12 von 12 Februar 2024 – postpatriarchale Belastungsstörung?
In meinem „12 von 12 Februar 2024“ geht es garantiert nicht um Fasching, sondern um die Maske des Patriarchats.

1 Seit dem Tod meines Vaters grüble ich viel. Die gegenwärtigen, gesellschaftlichen Entwicklungen sind dabei Wasser auf den Mühlen meines Großhirns. Die Rückwärtsrolle, die sich durch das Erstarken der AFD andeutet, bereitet mir Kopfzerbrechen. Seit Wochen schlafe ich mit Stokowski ein…

2 …und wache mit Stokowski auf. Meine Frustration über die kleinen Ungerechtigkeiten wird durch brachiale Wut auf das patriarchale System abgelöst. Erschrocken stelle ich fest: Ich bin Feministin. Als Doppel-X-Trägerin ist das in meiner genetischen Struktur festgeschrieben.

3 Völlig übermüdet bereite ich das Frühstück für mich und die Kinder zu. Mir geht durch den Kopf, dass es mir immer recht schwer fiel, mich öffentlich als Feministin zu bezeichnen. Also tat ich es nicht.

4 Während ich die Brotbüchsen in den Rucksäcken verstaue, frage ich mich, wieso? War es, weil der Begriff ‚Feministin‘ bei mir das Bild von wütenden, beinbehaarten Frauen hervor rief.

5 Als Fünkchen ins Wohnzimmer stapft und mich ihr zartes, unschuldiges Wesen bis auf’s Tiefste in meinem Herzen berührt, erkenne ich: Ich bin wütend. Und meine Beine könnten Alf von Melmac Konkurrenz machen.

6 Bin ich deswegen eine Feministin? Nein. Wütende, haarige Beine sind genauso eine soziale Konstruktion wie die 90-60-90 Schönheit. Eine Erfindung des Mannes. Als Mamahonk – Mutter von zwei Töchtern – habe ich keine andere Wahl als eine Feministin zu sein. Schon im Grundschulalter nimmt meine Große – Knopf – an, sie müsse ihren Körper irgendwie modellieren, um wertvoll zu sein. Obwohl ich stets predige: Herz und Hirn seien alles, was zählt.

7 Punkt 7:45 Uhr verlassen meine Mädels und ich das Haus – wohlwissend, dass ich sie als vollzeitberufstätige Frau die nächsten 10 Stunden nicht sehen werde. Ein weiterer Grund, meine feministischen Gedanken in Taten zu verwandeln: Mich kotzt es an (Pardon), zwischen BurnOut oder Altersarmut entscheiden zu müssen.

8 In der Arztpraxis – kurzer Gesundheitscheck – verwickelt mich eine ältere Dame in ein Gespräch. Ich versuche ihr, meine feministischen Erkenntnisse zu unterbreiten und stelle fest, das Thema ist für festgefahrene Konversationen mit den Schwiergeltern bei Kaffee und Kuchen zu empfehlen. Es ist in jedem Fall besser, als wenn der Schwiegervater in spe die Gesprächspause nutzt, um über seine Armeezeit zu referrieren.

9 Am Telefon versuche ich gelassen, auf die Belehrung eines Anrufers zu reagieren – eine Belehrung, die darauf basiert, dass ich selbst Kritik geübt habe. Aus meiner Sicht – konstruktiv. Aus seiner, nicht. Geht gar nicht, bin ja eine Frau und damit qua Geschlecht ahnungslos. Direkt darauf angesprochen, verneint er meine tollkühne These. Sicher, nicht jede*r verfügt über ausreichend Intellekt, um den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Kompetenzzuschreibungen zu verstehen. Doch es braucht ja Leute, um für die hohen Umfragewerte der AFD zu sorgen.

10 Zur Abendbrotszeit verabschiede ich mich von meiner stellvertretenden Chefin. In den letzten Wochen kommt sie um 6 Uhr und geht nicht vor 18 Uhr. Dazu fällt mir ein Zitat von Regine Hildebrandt ein: „Zu einem 400-Meter-Lauf treten ein Mann und eine Frau an! Der Mann mit zwanzig Metern Vorsprung und im sportlichen Outfit. Die Frau mit Rucksack, aus dem zwei Kinder gucken, vor ihr mehrere Hürden.
Da ist die Frage, wer schneller ist, müßig.“ Das gilt nochmal mehr für die Wissenschaft.

11 Zu Hause angekommen saugt mich meine Familie auf. Es bleibt keine Zeit zum Grübeln. Stattdessen werden wegen des 2-jährigen Kleinkinds meine Arme ca. 5 cm länger als beim Durchschnittsmenschen.

12 Während ich mit meinem Giraffenarmen erfolglos den Kakaobecher vorm Abstürzen bewahre, frage ich mich, wie ich meinen beiden Töchtern die Worte von Roseanne Barr vermitteln kann, ohne sie zu sehr zu traumatisieren?

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