Die Reziprozität von Little Murphy’s Law

TrotzkopfKürzlich erwiderte eine Co-Mama auf meinen Nervenzusammenbruch, den ich nach einem 15 Minutenkampf mit meinem kleinen Wutmonster erlitt: Ich denke einfach, dass es sie ärgert, dass sie ihre kleine Welt nicht so erkunden kann wie sie es gerne will und einfach dich dazu braucht. Das habe ich in einem Ratgeber gelesen. Bald, wenn sie laufen kann, ist der Spuk vorbei und deine Tochter wird dir wieder sehr viel Freude bereiten. Ganz bestimmt!!! Bis dahin wünsche ich dir nerven wie Drahtseile.

Was meine gute Bekannte nicht wusste, Knöpfchen läuft bereits. Sehr gut sogar. Leider hat mein Kind etwas mit den Wutphasen missverstanden. Wahrscheinlich liest sie andere Ratgeber als meine Freundin. Sie lernte zuerst Laufen, begann danach das große Heulen. Permanent ist sie im Wutmodus, wirft sich auf den Boden, zurück, nach vorn, sodass sie schon mal von der Bank blumst und eine ordentlich Portion Sand inhaliert. Beim Wickeln tritt sie wie verrückt nach mir und zwar mit einer solchen Wucht, dass sie vom Rückstoß mit dem Kopf gegen die Wand knallt. Das trägt – Achtung, Überraschung –  nicht unbedingt zur Deeskalation bei. Eigentlich nörgelt, heult und schreit sie gerade durchgehend vom Aufstehen bis zum Schlafengehen …

——————————————————–Zwei Tage später—————————————————

Im Mamanetzwerk existiert eine dezente Vorsicht, um nicht zu sagen Angst, sich zu freuen. Entsprechend dem Motto, freust Du Dich über etwas, setzt Du Little Murphy’s Law in Gang und dann geht schief, was schief gehen kann. Kürzlich bestätigte sich diese Regel. Ich schwärmte davon, wie gut meine Tochter durchschlafe. Prompt zeterte und wetterte sie sich durch die Nacht. Am nächsten Morgen sprachen mich meine Kolleg*innen auf meine Horst-Tappert-Gedenk-Augenringe an.

Überraschenderweise funktioniert Little Murphy’s Law auch umgekehrt. Kaum setzte ich mich an diesen Artikel über die töchterlichen Wutneurose, marschiert die kleine Wanze mit stolz geschwellter Brust und selbstbewusstem Doppelkinn an mir vorbei durch die für sie nun viel zu winzige Wohnung. Dabei wirkte sie ausgenommen zufrieden. Was heißt zufrieden? Der Blick, mit dem sie stapft, sagt laut und deutlich: Nenn mich Königin!  Allmachtsphanatasien lösen Nahtoderlebnisse ab.

Es bereitet mir unglaubliche Freude, sie zu beobachten. Wahrscheinlich ein Grund, warum unser TV über ein Jahr großflächig einstaubt. Dabei gewinne ich den Eindruck, gegenwärtig kann sie nix stoppen. Kein Hausschuh oder Tischbein, die plötzlich und völlig unerwartet ihren Weg kreuzen, können sie bremsen. RUMMS. Weiter geht’s. Selbst der befürchtete Quiekser fällt relativ schmalbrüstig aus. Wann verliert man eigentlich dieses aufgeblähte Vertrauen in die eigene Fähigkeit, die ganze Welt zu beherrschen und nach seinen Vorstellungen gestalten zu können?

Ich versuche mich zu erinnern, ob es in meinem Leben auch einen Zeitpunkt gab, an dem ich so überzeugt von mir war. Mein heutiger Leitsatz – das Niebuhr’sche Gelassenheitsgebet – ist mir vom Leben einem Diamanten gleich in mein Bewusstsein geschliffen worden:

  Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
  den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
  und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Das war jedoch nicht immer so. Bereits nach kurzem Kramen im Gedächtnis, entdecke ich auch in meiner Kindheit eine kurze Phase der Omnipotenz. Der größte Verdienst meiner Eltern ist u.a. mir eine hohe Wertschätzung für die uns umgebende Natur mitgegeben zu haben. Sie ist ein schützenswertes Gut, die ohne uns, aber wir nicht ohne sie, überleben kann. Meine Liebe zu ihren Bestandteilen insbesondere der Fauna ist tief. Leicht vorstellbar, wie erschüttert mein kindliches Gemüt angesichts des zerstörerischen Umgangs des Menschen mit ihr war. Klar, dass ich sie verteidigen wollte. So machte ich mich im Alter von 10 Jahren auf, das Robbenschlachten in Norwegen zu beenden. Ich mobilisierte Freunde, wir malten Plakate, aktivierten die Presse, sammelten Unterschriften und holten den damaligen Bürgermeister ins Boot. Mir war klar, dass das die einzige Strategie gegen die Unmenschlichkeit sein kann.

Also nahm ich meinen gesamten Mut zusammen, rief auf der Polizeistelle an, um eine Demonstration anzumelden. Hastig trug ich mein Anliegen vor. Am anderen Ende blieb es einen Moment still. Schon befürchtete ich, dass Minderjährige keine Demonstration anmelden dürfen. Allerdings wäre das schon eine große Frechheit, Kindern zivilgesellschaftliche Partizipation zu verweigern.  Wo gibt es denn so was? Man bat mich schließlich darum, persönlich vorzusprechen, um die Gelegenheit regeln zu können.

Mein Herz bumperte und sprang fast aus der Brust als ich mit Verstärkung durch meinen großen Bruder und ein paar Freundinnen das Polizeiamt betrat. Die Beamten staunten nicht schlecht als sie den bunten Haufen Kinder sahen, der mit wild entschlossenem Blick und größter Selbstverständlichkeit verkündete, eine Demonstration anmelden zu wollen. Schmunzelnd fragte man mich, wie viele Teilnehmer kämen. Zehn, trompetete ich. Zehn Schüler der 4. Klasse treten an gegen die Röbbenmörder Norwegens. Man entließ uns freundlich lächelnd mit den Worten, die Demo müsse man nicht anmelden. Nur wenn eine Kundgebung an einem Ort daran geknüpft sei, wäre man dazu verpflichtet.

Wir zogen am nächsten Tag los, stets darauf bedacht ständig in Bewegung zu sein, um ja nicht den Verdacht einer Kundgebung zu erregen, schafften es in den Lokalteil der Zeitung und leierten dem Bürgermeister 2,10 DM für das Porto der 2.000 Unterschriften aus den Rippen. Den haben wir es gezeigt, den miesen Robbenschlächtern!!!

In Retrospektive glaube ich, wir wurden von den städtischen Behörden unter der Kategorie „niedlich“ geführt. Wahrscheinlich sind die 2.000 Unterschriften nie angekommen. Tja. Mit 5 glaubte ich, mich der Welt bemächtigen zu können. Mit 10 Jahren brach ich auf, die europäische Gesellschaft mitzugestalten. Und heute? Heute bin ich Pragmatin. Beruf und Familie. Zeitmanagement. Achtsamer Umgang mit den Ressourcen. Irgendwie passt das nicht zum Revoluzzertum. Zu Schulzeiten stolperte ich über den Begriff des Biedermeiertums. Heute frage ich mich, wie viel Biedermeier eigentlich in mir ist?

Knöpfchen besitzt noch ihren Glauben an ihre uneingeschränkte Macht. Ihre Bediensteten – wir Eltern – bestärken sie ungewollt täglich darin. Sie
gestaltet die Welt nach ihrem Vorstellungen und sortiert die Dinge in unserem Haushalt neu. Ich werde sie so lang wie möglich gewähren lassen.

 
Ich gestalte die Welt, wie sie mir gefällt