Mamahonks neueste Rabenteuer – Späte Mutterschaft

Es gibt Fragen, die verfolgen einen ein Leben lang. „Wann bekommst du endlich Kinder?“ gehört dazu. Kaum waren meine da, wurde ich konfrontiert mit „Wie fühlt man sich eigentlich als Spätgebärende?“ Eine ausgezeichnete Frage. Vor allem, wenn man gerade versucht, zwei Kinder davon abzuhalten, öffentlich über die eigene Faltenbildung zu diskutieren. Ein Erfahrungsbericht über Mutterschaft mit Zeitverzug, gesellschaftliche Vorurteile und die erstaunliche Erkenntnis, dass Chaos keine Altersgrenze kennt.

Ich persönlich halte nicht viel von Sprüchen wie „Man sei immer so alt, wie man sich fühle.“ Ich bin Realistin. Man ist immer so alt, wie man sein Alter fälscht.

Als junges und superhippes Mamahonk um die 40 brachte mich so gut wie nichts aus der Fassung. Es sei denn meine große Tochter, Knopf (damals 7), plärrte durch die gesamte Arztpraxis, dass es selbst noch die Sprechstundenhilfe, Steffi Müller, hörte, die gerade bei einer Runde Candy Crush auf dem Praxisklo entspannte:

Guck mal, Mama, die Frau hat genauso viele Falten um die Augen wie du am Bauch.“, lachte sie.

Nur um ein: „Deine Falten sind nur viel größer! Eher Lappen.“, hinterherzuschieben.


In den 23 Millisekunden, die mir für meine Reaktion blieben, bemühte ich mich, möglichst hoheitsvoll meine Tochter anzublicken. Liebevoll tätschelte ich ihren Kopf. Alle sollten sehen wie entspannt und gelassen ich im Umgang mit meinem Nachwuchs war. Einem erfahrenen, pädagogischen Superstar wie mich, brachte keine noch so schlecht vorgetragene Provokation aus der Fassung.


Das sind keine Falten, sondern Zeichen eines erfüllten Lebens.


Huldvoll blickte ich zu der betroffenen Dame, um mich zu vergewissern, dass ich die Situation in unserem Sinne pädagogisch wertvoll managte. Sie grinste.


FALTEN“, tönte meine Tochter.


ALTEN“, kam es aus dem zahnlosen Mund meiner Zweitgeborenen.


Kack auf pädagogisches Kindermanagement!


„Hier!“, ich hielt meinen Töchtern jeweils ein Brötchen hin.


Dann wisst ihr wie füllend das Leben sein kann.“, und schob sie in die spärlich ausgestattete Kinderecke, um meine Nase über die Tastatur zu beugen und diesen oder irgendeinen anderen Artikel fertig zu schreiben. So genau wusste ich das nicht mehr. Ich gehörte ja zu den späten Müttern. Gedächtnisschwund ist unser Naturell.


Späte Mutterschaft also.

Ein Thema, um das ich lange herumschlich. Doch ich kam nicht drumherum. Der Elefant im Raum.


Der Vorstandsvorsitzende meines Lieblingsvereins fragte mich während meiner ersten Schwangerschaft, wie ich mich denn so als Spätgebärende fühle? Das erstaunte mich derart, dass ich vergaß „Gar nicht“ zu antworten. Mit 34 Jahren fühlte ich mich nicht als Spätgebärende.

Das änderte sich mit der Geburt meiner zweiten Tochter. Da war ich 39 Jahre alt. Jetzt könnte ich ihm antworten. Wenn er denn nicht an Alter verstorben wäre.

Tja, dann müsst ihr halt als Adressatinnen meiner Antwort dienen. Sorry, Leute, was kann ich dafür, dass der alte, weiße Mann ausstirbt?


Wie fühlte ich mich als späte Mutter?

Grundsätzlich war mir das Gefühl nicht neu.

Unpünktlichkeit – story of my life.

Für meinen akademischen Grad benötigte ich bescheidene 17 Semester. Zum Kinder kriegen 9 Jahre und mindestens drei Fehlgeburten. Mit Zeitverzug kenne ich mich also aus.

Grundsätzlich habe ich die Haltung: Geil! Es hat geklappt. Ich habe zwei wundervolle, gesunde Mädchen. Ist es da nicht egal, wie oft man schon das Neujahr begrüßt und die Wiederauferstehung gefeiert hat? Damit kriege ich alle Skeptiker:innen mundtot. Ende der Geschichte? Nein, lasst uns gemeinsam genauer hinschauen, auch wenn es weh tut!

Zwischen Vollzeitjob, zwei Kindern und etwas, das sich mehr als Chaos als als Haushalt beschreiben lässt, möchte ich gerne mit euch die gängigsten Thesen später Mutterschaft auf ihr Belastbarkeit hin begutachten:

Späte Mamas helikoptern.

Wahr. Allerdings lag das nicht an meiner späten, sondern an meiner mehrfach verfehlten Mutterschaft. Wenn man ein Kind nach dem anderen verliert, wird man zu Glucke. Und das ist nicht immer einfach. Fehlgeburten treffen Frauen fortgeschrittenen Alters nunmal häufiger als jüngere.

Als Helikoptermama bestand die Gefahr des sofortigen Dissens. Shitstorm inklusive. Helikoptermamas haben immer etwas Soziopathisches. Die mag keiner. Denn das Ergebnis sind meist völlig verschrobene Kinder. Da waren sich alle einig.

Doch als Mamahonk tarnte ich mich einfach als Anthrophob. So merkte niemand, dass ich eine Helikoptermama war, die zusätzlich total auf Menschen stand. Trotzdem.

Mir fiel es äußerst schwer, anzuerkennen, dass ich die besten Gene stiften, die moralischsten Grundsätze vermitteln und die ethisch korrektesten Klamotten kaufen konnte und dennoch ein Restrisiko von 85 % bestand, dass aus den kleinen Schreihonks nette Persönlichkeiten oder eben Vollhonks wurden.

Ab dem zweiten Kind wurde es dann besser. Jetzt lasse ich Dinge auch mal laufen.

Späte Mamas sind beruflich und finanziell etabliert.

Unwahr. Man möchte meinen dass Personen, die ihr prämamaoides Leben mit totaler Hingabe dem Arbeitsleben gewidmet haben, ausreichend Knete auf die hohe Kante gelegt haben.

Haben sie auch.

Solange sie nicht Geisteswissenschaften als Arbeiterkind studiert, während des gesamten 17 semestrigen Studiums die Rübe weggeballert und anschließend in einem total sozialen Beruf sich selbst ordentlich ausgebrannt haben.

Ich habe erst als Mama verstanden, wie wohl schmeckend finanzielle Sicherheit ist. Doch Erkenntnisse in Handeln umzusetzen, braucht seine Zeit. Also dreht ich noch ein paar extra Runden. Jedes Kind war verbunden mit einem Jobwechsel.

Späte Mamas sind nicht mehr belastbar.

Irgendwie wahr. Auf dem Klo stellte ich mir häufig die Frage, wäre ich eine bessere Mami, wenn ich jünger wäre? Wenn ich ehrlich zu mir war, war ich Zeit meiner Mutterschaft auf der Suche nach geeigneten Beschäftigungsmöglichkeiten für meine Kinder.

Beschäftigungsmöglichkeiten, die einerseits möglichst wenig Engagement meinerseits verlangten, andererseits meine Kinder möglichst ausdauernd davon ablenkten, dass ich gerade den Haushalt schmiss, kochte, aß oder – Gott bewahre – auf dem WC war.


Beispielsweise versuchte ich Fünkchen davon zu überzeugen, dass die pädagogische wertvolle Motorikschleife das Spielzeug der Stunde sei. Mit mäßigem Erfolg. Sie zeigte deutlich größere Begeisterung dafür, zwei Finger in mein Nasenloch zu stecken und dreckig zu kichern.

Ich bemühte mich, mitzulachen. Die Töne, die meinem Mund verließen, schienen nach allem zu klingen nur nicht nach Lachen. Erschrocken stürzte Fünkchen zu Boden und versteckte sich hinter ein Couchkissen als wäre es ein Schützengraben.

Mission gescheitert. Statt friedlich spielendem Kind, hatte ich ein verängstigtes, schutzbedürftiges Fünkchen. Und wieder mal gab es kalte Küche zum Mittagessen.

Ich befürchte, diese Art von Leben hätte auch als junges Mamahonk, mich an meine Grenzen gebracht. Im Alter war ich nur wesentlich weniger bereit, Kompromisse zu machen.


Späte Mütter genießen Mutterschaft.

Späten Müttern wird häufig Gelassenheit im Umgang mit ihrem Nachwuchs nachgesagt. Sie seien viel entspannter und bewusster Mutter. Sie bedauerten nicht den vorübergehenden Verlust der Freizeitaktivitäten.

Humbug. Das klingt immer so, als hätten ältere Frauen, keine Arbeit, keine Hobbys und keine Bedürfnisse. Das Gegenteil ist der Fall. Tatsächlich häufen sich die Aufgaben und Interessen. Am besten beschreibt das wohl das Wort Sandwich-Generation, was nichts anderes meint, als dass man sich gleichzeitig um seine Eltern und seine Kinder kümmert.


Eine weitere Herausforderung später Elternschaft liegt meines Erachtens in der Tatsache, dass wir Eltern im letzten Jahrtausend geboren wurden. Das nicht nur im direkten, sondern auch im pädagogischen Sinne. Ich bin aufgewachsen mit „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“ oder „Iss deinen Teller leer, sonst gibt es morgen schlechtes Wetter“.

Von Bedürfnisorientierung hatten meine Eltern nicht gehört. Wahrscheinlich gab es derzeit nicht mal das Wort ‚Bedürfnis‚. Und Bedürfnisse schon gar nicht. Wenn du damit einen Kinder- und Jugendleben lang aufwächst, glaubst du daran und hältst es für richtig.

Als geistig reges Mamahonk wäre ich dennoch durchaus in der Lage, mir die pädagogischen Trends des 21. Jahrhunderts anzueignen. Tue ich auch. Die Ratgeber von Nicola Schmidt stapeln sich auf meinem Nachtischschrank.

Dennoch schlagen zwei Herzen in meiner – unserer – Elternbrust. Einerseits wollten wir es natürlich anders als unsere Eltern machen – zum Wohle der Kinder. Andererseits können wir es häufig (noch) nicht anders machen.

Uns fehlten schlicht die Strategien.

Dabei verstärkten sich bei uns Honkeltern zwei Faktoren: Kurzer Geduldsfaden wegen Überarbeitung und fehlende internalisierte Strategien von bedürfnisorientierter Erziehung.


Ich hatte mir die Maxime ‚Bedürfnis orientiert‘, ‚artgerecht‘ und ’nachsichtig‚ zwar ordnungsgemäß eingeprägt. Wie man sie gegenüber Kindern häufig innerhalb von Nanosekunden mit Inhalt füllte, blieb mir ein Rätsel.

Bereue ich es also, spät Mutter geworden zu sein?


Aus tiefstem Herzen: Ja!


Nicht, weil ich fitter, geduldiger, verspielter gewesen wäre.

Nein! Daran glaube ich nicht.

Schlicht und einfach aus dem Grund:

Die Chance mehr kostbare Lebenszeit mit meinen Kindern zu verbringen, wäre deutlich höher.

Meinen Töchtern gegenüber halte ich daher regelmäßig ein Plädoyer für junge Elternschaft. Womit ich vermutlich genau das Gegenteil erzeuge. Dennoch möchte ich nichts unversucht lassen, den beiden ein positives Bild von Mutterschaft zu vermitteln.

Allen anderen sei gesagt: Wenn Ihr Eurem Leben hin und wieder mehr Dramatik verleihen möchtet, dann empfehle ich, Kinder zu gebären. Und zwar, wenn sich der Körper bereits auf die perimenstruelle Pause einstellt. HöHö.

Eure Mamahonk!

P.S.: Seid ihr eigentlich späte Eltern geworden oder nur pünktlich gealtert? Erzählt mal. 😊

P.P.S.: Transparenzhinweis:
Ja, die Bilder sind KI-generiert. Die Falten, die Erschöpfung, die fragwürdigen Erziehungsentscheidungen und die existenziellen Gedanken über das Älterwerden stammen dagegen zu 100 % aus eigener Herstellung.

P.P.P.S.: PS:

Falls ihr euch fragt, ob es den perfekten Zeitpunkt für Kinder gibt:

Nein.

Man ist entweder zu jung, zu alt, zu arm, zu beschäftigt, zu ehrgeizig, zu müde oder zu nüchtern, um zu glauben, dass das eine gute Idee ist.

Und dann macht man es trotzdem.

Zum Glück.

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