Fantastische Mamas 1: Muttitalking

step0001Ja, ich bekenne mich der Ambivalenz schuldig! Und ja, meine Leser*innen benötigen dafür eine gut ausgeprägte Ambiguitätstoleranz. Anders sind meine Texte nicht zu rezipieren. Haha. Jetzt habe ich ausreichend Fremdwörter eingebaut, um einen gewissen intellektuellen Anspruch zu genügen und kann endlich zum Kern der Sache kommen: Widersprüchlichkeit. Nein, das ist nicht der Nukleus, aber fast.

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich über Dinge, proportional zu meiner Wertschätzung aufrege. Das mag zwiespältig klingen, ist es auch, trotzdem nicht unwahr. Beispielsweise sind ratgebende Mamas immer wieder ein beliebtes Gedankenobjekt meines erhitzten Gemütes. Dabei sind sie es, auf die ich mich für meine Elternzeit – abgesehen von meinem Knöpfchen – am meisten freute.

Profimamas belächelten zwar meine kindliche Vorfreude auf gemeinsames Marathonstillen in Mutter-Kind-Cafés oder Breirezepte tauschen in der Krabbelgruppe. Weise mit dem Kopf wackelnd tätschelten sie mich und verkündeten: „Warte mal ab!“ Dennoch bündelte ich vor der Geburt meines Kindes Urlaub und Mutterschutz so, dass ich an meinem neuen Wohnort einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen konnte. Den wiederum besuchte ich nicht, um mich auf die Geburt vorzubereiten. Da vertraute ich voll und ganz auf meinen wohlgeformten Körper. Hatte ja bisher ganz gut geklappt. Nein, oberstes Ziel der Teilnahme war es, nette Begleiterinnen für die Elternzeit und darüber hinaus zu finden. Natürlich inklusive potentieller Kumpels für mein Knöpfchen. Sekundäres Ziel (Plus für die Fremdwortliste) war die äußerst zielgerichtete Vermeidung von Ratgeberkäufen.

Ja, ich weiß, ratgebende Mütter sind so eine Kategorie für sich. Dennoch sammelte ich sie um mich herum wie die Biene Honig. Das ersparte mir das Lesen widersprüchlicher oder einseitiger pädagogischer Meinungen. Erfahrungswerte aus der Praxis gab es gratis dazu.

Was soll ich sagen. Es war das Beste, was ich tun konnte. Nicht nur im Vorbereitungskurs, aber auch da, lernte ich viele, unglaublich spannende Frauen mit ganz eigenwilligen Biografien kennen. Keine einzelne möchte ich missen. Sie haben mein Start in ein Leben mit Kind unglaublich reich und leicht gemacht. Ohne sie, hätte ich – mental gesehen – nicht überlebt. Wenn ich jetzt hier von ihnen berichte, werde ich die einzelnen Frauen jedoch so mit Worten quasi verklausulieren, dass sie sich selbst kaum wiedererkennen können. Reine Rücksicht. Will ja niemanden auf den Still-BH treten. Dazu sind diese Freundschaften zu wertvoll.

Seit der Geburt meiner Tochter besuchte ich relativ regelmäßig den Gottesdienst. Dabei machte ich spannende Bekanntschaften mit Muttertieren christlicher Prägung. Letzte Woche lernte ich Ilse und Bilse kennen. Sie könnten auch Gegen und Satz heißen. Wir saßen im Dreieck. Jeweils mit Kind im Schoß. Ilse links, Bilse rechts von mir. Bilses Figur sah man die zwei Schwangerschaften an. Auch der Frisur fiel es schwer, die Mutterschaft zu verheimlichen. Kurz und schütter. Optischer Totalschaden. Hingegen wirkte Ilse dynamisch. Ihr war von Leistungssportlerin bis zur Führungskraft alles zuzutrauen. In trauter Dreisamkeit saßen wir also beisammen, lauschten der aus dem Nachbarsaal übertragenen Predigt und schwallten mit verzerrten Kopfstimmen unsere fast gleich alten Babys zu.

Das ist übrigens ein sehr typisches Kommunikationsverhalten von jüngst Elterngewordener. Postparentale Kommunikation sozusagen: Dem Kind werden zusammenhanglos Gesprächsbrocken hingeworfen, die eher an adulte Mitglieder der Gesellschaft adressiert sind, in der Hoffnung darauf, dass der enthaltende Witz oder die dargebotene Eloquenz den eigentlichen Adressat*innen zu einer Fortsetzung des Gesprächs animieren. Dieses Fishing for Talking ist gelegentlich auch bei Tier- insbesondere Hundebesitzer*innen zu beobachten. Nachdem Sender*in und Empfänger*in sich gefunden haben, kann das Kind beruhigt aufatmen und sich weiter dem Spiel in der Krabbelecke widmen.  Nicht, dass es der mütterlichen Stimme nicht gerne lauschte, es ist einfach nur von den in fanatischem Singsang  verpackten seriösen Themen leicht irritiert und überfordert.

So also schimpfte die schüttere Bilse ungefragt auf ein weiteres Kirchenmitglied. Diese hatte ihre absichtlich mit Windpocken infizierte Tochter viel zu früh auf die Gemeinde losgelassen und so unverantwortlicherweise die gesamte Christenheit in Gefahr gebracht. Ja, meine Lieben zu muslimischen Terrorist*innen gesellt sich auch noch die Paleomama als Bedrohung für das Abendland. Ich tat Bilse den Gefallen und sprang auf ihr Gesprächsangebot an. Kurzzeitig überlegte ich, ihr die Gründung von PÜGIDA (Patriotische Übermamas gegen die Infizierung des Abendlandes) vorzuschlagen, vergaß das allerdings über die Faszination darüber, wie sie sich und ihrer 1,5 Jahre alten Tochter während ihrer wort- und gestenreichen Tirade ein Stück Kuchen nach dem anderen förmlich reinstopfte. So trug ich nur ein ausdruckkräftiges „Äh“ zu unserer noch jungen Konversation bei. Wahrscheinlich hatte mein Gesicht einen pikierten Ausdruck angenommen. Jedenfalls fühlte sich Bilse nun dazu verpflichtet zu erklären, dass ihre Tochter bisher unglaublich schlecht gegessen habe. Eigentlich stille sie noch voll, da es mit dem Abstillen auch nicht richtig vorwärts gehe. Sie zeigte sich überzeugend überrascht, wie gut ihre Kleine heute aß.

Ilse saß völlig ruhig, mit kerzengeradem Rücken daneben, hörte sich alles mit leicht geneigten Kopf an. Ihren Mund umspielte ein dezentes, unaufdringliches Lächeln.  Bei dem Thema Abstillen hakte sie schließlich gekonnt ein. Sie habe auch damit angefangen. Wie auf Kommando hob sie ihre neben ihr stehende Tochter sanft auf den Schoss. Sie war neun Monate alt, genau wie mein Knöpfchen. In aller Ruhe gab sie ihr nun ein Gläschen Reis-Fisch-Brei ohne dass Flecken im Gesicht oder auf der Kleidung ihrer Tochter zurück blieben. Rechts von mir fragt ein schmatzender Mund, was das für ein Brei sei? Großzügig bot Ilse den Rest des Breis der still geplagten Bilse an. Kaum hatte Ilse das Angebot ausgesprochen, war alles ratzeputz in den kleinen Kindermund verschwunden. Ich glaube, Bilse probierte auch einmal.

Ich blinzelte verstört, blickte erst Bilse, dann Ilse an  und sann über die beiden nach. Ilse ist ruhig, klar und sicher im Umgang mit ihrer Tochter. Bei ihr lässt sich behaupten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei möglich. Seitdem ihre Tochter drei Monate ist, arbeitet sie schon wieder. Der Papa übernimmt die restliche Elternzeit. Dem Kind geschadet hat das nicht. Im Gegenteil. Die gemeinsame Betreuung mit älteren Kindern führte dazu, dass ihre Tochter schon krabbelte und stand und saß bevor mein Knöpfchen überhaupt erst wie ein angeschossener Soldat durch die Gegend robben konnte. Ich bewundere sie. Also Ilse, nicht ihre Tochter. Ehrlich. Hingegen lästert Bilse munter vor sich hin, mampft ungehemmt Kuchen, wirkt inkonsequent, stopft ihre Kinder mit Zucker voll und verlängert ihre zweijährige Elternzeit um weitere zwei Jahre, weil sie sich von ihrem Mann ein drittes Mal schwängern ließ. Verriet sie uns ganz spontan und im Geheimen. Wahrscheinlich auch, um den schier unstillbaren Hunger zu erklären. Mist, war mir die Frau sympathisch.

Die eine erhielt meine Bewunderung, die andere meine Sympathie. Und ich? Wie sieht mein Mamakonzept aus? Ehrlich gesagt, ringe ich noch darum. Vor meiner Schwangerschaft vertrat ich die Ansicht, ein erfülltes Leben gelänge auch ohne Nachwuchs. Fand völlige Erfüllung in meinem Beruf. Ganz die Feministin. Schon in der Schwangerschaft gerieten sich die Feministin und die Übermama in mir in die Haare, als mein Mann vorschlug, ebenfalls sechs Monate in Elternzeit zu gehen. Dieser Vorschlag wurde gar nicht erst diskutiert. Die Feministin unterlag gnadenlos. Tja, und nachdem ich nun neun Monate das Leben einer Vollblutmama gelebt, alle Schwanger-Geburts-Rückbildungs-und Babykurse mitgemacht, mich durch knapp hundert Mamatreffen gestillt, gequatscht und  geschlemmt, zig Babybasare leergeräumt hatte, mindestens 1.400 km mit Baby wahlweise im Wagen, Tragetuch oder Manducca spazieren gegangen war, stehe ich kurz vor meinem beruflichen Wiedereinstieg und mein Mann bekommt nun doch 1+5 Monate Elternzeit. Es ist nicht so, dass Feministin und Übermama Frieden geschlossen hätten. Nein, irgendwo aus den Tiefen meines Bewusstseins kam Pragmamama angeschwebt, versand eine Spaßbewerbung und unterschrieb kurz darauf einen Arbeitsvertrag mit einem Bildungsträger, der zwar suboptimale Arbeitsbedingungen bietet, dafür aber genau auf der Achse Wohnung-Kita liegt.

So saß ich also zwischen Ilse und Bilse, drückte mein kleines Mädchen ganz fest an mich, lauschte den Abstilltipps und werde mit bedauerlicher Vorfreude der Erkenntnis gewahr, dass ich das Leben der einen führen werde und das der anderen führen will.

Da helfen nicht mal mehr Kinderriegel….

Vielleicht aber ein Gespräch unter Müttern…