Wander-Quickies rund um Jena – 3 Tage, 3 Berge

Das Thüringer Bloggernetzwerk „Thüringen bloggt“ und Thüringen entdecken haben gemeinsam zur Blogparade „Summer in the city“ – zeig uns #deinSommer in #deinThüringen aufgerufen! Da mache ich mit. Das Ergebnis lest ihr hier.

Jena ist nicht nur die Universitätsstadt im Saaletal. Sondern auch ein wahres Wanderparadies. Ein Wanderparadies, das glücklicherweise nicht in den Alpen liegt. Gipfel, die mit Ach und Krach an der 400-Höhenmeter-Marke kratzen, kann man auch als frisch gebackene Mama mit lädiertem Beckenboden besteigen. Die Zugspitze nicht.

Und Elternzeit ist Wanderzeit. Was sollte ich auch anderes machen mit einem Menschlein, dessen gesamter Lebensinhalt darin besteht, rumzuliegen und zu rülpsen? Also nahm ich das Baby in die Trage und zwei Stöcke in die Hand. Bei den aktuellen Temperaturen empfahl es sich, auch eine gefüllte Trinkflasche einzupacken.

Die SaaleHorizontale mit knapp 100 Kilometern Wandervergnügen verzieh mir mein Beckenboden noch nicht. Das kam später. Deswegen beschloss ich, mir meine Elternzeit mit Wander-Quickies zum Jenzig, Landgrafen und der Kunitzburg zu versüßen. Begleitet mich gerne ein Stück. Es lohnt sich.

Wander-Quickie Nr. 1Der Jenzig 385 m ü.NN

Matterhorn vom Saaletal

Der Jenzig gilt als beliebtestes Ausflugziel der Stadt und gehört als Mons zu den sieben Wundern Jenas. Startpunkt für mich war die Distelschänke mitten in der Kleingartenanlage „Am Jenzig e.V.“. Von hier aus kann man über den Nord- oder den Südhang den Gipfel erklimmen.

Aufgrund der schweißtreibenden Temperaturen entschied ich mich für den Nordweg. Dieser führte durch den kühlen Wald. Hoch motiviert marschierte ich los. Meine Augen ignorierten erfolgreich die Beschilderung. Schließlich handelte es sich um meine ehemalige Trainigsrunde. Quasi ein Heimspiel. Ich marschierte und marschierte.

Kurz wunderte ich mich, dass es nicht aufwärts ging. Doch mein Gehirn hing in einem Hormonnebel fest und reagierte nicht. Als ich plötzlich auf einer Wiese stand mit Blick auf eine kleine Ortschaft. Da begriff ich, dass ich etwas sah, dass Napoleon 1806 übersehen hatte: Laasan. Idyllisch zwar, doch definitiv nicht der Jenzig.

Also umgedreht. Jetzt klebten die Augen an der Beschilderung und meine Bekleidung an mir. Hin und wieder kreuzte ein Mountainbikefahrer unseren Weg. Oben angekommen begrüßte uns ein grandioser Panormablick über Jena. Der Nord- und Südhang des Jenzig sind gleichzeitig Startplatz für Gleitschirmflieger.

Wir hatten das Glück und beobachteten einen Start. Vermutlich Anfänger. Immer wieder stoppte er kurz vor dem Abhang. Ich fieberte mit, während ich Fünkchen in der Trage stillte. Im Kopf ging ich meinen über zwei Jahrzehnte zurückliegenden Erste-Hilfe-Kurs durch. Nur so. Für alle Fälle. Doch alles ging gut.

Auf dem Gipfel ließen wir die zahlreichen Rastplätze und das Gasthaus „Jenzig“ ausnahmsweise links liegen. Abwärts wählten wir den landschaftlich schöneren Südweg mit seinen asphaltierten Serpentinen und markanten Muschelkalkhängen. Ich freute mich wie immer über den Saurierpfad Trixi Trias. Obwohl ich ihn schon mehrfach absolviert habe, zückte ich mein Smartphone und erweckte den einen oder anderen Saurier zum Leben. Fünkchen übte sich in Desinteresse. Es sei ihr verziehen.

Wander-Quickie Nr. 2 – Der Landgrafen 278 m ü.NN

Blick auf die Keksrolle

Gegenüber des Jenzigs liegt der Landgrafen. Ein Jahrzehnt lang verbrachte ich hier den Jahreswechsel. Bis nicht Corona, sondern meine erste Tochter kam. Jetzt trifft man mich meistens nur auf dem Waldspielplatz. Doch für ein schnelles Wandervergnügen ist der 2 Kilometer lange Anstieg immer gut.

Statt schnell, wurde ich erstmal aggressiv. Kennt ihr das? Hinter Euch läuft jemand. Und schnauft. Direkt in den Nacken. Ich weiß nicht, wieso, doch mich bringt das richtig hoch. Nicht auf den Berg, sondern auf die Palme. Hinter mir stiefelte so ein Vollhonk. Typ Hackfresse mit Schnauzbart. Egal, wie schnell ich auch ging und meine Stöcke hektisch in den Boden rammte, er blieb an mir dran.

Ich lief so schnell es mein Beckenboden zuließ. Trotzdem. Jedes Mal, wenn ich mich umdrehte, war der Typ noch zu sehen. Kam näher. Innerlich kochte ich. Mir brach der Schweiß aus. Fünkchen wurde unruhig und zappelte. Mein Aggressionslevel stieg proportional. Ich wünschte mir, meine beiden Hände wären Klobürsten. Gebrauchte. Und ich polierte meinem Verfolger die Gusche. Gelegenheitscholerikerin at it’s best.

Dann wurde es mir zu blöd. Ich legte eine Vollbremsung hin, in der Hoffnung, mein Verfolger zöge an mir vorbei. Schließlich wollte ich den Anstieg genießen. Doch zu meinem Überdruß blieb er stehen und streckte seine Hand aus. Der wollte Fünkchen tatsächlich streicheln! Das war zu viel des Guten. Das Waldlauf-Tête-à-Tête war jetzt passé.

Der Kampf war eröffnet. „Wenn du nicht augenblicklich die Griffel wegsteckst, fange ich an, Helene Fischer zu singen!“, keifte ich und brachte meine Stöcke in Stellung. Jaha. Da war er. Mein female approach to Selbstverteidigung. „Meine Güde, Se ham vielleicht Humor.“, japste der Mann. „Und ganz scheene Kärner in de Beene. Ihr Kleener hat sei Schnulla verlorn. Hier.“ Sprach’s und reichte mir den Nuckel von Fünkchen.

Stille.

Mann, war mir das peinlich. „Schau mal, die Aussicht!“, grummelte ich und zeigte auf das Saaletal. Die war so gigantisch, dass keiner von uns beiden etwas sagte. Als Kompensation erzählte ich ihm vom unweit gelegenen Napoleonstein und der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, als es Napoleon 1806 den Preußen mal so richtig gezeigt hatte. Er hörte aufmerksam zu, nickte und lächelte höflich. Dann gingen wir unserer Wege. Erst im Nachgang fiel mir auf, dass der Schnauzbart einen Reiseführer in der Hand hielt.

Wander-Quickie Nr. 3 – Die Kunitzburg 300m ü. NN

Der Gleißberg ruft

Am dritten Tag bestieg ich die Kunitzburg. Bessergesagt den Berg, auf dem die Kunitzburg steht. Also den Gleißberg. Die Kunitzburg selbst hieß wohl auch mal Gleißburg. Doch so nennt sie keiner. Das Errichtungsdatum ist ähnlich verschütt gegangen wie der Name der Burg.

Erstmalig erwähnt wird sie im 13. Jahrhundert. Geblieben ist nicht mehr als ein Ruine. Die Gipfelerstürmung ging gut los. Als ich den Hang entlang des Weinbergs vom Weingut Bad Sulza erklomm, klingelte mein Smartphone. Der Mann. Innerlich bereitete ich mich auf einen Vortrag über die Feldwespe bzw. gallische Wespe vor, die einen Staat im Dach unseres Bungalows gebaut hatte. Der Mann konnte sich sehr leidenschaftlich dafür begeistern.

Ich nahm ab. Es gab genau einen Satz, den ich bei einer Wanderung bei 34 Grad nicht hören mochte. Der Mann sagte ihn: „Schatz, deine Trinkflasche steht noch in der Küche. Ist das schlimm?“ Ob das schlimm ist? Scherzkeks.

Da ich statt eines Vortrags über die Feldwespe, nun einen Vortrag über den Kühlungseffekt eines vollgepullerten T-Shirts fürchtete, legte ich wortlos auf. Aufregen brachte nichts. Die Flasche stand trotzdem in der Küche. Ich marschierte weiter. Schwitzte. Die Lunge pumpte am Anschlag.

Als ich bei der Ruine ankam, sah ich aus wie eine Teilnehmerin einer Nordic-Walking-Gruppe des Zentrums für ambulante Rehabilitation. Nur mit Baby auf dem Rücken. Oben saß – der bayrische Schnauzbart. Er lächelte. Gerne hätte ich ihm nun erzählt, dass sich selbst die böhmischen Könige mit den Wettinern um diese Burg gekloppt hatten. Ich bemühte mich immer noch um Wiedergutmachung. Doch meine Zunge klebte am Gaumen.

Dankenswerterweise erkannte der Schnauzbart meine Not. „Ham Se Durschd.“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Er reichte mir eine Flasche. Schokomilch. Gierig trank ich. Es war ein Segen. Ein bisschen als hätte Kinderschokolade seinen Aggregatzustand geändert und würde getrunken statt gegessen. Wieder lobten wir die Aussicht.

Dann geschah einer dieser Momente, da berührt Dich Gott.

„I hoab a einen Sohn.“, sagte der Schnauzbart und blickte auf Fünkchen. Ich hatte es aufgegeben, der Welt zu erklären, dass Fünkchen ein Mädchen sei, auch wenn sie nicht immer rosa Kleidung trug.

Ich sah ihn an und fragte: „Geht ihr auch zusammen wandern?“. Ich dachte an meinen Vater. Von Kindesbeinen an zwang er meinen Bruder und mich zum Wandern in die Berge. Es gab sogar einen Zeitungsausschnitt von einer 30-Kilometer-Wanderung mit uns. Da bin ich 4 oder 5 Jahre alt. Als ich klein war, hat mich das ständige Gelatsche grenzenlos genervt.

Jetzt saß ich hier, mit Fünkchen in der Trage. Knöpfchen durfte nur fernsehen, wenn sie mit mir eine Wanderung oder Radtour gemacht hatte. (Gegner:innen der Zwangspädagogik – bitte einfach Mund halten. Disneyfilme sind nu‘ mal die Währung einer Sechsjährigen!) Wenn ich wandere, wandern meine Eltern immer mit. Ich hoffe, wenn meine beiden Töchter einmal erwachsen sind, wird das ähnlich sein.

„Noa,“ antwortete er. „I bin oan Sternenkindpapa.“

Stille.

Sanft lege ich Fünkchen, mein Regenbogenbaby, in seine Arme.

Er weint.

Mama wandert mit Baby

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