Mama adé, hello Papa

Ich habe gekündigt. Innerlich. Wieso? Es ist unmöglich. Es ist unmöglich jeden Sonntag einen Beitrag zu veröffentlichen, wenn man berufstätig ist. Also kündigte ich der Vorstellung, regelmäßig einen Blog mit perspektivisch interessanten Artikeln zu füttern. Dank Beinah-Vollzeit-Job, Kind, Beziehung, Garten und Eltern im Rentenalter habe ich keine Zeit für Kreativität. Diese geht mir seit meiner Rückkehr in den Beruf aus dem Weg. Ist wahrscheinlich beleidigt, weil sie nicht ausreichend Aufmerksamkeit bekommt. Tja, da kann sie sich zu meiner Motivation, Sport zu treiben, gesellen. Die hat sich nämlich auch in den hintersten Winkel meines Lebens verkrochen.

Statt mit ihr, verbringe ich Zeit mit meiner Tochter und Sonnenschein im Garten. Das klappt zwar meist auch nur mit 1-2 Stunden Verspätung. Denn während Motivation und Kreativität durch Abwesenheit glänzen, sind die Überforderung und der Stress stetige Begleiter meines Lebens.

Wenigstens das Mama-Gen konnte ich aus der Elternzeit ins Berufsleben hinüberretten: Kaum höre ich das Quengeln eines Neugeborenen, quillt mein Herz über vor Liebe und urplötzlich bin ich nur noch zu 3-Sekunden-Konzentration fähig. Das ist quasi das Pendant zum 3-Sekunden-Schlaf: Ich konzentriere mich drei Sekunden und verfalle anschließend in eine Gott-wie-bist-Du-süß-Trance.

Ohne Scheiß. Kürzlich auf Arbeit hatte ich eine wichtige Besprechung mit einem Kollegen, der ironischerweise selbst zu diesem Zeitpunkt unmittelbar vor der Elternzeit stand. Da kam eine andere Kollegin, um ihren Nachwuchs vorzustellen. Glaubt ihr es denn, aber ich konnte schon unmittelbar im Gespräch nicht mehr sagen, worüber wir eigentlich sprachen. Roter Faden, adé!

Unterwegs grinse ich weiterhin wie belämmert, wenn ich Babys oder Kleinkinder in Knöpfchens Alter sehe. Allerdings ertappe ich mich in letzter Zeit auch immer häufiger dabei, wie ich beim Anblick kleiner Kinder an mein Mädchen denken muss und ich sie mir am Tag häufiger in Erinnerung rufe als sie selbst zu sehen. Das in Kombination mit der Beobachterinnenrolle, die ich Zuhause gelegentlich einnehme, wenn die Wanze zusammen mit Papa auf der Couch tollt, sind Öl ins Feuer der Sinnfrage des Lebens.

Letzte Woche ist es mir das erste Mal gelungen, die Mütter meines Geburtsvorbereitungskurses zu treffen. Zwar gehe ich regelmäßig zur Krabbelgruppe in die Gemeinde. Doch dort sind die Kinder in völlig unterschiedlichen Altersstufen. Da kommt mein müdes Gehirn gar nicht auf die Idee, einen Vergleich zwischen deren und meiner Lebenssituation anzustellen. Das ist bei meinen Müttermädels anders. Alle sind noch in Elternzeit.

Wirklich jede von ihnen hatte liebevoll geschnittenes Obst, gekochte Nudeln, frisches Gemüse usw. dabei. Außerdem war geplant, dass die Kleinen das erste mal gemeinsam Planschen. Dementsprechend packte jede Mama nach und nach eine Schwimmwindel, Sonnenmilch und ein Handtuch aus. Und ich? Ich kam fast eine Stunde zu spät, hatte ein trockenes Weizenbrötchen für’s Kind (für mich oder gar die anderen: nix) und gerade noch so ein Handtuch dabei. Naja, Knöpfchen ging ohne alles ins Becken. Die anderen dann auch:)

In den letzten Wochen wurde ich zunehmend unsicherer im Umgang mit meiner Tochter.  Warum? Gefühlt weinte sie ständig. Beim An- und Ausziehen, beim Essen und Laufen. Ernsthaft fragte ich mich, ob diese ständige Ausbrüche denn normal seien. Doch als ich bei meinen Müttermädels saß, bemerkte ich: Hey, das ist ja bei den anderen ganz genauso! Die blenden das Geheule nur mit einem selig-entspannten Lächeln aus. Plötzlich normalisierte sich mein Kind und ich erinnerte mich daran, wie angespannt der Papa auf das Weinen unserer Tochter gelegentlich reagierte als er von der Arbeit kam und mich nicht selten fragte, ob unser Kind denn normal sei. Während ich, dämlich grinste und mich fragte, was er nur habe?

Ja! So eine Elternzeit hat echt etwas Sabbathaftes. Das Treffen mit meinen Mamas hat so gut getan!!! Zu merken, dass irgendwie alles normal ist. Den Bezug und Austausch hat man im Arbeitsleben einfach nicht mehr so, weil die Zeit zur Auseinandersetzung mit Baby- und Kleinkindthemen gar nicht da ist. Während ich vor wenigen Wochen ernsthaft nahezu jedes Lebensmittel nachgeschlagen habe, bevor ich es Knöpfchen gab, drücke ich ihr inzwischen einfach einen Eierkuchen oder Puffer in die Hand und freue mich, dass sie es isst. Ob sie es verträgt oder nicht, ob es gesund ist oder nicht, darüber zerbreche ich mir den Kopf nicht mehr.

Und die Dankbarkeit hat Einzug in mein Leben gehalten! Falsch, sie war schon immer da. Doch jetzt hat sie sich in Schale geworfen und flaniert auf und ab auf dem Gefühlsboulevard. Ich bin unendlich dankbar, dass mein Mann und ich die Rollen getauscht haben. Zwar kostet dieser Rollenwechsel viel Disziplin, Respekt und Kraft, Kraft, Kraft und wirbelt uns immer wieder auf’s Neue durcheinander. Nicht selten streiten wir uns und kämpfen um die gegenseitige Anerkennung unserer neuen Rollen.  Doch ist es eine unendliche Bereicherung:

Für Knöpfchen, weil die Beziehung zu Papa so intensiv geworden ist und sie schon vor dem Kindergarten lernt, dass es mehrere feste Bezugspersonen geben kann. Für den Papa, weil die Liebe zu seiner Tochter noch stärker geworden ist und auch er die Gelegenheit bekommt fernab von Arbeitsdruck, die entspannten Seiten der Elternzeit im Sommer zu erleben. Ich glaube, das verändert den Blickwinkel auf alles. Und natürlich hat der Wechsel auch für mich einen Mehrwert, weil ich den Fokus voll auf meine Einarbeitung legen kann. Ich bin wirklich stolz, dass wir Gleichberechtigung so konsequent leben. Mir ist klar, dass das selbst in der Gegenwart keine Selbstverständlichkeit ist.

Klar, fast jeder Papa nimmt heutzutage die obligatorischen zwei Monate Elternzeit. Doch seien wir mal ehrlich, zumeist werden die am Anfang genommen oder dann, wenn es gemeinsam in den Urlaub geht. Das ist schön, aber weder die Frau erlebt, wie anstrengend es ist, nach der Arbeit nach Hause zu kommen und trotzdem weiter funktionieren zu müssen. Noch der Mann versteht ernsthaft, was es bedeutet alleine mit einem Kind Zuhause zu sein und nebenbei den Haushalt zu schmeißen, einzukaufen, zu kochen…