Mamahonk geht an die Börse

Ich bin hochgradig impulsiv, ungeduldig und leide an sowas wie Dyskalkulie. Damit verfüge ich über ideale Eigenschaften, die eine Aktionärin ausmachen. Eine Aktionärin, die erfolgreich an der Börse ist. Mit Verlustgeschäften.

Es ist Zeit, mein Schweigen über die Börsenabenteuer der mitteljungen Mamahonk UND mit zwei Tabus zu brechen:

1. Ich rede über Geld.

2. Ich gebe Fehler zu.

Read it, like it or leave it!

Mit meinem 40. Geburtstag stellte ich fest, dass es gar nicht mehr so lange bis zur Rente ist. Plötzlich tauchten in meinem Kosmos Worte wie Altersvorsorge, Rentenlücke und Altersarmut auf. Worte, die meine Endorphin- und Serotoninausschüttung nicht gerade erhöhten.

Hier mal eine crazy Zahl: 40% Prozent der Frauen sorgen nicht vor. Bäm! Triggert diese Zahl euren Herdentrieb so derbe wie meinen? Kein Thema. Ich habe den starken Drang, zu den 60% zu gehören.

Unglücklicherweise bin ich als Teilzeit-Mamahonk prädestiniert für die 40%. Ich kann nicht mal einen Trauschein als Rentenversicherung vorweisen. Dieser scheiterte bisher an den divergierenden Vorstellungen von dem Mann und mir über eine angemessene Hochzeitsfete: Grillparty versus Beachparty.

Naja, und die Alice Schwarzer in meinem Kopf ist ziemlich zickig: Eine Frau heiratet doch nicht, um sich finanziell abhängig von einem Mann zu machen! Als wären erhöhte Dopamin- und Adrenalinwerte im Körper ein solideres Motiv, sich lebenslang an einen anderen Menschen zu binden. Sei‘s drum.

Ich musste etwas tun. Dringend. Wenn nicht zum Standesamt, dann geht es eben an die Börse. Kaum stand ich vor der Idee, unfassbar reich zu werden, wurde ich auch schon allein gelassen mit der Frage: „Investieren oder nicht investieren?“

Ich hätte nun im Freundeskreis Meinungen einholen können, die gleich drei mögliche Positionen vertreten hätten, die gleichermaßen beschissen und wenig hilfreich wären.

Das ginge dann so – Freundin A sagte: „Ich empfehle, in die Tech-Branche zu investieren. Das musst natürlich du tun, aber für mögliche Verluste bin ich nicht haftbar, und ob du dann ruhig schlafen kannst, weiß ich nicht.“

Freundin B sagte das Gegenteil: „Ich rate von der Börse ab. Es gibt enorme Risiken…“

Schließlich empföhle Freundin C beim Vermögensaufbau, so früh wie möglich zu beginnen. Spätestens mit 25 Jahren. Orrr. Mist. Genau 15 Jahre verspätet. Die 15 Jahre vermisste ich bereits in meiner Kinderwunschzeit. Frage mich immer, was ich in dieser Zeit eigentlich getrieben habe?

Wahrscheinlich Kinderriegel gegessen.

Alle Freundinnen schlössen ihren Vortrag: „Du musst natürlich selbst entscheiden. Ich sage nur meine Meinung, aber…“

Nach ausführlicher Bewertung aller Argumente, wusste ich somit, was zu tun war:

Ich warf eine Münze.

Die sagte, investieren.

Ergebnis: Gleich nach dem Downshifting und Lottospielen war mein Investitionsabenteuer der größte Schlamassel, in den ich geraten konnte.

Doch von vorne. Selbstverständlich agierte ich nicht ohne Plan. Ich ging strikt nach Empfehlung der Börsenstrategien für Dummies vor:

Habe das richtige Money Mindset

Finanzielle Bildung hieß das Schlagwort. Wer sich finanziell bildet, ist zuallererst verpflichtet an seinem Mindset zu arbeiten. Money-Mindset nennt sich das. Das tat ich. Und das brauchte ich. Dafür gab es neckische Übungen, die ich begeistert ausprobierte:

Umgib dich mit reichen Menschen, denn du bildest den Durchschnitt, der fünf Leute, die dich umgeben.“

Ok, das klingt einfach. Kritisch scannte ich mein soziales Umfeld:

Person Nr. 1: Fünkchen. Lümmelt auf dem Boden, furzt und rülpst. Bettelarm.

Person Nr. 2: Knopf. Ein Grundschulkind, das zwischen „DoofeMama“ und „Gehnichtweg, Mama“ schwankt und am liebsten Rollenspiele spielt. Mittellos.

Person Nr. 3: Der Mann. Reich. An botanischen Ideen.

Langsam wurde ich nervös. Es musste doch irgendwo eine Person geben, die meinen finanziellen Durchschnitt minimal nach oben drückte.

Person Nr. 4: Nachbarin. Bekam ausschließlich Besuch vom Essensdienst und ihrem Sohn. Lebte ihre caritative Ader an mir aus: Jedes Mal öffnete sie mir die Tür, wenn ich mich ausschloss. Ein Umstand, der nicht so selten eintrat, wie man meinen mochte. Verfügte über einen Doktortitel.

Person Nr. 5: Verkäuferin meines Lieblingsdiscounters. Wir sahen uns täglich, weil ich immer 1 kg Bananen bei ihr einkaufte.

………

Mist. OK, es konnte durchaus sein, dass die Bananen eine gewisse Ähnlichkeit mit Kinderriegeln hatten.

???

OK, es war ein bisschen bis sehr wahrscheinlich, dass ich bei ihr mein Kinderriegeldepot auffüllte.

!!!

Verdammt! Na gut, es war meine Kinderriegel-Dealerin. Zufrieden?

Und jetzt? Was sagte das über meinen finanziellen Durchschnitt aus? War ich etwa eine durchschnittlich furzende Botanikerin mit Kinderriegelsucht und Hang zu caritativen Rollenspielen, aber ohne Geld? Klang nicht so recht nach Börse. Echt nicht.

Hm, das mit dem Money-Mind Set ist nicht so mein’s. Also machte es wie in der Schule, wenn ich etwas nicht verstand. Einfach weiter.

Habe den richtigen Broker

Ein Segen des neuzeitlichen Investitionsprozesses waren die Neobroker. Das Internet feierte diese Apps als „Demokratisierung“ des Finanzmarkts. Zu Recht. Neobroker machten den Handel an der Börse einfacher als Hinternabwischen (wobei auch das gewisse Herausforderungeen mit sich bringen konnte. Zumindest als Mama.) Somit war der barrierefreie Zugang zur Börse auch für flatulierende Botanikerinnen gewährleistet. Oder?

Ich lud einen Neobroker auf mein Smartphone und gab alle erforderlichen Daten ein. Das war leicht.

Eine Woche geschah nichts. Drum rief ich beim Support an. Der Kundenberater teilte mit, es läge ein Systemfehler vor. Empfahl mir, mich mit einer zweiten Mailadresse anzumelden. Ich meldete mich mit einer zweiten Mailadresse an. Ging leicht.

Eine Woche geschah nichts. Die Kundenberaterin teilte mir mit, dass pro Person nur ein Konto geführt werden dürfe. Hielten die mich für leicht bescheuert? Na gut. Ich wollte mal nicht so sein. Ich kündigte meine erste Mailadresse.

Eine Woche geschah nichts. Die Kundenberaterin hörte mir geduldig zu, verstand mich und suchte nach einer Lösung. Ich hörte sie klicken.

Und klicken.

Klick. Klick. Klick.

Sie räuspert sich verlegen. „Entschuldigung, ich muss nochmal mit einer Kollegin sprechen.“ Ich bekam leichtes Augenzucken.

Warteschleifenmusik. Tonbandansage: „Zur Zeit haben wir ein sehr hohes Anrufaufkommen. Bitte haben sie Geduld. Wenn sie nicht mehr warten möchten, schreiben sie uns ihr Anliegen gerne per Mail.“ Warteschleifenmusik. Tonbandansage: „Leider konnten wir sie nicht verbinden“

Warteschleifenmusik. Ich wollte auflegen.

Doch dann die Tonbandansage: „Zur Zeit haben wir ein sehr hohes Anrufaufkommen. Bitte haben sie Geduld. Wenn sie nicht mehr warten möchten, schreiben sie uns ihr Anliegen gerne per Mail.“

Himmel, sollte ich jetzt Geduld haben oder nicht verbunden werden? Meine Semantiksynapsen standen kurz vor einer Explosion. Was dachten sich die Leute beim Besprechen von Tonbandansagen eigentlich? Steckte ganz und gar Absicht dahinter? Wollten sie, dass ich auflegte, damit ich die unterbezahlten und unqualifizierten studentischen Hilfskräfte nicht überforderte.

Warteschleifenmusik. Tonbandansage: „Leider konnten wir sie nicht verbinden“ Ich stellte mir vor, wie die Hilfskräfte am anderen Ende der Leitung Wetten abschlossen, wie lange ich durchhielt bis ich entnervt auflegte. Wo wohl der Rekord lag?

Als nach 20 Minuten keine Verbindung hergestellt war, beschloss ich mit Fünkchen zur Verkäuferin meines Discounters zu gehen und mir ein paar Kinderriegel zu kaufen. Viel-leicht gewann ich unterwegs ja im Lotto!

Mamahonk geht an die Börse

Habe das richtige Musterdepot

Das machte ungefähr so viel Spaß, wie die einzelnen Blätter einer Klopapierrolle mit Zahlen zu beschriften. Ich „investierte“ und die Aktien staubten vor sich hin. Pfhhhhhh. Meine Investitionsmotivation sank gen Null. Eindeutig ein Omen. Ich bin jedoch überdurchschnittlich genial im Ignorieren von Omen.

Habe die richtige Aktie, das richtige Geschäftsmodell und die richtige Branche

Warren Buffet war der Börsen-Guru schlechthin. Das wusste sogar ich. „Wenn ich die gleichen Aktien wie er kaufte, dann würde ich reich wie er.“, so mein mentaler Algorithmus. Warren Buffet bot extra eine A-Aktie seiner Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway für Nachahmer:innen an.

Hochmotiviert klickte ich mich durch meinen Neobroker. Aktueller Kurs der Aktie von Warren: 449,75 €. Hm. Ich setzte einen Preisalarm für 440,00 €. Einfach so. Weil ich sparsam bin. Von Unter- oder Überbewerung hatte ich keine Ahnung. Als eine Woche nichts geschah, checkte ich den Kurs. Er stand bei 419,00 €. Der Preisalarm war genauso herausragend wie der Support. Wieso alarmierte er nicht?

Kurz bevor ich bei „Google Rezensionen“ über den Neobroker abmaulte, erkannte ich meinen Fehler: Interpunktion. Interpunktion ist das mit Strichen und Punkten. Nicht nur bei Sätzen, sondern auch bei der Zifferngruppierung spielte sie eine Rolle. Wer es sich nicht merken kann, kann sich den aktuellen Kurs der Aktie gerne ansehen. Hilft bei Interpunktionsschwächen. Eine knapp halbe Millionen Euro für eine einzige Aktie überstieg Mamahonks Budget. Deutlich.

Also investierte ich in eine andere „Ertragsperle“. Porsche. Der zweitgrößte Börsengang der deutschen Geschichte fand im September statt. Ich investierte ein stolzes Sümmchen und wunderte mich, weshalb der gehypte Neuling stagnierte. In den Nachrichten wurde durchweg von Kursplussen gesprochen. Bis ich checkte, dass ich die verkehrte Aktie erworben hatte, büßte ich einen weiteren dreistelligen Betrag ein. Doch ich wusste nun, was eine WKN war.

Nun hatte ich zwei Möglichkeiten: Als gescheiterte Börsianerin in die Saale zu gehen oder die gefeuerte Führungsriege von Twitter um Insiderwissen anzuhauen.

Ich entschied mich für einen weitere Investition. Todesmutig diversifizierte ich mein Depot. Ein bisschen Pharma, ein bisschen Wasserstoff, ein bisschen ganz viel Tech. Tech ist gut. Tech kannte seit Jahren nur eine Richtung. Amazon, Apple, Alphabet. Triple A, oder?

Ich kaufte in der Woche vor den Quartalsberichten. In der Woche vor dem Kursabfall um knapp 15%. Tja, Anfänger machten Fehler, Profis Katastrophen. Story of my life! Nun galt ich als Börsenprofi. Kostete mich ’ne ordentliche Stange Lehrgeld.

Als ich realisierte, dass ich mein Vermögen vervierviertelte, blickte ich erschrocken vom Smartphone hoch. Der Mann sah mich an. Ich gab mir Mühe, nicht zu erschrocken zu blicken, um noch einen Hauch von Restwürde zu bewahren.

Wieso gibt es eine schier unendliche Anzahl an Listacles? Sogar Checklisten für Diarrhoe bei Patienten mit Sondenkost. Doch keine, die mir dabei hilft, dem Mann meinen Börsenverlust zu verheimlichen? Damit er nicht sagt „Siehste“. Meine Gesichtsangst erzeugte keinerlei Empathie bei dem Mann. Stattdessen sagte er: „Siehste“.

In einem letzten Anfall von Investitionslust begehrte ich auf. Mir war nun klar, in welches Unterehmen ich mein letztes Viertelvermögen investierte sollte. So lange ich lebte, wäre es ein Gewinngeschäft. Mein Glücksbringer. Ich öffnete den Neobroker, gab den Namen des Unternehmens ein und… löschte die App, als ich registrierte, dass mein Neobroker die Ferrero Aktie nicht handelte.

Mamahonk geht an die Börse

Mein Fazit zum Thema Börse:

Wenn ihr den Drang verspüren solltet, euer Erspartes in Aktien zu investieren, überlegt zweimal, ob ihr nicht lieber einen Klöppelkurs machen möchtet. Oder ein Wurmkompostierung-Webinar.

Mit meinem Vermögen, dass ich mit Aktien verlor, könnte ich wahrscheinlich so viele Kompostierungs-Webinare besuchen, um anschließend den kompletten Thüringer Wald zu kompostieren. Wäre in jedem Fall nachhaltiger.

Eigentlich wollte ich unfassbar reich werden, um mir im Alter die Sonne auf den Allerwertesten scheinen zu lassen. Nun änderte sich mein Börsenziel: Ich wollte mein Geld wieder! Jeden einzelnen Cent. Anschließend gehe ich den Thüringer Wald kompostieren.

To be continued…

Mama wandert mit Baby

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