Schlagwort: Vereinbarkeit Familie und Beruf

Beruflicher Wiedereinstieg

#ReWrite: Beruflicher Wiedereinstieg 1.0 – Teil 1

Hier kommt wieder ein Artikel aus der Reihe #ReWrite. Zum Thema beruflicher Wiedereinstieg nach der Elternzeit. Er verharrte nahezu 6 Jahre im Entwürfeordner. Der Artikel entstand ungefähr zwei Monate nachdem der Mann und ich den Rollentausch vollzogen. In wenigen Wochen endet nun meine Elternzeit 2.0. Da scheint es mir gar nicht so verkehrt, sich an diese emotionale Zeit zu erinnern. Erinnert euch gerne mit. Read it, like it or leave it.

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Stell Dir vor, Du willst downshiften und plötzlich hast Du 2 Jobs

Zu Beginn dieses Jahres beschloss ich der Karrierefrau in mir einen Korb zu geben. Große Ziele hatte ich mir gesteckt. Nach einem halben Jahr wird es nun Zeit Bilanz zu ziehen. Wie ich mir Downshifting vorstellte… Mehr Zeit für Knöpfchen Oberstes Ziel meines beruflichen Downshiftings bestand darin, nicht gleich ein Sound-Check als AC/DC-Sängerin zu veranstalten, wenn Knöpfchen im Schneckentempo ihre Schuhe frühmorgens für die Kita anzog. Für mich war es schwer, diese Momente auszuhalten. Während Knöpfchen noch schnell das Pferd für Bibi & Tina sattelte, kam ich gedanklich schon zu spät zur Arbeit. Leider motivierten meine Tochter weder gutes Zureden noch die erhöhte Dezibelanzahl meiner Stimme. Das frustrierte eher. Uns beide. Ich war es leid, mich zu ärgern, weil ich bei den Gedanken an die Etatplanung und Beantragung von Fördermitteln gestört wurde, wenn mein Kind mir auf der Türschwelle gestand, dass es Pocahontas’ Entscheidung für John Rolfe nicht verstand.  Täglich ihre Bitten nach Imitation von Bibi & Tina abzuschlagen, zermürbten sie und mich. Ich sehnte mich nach Bastel-, Näh- und Schauspielmarathons. Meine Hoffnung: Mehr Zeit = mehr Gelassenheit. Mehr Zeit für die Partnerschaft & mich selbst Auch mein Mann sollte nicht zu kurz kommen. Mein neues, downgeshiftetes, ausgeglichenes, und kompromissbereites Ich würde harmonisch lächelnd die Missstimmungen der Familie auffangen, Zuversicht vermitteln und für Leichtigkeit im Alltag sorgen. Meine morgendlichen Yogastunden würden mein geplantes Selbst in einen permanenten Oooohmzustand versetzten, den nichts, GAR NICHTS – kein schiefer Blick, kein Gemurre, keine unangemessen hervorgebrachte Forderung- aus dem Gleichgewicht brächten. Selbstverständlich würden regelmäßiger Sport, gesunde und ausgewogene Ernährung zu meinem ausgeglichenen Dasein als Downshifterin beitragen. Und, ich wollte den Kinderriegeln meine Treue kündigen! Jawohl, mein Downshiftingprojekt würde meine persönliche Kinderriegel-Rehab werden. Aus einem zuckergesteuerten Zombie wird ein tiefenentspanntes Kreativmonster. Mehr Zeit für die Gesellschaft Nicht nur ich, mein Kind, mein Mann und meine Familie sollten von meinem erweiterten Zeitbudget profitieren, sondern auch die Gesellschaft.  Die Ehrenamtlerin in mir bekam ebenfalls ein Stück vom Aufmerksamkeitskuchen ab. Ich sah mich als Aktivistin für die Friday for Future-Bewegung oder alternativ für den Terre des Femmes-Verein durch die online und offline Welt aktivieren. Lang genug hatte ich den homo politicus in mir vernachlässigt… Wie Downshifting tatsächlich war… Ich bin keine Supermama Seit meiner Kündigung fühlte ich mich, als stiege ich jeden Tag in den Ring. Gegen mein altes Ich. Zwar ging mein neues Ich als Punktsiegerin hervor, doch meine Hoffnungen auf ein entspanntes Dasein erfüllten sich nur bedingt. Ich trieb Sport, traf mich mit Freund:innen oder spendete Plasma. Doch irgendwie gelang es mir so ganz und gar nicht, Knöpfchen morgens tiefenentspannt in die Kita zu bringen oder abends in die Dusche zu befördern. Irgendwie hatte ich übersehen, dass wir morgens eigentlich immer ausreichend Zeit zur Verfügung hatten. Es lag an meinem miserablen Timing. Das hatte auch downgeshiftet. Meinem Innerstem gelang es schlichtweg nicht, Gelassenheit zu simulieren, wenn sich Knöpfchen in Zeitlupentempo die Sandalen verkehrtherum bei -5 Grad Außentemperatur und Regen anzog. Zehnmal am Tag mit Knöpfchen Bibi & Tina zu imitieren, brachte überraschenderweise auch nicht die ersehnte emotionale Erfüllung für mich. In den Disziplinen Basteln und Nähen überzeugte ich eher durch Einfallslosigkeit als spitzenmäßige Do-It-Yourself-Projekte. „Sie hat sich aber Mühe gegeben…„ Ich bin mehr Feministin als ich dachte Die überraschendste Erkenntnis meines Downshiftingexperiments: Der Statusverlust streckte mich nieder. K.O. in zwei Runden. Das war etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Liegt es an dem Erbe von Alice Schwarzer? Beruflicher Erfolg und Erfüllung erwiesen sich als wichtige Bestandteile meiner femininen Identität. Die Festlegung auf das Rollenmuster ‚berufstätige Mama in Teilzeit‘ löste bei mir in regelmäßigen Abständen leichte bis mittelschwere Identitätskrisen aus. Der Statusverlust kratzte enorm an meinem feministischen Ego. Beispiel gefällig? Da ich mich zutiefst nach präcoronaler Normalität sehne – und damit meine ich vor allem die Möglichkeit, meine Eltern besuchen zu können, ohne 14 Tage danach bei jedem Telefongespräch in Ohnmacht zu fallen, wenn Papa oder Mama hüsteln – beschloss ich, mich impfen zu lassen. Ja, ein bisschen spielte wohl auch die Sehnsucht zu reisen eine Rolle. Wäre Fernweh ansteckend, müsste meine gesamte Familie, Kolleg:innen und Freund:innen in Quarantäne. Also: Ab ins Impfzentrum. Der dortige Arzt überforderte mein neues Ich als Downshifterin. Er klopfte – im Downshifttempo – meine vollständige Anamnese ab. Dabei gestand ich ihm, dass ich für einen besseren Schlaf Baldrian nehme. Interessiert erkundigte er sich nach meiner beruflichen Tätigkeit. Als er hörte, dass ich Verwaltungsfachangestellte sei, verlor er sich in einen zehnminütigen Vortrag, der mit den Worten schloss, ob ich vor Boreout nicht schlafen könne? Ein Sexist, schoss es mir durch den Kopf.Oder ein ÖD-hassender, gelangweilter Arzt in Rente.Oder ein Psychologe im 36. Semester.Oder von allem etwas. In jedem Fall jemand, der den Begriff Downshifting eher mit einer entspannten Sonntagsfahrt in seinem Mercedes assoziiert, denn mit Work-Life-Balance.  Mit der Schlagfertigkeit einer Schnecke zog ich die Augenbraue hoch, grinste mitteldämlich und fragte ihn, ob wir zum Impfen oder Quatschen hier seien? Leider war dies nicht die einzige Begegnung dieser Art. Und ja, es störte mich. Mir war klar, dass das mit meinen eigenen Glaubenssätzen zusammenhing. Leider waren die nur fett gedruckt in meiner mentalen Festplatte. Der Mann ist weniger Feminist als ich dachte Das Downshiftingprojekt führte auch zur Verstimmungstendenzen zwischen dem Mann und mir; schließlich zwang es mich dazu, eine Rolle zu spielen, die mir überhaupt nicht lag. Plötzlich erwartete der Mann von mir, dass ich kochte, putzte und das Kind erzog. Gut, das erwartete er schon immer. Der Mann bezeichnete sich zwar als Feminist. Doch seine Interpretation vom Feminismus war etwas gewöhnungsbedürftig. Ginge es nach ihm, ginge die Frau Vollzeit arbeiten, kümmerte sich um die Kinder und erledigte sämtliche haushaltsnahe Tätigkeiten. Und der Mann? Der Mann geht in den Garten. Als ich noch als Koordinatorin arbeitete, hatte ich die Argumente für eine gleichberechtigte Haushaltsführung auf meiner Seite. Zwar zähneknirschend, doch einsichtig lebte der Mann damit, dass er abends von mir kein warmes Essen serviert bekam. Und kochte selbst. Jetzt, da ich mir mit einem Halbtagsjob die Rente versaute, steigerte sich seine Erwartung nach einem traditionell geführten Haushalt proportional zur Reduktion meiner Arbeitsstunden. Diese

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Migrantisch.Weiblich.Selbstständig. – Olga Ramanouskaya

Olga Ramanouskaya kam 2006 aus Weißrussland an den Bodensee – mit nichts als zwei Koffern und 500,00 € für die Rückreise. Drei Hochschulabschlüsse, zwei Gründungen und zwei Kinder später lebt sie in der Schweiz ihre perfekte Vorstellung von Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Was sie antreibt, ob ihre Herkunft ihr half und was sie tut, wenn gar nichts mehr geht, erzählt sie im Interview. Viel Spaß beim Lesen!

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Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Zeiten von Corona – Woche 2

Ich startete hochmotiviert in die Woche. Diese hielt für mich fünf Tage Home Office bereit. Ja, parallel betreuen und arbeiten wird eine Herausforderung. Das Wissen, dass es ungefähr einem Drittel der Bevölkerung in Deutschland ähnlich geht, entlastete mich dabei ungemein. Ich habe nur ein Kind. Manche Mütter habe drei davon Zuhause sitzen und schaffen das auch, sprach ich mir Mut zu. Alles hängt von einer guten Vorbereitung ab, redete ich mir ein. Also bereitete ich mich, meine Tochter und mein Umfeld vor: Vorbereitungstipp 1: Ich erklärte meiner Tochter den Unterschied zwischen Wochenende und Woche. Mama ist zwar immer daheim, aber hat nur am Wochenende Zeit. Während der Woche verbringt sie viel Zeit mit dem LapTop. Ziel: Bewusstsein schaffen für die besondere Situation. Ergebnis: Meine Tochter gab vor den Unterschied zu verstehen. Doch Theorie und Praxis klafften hier weit auseinander. Sie ignorierte die innige Beziehung zwischen meinen LapTop und mir und lieferte immer den gleichen Song: „Guck mal! Guck mal!“ Das führte zu viel Frust auf beiden Seiten. Vorbereitungstipp 2: Ich entschied mich in Schichten zu arbeiten. Kein dreijähriges Kind der Welt, auch nicht mein Knöpfchen, schafft es mehr als eine Stunde durchgehend alleine zu spielen, ohne Mama oder Papa von den tollen Erkenntnissen („Die Puppe hat Hunger und ich muss sie jetzt füttern.“) und Gesprächsergebnissen mit dem fiktiven Freund/Bruder/Sohn zu erzählen („Tim schickt mir eine Mähl.“) Ich informierte meine Kolleg*innen über das Schichtsystem. Ziel:  Störungen vermeiden und Enttäuschungen auf allenSeiten verhindern. Ergebnis: Die ersten zwei Tage klappte das relativ gut, allerdings korrespondierten meine Schichten nicht mit den Arbeitszeiten meiner Kolleg*innen, sodass ich gefühlt ohne Unterlass arbeitete, permanent das Gefühl hatte, ich müsse erst noch das Telefongespräch führen, die Mail schreiben, gleichzeitig aber auch einkaufen, Mittagessen kochen. Letztendlich stand ich von 5:00 – 16:00 Uhr unter Dauerstrom. Laut Arbeitsvertrag arbeite ich eigentlich 6 h pro Tag. Vorbereitungstipp 3: Ich bastelte zusammen mit meiner Tochter einen Tagesplan, bestehend aus unterschiedlichen Symbolen für die einzelnen Schichten wie z.B. Essen, Sport, Spielen, Arbeiten, Telefonieren etc. Wir gingen jedes Symbol einzeln durch und ich verkaufte es ihr als Super-Duper-Extra-Erlaubnis, dass sie die Verantwortung dafür habe, die Wäscheklammer an das jeweils aktuelle Symbol zu klicken. Wichtig: Das Telefonsymbol heißt – NICHT STÖREN Ziel: Den Tag für sie und mich zu portionieren und zu strukturieren. Ergebnis: Der Tagesplan war eine schöne Gemeinschaftsaktion. Nur das mit der Symbolik hatte meine kleine Tochter noch nicht ganz verinnerlicht. So klemmte sie das Mittagessen an, obwohl ich telefonieren musste, forderte Papazeit ein, obwohl wir gerade aufgestanden und Papa noch in der Frühschicht war. Ich denke, am Ende der Kitaschließung haben wir es drauf. Vorbereitungstipp 4: Arbeiten und Betreuen kann nur funktionieren, wenn ich zu hohe pädagogische Maßstäbe über Bord werfe. Ich wollte jedoch verhindern, dass nach dem Homeoffice Zwangerziehungsmaßnahmen eingeleitet werden müssen, weil mein Kind sich nur noch von Süßigkeiten vor dem Fernseher ernährt. Dementsprechend suchte ich vorab YouTube-Videos die die Kitaerzieherinnen zwar nicht ersetzen, aber deren Abwesenheit überbrücken und mir gleichzeitig ein paar ruhige Arbeitsminuten verschaffen konnten. Albas tägliche Sportstunde, Katzenyoga und Tanzen lernen schaffte es in das digitale Erziehungsportfolio. Sicherheitshalber trainierte ich sämtliche Varianten mit meiner Tochter zusammen durch. Ziel: Einen gesunden und bewegungsfreudigen Alltag aufrechterhalten ohne dabei von den eigenen Ansprüchen erschlagen zu werden. Ergebnis: Ich dehnte die Grenzen sehr stark aus, sodass die Wohnung am Ende des Tages völlig zugemüllt aussah, meine Tochter sämtliche Süßigkeitenvorräte völlig aufgebraucht hatte und ich sie entsprechend euphorisiert an Papa übergab, während im Hintergrund die 1000ste Wiederholung von Katzenyoga und Alba Berlins tägliche Sportstunde lief. Vorbereitungstipp 5: Ich präparierte meinen Mann und stattete ihn mit der Erwartungshaltung aus, dass ich bei seiner Heimkehr dringend eine Stunde Zeit für mich benötigte. Jeden Tag. Ansonsten brauche er nicht mit seiner Frau im Normalmodus zu rechnen. Ziel: Ich-Zeit schaffen. Ergebnis: An drei von fünf Tagen klappte das. Es war meine Rettung. Ich bin in den Bergen Nordic gewalkt als gäbe es keinen Morgen. In dieser Zeit – draußen an der frischen Luft, im Wald, im Sonnenschein – kam ich runter, rückte meinen Kopf gerade und war wenige Minuten frei von allen Sorgen. Am dritten Tag begleitete mich spontan eine gute Bekannte – selbstverständlich im zwei-Meter-Abstand. Sie befand sich in einer ähnlichen Situation. Beide plapperten wir. Es war deutlich spürbar, dass wir beide seit zwei Wochen keine Kontakte außerhalb Arbeit und Familie hatten. 29.03.2020

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Fantastische Mamas 2: Was wollen Mamas

Die heißen Sommertage nutzten Knöpfchen und ich, um die fantastische Welt des Freibads zu erobern. Das machten wir nicht im Alleingang. Gesellschaft leisteten uns unsere Elternzeitgefährt*innen. Dabei wurde ich auf zwei Dinge aufmerksam: 1. Mein eigenes Badeverhalten veränderte sich mit Kleinkind in einem erschreckenden Ausmaß. Zuhause überlegte ich tatsächlich kurz, den Badeanzug nicht mitzunehmen. Wie hoch ist denn realistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit, dass ich dazu komme, ein paar Bahnen zu ziehen? Das Rasieren unterließ ich gleich völlig. Sieht ja eh keiner, dachte ich. Buschkowski lässt grüßen. Richtig,  der Besuch von Freibädern dient neuerdings ausschließlich Knöpfchens Unterhaltung. Alle Rahmenbedingungen werden zur Zufriedenheit des kleinen MiniMes gestaltet. Dementsprechend gehören nunmehr Bademantel und Sonnencreme zu meiner Badeausstattung. Als dunkler Hauttyp war das bisher nie Thema für mich. Stundenlang tummelte ich mich einst im kühlen Nass, gelegentlich unterbrochen von einem ausgiebigen Sonnenbad. Heute suche ich als erstes nach einem schattigem Plätzchen. Dort ist es nämlich trotz 30 Grad angenehm frisch. Sehr frisch, sodass ich meinem Mädchen erstmal eine Mütze aufsetzte. 2. Selbst die beste Vorbereitung schützt nicht vor dem Dasein als frei lebende Rabenmama. Obwohl vorbildlich vorbereitet und mit liebevoll geschnittenen Melonenstreifen sowie vollständigem Badeequipment  ausgestattet- man lernt schließlich aus seinen Fehlern– gelang mir auch diesmal der direkte Sprung ins Fettnäpfchen. Gewohnheitsmäßig  stellte  ich das verzehrfertige Obst in die Mitte unserer kleinen Mutter-Kind-Runde, nicht ahnend, dass ich eine erbarmungslose Obstschlacht in Gang setzte. Der Feind rückte von vier Seiten gleichzeitig an, umzingelte das Obstopfer und stürzte sich ohne zu Zögern mit vollem Körpereinsatz auf das Zielobjekt. Bis schließlich eine Obrigkeit entnervt intervenierte und mich dazu aufforderte meine Obsttruppen zurückzuziehen. Verschämt nahm ich die Schüssel an mich und stopfte die von kleinen Kinderhänden verschonten Streifen in mich hinein. Als Mamas befinden wir uns inzwischen in völlig unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Einige sind reif für den Urlaub. Sie arbeiten, während  die Männer in der wohlverdienten Elternzeit sind. Weitere wiederum nutzen die letzten Tage der Elternzeit, um die Eingewöhnung des Kindes zu begleiten. Andere stehen kurz vor dem beruflichen Wiedereinstieg, sind aber noch zusammen mit dem Mann in Elternzeit. Damit verändert sich auch die Vergleichbarkeit unseres Lebens. Es war interessant zu hören, wie andere Mamas ihren Alltag mit Kind gestalten. Irgendwann kamen wir darauf zu sprechen, welche Dinge wir in unserem „neuen“ Leben vermissten. Die größte Schnittmenge ergab sich bei der Frage nach der Paarzeit. Das erstaunte mich. „Irgendwann sind die Kleinen doch im Bett…“, griente ich verschmitzt. Das sei nicht dasselbe, wie gemeinsam ins Kino, Theater oder ins Restaurant zu gehen, waren sich alle – außer ich – einig. Ich dachte an meinem Mann und mich und wie wir beide abends jeweils halbtot – er vom Kind, ich von der Arbeit – auf der Couch liegen, froh trotz blanker Nerven, den Abend ohne Streit überstanden zu haben und einfach nur chillen, lesen, schreiben oder auf YouTube hängen bleiben zu dürfen. Gedanken an Theater oder Ähnliches wurden da schon lange nicht mehr gedacht. Eine weitere Mama stöhnte, dass sie sich nichts sehnlicher wünsche als endlich mal wieder alleine kacken zu können. Dass nicht mal dieser Moment am Tag ihr alleine gehöre, empfinde sie als härteste Beeinträchtigung in ihrem Leben mit Kleinkind. Wenn sie allerdings die Klotür hinter sich schließe,  explodiere ihr Junge, sodass das stille Örtchen so völlig seine Charme verliere. Ich überlegte, wie das Kloverhalten bei uns abläuft. Erschrocken musste ich feststellen, dass ich den Klogang als Bildungsanlass missbrauche. Kommt Knöpfchen währenddessen hereinspaziert, erzähle ich ihr stets, dass ich AA oder Pipi mache – in der Hoffnung, sie verknüpfe den Ausdruck mit dem Konzept „mit heruntergelassener Hose auf etwas sitzen“, „mit verzerrtem Gesicht pressen“ und „erbärmlicher Geruch“. Erwischt sie einen besonders engagierten Tag meinerseits, sieht sie sich plötzlich ihrem hellblauen Töpfchen gegenüber stehen. Noch glaube ich daran, dass meine Bemühungen zu einem positiven und vor allem frühzeitigen Start in das Leben mit Klo münden. Während der Mann bereits eifrig Geld beiseite legt, um auf eine Therapie zu sparen. Er ist der festen Überzeugung, dass psychotherapeutische Maßnahmen bei der stetigen Neurotisierung unsere Gesellschaft im Erwachsenenalter von Knöpfchen nicht mehr kassengestützt sein werden. „Und was ist, wenn sie gar keinen Schaden nimmt.“, frage ich dann durch die Missachtung meiner genialen Ideen beleidigt. Da winkt er nur müde ab. „Irgendeiner von uns wird die Hilfe benötigen, keine Sorge.“ Voller Freude berichtete ein dritte Mama schließlich, dass sie sich endlich wieder als Frau und sich selbst fühle, nachdem sie kürzlich nach langer, langer Zeit mal wieder bis nachts um zwei unterwegs war. Sie empfand es geradezu als erleuchtende Erkenntnis, dass das Leben auch nach acht Uhr abends noch weitergehe. Peinlich berührt von meiner eigenen Spießigkeit musste ich daran denken, wie dankbar der Mann und ich unser kleines Knöpfchen als Ausrede instrumentalisieren, abendliche Treffen frühzeitig zu beenden oder gar abzusagen. Vor der Elternschaft wurden wir nicht selten schräg angeguckt, wenn wir erzählten, dass wir spätestens 21 Uhr im Bett lägen. Heute benötigen wir dafür keine Rechtfertigung. Wir verdrehen nur die Augen und sagen: „Knöpfchen…“ Einige der Frauen bedauerten hingebungsvoll die prekäre Schlafsituation mit Kind. Sie sehnen sich nach durchgeschlafenen Nächten, Aufwachen um acht Uhr und dergleichen mehr. Ich hörte mir all die Sehnsüchte meiner Lieblingsmamas an. Innerlich schüttelte ich den Kopf. Ich vermisse nichts, ging es mir großspurig durch den Kopf. Ganz im Gegenteil, sinnierte ich, mein Leben sei reicher denn je. Dieses ständige Früher-war-alles-bessser-Gedöns stieß bei mir nie auf viel Gegenliebe. Dennoch ging ich in mich und hing der Frage nach, was ich denn eigentlich vermisse oder wonach ich mich sehne. Was fehlt mir? Ich verfolge diese Frage bis in den hintersten, schmutzigen Winkel meiner Seele. Zwei Dinge fielen mir dazu auf Anhieb ein: Erstens, nicht mehr leise einen zischen lassen zu können, hemmungslos in der Nase zu bohren oder ausgiebig das Messer abzulecken… All die verbotenen Dinge, die sich mit Verlassen der Kinderstube in den eigenen Habitus einschlichen. Plötzlich muss man Vorbild sein. Darin bin ich nicht wirklich gut. Zumal man als Erwachsener feststellen musste, dass die Welt vom Regelbruch nicht untergeht. Das verlangt wirklich viel Selbstdisziplin  und die habe ich irgendwo

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Mama adé, hello Papa

Ich habe gekündigt. Innerlich. Wieso? Es ist unmöglich. Es ist unmöglich jeden Sonntag einen Beitrag zu veröffentlichen, wenn man berufstätig ist. Also kündigte ich der Vorstellung, regelmäßig einen Blog mit perspektivisch interessanten Artikeln zu füttern. Dank Beinah-Vollzeit-Job, Kind, Beziehung, Garten und Eltern im Rentenalter habe ich keine Zeit für Kreativität. Diese geht mir seit meiner Rückkehr in den Beruf aus dem Weg. Ist wahrscheinlich beleidigt, weil sie nicht ausreichend Aufmerksamkeit bekommt. Tja, da kann sie sich zu meiner Motivation, Sport zu treiben, gesellen. Die hat sich nämlich auch in den hintersten Winkel meines Lebens verkrochen. Statt mit ihr, verbringe ich Zeit mit meiner Tochter und Sonnenschein im Garten. Das klappt zwar meist auch nur mit 1-2 Stunden Verspätung. Denn während Motivation und Kreativität durch Abwesenheit glänzen, sind die Überforderung und der Stress stetige Begleiter meines Lebens. Wenigstens das Mama-Gen konnte ich aus der Elternzeit ins Berufsleben hinüberretten: Kaum höre ich das Quengeln eines Neugeborenen, quillt mein Herz über vor Liebe und urplötzlich bin ich nur noch zu 3-Sekunden-Konzentration fähig. Das ist quasi das Pendant zum 3-Sekunden-Schlaf: Ich konzentriere mich drei Sekunden und verfalle anschließend in eine Gott-wie-bist-Du-süß-Trance. Ohne Scheiß. Kürzlich auf Arbeit hatte ich eine wichtige Besprechung mit einem Kollegen, der ironischerweise selbst zu diesem Zeitpunkt unmittelbar vor der Elternzeit stand. Da kam eine andere Kollegin, um ihren Nachwuchs vorzustellen. Glaubt ihr es denn, aber ich konnte schon unmittelbar im Gespräch nicht mehr sagen, worüber wir eigentlich sprachen. Roter Faden, adé! Unterwegs grinse ich weiterhin wie belämmert, wenn ich Babys oder Kleinkinder in Knöpfchens Alter sehe. Allerdings ertappe ich mich in letzter Zeit auch immer häufiger dabei, wie ich beim Anblick kleiner Kinder an mein Mädchen denken muss und ich sie mir am Tag häufiger in Erinnerung rufe als sie selbst zu sehen. Das in Kombination mit der Beobachterinnenrolle, die ich Zuhause gelegentlich einnehme, wenn die Wanze zusammen mit Papa auf der Couch tollt, sind Öl ins Feuer der Sinnfrage des Lebens. Letzte Woche ist es mir das erste Mal gelungen, die Mütter meines Geburtsvorbereitungskurses zu treffen. Zwar gehe ich regelmäßig zur Krabbelgruppe in die Gemeinde. Doch dort sind die Kinder in völlig unterschiedlichen Altersstufen. Da kommt mein müdes Gehirn gar nicht auf die Idee, einen Vergleich zwischen deren und meiner Lebenssituation anzustellen. Das ist bei meinen Müttermädels anders. Alle sind noch in Elternzeit. Wirklich jede von ihnen hatte liebevoll geschnittenes Obst, gekochte Nudeln, frisches Gemüse usw. dabei. Außerdem war geplant, dass die Kleinen das erste mal gemeinsam Planschen. Dementsprechend packte jede Mama nach und nach eine Schwimmwindel, Sonnenmilch und ein Handtuch aus. Und ich? Ich kam fast eine Stunde zu spät, hatte ein trockenes Weizenbrötchen für’s Kind (für mich oder gar die anderen: nix) und gerade noch so ein Handtuch dabei. Naja, Knöpfchen ging ohne alles ins Becken. Die anderen dann auch:) In den letzten Wochen wurde ich zunehmend unsicherer im Umgang mit meiner Tochter.  Warum? Gefühlt weinte sie ständig. Beim An- und Ausziehen, beim Essen und Laufen. Ernsthaft fragte ich mich, ob diese ständige Ausbrüche denn normal seien. Doch als ich bei meinen Müttermädels saß, bemerkte ich: Hey, das ist ja bei den anderen ganz genauso! Die blenden das Geheule nur mit einem selig-entspannten Lächeln aus. Plötzlich normalisierte sich mein Kind und ich erinnerte mich daran, wie angespannt der Papa auf das Weinen unserer Tochter gelegentlich reagierte als er von der Arbeit kam und mich nicht selten fragte, ob unser Kind denn normal sei. Während ich, dämlich grinste und mich fragte, was er nur habe? Ja! So eine Elternzeit hat echt etwas Sabbathaftes. Das Treffen mit meinen Mamas hat so gut getan!!! Zu merken, dass irgendwie alles normal ist. Den Bezug und Austausch hat man im Arbeitsleben einfach nicht mehr so, weil die Zeit zur Auseinandersetzung mit Baby- und Kleinkindthemen gar nicht da ist. Während ich vor wenigen Wochen ernsthaft nahezu jedes Lebensmittel nachgeschlagen habe, bevor ich es Knöpfchen gab, drücke ich ihr inzwischen einfach einen Eierkuchen oder Puffer in die Hand und freue mich, dass sie es isst. Ob sie es verträgt oder nicht, ob es gesund ist oder nicht, darüber zerbreche ich mir den Kopf nicht mehr. Und die Dankbarkeit hat Einzug in mein Leben gehalten! Falsch, sie war schon immer da. Doch jetzt hat sie sich in Schale geworfen und flaniert auf und ab auf dem Gefühlsboulevard. Ich bin unendlich dankbar, dass mein Mann und ich die Rollen getauscht haben. Zwar kostet dieser Rollenwechsel viel Disziplin, Respekt und Kraft, Kraft, Kraft und wirbelt uns immer wieder auf’s Neue durcheinander. Nicht selten streiten wir uns und kämpfen um die gegenseitige Anerkennung unserer neuen Rollen.  Doch ist es eine unendliche Bereicherung: Für Knöpfchen, weil die Beziehung zu Papa so intensiv geworden ist und sie schon vor dem Kindergarten lernt, dass es mehrere feste Bezugspersonen geben kann. Für den Papa, weil die Liebe zu seiner Tochter noch stärker geworden ist und auch er die Gelegenheit bekommt fernab von Arbeitsdruck, die entspannten Seiten der Elternzeit im Sommer zu erleben. Ich glaube, das verändert den Blickwinkel auf alles. Und natürlich hat der Wechsel auch für mich einen Mehrwert, weil ich den Fokus voll auf meine Einarbeitung legen kann. Ich bin wirklich stolz, dass wir Gleichberechtigung so konsequent leben. Mir ist klar, dass das selbst in der Gegenwart keine Selbstverständlichkeit ist. Klar, fast jeder Papa nimmt heutzutage die obligatorischen zwei Monate Elternzeit. Doch seien wir mal ehrlich, zumeist werden die am Anfang genommen oder dann, wenn es gemeinsam in den Urlaub geht. Das ist schön, aber weder die Frau erlebt, wie anstrengend es ist, nach der Arbeit nach Hause zu kommen und trotzdem weiter funktionieren zu müssen. Noch der Mann versteht ernsthaft, was es bedeutet alleine mit einem Kind Zuhause zu sein und nebenbei den Haushalt zu schmeißen, einzukaufen, zu kochen…

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