#ReWrite: Abschied nehmen nach einer Fehlgeburt

Unter #ReWrite veröffentliche ich Artikel von mir, die es bisher nicht auf den Blog geschafft haben und im Entwürfe Ordner verstaubten. Sie sind daher nicht zwingend tagesaktuell, trotzdem wichtig und richtig. Heute kommt ein sehr persönlicher Artikel, den ich im März 2019 nach meiner 2. Fehlgeburt verfasst habe.

Vor zwei Tagen hatte ich eine Ausschabung. Seitdem befinde ich mich im emotionalen Autopilot. Überall lese ich, Trauerbewältigung ist das A und O für eine erneute Schwangerschaft. Und ich? Ich schmiede Pläne.

Am liebsten will ich kündigen, einen stupiden Teilzeitjob annehmen, um parallel Zeit mit meiner Erstgeborenen und meinem im Dornröschenschlaf befindlichen Blog verbringen. Garniert wird das Ganze von einer Ernährungsumstellung, meditativer Bewegung und finanziellem Erfolg in Selbstständigkeit. Ich sprühe vor Ideen und hüpfe von Seite zu Seite im weltweiten Netz und finde doch keine Ruhe. Bei der kleinsten Schwierigkeit kommen mir die Tränen und ich weine wie ein Schlosshund. Langsam wird mir klar, dass ich nicht einfach so weiter machen kann. Deswegen schnappe ich mir die Bewältigungsstrategie, die mir bisher immer half. Schreiben. Ich schreibe einen Abschiedsbrief für mein Baby.

Mein liebes Fünkchen,

bereits ein zweites Mal hast Du es nicht zu uns geschafft. Neben dem Schmerz, Dich nicht begrüßen zu dürfen, nicht erfahren zu dürfen, wie Du bist, beschäftigt mich die Frage, warum nicht? Hast Du Dich nicht wohl gefühlt bei mir? War mein Körper nicht gut genug für Dich ausgestattet? War in ihm zu viel Zucker, Fett oder andere Spuren schlechter Ernährung? War Dir die Residenz zu abgenutzt, zu alt?

War es Dir zu stressig in mir, wenn ich nachts vor lauter Sorge um meinen Arbeitsplatz oder um Deine krebskranken Großeltern nicht schlafen konnte? War es Dir zu laut, wenn Dein Papa und ich gestritten haben? War es Dir zu wenig Action, weil ich abends doch wieder lieber auf der Couch lag als im Fitnessstudio zu trainieren? War ich Dir zu schlecht gelaunt?

Mein kleiner Schatz, egal, was der Grund war, Dein Papa, Deine Schwester und ich lieben Dich und wünschen uns mehr als alles andere auf dieser Welt, dass Du zu uns kommst und uns komplett machst. Es war ein langer Weg dahin. Dein Papa und ich mussten erst zu uns finden, unsere Leben und unsere Beziehung sortieren, bis ausreichend Platz für Dein Geschwisterchen war. Sie verzauberte uns und lehrte uns wahre Liebe.

Aufgrund unseres Alters und unserer Persönlichkeiten (Angsthasen!), schwankten wir lange, ob wir Dich zu uns einladen sollten. Unser Vertrauen in unsere eigene Kraft und Körper war erschöpft. Dies schuf viele Blockaden. In meinem Kopf, in unserer Paarbeziehung und damit vielleicht auch zwischen uns – Dir und mir. Das spürte ich ganz deutlich.

Bei Deiner Schwester hatten wir noch vor der offiziellen Bestätigung durch den Frauenarzt, Deine Großeltern und Onkel informiert. Wir strotzten vor Vertrauen, dass das größte Glück zu uns gekommen sei. Bei Dir war das anders. Als Du das erste Mal kurz bei uns warst und Dich gleich wieder verdrücktest, wussten lediglich Dein Papa, Deine Onkel und eine Freundin von Dir.

Auch in dieser, meiner 3. Schwangerschaft, wusste nur dieser kleine Kreis Bescheid. Kurzzeitig hatte ich überlegt, dass ich sogar Deinem Papa nicht davon berichte, aus Angst, er verliere bei einem erneuten Abgang den Mut. Du bist gegangen, Papas Mut ist geblieben, leider auch meine Angst.

Diese beschissene Angst blockierte mich die gesamte dritte Schwangerschaft. Es gelang mir absolut nicht, eine Beziehung zu Dir aufzubauen, weil von Beginn an eine Entwicklungsverzögerung diagnostiziert wurde. Ich traute mich nicht, mich zu freuen oder mit Dir zu reden, weil ich befürchtete zu tiefen Schmerz zu empfinden, wenn Du wieder gehst.

Jetzt bist Du weg und es tut trotzdem höllisch weh. Hat Dir vielleicht meine Liebe gefehlt? Meine Trauer und mein Schmerz zeigen mir, dass ich viel, viel mehr Bindung zu Dir hatte als ich bereit war, zuzulassen. Erst jetzt wird mir klar, in wie vielen, kleinen Momenten ich täglich an Dich dachte.

Streiche ich zufällig über meinen Bauch, stehe ich über eine Seitwärtsrolle auf, esse ich Mozarella oder trinke ich Kaffee, fällt mir jetzt auf, da Du nicht mehr da bist, wie ich vor dem Abschied jedes Mal an Dich dachte und mich eine klitzekleine, vorsichtige Glückswelle überrollte – einfach, weil ich Dich wohlbehalten unter meinem Herzen wähnte.

Mein kleiner Engel, komm bitte wieder. Wir lieben Dich und wir wollen Dich von ganzen Herzen! Bisher habe ich immer erzählt, ich wolle Dich nur für Knöpfchen, Deine große Schwester. Damit sie ein Geschwisterchen hat. In meinen Augen ist die Beziehung zwischen Geschwistern, das Wertvollste, das wir unseren Kindern mitgeben können.

Allmählich begreife ich, wie sehr ich mich getäuscht habe. Nein, ich will Dich nicht für Knöpfchen! Ich will Dich für mich. Ich will Deine Fußtritte in mir spüren, Dich gebären, Dich stillen, Dich warm halten und trösten.

Ich will Mama sein, verdammt. Es ist das reinste, innigste und ursprünglichste Bedürfnis in mir.

Ich verspreche Dir, ich werde alles dafür tun. Ich sammle Informationen, arbeite an mir, meiner Seele, meinen Körper. Ich verstehe jedoch auch, dass es nichts bringt etwas zu sehr zu wollen. Zwang erzeugt Druck, Stress und Leiden. Deswegen verabschiede ich mich nun von Dir, lasse Dich gehen ohne zu wissen, ob wir uns jemals kennenlernen werden. Alles, was ich jetzt tun werde, tue ich in erster Linie für mich, damit ich meine innere Mitte – meinen Frieden wieder finde.

Mach es gut mein Liebling. Du bist für immer in meinem Herzen. Ich freue mich, wenn wir uns wiedersehen – sei es in diesem oder im nächsten Leben.

Deine Mama.

Edit: Unser Fünkchen brauchte noch zwei weitere Anläufe bis sie im Januar 2022 endlich auf unerwartete Weise unsere kleine Familie vervollständigte.

Mama wandert mit Baby

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