Ohne Scham und mit Kinderriegel oder was Mobilitätsrevolution und Sprach-Schlaf-Verwirrung mit dem beruflichen Wiedereinstieg der Frau zutun haben

Puh, seitdem ich wieder arbeite, stehe ich ständig im Widerstreit mit mir selbst. Das ist nicht so, weil Kind, Mann oder Haushalt ständig an mir zögen und ich ihnen nicht gerecht werden könnte. Was das betrifft, befinde ich mich aktuell in einer Luxussituation. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, ist der Haushalt erledigt, Essen gekocht und ich bekomme ein meist ausgeschlafenes, sattes und trockenes Baby in die Arme gedrückt. Mein Mann ist dann erstmal völlig zufrieden, wenn er im Garten etwas wirtschaften kann und lässt mich mit unserem Knöpfchen die gemeinsame Zeit auskosten.

Die tatsächliche innere Zerrissenheit kommt wahrscheinlich erst, wenn unsere kleine Wanze in den Kindergarten geht und beide Eltern arbeiten. Da werden die hauswirtschaftlichen Karten neu gemischt. Nein, mein innerer Konflikt rührt von ganz anderer Stelle her: Ist das Kind abends eingeschlafen, habe ich endlich Zeit! Zeit zu stricken, zu bloggen, Einrad fahren zu lernen, unsere nächste Reise zu planen, eifrig das nächste Handbuch für die Arbeit zu lesen, unseren Kräutergarten anzulegen, ein Workout zu absolvieren, meine Russischkenntnisse zu vertiefen …ja, ich habe einen ganzen Rucksack voll zu tun. Energiegeladen wie ich bin, krempel ich dann die Ärmel hoch, trinke noch schnell ein Glas Wasser und stürze mich voller Elan….auf die Couch und vergrabe meine Nase wahlweise in einen Jackson Roman oder drücke sie gegen das Tablet, um GNTM zu gucken. Wenn es wenigstens eine Biographie über eine gesellschaftlich bedeutsame Person oder ein TV-Format alá Hart aber Fair wäre! Doch nein, voller Inbrunst gebe ich mich der Trivialität hin. Ohne Scham und mit Kinderriegel. Das schlechte Gewissen kommt erst, wenn ich andere berufstätige Mütter treffe, denen es allein erziehend gelingt zu Imkern, sodass sie mit samtweicher gepflegter Hand mir ein Glas selbst erzeugten Honigs in die Hand drücken können.

Ganz ehrlich, ich möchte und kann gerade aber nicht anders. Tatsächlich fange ich nämlich an zu verstehen, warum so viele Beziehungen auf der Strecke des Elternwerdens bleiben. Zumindest, wenn man den Anspruch auf Individualität erhalten möchte. Ich habe einen echten Superpapa an meiner Seite. Dank ihm erlebt Knöpfchen gerade eine Mobilitätsrevolution. Er geht unglaublich viel mit ihr laufen, schenkt ihr Schuhe, organisiert einen Lauflernwagen. Und sie genießt die Entdeckung der Vertikalen und dankt es ihm ausdrucksstark, indem sie ‚Papa‘ zu ihm sagt. Selbstverständlich ihre Version davon. Und diese lautet ‚Ei‘. Das kommt dabei raus, wenn Papa das Anschauungsmaterial für die Redewendung ‚Mach mal Ei‘ ist.

Wahrscheinlich nölt mein Mann enttäuscht ob der Sprachverwirrung unserer Tochter deshalb in den letzten zwei Wochen ziemlich häufig darüber, dass die Rolle des modernen Mannes ganz schön anspruchsvoll ist und heutzutage vermeintlich alle Aufgaben am Mann kleben blieben? Ja, so ist er, mein Mann. Die Erkenntnis, dass das totalitär geführte Leben mit Kind „anstrengender als Arbeit“ ist, bringt nicht mir etwas Anerkennung für die letzten zehn Monate ein, sondern ruft das große Bedauern über vergangene Zeiten mit strikter geschlechtsstereotyper Aufgabenteilung hervor. Dass er dann vom Kind zum ‚Ei‘ deklariert wird, ist nicht unbedingt der Sache förderlich. Dementsprechend bin ich seit zwei Wochen mit Egostreicheln  beschäftigt. Schadensbegrenzung durch explizites Lob. Selbst für aufgefüllte Klopapierrollen…

Im Grunde macht er seine Aufgabe echt gut, was mir den beruflichen Einstieg etwas erleichtert. Dennoch sind wir zwei ständig damit beschäftigt, unsere zeitlichen Ressourcen aufzuteilen, sodass wir uns de facto äußerst selten gleichzeitig in der Wohnung aufhalten. Die Nächte nicht gerechnet. Woran das liegt? Wir haben ja eigentlich nur ein Kind? Und ein Kind ist schließlich kein Kind. Mag sein aber unser Keinkind ist aktuell schlafverwirrt. Irgendwie hat sie beschlossen, die fehlende Zeit mit Mama nachts nachzuholen. Mühevoll habe ich ihr wochenlang das Schlafen im Familienbett abgewöhnt, weil ich schlichtweg gerne mehr als 30 cm Bett zum Schlafen haben wollte. Innerhalb einer Nacht war das alles passé. Lautstark forderte sie ihre Rückkehr ins Familienbett. Dort gab sie zwar endlich Ruhe, tollte, jedoch wie ein Löwenjunges auf seiner Mutter auf mir rum. Resultat des Ganzen? Trotz einer Zubettgehzeit von 20 Uhr, komm ich selten auf mehr als sechs Stunden Schlaf. Da fehlt mir am Ende des Tages einfach die Energie, um den Selbstdisziplinmotor anzuwerfen und entweder etwas Produktives zu machen oder den von der Emanzipation überforderten Mann zu verwöhnen. Da gewinnen halt doch Heidis Hühner. Und der Kinderriegel. Diät, Einrad und die Kräuter müssen noch etwas warten.