Diagnose: Ganz der Papa

Neulich auf dem Klo…

Eigentlich ist der 1. Satz eines Blogartikels  der alles entscheidende Satz. Quasi der Readcatcher. Doch darf ein Satz, der das Wort ‚Klo‘ enthält, tatsächlich der erste Satz in einem Blogbeitrag sein? Welche Assoziationen mag er wohl wecken und lädt er wirklich zum Weiterlesen ein? Testen wir es!

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Neulich auf dem Klo, als meine Tochter ihr tränenverschmiertes Gesicht zwischen meine trotz des fortgeschrittenen Sommers weiterhin blassen Oberschenkel presste und ich gerade mit meinem Darm über die Nahrhaftigkeit des vortäglichen Mittagessens philosophierte, fragte ich mich dezent gereizt, von wem sie das eigentlich habe? Diese gekonnten Punktlandungen, in den unpassendsten Momenten meiner inneren Entspannung tränenreich Aufmerksamkeit von mir einzufordern? Liebevoll streichle ich ihren Kopf während ich überlege, ob das genetisch bedingt sei?

Anlage vs. Umwelt

Psychologische Studien im Rahmen der Zwillingsforschung des Max-Planck-Instituts München haben ergeben, dass ca. 60-70%  unserer kognitiven Fähigkeiten angeboren sind. Falls also fehlende Intelligenz ursächlich für das leicht dramatische Verhalten meines Kindes ist, was sagt das über meine eigenen kognitiven Fähigkeiten aus?

Oder ist dieses Verhalten ein Resultat ihrer Sozialisation? Einstellungen, Werte und Normen sind ja vermeintlich kaum genetisch bedingt, sondern unterliegen den Umwelteinflüssen. Qua Erziehung kloaffin? Allerdings ende ich dann bei derselben Frage: Was sagt das über mich als Mutter aus? Stürze ich etwa völlig frustriert auf die Toilette und schiebe meinen Kopf zwischen die Knie des gegenwärtigen Klobesetzers und heule? Ich versuche mich zu erinnern, wann meine Tochter eine solche Situation beobachtet haben könnte?

Papa ist schuld

Ich komme zum Schluss – gar nicht! Zumindest nicht bei mir. Also müssen die väterlichen Vorbildfunktionen versagt haben. Ja, so muss es sein. Klingt völlig plausibel. Schließlich ist unsere gemeinsame Tochter in Aussehen und Charakter ein perfektes Abbild des Vaters. Ein weiblicher Miniklon meines Mannes.

Der gleiche Haaransatz, der gleiche Körperbau, die gleiche Physiognomie. Kürzlich stellte sich der der Papa neben die Kleine. Dabei zeigte er auf ihre und seine nackten Füße. Mit stillem Entsetzen stellte ich fest, selbst die Zehfehlstellungen sind identisch. Als ich meiner Mutter leicht säuerlich davon berichtete, setzte sie jeden Takt missachtend noch eins obendrauf: Knöpfchen laufe sogar wie der Vater.

Was hat meine Tochter eigentlich von mir, fragte ich mich den Klodeckel anwärmend leicht frustriert. Vielleicht die Augen? Selbst die ähneln den nussbraunen Hundeaugen des Vaters. Das Temperament? Bitte!? Ich mag impulsiv sein, aber so explosiv? Nein! Dahinter steckt bestimmt die Großelterngeneration. Mist! So sehr ich auch suche, ich werde nicht fündig.

Nun ist es leider ein zeitloses Phänomen, phänotypische Gemeinsamkeiten zwischen Kind und Eltern zu identifizieren. Das gleicht regelrecht einem Volkssport. Jede*r fragt und rät, wer denn wem ähnlich sehe? Für den vermeintlich ähnlicher aussehenden Elternteil ist es dann nahezu ein Ritterschlag. Seine Gene haben sich durchgesetzt! Das zweite Elternteil geht leer aus. Fast als hätte es durch die fehlende Ähnlichkeit sein Recht auf Elternschaft verwirkt. Wegen schwacher Gene entlassen!

In diesem Ratespiel habe ich selbst übrigens eine Trefferquote von 90%. Ich liege in 9/10 Fällen daneben. Daher nenne ich aus Prinzip die Mutter. Ich kenne die aufkommende Freude nur zu gut, wenn ein Außenstehender mit Inbrunst behauptet, Knöpfchen sehe mir ähnlich, sodass ich fast daran glauben kann. Doch auch die Ernüchterung über die Wahrheit ist mir wohlvertraut.

Papa wird trotzdem befördert

Da war es also wieder, dieses blöde eigenunnützige Gefühl der Enttäuschung. Da investiert man nahezu ein Lebensjahr, marathonisiert  das Ratgerbelesen, ernährt sich zwangsgesund, verzichtet auf mindestens 280 Kinderriegel, schwimmt treudoof seine Bahnen in einem völlig unterkühlten und mit Rentern überfüllten Schwimmbad, opfert Job, Figur, Beckenboden und Haare; doch wem sieht das Kind ähnlich? Papa.

Knöpfchen sieht Papa nicht nur ähnlich, sondern verhält sich auch wie er. Selbst Tomaten mag sie nicht! Das ist fast so, als investiere man beruflich alles in ein Projekt, schrubbe permanent Überstunden und letztendlich erhält die Kollegin die Beförderung!

Diese bittere Erkenntnis allmählich akzeptierend, ziehe ich die Hose hoch, drücke die Klospülung, wasche meine Hände und stapfe von Mendel frustriert ins Wohnzimmer, wo der stolze Papa auf der Couch sitzend ein Buch liest. Mein Mädchen dackelt mir leicht verheult hinterher.

Mein Kind, dass äußerlich so offensichtlich nach dem Vater kommt. Eine kleine Kullerträne stiehlt sich in mein Auge. Schwer seufzend setze ich mich vor die Couch, bette meinen Kopf auf die Knie meines Mannes und lass die Tränen rollen.

Liebevoll streichelt er mir über den Kopf.