Mit Kind zur Traumfigur

Bei dem Thema müsste der Artikel eigentlich in meiner Jugend beginnen. Denn, obwohl mir damals sehr wohl  bewusst war, dass Charakter und kognitive Fähigkeiten eine wesentlich bedeutsamere Rolle im zwischenmenschlichen Miteinander spielen als eine straffe Figur, schadeten die überflüssigen Pfündchen an Beinen, Bauch und Po meinem pubertären Selbstbewusstsein sehr. Schuld daran war meine Überzeugung, dass mich die Menschheit bei zwei Kilogramm weniger Lebendgewicht doppelt so sehr lieben müsste. Da es mir nicht gelang, diese schwere Gepäck loszuwerden, hatte ich mich selbst nur halb so lieb. Aus heutiger Sicht völliger Irrsinn. Doch vor 20 Jahren unumstößliche Wahrheit. 

Heute existiert für mich nur noch ein einziges figurbezogenes Kriterium: Meine Kleidung. Entweder sie passt oder sie passt nicht. Passt sie,  bin ich mit der Welt und meiner Figur zufrieden. Passt sie nicht, ist das ein klarer Zeiger für mich, die Sportklamotten aus dem Schrank zu kramen und den Kinderriegelkonsum zu reduzieren. Beides ist eigentlich ein fester Bestandteil meines Lebens, so dass weder das eine noch das andere notwendig wäre.

Allerdings lässt sich die körperliche Ertüchtigung während Schwangerschaft und Elternzeit unter Ulk verbuchen. Das bisschen Schwimmen, Rückbildung und Kinderwagengeschiebe ist Sport für Arme, jedoch nicht für Beine und Arme. Der Körper läuft in dieser Zeit zwar auf Höchstleistung und ist damit per se permanent im Sportmodus. Daher fällt der üppige Kinderriegelkonsum trotz Bewegungsabstinenz kaum ins Gewicht. Wortwörtlich. Gott sei Dank!

Doch diese Zeit ist nun passé. Seitdem ich arbeite, stille ich mein Kind nur nachts. Tagsüber bewege ich mich spärlichst und esse unregelmäßig viel zu viel. Zum Trinken komme ich auch nicht. Wenn ich dann richtig Durst habe, esse ich, weil ich Hunger und Durst verwechsle. Der Schlafmangel leistet  auch einen Beitrag dazu, um mein Wohlfühlgewicht immer mehr aus den Augen zu verlieren.

Ostern und meine Schwiegereltern, die ihren einzigen Sohn mit gut gemeinten 10 Kilo Schokolade beschenkten, gaben mir dann den Rest. Zeit meines Lebens ist es mir nicht gelungen, mit Schokoladevorräten sorgsam umzugehen. Meine Eltern waren stets und ständig bemüht, der Neigung meines Körpers Einhalt zu gebieten, jedes Stück Schokolade stolz nach außen zu tragen. Durch diese strikte Kontrolle bin ich seit Verlassen des elterlichen Haushalts außerstande, ein gesundes Verhältnis zu der süßen Versuchung aufzubauen. Ich bin quasi unselbstschokig. Geht das eigentlich nur mir so?

Ist es ein Wunder, dass ich schließlich letztes Wochenende eskalierte? Im Zuckerdelirium wurde mir dann klar, trotz halbwegs passender Jeans muss die Schokolade unter Bann gestellt und stattdessen das Sporttrikot übergezogen werden. Andernfalls schade ich nicht nur mir, sondern auch meiner Tochter. Wie soll ich ihr eine gesunde Lebensweise vermitteln, wenn ich selbst nicht dazu in der Lage bin?

Schnell musste ich feststellen, als berufstätige Mutter ist es gar nicht so einfach, Zeit für Sport zu erübrigen. Insbesondere mit Präferenz für Frühsport. Nach vier Stunden Schlaf vor der Arbeit mit weichen Beckenboden joggen?  Urgs. Das habe ich nicht mal ernsthaft in Erwägung gezogen. Abends ist die Motivation allerdings schon unauffindbar im Bett verschollen. Was also tun, wenn der 15-Jährigen in mir beim Blick in den Spiegel das Herz in die Hose rutscht? Wenn der Bewegungsmangel mich darnieder drückt? Sport mit Baby ist die Antwort. Was in der Elternzeit gut war, kann im echten Leben nicht schaden. Außerdem, ein kleiner Kiwasprint hat noch nie geschadet.

Es folgen nun – Meilensteine meiner mütterlichen Sportografie:

Dienstag (Ostermontag fand ja das weitreichende Schokogemetzel erst statt): Es regnete, also beschloss ich auf YouTube ein Sport mit Baby Video zu absolvieren. Internet war miserabel. Knöpfchen verweigerte sich. Unverständlicherweise wollte sie nicht meine Hantel sein. Also liefen wir zusammen ein paar Runden durch das Wohnzimmer. Babyrunden im Babytempo wohlgemerkt. Quasi ein Mini-Workout

Mittwoch: Kaum Zuhause angekommen, schlüpfte ich in die Sporthose, schnappte meine kleine Wanze und trabte zum Sportwagen. Schön und stolz und neu steht er in der Tiefgarage. Und angeschlossen. Der einzige Schlüssel? Bei Papa. Der war bereits im Garten. Also drehten wir ein paar Babyrunden auf der Straße vorm Haus. Mini-Workout 2.0

Donnerstag: Papa hat einen Zweitschlüssel anfertigen lassen. Also rein in die Klamotten, ab zum Thule Chariot, Kind festgezurrt und  auf die Straße. Wo es abermals in Strömen regnete. Hmpf.

Freitag: Klamotten, Schlüssel, Kind und Sonne. Alles da. Also los. Da klingelte es. Besuch ist immer willkommen. Wenigstens ein Spaziergang in die Berge sprang dabei heraus.

Heute: Morgens regnete es in Strömen. Also nahm ich mir vor, nachmittags wenigstens mit dem Rad in die Sauna zu fahren. Das fiel mir allerdings erst wieder ein als ich bereits in der Straßenbahn saß.

Erste Woche des Projekts Traumfigur mit Kind gnadenlos gescheitert. Doch ich gebe nicht auf. Bevor es jedoch  weiter geht, gönne ich mir erstmal  einen Schokoei. Denn trotz Körperstraffungsvorhaben gilt bei uns die Handtellerregel. Süßes, dass auf den Handteller passt, darf gegessen werden.