Stilfser Joch Quartalsbericht Nr. 1 – Mamahonk auf Radwegen

Ah, endlich 40. Mit 40 war es an der Zeit, ein Haus zu kaufen. Leider verlor ich mein Vermögen an der Börse. Darum fuhr ich nun das Stilfser Joch mit dem Rad hoch. Zumindest war das der Plan für August 2023. Ok, die Kausalkette mochte inkorrekt sein, aber klang herrlich dramatisch. Die ungeschönte Wahrheit hinter meiner Quälerei war zu schlicht. Und dann ging auch noch das Training schief – zu viel Pannen, Krankheiten und K-Riegel. Lest die schmutzigen Details im ersten Quartalsbericht.

Read it, like it or leave it!

Warnhinweis: Diese Reihe an Trainingsberichten stammt von einer Mama mit Säugling. Einer Mama mit Säugling UND Hang zur K-Riegeln. Alle, die an professionellen Radsport interessiert sind, wenden sich an folgende Radseite https://www.quaeldich.de/. Der Rest feiert frenetisch mit mir, wenn ich einem Hügel von knapp 300 Höhenmetern die Stirn biete. Auf geht’s!

Erstmal die Hard facts meines Vorhabens 

Mein Ziel: Im Jahr 2023 per Rad das Stilfser Joch hochfahren. Die Nordostrampe von Prad bis zum Gipfel ist 24,6 km lang, es müssen 1844 Höhenmeter überwunden werden und die Anzahl der Kehren beträgt 48.

Mein Plan: Mit Radanhänger 4 x monatlich auf den Gipfel des Jenzigs zu fahren. Jenzig ist Platzhalter (Südwestauffahrt) und ist 2,1 km lang, es müssen 217 Höhenmeter und genau 1 Kehre überwunden werden. Das klingt vergleichsweise niedrig. Brennt vergleichsweise trotzdem in den Waden. Aus genau zwei Gründen: Radanhänger mit schwerer werdendem Baby und einer Steigung von 10,2 %

Trainingsmonat September 2022: Mamahonk startet durch

Erste Trainingsfahrt. Sie führte mich zum Jenzig zusammen mit Fünkchen (0) im Anhänger. Vor der ersten und einzigen Kehre befand sich ein kleiner Stich. Meine Beine hassten ihn. Aufgeben war für mich keine Option. Doch meine Lunge pumpte, meine Waden brüllten. Da entschied ich mich dafür, Entwicklungspotenzial aufzubauen. Ich stieg ab und schob.

Ich wollte mir die Chance geben, mich zu verbessern. Nach dem steilen Anstieg schwang ich mich wieder auf das Rad und fuhr weiter. Gut. Ich kroch weiter. Verzweifelt versuchte ich, einen Gang runterzuschalten. Vergeblich. Es gab keinen leichteren Gang mehr. Verdammt! Hatte mein Rad schon immer nur 21 Gänge? Fix und fertig kam ich auf dem Gipfel an. Nach der ersten Fahrt war klar: Stilfser Joch, adé!

Doch was war das? Da lispelte eine Stimme in meinem Kopf: „Wir schaffen das!“ Das bereitete mir Sorgen. Die Bundeskanzlerin a.D. feuerte mich an? Ernsthaft? Ein Grund mehr, die kommenden Wochen in die Pedalen zu treten. Ein wenig fühlte es sich an, wie auf der Flucht. Vor der Stimme in meinem Kopf.

Um auf das Matterhorn von Jena zu gelangen, nutzte ich die Autostraße. Die Straße musste für Trabbis erschaffen worden sein. Ihr wisst schon. Die Zweitakter aus Pappe. Oder für Fußgänger. So schmal war sie. In der Regel waren dort keine Autos und Fußgänger. Es sei denn es war Gartensaison.

Die brachte zwei Konsequenzen mit sich:

1. Ich steigerte mein Durchschnittstempo um 20 %.

2. Ich war 5 Minuten näher an einem Herzinfarkt.

Jedes Mal, wenn mir auf meinem persönlichen Camino del la Muerte ein Auto folgte oder entgegenkam, lispelte es in den Weiten meines Belohnungszentrums: „Schneller. Wir schaffen das“. Nur um kurz darauf, wenn mich die Autofahrer anblökten, dass ich Platz machen solle als Boris Becker aus meinem Mund zu stottern: „Ähm….also…ähm“. Es fiel mir nicht leicht, doch ich machte stets das professionellste Gesicht, das ich unter diesen Umständen machen konnte. Wo war Angie, wenn man sie brauchte?

Wahrscheinlich wegen der Gartensaison fiel die Bilanz zum Monatsende recht beachtlich aus:

Aktivitäten: 10

Distanz: 96,6 km

HM aufwärts: 2.978 m

HM abwärts: 2.952m

Reparaturmonat Oktober 2022: Mamahonk macht Pause

Im Oktober von Training zu sprechen, schien mir recht euphemistisch. Das Einzige, das ich trainierte, waren meine Fähigkeiten, Reparaturen vorzunehmen, meine Freunde zum Schwitzen zu bringen und mit dem Mann an der Reinszenierung einer schrecklich netten Familie 3.0 zu arbeiten.

Nach den ersten Touren gelangte ich zu der Einsicht: Mein Rad benötigte eine Generalüberholung. Bei der Recherche nach diversem Radzubehör musste ich an die Worte des Mannes denken. Er war der Überzeugung, die Menschheit degeneriere zunehmend. Ich glaube, da ist was dran. Anders kann ich mir die Existenz eines Kaffeebecherhalters für Radlenker nicht erklären. Und was ist mit Capuccinotrinker:innen? Denkt vielleicht auch mal jemand an die?

Ehe ich einen Petition starten konnte, pimpte ich mein Rad mit Tacho, neuen Griffen und einem Radspiegel. Wofür ich dachte, dass ich den Radspiegel brauchte? Um beim Linksabbiegen den Verkehr hinter mir im Blick zu haben. Wofür ich den Spiegel letztendlich brauchte? Er bot mir eine ausgezeichnete Möglichkeit, mir beim Schieben tief in die braunen Augen zu blicken und motivierend anzulächeln. Hilft.

Mein sportliches Vorhaben zog weitere Bahnen. Tartanbahnen – sozialer Natur. Seitdem ich das Stilfser Joch hochzuradeln beabsichtigte, zwang ich sämtliche Freundinnen dazu, Treffen mit mir sportlich zu verbringen. Will heißen, mich gab es nur noch mit Stöcken, Rad und Schweiß. Das reduzierte meinen aktiven Freundeskreis auf sage und schreibe eine Person. Inzwischen stand auch diese eine Person lieber neben mir, wenn ich vor mich hinplankte.  

Unterstützung kam vom Mann. Zumindest nannte er es so. ich hatte ein anderes Wort dafür: Entmündigung. Er studierte sämtliche Erfahrungsberichte im Internet. Danach fühlte er sich dazu berufen, als mein Personal Trainer zu fungieren. Er beantragte Urlaub, buchte die Unterkunft und mietete ein Rad.

Zumindest beinahe. Vorher geriet mein eigenes Kontrollgen so stark unter Druck, dass es Widerspruch einlegte. Wie konnte der Mann es wagen, mir einfach das Zepter aus der Hand zu nehmen? Nachdem er seine Projektplanung ausführlichst darlegte, durchstöberte ich das Internet nach Restbeständen aus Guantanamo. Gestörte Kommunikation können wir.

Doch bevor ich meine Qualitäten als Eiserne Jungfrau austesten konnte, erlitt mein Radanhänger kurz nacheinander zwei sicherheitspolitische Totalschäden. Als schließlich auch noch meine Bremsen am Rad versagten, nahm die Gammeltragödie alá Mamahonk ihren Lauf. Sie trug den vielversprechenden Namen Couchkrieg und K-Schokoladefrieden.

Kein Wunder, dass die Bilanz für Oktober so mau ausfällt:

Aktivitäten: 2

Distanz: 21,1 km

HM aufwärts: 618m

HM abwärts: 764m

Gammelmonat November 2022: Mamahonk startet wieder durch…Ach ne doch nicht

Allmählich entstand bei mir der Eindruck, es bereitete mir größere Freude, mein Rad zu reparieren und Zubehör zu kaufen, als Rad zu fahren. Hochmotiviert tauschte ich den Radanhänger aus und ließe die Bremsen erneuern.

Dann wollte ich erneut durchstarten.

Als überraschend der Herbst begann. Im sonnigen September fuhr ich die Steigung noch komplett hoch. Im regnerischen November spürte ich jeden einzelnen Höhenmeter. Und hasste jeden einzelnen.

Als es plötzlich hieß „Kind krank“, rief ich entsetzt „Oh nein, mein Training!“ und verkrümelte mich dankbar auf die Couch.

Als es plötzlich hieß „Wintereinbruch“, rief ich empört „Oh nein, mein Training!“ und positionierte dankbar eine Packung K-Riegel neben der Couch.

So pausierte ich mich durch den November. Ich verhielt mich als hätte sich die Vorliebe eines Faultiers für …naja…Faulsein Bahn gebrochen. Gleichzeitig war ich fasziniert und abgestoßen von meiner eigenen Lethargie. Zur Beruhigung ging ich meiner nahezu seismische Fähigkeit nach, die Kinderriegelvorräte von Knopf (6) aufzuspüren.

Ebenso überrascht von der Tatsache, dass dieser Monat bereits nach 30 Tagen vorüber war, fiel die Trainingsbilanz erneut mager aus. Ich schwöre, ein Tag länger und da stünden ganz andere Zahlen.

Aktivitäten: 3

Distanz: 34,2 km

HM aufwärts: 1.041m

HM abwärts: 1.026m

Meine Gedanken zum ersten Trainingsquartal:

Ich bin sauer. Auf mein Es. Dieser Wolf im Angela-Merkel-Look. Ausgerechnet mein Es zwang mich, meine Komfortzone zu verlassen, ohne alle logistischen Herausforderungen eines derartiges Unterfangens berücksichtigt zu haben.

Es gab einen Moment zu Beginn meines Trainings, da dachte ich: „Boah, wie lächerlich. Was machst du nur für einen Aufriss wegen den paar Höhenmetern.“ Innerlich war ich das Stilfser Joch schon hinaufgefahren. Inzwischen drang es mehr und mehr in mein Bewusstsein, dass ich mich durchaus ein klitzekleines bisschen wie David fühlen durfte. Mein Goliath war nicht – wie irrtümlicherweise angenommen – der Pass, sondern die Summe folgender Faktoren, die ich nicht mehr ignorieren konnte:

Faktor Verkehr

Autos in meinem Rücken trieben mich schlichtweg in den Wahnsinn. Pech, dass der Stelvio Pass als einer der stark befahrendsten Straßen Europas galt. Eine kurze Google-Recherche ergab, dass jährlich die legendäre Passstraße auf das Stilfser Joch für den motorisierten Verkehr geschlossen war. 2023 ist das am 02. September.

Faktor Wetter

Regen demotivierte, Sonne dehydrierte. Unnötig mehr zu sagen.

Faktor Steigung

Dass bergan die Waden wegen der Steigung zitterten, war mir nicht neu. Doch langes Hinabfahren löste ebenfalls Zittern in meinen Beinen aus. Das war neu. Und extrem unangenehm.

Faktor Flüssigkeit

Es war mir schier unvorstellbar, wie ich Flüssigkeit für 27  Kilometer bei einer Steigung von 8-15% in meinem 10l Radrucksack transportieren sollte?  

Faktor Zeit

Damit meinte ich nicht die reine Fahrzeit bis zum eigentlichen Pass. Gut, bei durchschnittlichen 4 km/h gäbe es durchaus Anlass, sich Sorgen zu machen, ob ich mit Pausen innerhalb eines Tages oben ankomme? Tatsächlich hatte ich meine Trainingszeit in Blick. Selbst jetzt während der Elternzeit fiel es mir schwer, ausreichend Zeit für das Training freizuschaufeln.

Das lag nicht etwa an dem Mann, der mir seine Unterstützung nach dem Eklat (siehe oben) entzog. Auch nicht an der Technik, die mir eindeutig zu häufig ihren Dienst versagte. Schon gar nicht an dem miserablen Wetter der letzten Wochen, das mir stets als hervorragende Ausrede für ein Teté a Teté mit der Couch diente. Nein. Ein Aspekt, der mich völlig unerwartet traf, war die wiederkehrende Erkrankung meiner Kinder. Was wird das, wenn ich wieder arbeite?

Faktor Technik

Sparte ich tatsächlich, wenn ich dreistellige Beträge in Tacho, Radlampen, Bremsen, Handschuhe, Regenhose statt in neue übergroße Hosen, Pullis und Unterwäsche investierte? Gefühlt war ich nur noch mit Beschaffungsmaßnahmen für den Radsport beschäftigt. Irgendwie klang shoppen bei einem weltweiten Onlineversandhändler deutlich entspannter als quietschende Bremsen bei einer Abfahrt mit 55km/h.

Nun ja. Schauen wir, ob die nächsten drei Monate mehr bringen als K-Riegel, Konflikte und Krankheiten?

Mama wandert mit Baby

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