Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Zeiten von Corona – Woche 2

Ich startete hochmotiviert in die Woche. Diese hielt für mich fünf Tage Home Office bereit. Ja, parallel betreuen und arbeiten wird eine Herausforderung. Das Wissen, dass es ungefähr einem Drittel der Bevölkerung in Deutschland ähnlich geht, entlastete mich dabei ungemein. Ich habe nur ein Kind. Manche Mütter habe drei davon Zuhause sitzen und schaffen das auch, sprach ich mir Mut zu. Alles hängt von einer guten Vorbereitung ab, redete ich mir ein.

Also bereitete ich mich, meine Tochter und mein Umfeld vor:

Vorbereitungstipp 1: Ich erklärte meiner Tochter den Unterschied zwischen Wochenende und Woche. Mama ist zwar immer daheim, aber hat nur am Wochenende Zeit. Während der Woche verbringt sie viel Zeit mit dem LapTop.

Ziel: Bewusstsein schaffen für die besondere Situation.

Ergebnis: Meine Tochter gab vor den Unterschied zu verstehen. Doch Theorie und Praxis klafften hier weit auseinander. Sie ignorierte die innige Beziehung zwischen meinen LapTop und mir und lieferte immer den gleichen Song: „Guck mal! Guck mal!“ Das führte zu viel Frust auf beiden Seiten.

Vorbereitungstipp 2: Ich entschied mich in Schichten zu arbeiten. Kein dreijähriges Kind der Welt, auch nicht mein Knöpfchen, schafft es mehr als eine Stunde durchgehend alleine zu spielen, ohne Mama oder Papa von den tollen Erkenntnissen („Die Puppe hat Hunger und ich muss sie jetzt füttern.“) und Gesprächsergebnissen mit dem fiktiven Freund/Bruder/Sohn zu erzählen („Tim schickt mir eine Mähl.“) Ich informierte meine Kolleg*innen über das Schichtsystem.

Ziel:  Störungen vermeiden und Enttäuschungen auf allenSeiten verhindern.

Ergebnis: Die ersten zwei Tage klappte das relativ gut, allerdings korrespondierten meine Schichten nicht mit den Arbeitszeiten meiner Kolleg*innen, sodass ich gefühlt ohne Unterlass arbeitete, permanent das Gefühl hatte, ich müsse erst noch das Telefongespräch führen, die Mail schreiben, gleichzeitig aber auch einkaufen, Mittagessen kochen. Letztendlich stand ich von 5:00 – 16:00 Uhr unter Dauerstrom. Laut Arbeitsvertrag arbeite ich eigentlich 6 h pro Tag.

Vorbereitungstipp 3: Ich bastelte zusammen mit meiner Tochter einen Tagesplan, bestehend aus unterschiedlichen Symbolen für die einzelnen Schichten wie z.B. Essen, Sport, Spielen, Arbeiten, Telefonieren etc. Wir gingen jedes Symbol einzeln durch und ich verkaufte es ihr als Super-Duper-Extra-Erlaubnis, dass sie die Verantwortung dafür habe, die Wäscheklammer an das jeweils aktuelle Symbol zu klicken. Wichtig: Das Telefonsymbol heißt – NICHT STÖREN

Ziel: Den Tag für sie und mich zu portionieren und zu strukturieren.

Ergebnis: Der Tagesplan war eine schöne Gemeinschaftsaktion. Nur das mit der Symbolik hatte meine kleine Tochter noch nicht ganz verinnerlicht. So klemmte sie das Mittagessen an, obwohl ich telefonieren musste, forderte Papazeit ein, obwohl wir gerade aufgestanden und Papa noch in der Frühschicht war. Ich denke, am Ende der Kitaschließung haben wir es drauf.

Vorbereitungstipp 4: Arbeiten und Betreuen kann nur funktionieren, wenn ich zu hohe pädagogische Maßstäbe über Bord werfe. Ich wollte jedoch verhindern, dass nach dem Homeoffice Zwangerziehungsmaßnahmen eingeleitet werden müssen, weil mein Kind sich nur noch von Süßigkeiten vor dem Fernseher ernährt. Dementsprechend suchte ich vorab YouTube-Videos die die Kitaerzieherinnen zwar nicht ersetzen, aber deren Abwesenheit überbrücken und mir gleichzeitig ein paar ruhige Arbeitsminuten verschaffen konnten. Albas tägliche Sportstunde, Katzenyoga und Tanzen lernen schaffte es in das digitale Erziehungsportfolio. Sicherheitshalber trainierte ich sämtliche Varianten mit meiner Tochter zusammen durch.

Ziel: Einen gesunden und bewegungsfreudigen Alltag aufrechterhalten ohne dabei von den eigenen Ansprüchen erschlagen zu werden.

Ergebnis: Ich dehnte die Grenzen sehr stark aus, sodass die Wohnung am Ende des Tages völlig zugemüllt aussah, meine Tochter sämtliche Süßigkeitenvorräte völlig aufgebraucht hatte und ich sie entsprechend euphorisiert an Papa übergab, während im Hintergrund die 1000ste Wiederholung von Katzenyoga und Alba Berlins tägliche Sportstunde lief.

Vorbereitungstipp 5: Ich präparierte meinen Mann und stattete ihn mit der Erwartungshaltung aus, dass ich bei seiner Heimkehr dringend eine Stunde Zeit für mich benötigte. Jeden Tag. Ansonsten brauche er nicht mit seiner Frau im Normalmodus zu rechnen.

Ziel: Ich-Zeit schaffen.

Ergebnis: An drei von fünf Tagen klappte das. Es war meine Rettung. Ich bin in den Bergen Nordic gewalkt als gäbe es keinen Morgen. In dieser Zeit – draußen an der frischen Luft, im Wald, im Sonnenschein – kam ich runter, rückte meinen Kopf gerade und war wenige Minuten frei von allen Sorgen. Am dritten Tag begleitete mich spontan eine gute Bekannte – selbstverständlich im zwei-Meter-Abstand. Sie befand sich in einer ähnlichen Situation. Beide plapperten wir. Es war deutlich spürbar, dass wir beide seit zwei Wochen keine Kontakte außerhalb Arbeit und Familie hatten.

29.03.2020