doch immerhin rettete ich meine Ziele, mindestens 50% des Monats 10.000 Schritte zu gehen und täglich meine Bewegungsangebote für die beleidigte Gelenkkapsel zu machen.
Trainingsstand Summa summarum am Monatsende: Null
März: Ernährungspsychologie im familiären Feldversuch
Bei ausbleibendem Erfolg neige ich dazu, meine frustrierte Amygdala mit Süßigkeiten zu besänftigen. Das verlieh dem Wort kontraproduktiv eine neue Dimension.
Prinzipiell hätte ich sagen können: Gut, dann lassen wir das – und mich mit dem Ring um meine Hüften arrangieren. Doch ich initiierte diverse Maßnahmen, um den Heißhunger zu bekämpfen.
Maßnahme 1:
Ich entfolgte dem #vegetarischkochen. All diese Bilder von perfekt angerichteten Bowls motivierten ausschließlich meinen Heißhunger, statt mein Beine. Statt Inspiration lieferten sie mir ein großes inneres Mjam und den dringenden Wunsch nach Essen.
Maßnahme 2:
Ich informierte Papahonk und die Kinder über meine Abnehmziele. Öffentlich erzeugter Druck und so. Das war ein Fehler.
Seitdem höre ich regelmäßig epische Vorträge über ernährungswissenschaftliche Highlights der Laufvorbereitung. Zusätzlich werde ich mit kritischen Seitenblicken bedacht, falls ich doch mal ein Stück Schokolade esse. Reicht das Essen nur für eine Person, heißt es: „Du willst doch abnehmen.“
Inzwischen muss ich meine Nascherei nicht nur vor den Töchtern verheimlichen.
Sondern vor der gesamten Verwandtschaft.
(Das Adrenalin, das meine Amygdala ausschüttet, wenn ich versuche, in einer 64‑Quadratmeter‑Wohnung ungesehen eine Packung Kinderriegel zu verdrücken, macht übrigens süchtig. Nur so nebenbei bemerkt.)
Und schließlich fand ich es. Das ultimative Mittel gegen Heißhunger. Quasi ein homöopathisches Wegovy. Ohne Spritzen. Supergünstig. Einzige Hürde: Ich musste es auch nehmen.
Stell dir vor, du hältst den heiligen Gral der Diätetik in der Hand – ein Mittel, das den Heißhunger pulverisiert und die sogenannte Food Noise im Kopf verstummen lässt – und nimmst es nicht, weil du einfach Bock auf Kinderschokolade hast. Das ist, als würdest du die Abnehmspritze zur Seite legen, um noch schnell ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte zu essen.
Herzlich Willkommen in meinem Leben!
April: Bulimielernen für die Beine
Der April – der letzte Monat vor dem Halbmarathon – war wie der Abend vor der wichtigsten Prüfung im Studium. Akutes Bulimielernen: In völliger Selbstüberschätzung wird versucht, acht Semester Wissen innerhalb von vier Stunden in das Gehirn zu prügeln – idealerweise ohne nachhaltige Schäden.


Auf mein Laufvorhaben übertragen bedeutete das: eine abrupte Steigerung des Trainingspensums von 5 auf 15 Kilometer. Mein Bewegungsapparat reagierte darauf erwartungsgemäß mit multiplen, nahezu letalen Muskelkatern und einer deutlichen Ablehnung dieses didaktisch fragwürdigen Ansatzes.
Die Generalprobe: Feldversuch mit Navigationsversagen
Am 1. Mai entschied ich mich für ein Abschlusstraining zur kurzfristigen Beruhigung des Gewissens kurz vor dem Wettkampf. Wenige Tagen vor dem Rennsteiglauf konnte etwas mehr Kondition nicht schaden.
Meine bisher längste Strecke: 15 km. Geplant für den 1. Mai waren 18 km.
Im Trainingsverlauf trat jedoch ein unvorhergesehenes Störereignis ein: Eine Kreuzung ohne Beschilderung. Rechts oder Links? Auf Basis subjektiver Geschwindigkeitseinschätzung und grober Selbstüberschätzung – vermutete ich , dass der korrekte Weg ausschließlich nach rechts führen könne.
Spoiler: Es ging nach links.
Fünf Kilometer später teilte mir Maps mit, dass ich etwa zwei Stunden zu Fuß nach Hause benötigen würde. Ich war komplett verirrt, kürzte ab und verlängerte dabei den Weg, weil meine inneren Topografiemodelle vollständig versagten. Als es zu dämmern begann, der Akku fast leer und die Trinkflasche vollständig leer war, schickte ich vorsorglich Nachrichten mit meiner ungefähren Position, versetzte das Handy in den Supersparmodus und lief zurück.
Irgendwann stolperte ich halb verdurstet und entkräftet durch Kunitz und klingelte bei dem ersten Haus, das nicht aussah wie aus The Texas Chainsaw Massacre. Ich bat um Wasser. Die Reaktion: viel Verständnis und der Satz: „Keine Sorge, Sie sind nicht die Erste.“
Das war also die Generalprobe. Aus geplanten 18 km wurden fast 30.
Wenigstens wusste ich nun: Ich würde den Halbmarathon schaffen. Auch wenn die letzten Kilometer eher im Grenzbereich zwischen Gehen, Kriechen und Sterben verortet werden können.
Rennsteiglauf: Nicht schnell, nicht elegant, aber angekommen
Dann war es soweit.
Im Vorfeld gab es eine kurze, aber intensive Verunsicherung wegen der Startunterlagen. Von allen Seiten hieß es, sie müssten zwingend am Vortag in Oberhof abgeholt werden. Ich hingegen hatte beschlossen, sie unmittelbar vor dem Start zu holen. Eine Entscheidung, die sich an der Bushaltestelle in Suhl schlagartig als diskussionswürdig erwies, als ich dort als Einzige ohne Startnummer stand.

Die Lage eskalierte, als ich feststellte, dass der Start – entgegen all meiner bisherigen Renn-Erfahrungen – nicht in Oberhof, sondern im Biathlonstadion Grenzadler lag. Das bedeutete: zwei Kilometer Fußweg von der Startnummernausgabe bis zum Start.

Was sich zunächst wie ein organisatorisches Desaster anfühlte, entpuppte sich als logistischer Glücksgriff. Der Weg ermöglichte ein schrittweises Eintreten in den Wettkampfmodus sowie eine strukturierte Aufwärmphase. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was ich die eineinhalb Stunden gemacht hätte, wäre ich direkt mit dem Shuttle zum Start gefahren. So hatte ich sogar ausreichend Zeit für eine ausgedehnte, etwa 30‑minütige WC‑Schlange.


Unter idealen Wetterbedingungen sang ich schließlich gemeinsam mit rund 7.000 weiteren Teilnehmenden das Rennsteiglied. Anschließend begann der Lauf.

Ich spürte jeden Meter.

Ich teilte mir die Strecke im Kopf ein, genau so, wie mein verstorbener Vater es früher getan hatte. Es war, als würde ich ihn ein Stück mitnehmen. Während des Laufens tauchten viele Kindheitserinnerungen auf, die sich wie eine Schablone über mein heutiges Leben legten. Der Weg vom Start zum Ziel fühlte sich an wie der Weg von der kleinen Manja zur erwachsenen Frau und Mutter – verbunden mit dem Loslassen alter Ideale und der Umarmung dessen, was ist.


Im Ziel standen meine beiden Töchter, ihre Onkel und meine Mama mit Mann.
Sie dort in die Arme zu schließen, war der schönste Moment.

Ergebnis:
Ich bin angekommen.
Und entgegen aller statistischen Wahrscheinlichkeiten:
Ich lebe.
Zum Abschluss ist es mir ein großes Bedürfnis, meinem Bruder und meinem Schwager von Herzen zu danken ❤ Sie übernahmen während des Rennsteiglaufs sämtliche Aufgaben eines professionellen Support‑Teams: Nudelparty, Shuttle‑Service, Kinderbetreuung, Zielmanagement, Bierlogistik, Grillkoordination und emotionale Stabilisierung.
Kurz: Ohne sie wäre ich vermutlich noch irgendwo im Thüringer Wald unterwegs.

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