No Baby, No Cry – Müttergenerationen

weinen-emoticon-gerundet-quadratisches-gesicht_318-56174Noch bevor man in den Muttikosmos taucht, wird man mit dem Modewort der zeitgenössischen Mutter konfrontiert: Bedürfnisorientierung. Egal, mit welcher Mutter ich ins Gespräch kam, irgendwann berichtete jede mit stolz geschwellter Stillbrust, dass ihr Kind Bedürfnisse habe und sie diese selbstredend stille. Als wäre dieses Verhalten eine pädagogische Innovation des 21. Jahrhunderts. Bedürfnis wird hier verstanden als Verlangen des Kindes nach Zuwendung, Nähe, Routine, Unterhaltung…. Besonders gerne wird dieses Wort hervor gezerrt, wenn die eigene Mutter, also die Oma, beim Enkelgucken fordert, „Lass das Kleine doch mal weinen! Es wird sonst zum Tyrann.“ Die moderne Mama von dem nichtweinenden Enkelkind, erwidert dann – mit zuckendem Augenlid und zitternd-hysterischen Unterton: „Bei mir muss das Baby nicht weinen. Mein Kind drückt damit ein Bedürfnis aus. Es kann das nicht anders. Kann ja noch nicht sprechen und ich erfülle es ihm.“ Gibt es eine Jungmama, die diesen Dialog nicht mit ihren Erzeuger*innen geführt hat?

Meine Mutter, also die Knöpfchenoma, und ich haben auch derartige Argumentationsketten geknüpft. Zur Geburt meiner Tochter stand für mich felsenfest: Das Weinen ist eine Mitteilung. Mein Anspruch:  Diese entschlüsseln und ihr gerecht werden. Diese Haltung verteidigte ich tapfer gegen meine eigene Mutter. Erst recht gegen meine Schwiegermutter, also Knöpfchenoma Nr.2. „Weinen kräftigt die Lungen“, waren sich beide erstmals einig. Plötzlich erinnerte sich meine Schwiegermutter, dass sie ihren Sohn, der Knöpfchenpapa, in den ersten drei Monaten immer abends in den Schlaf weinen ließ. Und habe sie ihren Sohn etwa nicht geliebt? (Der gleiche Junge übrigens, der bisher immer artig gewesen sei und auch NIE weinte. Alles klar!?) Das ist ja das fatale an Generationskonflikten. Weichen Handlungsmaxime im Nanobereich voneinander ab, fühlen sich beide Seiten jeweils angegriffen und ihr Konzept in Frage gestellt. Als wäre das eigene plötzlich weniger richtig oder gut, nur weil ein weiteres existiert und bevorzugt wird.

Die ersten beiden Monate hielt ich an meiner No-Cry-Maxime fest. Das Ergebnis: Ich war ein seelisches Wrack. Weinte mein Knöpfchen, bemühte ich mich darum, die Ursache zu ergründen. Nun hatte ich das Glück, ein Kind mit Dreimonatskoliken oder Regulationsstörung oder wie immer man es auch nennen mag, zu haben. Jedenfalls weinte meine Tochter sehr viel und oft. Ich windelte, stillte, schuckelte, kuschelte, streichelte, massierte, sang, trug, tröstete. Was tat mein Kind? Es schrie. Sehr konsequent und recht schnell sehr laut. Mir tat das Weinen regelrecht körperlich weh. Ich verzweifelte, weil es uns schwer fiel, sie zu beruhigen. Schließlich zweifelte ich. An mir und meinen Mamafähigkeiten. Irgendwann kapitulierte ich schließlich, trat meinen Anspruch in die Tonne und ließ die Kleine weinen.

Ich ließ sie aber nicht allein. Und siehe da. Wir begannen uns zu verstehen.  Von den tonnenschweren eigenen Erwartungen befreit, gelang es mir, gelassen mit dem Weinen umzugehen. Versteht mich nicht falsch. Dies ist kein Plädoyer dafür, sein Kind doch mal weinen zu lassen. Ich sperre mein Kind nicht in ein separates Zimmer und überlasse es sich selbst. Ich trage,  windel, schuckel, massiere, kuschel, stille, spiele, tröste weiterhin.   Allerdings darf mein Töchterlein dabei weinen, wenn ihr danach ist. Ohne schlechtes Gewissen meinerseits. Mir geht’s vielmehr darum, eine Lanze für die Bedürfnisse der Eltern zu brechen. Der Anspruch ein immerwährend zufriedenes und stilles Kind zu haben, zermürbt. Denn er ist unrealistisch. Babys weinen. Punkt. Und eine zermürbte Mutter/Vater nutzt weder dem Kind noch den Eltern.

Und ich gehe sogar soweit zu sagen, dass ich es zutiefst ablehne, eine Mutter zu kritisieren oder ein Baby zu pathologisieren, weil Letzteres weint. Regulationsstörung??? Hallo-ooo. Wir sprechen hier von einem weinenden Baby. Der Begriff Störung wird viel zu schnell und viel zu oft auf Neugeborene angewandt. Und kann fatale Folgen für die Eltern-Kind- Beziehung haben. Da wird einem Neugeborenen das Etikett Störung angeheftet, nur weil es lange und ausdauernd weint? Da fragt sich jede Mama, „Was mache ich falsch?“ und gerät ungewollt in einen Kreislauf der Verunsicherung. Ebendiese wiederum wittern die kleinen Würmer schneller als ein Spürhund. Auf der Suche nach Halt, Geborgen- und Sicherheit ist Unsicherheit natürlich das Zündholz an der Lunte zum Pulverfass ‚Kind‘. Ehe man sich versieht, explodiert die Stimmung. Ganz ehrlich, es gibt Tage, da habe auch ich so richtig schlechte Laune und egal, wie sehr ich mich bemühe, spätestens abends bekommt das auch jemand mit. Mein Mann ist zwar nicht glücklich darüber, bisher erträgt er mich Muffelmama jedoch ganz gut. Entspräche es konventionellen Verhalten, schriee ich auch lauthals. Stattdessen muffel ich vor mich hin und verspeise einen Kinderriegel. Oder eine Packung. Also den Inhalt, nicht die Verpackung.

Eine Sache verwirrt mich in der Generationenfrage letztlich doch: Warum sind die Großeltern, die die Notwendigkeit des Schreiens stets betonten, eigentlich die ersten, die meine Tochter beim kleinsten Mucks in schwindelerregende Höhen schwingen und ablenken? Da weiß die Kleine noch nicht mal, ob sie schlecht oder gut drauf ist und schwupps hat Oma sie schon auf dem Arm. Kürzlich geschah es dann. Ich fuhr meine Mutter an: „Jetzt lass sie doch mal schreien! Sie lernt doch sonst nie, sich selbst zu beruhigen.“

Zutiefst erschüttert ob dieser unglaublichen Worte aus meinem Mund plünderte ich das komplette Kinderriegellager im nächstgelegenen Supermarkt.