Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Zeiten von Corona – Woche 1

Ich begrüßte die Schließung von Kitas und Schulen aufgrund der Corona-Pandemie. Genau wie die wochenweise Krankschreibung per Telefon. Geil, dachte ich, hatte ich nicht heute Morgen eine verstopfte Nase? Was sage ich? Ein Mörderschnupfen war das! Zwei Wochen krank, drei Wochen Urlaub. Fünf Wochen Freiheit. Läuft. Schnell noch ein bisschen hamstern und dann runterkommen. Jipeh. Tiefenentspannung pur. Doch dann erinnerte ich mich an eine winzige Kleinigkeit. Ich war Teil eines Leitungsteams. Da war doch was. Gab es da nicht diesen komischen Kapitän, der sein Schiff als letztes verlässt? Mist. Ich muss da sein, strukturieren, gestalten, die Ruhe bewahren. Echt jetzt? Na gut, was soll’s. Was mache ich bloß mit Knöpfchen?

Hier erwies sich unser Paarerziehungsmodell als klarer Vorteil. Wir hatten den Spaß schon in Kindkrankphasen erprobt. Spaß hieß – Arbeiten und Betreuen im Schichtsystem. Morgens durfte Papa den Nachwuchs hüten, nachmittags war ich dran. Gesagt, getan. Nachfolgend eine kleine Auswertung:

Sie:

Ich stand um 5 Uhr auf, genoss eine Tasse heiß dampfenden Tee und beobachtete wie der glühend rote Sonnenball über den Dächern von Jena aufstieg. Ich gab mich der Ruhe hin. Kein Quietschen, weil sich Knöpfchen nicht alleine die Strumpfhose anziehen wollte. Keine Honigschnute, die herzhaft an meiner Anzugshose abgewischt wurde. Kein Drängeln notwendig, weil wir mal wieder zu spät waren. Pünktlich 6 Uhr stand ich im Büro, wo ich mich mal aufgeregt, mal heiter über die aktuellen Entwicklungen mit Kolleg*innen austauschte. Die größte Herausforderung: Die Wiederentdeckung der solidarischen Süßigkeitenverteilerei führte mein Fastenvorhaben an seine Belastungsgrenze. Um 12 Uhr radelte ich im Sonnenschein nach Hause, löste meinen Mann ab und verspeiste sein frisch gekochtes Mahl. Anschließend kuschelte ich mit meiner Tochter, um mich danach selbst ausgiebig auf der Couch zu sielen. Nachmittags unternahmen wir einen kleinen Ausflug, liefen rückwärts Treppen hoch und runter, um die Koordination zu trainieren oder fuhren mit dem Rad zu nahe gelegenen Hot Spots z.B. eine kleine Schafherde. Erschöpft und zufrieden kehrten wir nach Hause. Während die Tochter ihre Restenergie in einem wilden Eiskönigintanz investierte, bereitete ich einen Salat für mich und eine Reissuppe für sie zu. Ausziehen, duschen, Geschichte lesen und schlafen.

Er:

Arbeiten von 13:30 Uhr bis 22:00 Uhr. Im Bett 0:00 Uhr. Tochter hat um 6:00 Uhr Ohrenschmerzen. Irgendwie verarzten, dann in den Garten, Müll wegbringen, kochen. Und wieder 13:30 – 22:00 arbeiten, arbeiten, arbeiten.

22.03.2020