Vom Verlust der Unschuld – 1

Mir ist kalt. Ich zittere. Meine Muskeln auch. Vor Schmerz. Schrille Schreie dringen an mein Ohr. Langsam trocknet das Blut auf meiner Brust. Ich habe Hunger und Durst. Meine Blase ist kurz vor’m Platzen.  Wie bin ich nur in diese Situation geraten? Was ist passiert?

Was nach der Flucht aus einem sibirischen Gulag klingt, beschreibt in etwa den heutigen Morgen mit meiner kleinen Krawallschachtel. Madame ist  sehr schlecht gelaunt. In solchen Momenten erwies es sich als sehr leichtsinnig, ihre Fingernägel nicht auf kratzfreundliche Länge gekürzt zu haben. Gegen das Vergessen trage ich nun eine Narbe auf der Brust.

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Sie wird mich auf ewig daran erinnern, wie meine Tochter die Frucht vom Baum der Erkenntnis von süß und nicht-süß konsumierte.  Ja, selbst geplagt von dem unabweisbaren Verlangen nach schokoladigem Bewusstseinszustand, erahne ich die Ursache für Knöpfchens morgendliche Übellaunigkeit: In der gestrigen Krabbelgruppe waren wir Mamas wieder sehr eifrig bemüht, unser Stilldefizit von 600 Kalorien durch ausgiebiges Gustieren zahlreicher Naschereien zu kompensieren. Berauscht von diversen Kakaoerzeugnissen bemerkten wir zu spät, dass eine Schüssel mit schokoladigen Mikadostäbchen zu Boden ging. Flinke Finger rafften die verruchten Substanzen samt Fusseln auf und brachten sie außer Reichweite neugieriger Patschehändchen. Nach diesem kurzen Schock-o-moment widmeten wir uns wieder ausgiebig tiefsinnigen und komplexen Gesprächen über die Konsistenz von Windelinhalten. Ich wiegte mich in falscher Sicherheit.

Spätestens als meine Tochter sich mehr als 30 Sekunden weder akustisch noch haptisch bemerkbar gemacht hatte, hätte ich einen misstrauischem Blick zu meinen Füßen richten sollen. Eigentlich hatte ich nach dem Breidesaster vom vorletzten Monat geschworen: Never trust a silent child! Doch das Zuckerdelirium sorgte wohl für einen vorübergehenden Totalausfall sämtlicher kognitiver Kräfte. So geschah es, dass ich dem frühzeitigen Verlust der töchterlichen Unschuld tatenlos beiwohnte. Irgendwann wunderte ich mich schon ob der Ruhe zu meinen Füßen. Blickte hinab. Direkt in zwei sonnengleich strahlende Augen und in einen freudig grinsenden, schokoverschmierten Mund. „Mama,ischbinan einemwunderschönen,buntenOrt.“, schienen sie zu lallen. Ja, ich weiß, Augen können nicht lallen, doch das Verb kommt dem Ausdruck in ihren Augen am nähesten.

Erstkontakt mit Zucker. Monatelang verhinderte ich jeglichen Kontakt mit dem kristallinen Lebensmittel. Immer bedacht darauf, die Eisangebote übereifriger Schwiegereltern  ungehört zu unterdrücken. Aufopferungsvoll selbst anzunehmen. Nicht selten stürzte ich mich geöffneten Mundes zwischen meine Tochter und den von einem, um ihre Zuneigung buhlenden Onkel, gereichten Kinderriegel. Alles vergebens.