The Essence of Beikost

Ursprünglich plante ich, euch mit einem Artikel über Symmetrien und weitere Eigenschaften der Dirac-Gleichung zu beglücken. Doch. Meinen Alltag verbrachte ich gegenwärtig mit einem acht Monate alten Baby. Da gab es keinen Platz für relativistische Wellengleichungen oder Quantenfelder. Stattdessen setzte ich mich mit folgenden folgenschweren Fragen der Menschheitsgeschichte auseinander:

Wie beginne ich mit der Beikost? Brei oder BLW (Baby-led weaning)? Gläschen oder selbst kochen?

Baby-led weaning oder Löffelkost?

Für alle, deren Beikoststart schon etwas zurück liegt: Beikost ist der langsame Übergang von flüssiger Milchnahrung über eine halbfeste, mus- bzw. breiartige Nahrung hin zum Essen am Familientisch. Glaubt mir, die Frage „Brei oder kein Brei?“ hat dabei Potenzial für einen Shakespear’schen Fünfakter. Daher beschäftigte mich damit äußerst intesiv.

Fünf Minuten lang. Dann versagte mein präfrontaler Cortex. Digitale Demenz ließ grüßen. Apropos digital. Ich tat daraufhin das, was unsere Mütter schon taten. Nur in modern. Und fragte die, die Erfahrungen haben: Mamas auf Instagram und Facebook. Die mussten es wissen. Allerdings ließ ich eine Tatsache unberücksichtigt: Alle Mamas waren wegen Schlafmangels, penetranter Lautstärke und/oder kindlicher Fremdbestimmung dauerhaft im Eskalationsmodus. Das führte zu meinem ersten Shitstorm in social media:

Ich hatte das Wort Babybrei noch nicht zu Ende getippt, schon flogen mir die Kommentare um die Ohren: „Essen nach Plan geht gar nicht!“ „Mit Möhre beginnen? Da besteht Verstopfungsgefahr.“ „Mit Löffel füttern? Du entmündigst das Baby, wenn es nicht selbst wählen darf.“ „Erstickungsgefahr ist bei Brei höher, kann total leicht in die Luftröhre rutschen.“, „Du hast nur die eigenen Bedürfnisse im Blick und willst so schnell wie möglich abstillen.“ „Babys werden mit Brei überfüttert, Bei BLW kann das nicht passieren.“

Vor meinem inneren Auge sah ich ein übergewichtiges Fünkchen mit aufgeblähten Bauch das kurz vor dem Erstickungstod röchelte: „Du Egoistin.“ Stop! Das war zu viel für mein Helikopterherz.

Ich suchte Rat in der Wissenschaft. Und vergaß, dass diese hin und wieder auch fremdbestimmt, aufgebläht war und ihre eigenen Bedürfnisse im Blick hatte. So behauptete eine Studie, Fertigbrei enthalte zu wenig Kalorien. Darauf konterte die nächste Studie, BLW-Babys schienen mehr gesättigte Fette und weniger Nahrungsmittel zu essen, die Eisen, Zink und Vitamin B12 enthalten und ein hoher Anteil der Babys schien Nahrungsmittel zu bekommen, die ein Risiko des Verschluckens mit sich bringen könnten. Ich geriet ins Schwitzen! Irgendwie fühlte ich mich jetzt von den Wissenschaftler:innen geshitstormt.

Also probierte ich ganz traditionell, selbst zu denken und ging in die Bibliothek, um ein Buch zu suchen. Als ich verzweifelt nach einem Rezeptebuch für Babybrei kramte, kam ein Bibliothekar, der mich mit seinen braunen Augen an Don Juan erinnerte, auf mich zu und half emsig ein geeignetes Exemplar für mich zu finden. Er zeigte großes Unverständnis dafür, dass es nur noch breifrei-Bücher gebe. Voller Inbrunst äußerte er den superlatief gehenden Gedanken: „Weiß doch jeder, dass Flüssignahrung bekömmlicher ist! Alle Bodybuilder schwören auf Smoothies. Und den Babys wird feste Nahrung verabreicht. So ein Schmarrn.“ Fassungslos schüttelte er den Kopf.

Er empörte sich dermaßen, dass ich den Eindruck gewann, mit BLW vergifte man Babys. Schmunzelnd betrachtete ich ihn. Seine schmächtige Figur animierte mich dazu, darüber nachzudenken, woher er sein Wissen über die Ernährungsweise von Bodybuildern hatte. Vor meinem inneren Auge sah ich den Don Juan aus dem Sonderangebot auf der Couch liegen, wie er Fitness-YouTuber binge watchte. Ich kicherte. Trotzdem! Jemand, der so eine engagierte Meinung über Babynahrung hatte, musste einfach Ahnung haben. Ich beschloss, dem Bibliothekar meines Vertrauens…nun ja…zu vertrauen.

Mit zwei Rezeptbüchern für Beikost ausgestattet verließ ich die Bibliothek und stellte fest, dass ich meinem Bibliothekar mental irgendwie hinterherhinkte. War ich überhaupt bereit für feste Nahrung? Ganz gleich, ob mit dem Löffel oder mit der Hand? Erschrocken ertappte ich mich, wie ich mich regelrecht davor drückte, Fünkchen überhaupt an andere Lebensmittel als Muttermilch heranzuführen. Mal ehrlich! Ich hatte so lange auf ein Baby gewartet! Auch auf das Stillen. Und das sollte schon wieder vorbei sein? Ich ruinierte doch nicht meine Figur und hatte selbst nichts davon.

Wie beginnt man mit der Beikost?

Was passiert denn beim Stillen? Genau. Es werden die Hormone Oxytocin und Prolaktin ausgeschüttet. Stillhormone kommen auf der Liste der süchtig machenden Substanzen auf Platz 2. Direkt hinter Kinderriegel. Darauf sollte ich schon wieder verzichten? Abgesehen davon, dass durch die Stillerei mein Konsum an Kinderriegeln nicht ins Gewicht fiel. Gut, ich nahm vielleicht nicht ab, eben aber auch nicht zu.

Doch als ich im PEKIP Kurs erfuhr, dass alle Mamas bereits mit der Beikost für ihre gleichaltrigen Babys begonnen hatten, geriet ich unter Druck. Lediglich eine Mama stillte noch voll im 7. Monat. Ohne ihr Wissen gründete ich mit ihr eine Stillallianz und atmete jedes Mal erleichtert auf, als sie betonte, weiterhin voll zu stillen. Doch der Druck verstärkte sich.

Regelmäßig wehrte ich die zahlreichen Nachfragen der besorgten Großeltern ab. Das war nicht so einfach, wie es klang. Denn patchworkbedingt haben wir vier Omas und Opas. Manchmal praktisch. Manchmal nicht. Schließlich kapitulierte ich. Der Druck wurde unerträglich. Und zwar von unerwarteter Seite: Fünkchen herself. Sie schnappte nach allem Essbaren und schob es sich in den Mund. Das glückliche Leuchten in den Augen und das zufriedene Schmatzen signalisierten mir ganz klar – es war soweit. Zeit loszulassen.

Gut. Dann sollte es so sein. Dank des Bibliothekars würde ich wie bei Knopf den Brei kochen. Natürlich selbst. Wenn ich Fünkchen schon entmündige, dann mit hochwertigen Produkten aus dem Garten. Ich kann kochen. Es glaubt mir nur keiner, wenn ich das sage. Weder der Mann noch Knopf. Also würde ich Fünkchen jetzt von meinen Kochkünsten überzeugen.

Chronologie des Beikoststarts

  • Tag 1: Ratgeber mit Hilfe des besagten Möchtegern-Arnold-Schwarzeneggers ausleihen.
  • Tag 2 bis 11: 1001 Gründe erfinden, warum Fünkchen noch ausschließlich gestillt werden muss.
  • Tag 12: Döschen zum Einfrieren finden und von Perlen, Zucker, Essensresten befreien. Ja, Plastikdosen. Schreck lass nach! Cool bleiben – die Weichmacher waren bereits verflogen.
  • Tag 13: Gartenzucchinis kochen und verbrennen. Mist. Nochmal. Diesmal mit Möhren. Kennen wir ja schon. Anschließend portioniert auf sieben Tage einfrieren.
  • Tag 14: Ich blickte Fünkchen fest in die Augen und sagte: „Niemand hat die Absicht, dich mit würzbefreitem Brei zu füttern!“. Sie sah nicht sehr überzeugt aus. Irgendwie manovriere ich einen Löffel durch herumzappelnde Beine und Arme durch. So. Volltreffer. Wie schädlich ist Kürbisbrei im Auge eigentlich? Frage für eine Freundin.
  • Ab Tag 15: 20.000 Windeln wechseln, wegen Durchfall und stetig wunder werdendem Popo.
  • Ab Tag 16-30: Darüber sinnieren, was die Ursache für den Durchfall meines Babys war? Mögliche Annahmen:
    • Darmumstellung. In dem Alter stellt der Darm doch dauernd um.
    • Zahnen. Bei unerklärlichem Weinen, Durchfall und wunden Po ist das Zahnen beliebtes Bauernopfer.
    • Magen-Darm-Infekt. 😱Worst Case. Bitte nicht.
    • Der Brei ist schuld. Hätte ich doch BLW gemacht. Habe ich es doch gewusst, Dabei habe ich doch Möhre genommen.🤔
  • Tag 31: Identifikation der Ursache des nunmehr zwei Wochen anhaltenden Durchfalls im dezent erhöhter Johannisbeerenkonsum der Mama. Shit. Beinahe hätte ich es geschafft meinen Süßigkeitenkonsum durch Johannis- und Stachelbeeren zu kompensieren.

Ich strich sämtliches Beerenobst von meiner Ernährungsliste und pausierte eine Woche mit der Beikost für Fünkchen, bis sich ihr Stuhlgang und Po normalisierten. Dann überraschte ich sie mit dem kulinarischen Highlight eines Pastinakenbreis.

Diesmal nicht selbst gekocht. Ich hatte Gläschen gekauft. Innerlich zitternd vor dem Anruf des Jugendamts, entschied ich mich für Biobrei. Wenigstens Bio. Gab auch nichts anderes. Gefühlt stand sowieso überall Bio drauf. Wahrscheinlich, damit die Leute es kauften.

Was soll ich sagen? Seitdem lief es wie geschmiert. Ich machte nun von allem etwas. Gläschen. Selbst gekocht. Nudel in die Hand. Auch mal Brötchen oder Gürkchen. Sie lachte und freute sich über alles. Durst auf Muttermilch hatte sie weiterhin. So dass ich mich immer noch – Oxytocin sei Dank – im inneren Gleichgewicht befand.

Ach ja, macht es eigentlich etwas, wenn ein Baby wochenlang nur Kürbis-Kartoffelbrei ist? Ihr wisst schon, eine Freundin fragt.

Mama wandert mit Baby

Du möchtest keine Mamastisch-Beitrag verpassen? Dann abonniere meinen Blog und erhalte 4x monatlich Neues aus dem Leben von Mamahonk.

Anregungen, Kritik? Gerne per Mail. Folge mir gerne auch auf Instagram oder Facebook, um über die neuesten Einträge informiert zu werden. Und ganz wichtig: Weitersagen & Empfehlen – danke du Schnegge😀