Doppelt quarantäniert, hält besser – Quarantäne die Zweite

Wäre das Jahr 2020 ein Präsident gewesen, hieße es Trump. Genau wie er sämtliche politische und diplomatische Axiome auf den Kopf stellte, hebelte das letzte Jahr jegliche Annahmen über grippeähnliche Symptome aus, polterte durch die Welt und danach war alles anders als vorher. Hingegen erinnert das Jahr 2021 ein bisschen an Barack Obama. Genau wie der Staatschef heimste es den Nobelpreis für Gesundheit ein, ohne etwas dafür getan zu haben. Es erhielt den Preis lediglich, weil es nicht 2020 war. Für mich hat es die Lorbeeren nicht verdient. In der Disziplin „Quarantäne“ steht es bereits 2:0 für das Jahr 2021.

Zwischen Vollimpfung und Lockerungen gönnten der Mann und ich uns großzügig eine zweite Quarantäne. In der Kita von Knöpfchen gab es einen positiven Fall. Unsere Tochter war damit offiziell Kontaktperson ersten Grades. Herzlich Glückwunsch! Sie haben gewonnen. Zwei Wochen in einer Dreizimmerwohnung mit Blick auf die Berge. Wir quarantänieren uns irgendwie durch das Jahr 2021. Von den acht Wochen bei meinem neuen Arbeitgeber verbrachte ich insgesamt vier in Quarantäne. Kurz überlegte ich, eine Karriere als Querdenkerin zu starten. Als ich jedoch las, dass der Verfassungsschutz die Querdenker-Szene beobachtete, verwarf ich den Gedanken. Keine Video- und Fotodokumentation von mir! Niemals! Wenn ich Bilder des Elends sehen will, gucke ich RTL 2.
Stattdessen entschied ich mich für ein Gefühl mit hohem therapeutischen Gehalt, um die Situation zu bewältigen: WUT.

Ich. Will. Wütend. Sein.

Nur auf wen?

Auf die Kontaktperson?

Klappt nicht. Ist ein niedliches kleines Kind.

Auf die Kita-Leitung?

Menno. Klappt auch nicht. Ich war selbst zu lange in Leitungsposition und wusste, dass selbst ein Kopfstand im Tutu nicht reicht, um diese Situation zu verhindern.

Auf das Gesundheitsamt?

Vergebens. Herr Müller vom Gesundheitsamt begrüßte mich wie einen alten Buddy. Wir mussten beide lachen, als er mir hochoffiziell die Quarantäne erklärte. Irgendwie tröstete es mich, dass er sagte: „Ich habe eine gute Nachricht für Sie, die Hälfte haben Sie schon geschafft.“

Auf die Merkels und Spahns dieser Welt?

Die stochern auch nur im Nebel. Seit wann haut man blinde Hühner?

Verdammt! Wohin mit meiner exponentiell ansteigenden Wut?

Corona IST kacke. Leider prallt meine Wut am Virus teflonmäßig ab und es inzidiert eifrig weiter.

Doch noch viel kackiger ist: Es ist Quarantäne und ich habe keine Kinderriegel Zuhause. Wuaaaaaahhh!!! Da ist es, mein Wutopfer: Ferrero. Ich bin stinksauer auf Ferrero! Die haben mir immer noch keinen Werbevertrag angeboten. Diese Arschkrampen!

Eigentlich müsste das reichen, um zu beweisen, dass das Jahr 2021 gesundheitsmäßig ein Vollpfosten ist. Total aufgeblähte Mogelpackung eben. Es geht aber noch besser: Kurz nach dem Anruf vom Gesundheitsamt klingelte mein Smartphone erneut.
„Hallo?“
„Hier ist ihr Frauenarzt.“
„???“

Der Satz aktivierte in meinem Hirn eine Erinnerung:
An mich auf dem Gynäkologenstuhl.
Vor zwei Wochen.
Beim PAP-Test.
Und an den Gynäkologen, wie er sagt: „Wenn sie nichts von uns hören, ist nichts.“
Er rief an.
Es war was.
Mist. Mist. Mist.
Moment.
PAP-Test?
Was heißt das nochmal?
Das war doch was mit Krebs?

War es. Mein offener Kinderwunsch belegte lange Platz Nummer 1 auf meiner Top-einhundert-alles-ist-scheiße-Liste, direkt gefolgt von Corona. Höchster Neueinsteiger der letzten beiden Wochen direkt auf Platz drei: Schwergradige Dysplasie. Im Klartext hieß das: Abklärungskolpostie. Bestenfalls war eine Konisation notwendig, schlimmstenfalls Chemotherapie. Ich verstand optimistisch geschätzt 10 Prozent, von dem was der Gynäkologe erzählte. Wenigstens Corona war mir plötzlich pupsegal. Mein offener Kinderwunsch auch. Nur die Kinderriegel. Die nicht.

Damit war klar, Quarantäne schützt vor Krankheit nicht. Ganz sicher nicht. Im Gegenteil. Ich fand sie lebensgefährlich. Schnell hatte ich Gelegenheit meine eigene Diagnose zu verdrängen. Denn Knöpfchen fühlte sich bemüßigt, meine Annahme über die gesundheitlichen Risiken einer Quarantäne zu unterstützen und flog bei einer bühnenreifen Imitation von Bibi & Tina über meinen nach hinten rollenden Bürostuhl und gegen die Fensterscheibe. Der blutende Arm wollte die Schonhaltung nicht verlassen. Nach vier Büchern, Schokolade und gaaaaanz viel Kuscheln ging es wieder. Ich sagte der Notfallambulanz ab, was Knöpfchen minimal verstimmte, da sie sich schon auf den Ausflug gefreut hatte. Als ich ihr erklärte, dass Ausflüge zum Arzt kein probates Mittel seien, um an die frische Luft zu gelangen, wanderte ihre kleine süße Schmolllippe ganz weit nach vorne. Was soll ich sagen. Wir drehten eine Müllrunde. Ja, und vielleicht befand sich die Mülltonne einmal über den Berg durch den Wald und zurück. Aber nur vielleicht.

Moderner und ergonomischer Arbeitsplatz im Home Office

Schließlich war es soweit. Knöpfchen entwickelte – mal wieder – Symptome. Wir brauchten schließlich einen Grund für unser zweiwöchiges Eingesperrtsein. Was das letzte Mal so hervorragend geklappt hatte, konnte dieses Mal nicht schaden. Eigentlich durften wir Eltern als Kontaktperson zweiten Grades das Haus verlassen. Dennoch beschloss ich, im Home Office zu arbeiten. Die Nase des Mannes tropfte nämlich auch. Wir Eltern verordneten uns eine Selbstquarantäne. Home Office auf gut 60m², während alle drei Familienmitglieder Zuhause sind? Klang doch nach entspannten Arbeiten – fünften Grades. Problem: wo sollte ich das Heimbüro einrichten? Im Wohnzimmer schniefte der Mann. Im Kinderzimmer die Tochter. Blieb das Schlafzimmer, welches alles hat, nur keinen Platz für einen Bürotisch. Ich stand kurz vor der Beauftragung eines Möbelunternehmens für XSSS-Möbel als ich feststellte, dass die Gartenmöbel sich hervorragend als Leitz-Büroausstattung eigneten.

Das Jahr 2021 machte dann eine echte Challenge aus unserer Quarantäne: Sollte ich meine Probezeit wegen Fehlzeiten nicht überstehen, könnte ich inzwischen meine Dienste als Laugenpumpe anbieten. Dafür qualifizierte ich mich die letzten zwei Wochen. Unsere Waschmaschine ging nämlich in Teilzeit. Sie wusch, sie spülte und schleuderte. Für das Abpumpen hatte sie allerdings keine Zeit, musste sich wahrscheinlich um ihr Kind kümmern oder so. Also pumpte ich ab. Pro Waschmaschinendurchlauf 40 Liter. Der Clou: Es gab keinen Abflussschlauch. Das Wasser musste händisch aus dem Abflusssieb ausgelassen werden. Die Quarantäne bot echtes Potenzial für weiterbildende Tätigkeiten.

Während ich nach dem Workshop für manuelles Abpumpen im Schlafbalkonbüro meine Kernkompetenzen als Sekretärin unter Beweis stellte, mobbte der Mann den Vollwaschautomat in Teilzeit nach bewährter HR-Manier aus der Wohnung und stellte eine Vollzeitkraft ein. Deren Einarbeitung erforderte die MacGyver-Qualitäten des Mannes: Der Zulaufwasserhahn ließ sich nicht mehr zudrehen. Wo gibt’s denn sowas. Der optimale Zeitpunkt, dass festzustellen. Nicht. Der Klempner verweigerte das Klempnern, weil wir in Quarantäne waren. Trotzdem rumpelte die neue Maschine friedlich vor sich hin als ich das nächste Mal den Blick vom Notebook löste. Praktisch, wenn ein persönlicher MacGyver im Haushalt wohnt.

Vollwaschautomat in Teilzeit

Schließlich war es so weit. Freitesten. Endlich. Ein Wort, dessen Bedeutung sich mir vor einem Jahr nicht erschlossen hätte. Heutzutage schmeckt es nach Normalität. Auf diese Neologismen gehe ich übrigens total ab. Wenn mich eine Sache als Linguistin ganz besonders an Corona begeistert, so ist es die Tatsache live mitzuerleben, wie ein gesellschaftlicher Wandel in kürzester Zeit Sprache verändert. Krisen sind der Katalysator für Sprachwandel. Was der Astrophysikerin* die Sonnenfinsternis, ist der Sprachwissenschaftlerin* die Coronapandemie. Ein derartiges Schauspiel beansprucht in der Regel Jahrzehnte. Corona hat unserem Wortschatz innerhalb eines Jahres mehr als 1000 neue Wörter auf dem Silbertablett serviert. Von Aerosolübertragung über Gesichtskondom bis Impfluenzer. Soziolinguistisch spannend as hell. Nur mal so am Rande. Unsere Freitestung hätte mittels angeordnetem Antigenschnelltest auch eine 15-minütige Sache am Rande sein können. Hätte. Doch die testende Ärztin schien der Meinung zu sein, Knöpfchen könne ruhig einen Tag länger eingesperrt sein und machte einen PCR-Test. Natürlich negativ.

* Das männliche Geschlecht ist übrigens mitgedacht und darf sich angesprochen fühlen. Ich bin nur zu faul, vollständig zu gendern. Ihr wisst schon, Lesbarkeit und so!