Fantastische Mamas 2: Wonach eine Mutter sich sehnt

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Die heißen Sommertage nutzten Knöpfchen und ich, um die fantastische Welt des Freibads zu erobern. Das machten wir nicht im Alleingang. Gesellschaft leisteten uns unsere Elternzeitgefährt*innen. Dabei wurde ich auf zwei Dinge aufmerksam: 1. Mein eigenes Badeverhalten veränderte sich mit Kleinkind in einem erschreckenden Ausmaß. Zuhause überlegte ich tatsächlich kurz, den Badeanzug nicht mitzunehmen. Wie hoch ist denn realistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit, dass ich dazu komme, ein paar Bahnen zu ziehen? Das Rasieren unterließ ich gleich völlig. Sieht ja eh keiner, dachte ich. Buschkowski lässt grüßen.

Richtig,  der Besuch von Freibädern dient neuerdings ausschließlich Knöpfchens Unterhaltung. Alle Rahmenbedingungen werden zur Zufriedenheit des kleinen Minimes gestaltet. Dementsprechend gehören nunmehr Bademantel und Sonnencreme zu meiner Badeausstattung. Als dunkler Hauttyp war das bisher nie Thema für mich. Stundenlang tummelte ich mich einst im kühlen Nass, gelegentlich unterbrochen von einem ausgiebigen Sonnenbad. Heute suche ich als erstes nach einem schattigem Plätzchen. Dort ist es nämlich trotz 30 Grad angenehm frisch. Sehr frisch, sodass ich meinem Mädchen erstmal eine Mütze aufsetzte.

2. Selbst die beste Vorbereitung schützt nicht vor dem Dasein als frei lebende Rabenmama. Obwohl vorbildlich vorbereitet und mit liebevoll geschnittenen Melonenstreifen sowie vollständigem Badeequipment  ausgestattet- man lernt schließlich aus seinen Fehlern– gelang mir auch diesmal der direkte Sprung ins Fettnäpfchen.

Gewohnheitsmäßig  stellte  ich das verzehrfertige Obst in die Mitte unserer kleinen Mutter-Kind-Runde, nicht ahnend, dass ich eine erbarmungslose Obstschlacht in Gang setzte. Der Feind rückte von vier Seiten gleichzeitig an, umzingelte das Obstopfer und stürzte sich ohne zu Zögern mit vollem Körpereinsatz auf das Zielobjekt. Bis schließlich eine Obrigkeit entnervt intervenierte und mich dazu aufforderte meine Obsttruppen zurückzuziehen. Verschämt nahm ich die Schüssel an mich und stopfte die von kleinen Kinderhänden verschonten Streifen in mich hinein.

Als Mamas befinden wir uns inzwischen in völlig unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Einige sind reif für den Urlaub. Sie arbeiten, während  die Männer in der wohlverdienten Elternzeit sind. Weitere wiederum nutzen die letzten Tage der Elternzeit, um die Eingewöhnung des Kindes zu begleiten. Andere stehen kurz vor dem beruflichen Wiedereinstieg, sind aber noch zusammen mit dem Mann in Elternzeit. Damit verändert sich auch die Vergleichbarkeit unseres Lebens. Es war interessant zu hören, wie andere Mamas ihren Alltag mit Kind gestalten.

Irgendwann kamen wir darauf zu sprechen, welche Dinge wir in unserem „neuen“ Leben vermissten. Die größte Schnittmenge ergab sich bei der Frage nach der Paarzeit. Das erstaunte mich. „Irgendwann sind die Kleinen doch im Bett…“, griente ich verschmitzt. Das sei nicht dasselbe, wie gemeinsam ins Kino, Theater oder ins Restaurant zu gehen. Ich dachte an meinem Mann und mich und wie wir beide abends jeweils halbtot – er vom Kind, ich von der Arbeit – auf der Couch liegen, froh trotz blanker Nerven, den Abend ohne Streit überstanden zu haben und einfach nur chillen, lesen, schreiben oder auf YouTube hängen bleiben zu dürfen. Gedanken an Theater oder Ähnliches wurden da schon lange nicht mehr gedacht.

Eine weitere Mama stöhnte, dass sie sich nichts sehnlicher wünsche als endlich mal wieder alleine kacken zu können. Dass nicht mal dieser Moment am Tag ihr alleine gehöre, empfinde sie als härteste Beeinträchtigung in ihrem Leben mit Kleinkind. Wenn sie allerdings die Klotür hinter sich schließe,  explodiere ihr Junge, sodass das stille Örtchen so völlig seine Charme verliere. Ich überlegte, wie das Kloverhalten bei uns abläuft. Erschrocken musste ich feststellen, dass ich den Klogang als Bildungsanlass missbrauche. Kommt Knöpfchen währenddessen hereinspaziert, erzähle ich ihr stets, dass ich AA oder Pipi mache – in der Hoffnung, sie verknüpfe den Ausdruck mit dem Konzept „mit heruntergelassener Hose auf etwas sitzen“, „mit verzerrtem Gesicht pressen“ und „erbärmlicher Geruch“. Erwischt sie einen besonders engagierten Tag meinerseits, sieht sie sich plötzlich ihrem hellblauen Töpfchen gegenüber stehen.

Noch glaube ich daran, dass meine Bemühungen zu einem positiven und vor allem frühzeitigen Start in das Leben mit Klo münden. Während mein Mann bereits eifrig Geld beiseite legt, um auf eine Therapie zu sparen. Er ist der festen Überzeugung, dass psychotherapeutische Maßnahmen bei der stetigen Neurotisierung unsere Gesellschaft im Erwachsenenalter von Knöpfchen nicht mehr kassengestützt sein werden. „Und was ist, wenn sie gar keinen Schaden nimmt.“, frage ich dann durch die Missachtung meiner genialen Ideen beleidigt. Da winkt er nur müde ab. „Irgendeiner von uns wird die Hilfe benötigen, keine Sorge.“

Voller Freude berichtete ein dritte Mama schließlich, dass sie sich endlich wieder als Frau und sich selbst fühle, nachdem sie kürzlich nach langer, langer Zeit mal wieder bis nachts um zwei unterwegs war. Sie empfand es geradezu als erleuchtende Erkenntnis, dass das Leben auch nach acht Uhr abends noch weitergehe. Peinlich berührt von meiner eigenen Spießigkeit muss ich daran denken, wie dankbar mein Mann und ich unseren kleinen Mäusezahn als Ausrede instrumentalisieren, abendliche Treffen frühzeitig zu beenden oder gar abzusagen. Vor der Elternschaft wurden wir nicht selten schräg angeguckt, wenn wir erzählten, dass wir spätestens 21 Uhr im Bett lägen. Heute benötigen wir dafür keine Rechtfertigung. Wir verdrehen nur die Augen und sagen: „Knöpfchen…“

Einige der Frauen bedauerten hingebungsvoll die prekäre Schlafsituation mit Kind. Sie sehnen sich nach durchgeschlafenen Nächten, Aufwachen um acht Uhr und dergleichen mehr. Ich hörte mir all die Sehnsüchte meiner Lieblingsmamas an. Innerlich schüttelte ich den Kopf. Ich vermisse nichts, ging es mir großspurig durch den Kopf. Ganz im Gegenteil, sinnierte ich, mein Leben sei reicher denn je. Dieses ständige Früher-war-alles-bessser-Gedöns stieß bei mir nie auf viel Gegenliebe.

Dennoch ging ich in mich und hing der Frage nach, was ich denn eigentlich vermisse oder wonach ich mich sehne. Was fehlt mir? Ich verfolge diese Frage bis in den hintersten, schmutzigen Winkel meiner Seele. Zwei Dinge fielen mir dazu auf Anhieb ein: Erstens, nicht mehr leise einen zischen lassen zu können, hemmungslos in der Nase zu bohren oder ausgiebig das Messer abzulecken… All die verbotenen Dinge, die sich mit Verlassen der Kinderstube in den eigenen Habitus einschlichen. Plötzlich muss man Vorbild sein. Darin bin ich nicht wirklich gut. Zumal man als Erwachsener feststellen musste, dass die Welt vom Regelbruch nicht untergeht. Das verlangt wirklich viel Selbstdisziplin  und die habe ich irgendwo zwischen Schule und Studium verloren, wahrscheinlich in einer öffentlichen Toilette vergessen.

Allerdings löste dieser Umstand nicht wirklich unerfüllte Sehnsüchte in mir aus. Im Gegenteil, ich finde es gut, mich mit mir und meinen Werten auseinander zu setzen,  zu reflektieren und zu hinterfragen. Ich sehe das als Herausforderung, an der ich wachsen kann. Sehnsüchte entstehen in diesem Kontext eher bei meinem Mann, weil er nun eine Frau hat, die inzwischen Vollprofi in pädagogischen Blicken zuwerfen geworden ist. Auch das erzieherische Ausatmen habe ich perfektioniert.

Nein, das wonach ich mich wirklich sehne, sind die Berge. Das Reisen. Der Sport. Gegenwärtig sehe ich mich außerstande, schnell den Rucksack aufzusetzen, in die Alpen zu fahren und dort in den Stiegen im Schweiße meines Angesichts oder angesichts meines Schweißes umherzukraxeln. Ich war nie ein Reinhold und weit davon entfernt eine Huber-Schwester zu sein, ehrlich gesagt, waren meine Familie und ich nicht mehr als zwei-drei mal jährlich unterwegs. Doch nunmehr verfüge ich weder über zeitliche, finanzielle noch muskuläre Ressourcen, die Alpen zu erklimmen. Besäße ich all das in ausreichendem Maße, bliebe die Frage, was tun mit Mäusezahn, wenn der Gipfel ruft? Ich kann sie ja schlecht mitnehmen.

Wenn ich dann noch meine Tochter im Umgang mit potenziellen „Gefahren“ beobachte, zum Beispiel mit anderen Kindern oder im Wasser; und sehe, wie sie unbeweglich an Ort und Stelle verharrt oder sich wahlweise eng an mich oder Papa kuschelt, dämmert mir, dass mein geliebtes Bergwandern in weite Ferne gerückt sein muss. Plötzlich scheint mir das verzweifelte Sehnen der einen oder anderen Mama nach dem vorgeburtlichen Dasein nicht mehr ganz so fremd und absurd.

Meinen trübsinnigen Gedanken nachhängend, erinnere ich mich, wie ich in den ersten Lebenswochen meiner Tochter nahe am Verzweifeln war und heulend auf dem Pezziball mit ihr auf und ab wippte. Eine Zeit, in der ich mich regelrecht an die Wohnung gefesselt fühlte. Dann entdeckte ich das Tragetuch. Auf einmal war der Haushalt in Ordnung, die Wäsche aufgehängt und der Kühlschrank mit Lebensmitteln angefüllt. Monatelang schien ich außerhalb des eigenem Heimes immer einen Ort zu suchen, an dem ich mein Baby ablegen konnte.  Dann lernte sie sitzen. Mein Rücken feierte diese Entlastung. Jetzt marschiert sie einem Roboter gleich durch die Wohnung und schläft immer häufiger durch. Ein Befreiungsschlag folgt dem anderen. Jetzt habe ich abgestillt. Kein einfacher Prozess. Loslassen ist nie einfach. Doch plötzlich wache ich auch mal früh um fünf Uhr völlig ausgeschlafen auf, schnappe meine Walking Stöcke, spurte über den Friedhof und die Kernberge hinauf.

Kein Mensch ist unterwegs. Der rote Sonnenball taucht das Grün des Waldes in ein beruhigendes Licht. Das trockene Laub raschelt unter meinen Füßen. Der Schweiß läuft trotz der noch kühlen Luft meinen Rücken hinunter. Ich blicke mit der Zuversicht eines neu beginnenden Tages auf Jena.

Da ist es also wieder – alles ist nur eine Phase! Ganz bewusst verabschiede ich mich von meinen Sehnsüchten und beschließe mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Denn eines ist mir schon jetzt klar: Die Alpen waren gestern da, sind heute da und werden morgen da sein. Mein Knöpfchen ist jetzt schon kein Baby mehr. Bevor ich es begreife, wird sie Jugendliche sein und ich mich nach ihrer Kleinkindzeit sehnen…