Mamahonk hat eine Konisation

Mann. Mann. Mann. Kinder können einen echt unter Druck setzen.  Als ich Knöpfchen aus der Kita abholte, begrüßte sie mich mit den Worten: „Was machen wir heute Tolles?“

„…Äh…“, ich geriet ins Schwitzen. „Spielplatz?“ Spielplatz geht eigentlich immer.

„Ich will etwas TOLLES machen!“ OK, kein Spielplatz. Und jetzt? Was finden 5 Jahre alte Kinder toll? Öhm. Ich horchte in mich hinein. Dort flehte mein Innerstes: „Bitte nicht. Bitte, bitte nicht schon wieder ein Rollenspiel als Bibi & Tina.“

Puh. Ok. „Wollen wir eine Kinderparty feiern?“ Hatte ich pädagogisches Vollhonk gerade ernsthaft eine Kinderparty vorgeschlagen? Scheint so. Denn Knöpfchen schaltete die Musik ein, schminkte und verkleidete sich. Na gut. Dann „braute“ ich eben aus Kirschen einen „Sekt“. Für sie war es der Knaller, für mich die Legalisierung fragwürdiger Gewohnheiten. Geschenkt. Ich freute mich, dass sie sich so freute.

Dann passierte das, woran ich mich bei Kindern nicht gewöhnen kann. Von unserem Balkon haben wir einen direkten Blick auf den Spielplatz. Mit messerscharfem Blick entdeckte Knöpfchen ein Kita-Kind, dass sie – man mag es kaum glauben – unendliche 45 Minuten nicht gesehen hatte. Sofort wollte sie dorthin. AUF DEN SPIELPLATZ. SOFORT.

Es gab nur ein Problem: Das Baby hing gerade an meiner Brust. Feierte eine Milchparty. Also gab es Drama. Tränen. Schreien. Blöde Mama. Das Babyhonk zeigte sich solidarisch und weinte mit. War spitze. Innerhalb von Sekunden von einer Kinderparty auf eine Trauerfeier. Einhändig telefonierte ich mit der Mutter von dem Kitakind. Ich hatte die Hoffnung, sie könnte meine außer Rand und Band geratene Tochter beaufsichtigen. Gleichzeitig klingelte es in der Leitung. Mein Frauenarzt.

Genau vor einem Jahr hatte mein Frauenarzt schonmal angerufen. An einem Dienstagabend. Der alte Schwerenöter!, dachte ich bei mir,  Jetzt übertreibt er es aber. Ich ging ran: „Schön guten Abend Herr Gynäkologe“, meldete ich mich gut gelaunt. „Hallo Frau Hibbelhonk. Sie haben einen positiven HPV-Befund. Sie müssen schnellstmöglich zur Biopsie“, sagte er.

Es ratterte. Ich befand mich in einem Durchcheckmarathon. Im ersten Coronajahr verhielt ich mich genauso ärztescheu wie eine Katze wasserscheu. Nun holte ich alle Vorsorgeuntersuchungen nach. Jeder Facharzt schickte mich mit einer neuen Diagnose ins Rennen. Erst eine Zyste an der Schilddrüse. Jetzt also HPV positiv. Gleichzeitig mit dem Anruf erhielt ich die Nachricht, dass ein Gruppenkind von Knöpfchen positiv getestet sei. Jackpot! Wieder 14 Tage Quarantäne. (Ja, vor einem Jahr dauerte die Quarantäne 14 Tage lang. Kaum zu fassen. Das waren noch Zeiten.)

Einmal mehr erwies sich der Wechsel des Frauenarztes als Segen. Bereits einen Tag später hatte ich einen Termin in der Dysplasiesprechstunde. Damit kamen wir der kommunalen Allgemeinverfügung zuvor. Noch vor Beginn der Quarantäne wurde die Biopsie durchgeführt. Mit Ende der Quarantäne bestätigte sich der Befund. Ich hatte CIN III. Was so viel heißt wie fortgeschrittene Zellveränderungen, Krebsvorstufe im Übergang zum Karzinom.

Damit war klar, ich musste unter’s Messer. Vielmehr unter die Schlinge. Konisation – das hieß, mit einer elektrischen Schlinge Gewebe vom Gebärmutterhals entfernen. Die Mediziner nannten das liebevoll Koni. Das klang, als käme Tante Conny zu einem entspannten Latte Machiatto mit Macrons vorbei. Tatsächlich kam jedoch der nervige Cousin Alfred. Zum Grillen. Auf dem Speiseplan: Verdorbenes Fleisch. Verdammt. Ich bin doch Vegetarierin.

Gedanklich veröffentlichte ich diesen Artikel bereits im Mai 2021. Es sollte ein eindringlicher Aufruf zur Krebsvorsorge werden. Doch statt OP und Artikel gab es einen positiven Schwangerschaftstest . Die OP wurde gecancelt und die Angst vor fortschreitendem Gebärmutterhalskrebs zu meinem Best Buddy. Stadium für Stadium begleitete sie mich durch die Metamorphose vom Hibbelhonk zum Kugelvollhonk.  Irgendwann war das Baby da und das Wochenbett vorbei. Jetzt war Zeit für ein Date mit Koni.

Als es hieß, es gebe wahlweise einen Termin am Gründonnerstag oder einen Termin ab Ende Mai, schlug ich zu und meldete mich zum Feiertagsdienst. Bis zur Elternzeit des Papahonks wollte ich wieder fit sein. Wie immer meinte Onkel Murphy auch ein Wörtchen mitreden zu müssen: Eine Woche vor der OP erkrankten der Mann und die Tochter. Husteten und schnupften. Corona? Alle Schnelltests negativ. Trotzdem kacke. Kennt ihr das? Ihr wollt auf keinen Fall krank werden, weil eine wichtiger Termin ansteht? Und um euch rum hustet‘s, hustet‘s und hustet‘s?

Jeder ist plötzlich erkrankt. Innerlich kochte ich und wollte am liebsten allen den Mund zuhalten. Mit Einweghandschuhen natürlich. Richtig fest. Keine Chance den Viren. Dabei konnte niemand etwas dafür. Trotzdem gab es konsequentes Knutschverbot. Irgendwie gelang es meinem Immunsystem, den Viren Paroli zu bieten. Gründonnerstag kam und ich war für die OP bereit.

Angst vor der Operation hatte ich keine. Als vollstillendes Mamahonk bereitete mir die Logistik, die Betreuung für zwei Kinder zu jonglieren, wesentlich mehr Sorgen. Zwei Dinge mussten bewältigt werden: Vor 7:30 Uhr die Erstgeborene in die Kita bringen und die Zweitgeborene vor der OP stillen. Beides damit der Mann mit Babyhonk spazieren konnte, während ich konisiert wurde.

Zwar hatte ich mir ein Rezept für eine elektrische Melkmaschine…äh…sorry… ich meinte natürlich Milchpumpe besorgt und beim Turbo-Pumpen ein paar Milchbeutel MuMi eingefroren. Trotzdem hoffte ich, dass ich ohne Unterbrechung stillen konnte. Mein Plan: Stillen. OP. Stillen. Die Ärztin hatte das in Aussicht gestellt. Blöd nur, dass Ärzte und OP-Schwestern so selten miteinander reden.

Am Morgen der OP gab es eine knallharte Choreografie. Die Erstgeborene wuchs über sich selbst hinaus. Alle aufstehen – 20 Minuten bis zur Bahn – Zähneputzen, also die anderen, ich wickelte Fünkchen – 15 Minuten – Anziehen – 10 Minuten – Papahonk und Knöpfchen stehen picobello angezogen in der Tür und rufen: Fertig! – 9 Minuten – Das war der Moment als mein Fünkchen auf ihren Body, Hose und Shirt pieselte. OK. Alles nochmal. – 8 Minuten – schnell ein Haferplätzchen naschen – 7 Minuten – mit der Spitzengeschwindigkeit eines Gepards in den Keller sprinten, Fünkchen in den Kinderwagen wuchten – 3 Minuten – zur Haltestelle hechten. Geschafft! Ich schwitzte als hätte ich drei Runden Schachboxen hinter mir und fühlte mich bereits wie eine Siegerin. Dabei stand der Wettkampf noch bevor.

Irgendwie hatte ich mich durch die drei Fehlgeburten zu einem neurotischen Schwergewicht entwickelt. Meine Nerven spielten jedoch nicht mehr Bundesliga, sondern nur 3. Regionalliga. Vielleicht war das die Ursache dafür, dass ich in der Poliklinik jede vorbeihuschende Schwester am Schlafittchen schnappte und mich erkundigte, wann der geeignete Zeitpunkt zum Stillen sei. Die Schwestern taten überrascht und wiegelten mich ab. Gut, eine war so nett und hielt Rücksprache. Meinte, dass Schwester Stefanie meinen Mann mit reinnehme und das Baby dann zu mir brächte.

Mich auf ihr Wort verlassend, folgte ich den anderen Frauen in den Aufwachraum, wo ich mir ein sexy OP-Hemd überstreifte. Ihr wisst schon, die mit offenem Rücken. Die immer ein Muster wie Großmutters Porzellan haben. Also nicht das Sonntagsporzellan. Leider reichte es nur für das Alltagsporzellan.

Vor der OP bekam der Papahonk einen König-der-Löwen-Moment. Er hatte die strikte Anweisung, auf Schwester Stefanie zu warten, die Fünkchen VOR der OP zu mir bringen sollte. Während er also wartete, tippelten drei rotbekittelte Schwestern auf ihn zu. Er hielt ihnen Fünkchen entgegen, in der Erwartung, eine von ihnen wäre Schwester Stefanie und löste damit quieksende Begeisterungsstürme aus. Er fühlte sich wie der Mandrill-Affe Rafiki. Es fehlte nicht viel und er hätte „Circle of Life“ angestimmt. Doch von Schwester Stefanie keine Spur.

Währenddessen geriet ich halbnackt in Panik. Der Anästhesist führte bereits die ersten Gespräche. Ich stand als erste auf dem OP-Plan. Wie sollte ich es schaffen, Fünkchen zu stillen? Ich steigerte mich immer mehr rein. Plötzlich waren mir die Krebszellen egal. Vorsichtig fragte ich bei der OP-Schwester nach, wann ich den nun stillen durfte? In meinem Kopf war Fünkchen schon halb verhungert. Die Schwester sprach plötzlich davon, dass ich NACH der OP stillen könne. Der Mann habe doch sicher ein Fläschchen dabei? Ich solle doch nicht alle Schwestern verrückt machen. Puh, war die schlecht drauf.

Ich verstand aber, warum sie schlechtgelaunt war. Sähe ich aus, wie eine Frau aus einer Reality Soap von RTL 2 im Vormittagsprogramm, hätte ich auch miese Laune. So richtig mies. Trotzdem stand ich kurz davor, mein OP-Hemd auszuziehen und zu gehen. Bis mir einfiel, dass ich eine 39-jährige gestandene Frau war, die schon ganz andere Dinge im Leben durchgemacht hatte. Ein Studium. Eine Hausgeburt. In der Nase bohren ohne zu Bluten. Dieser Hanswurstschwester war ich rhetorisch doch meilenweit überlegen.

Schließlich reichte sie mir mein Baby mit den Worten: „Jetzt fahren’se sich gefälligst mal runter!“ Das war respektlos. Richtig respektlos. So durfte niemand mit mir reden. Achtung! Jetzt kam eine Verbalattacke: „Das ist…also…irgendwie…äh…Danke“ Ok, das war ein erster Entwurf. Der zweite fiel mir erst Zuhause ein. Typisch. Mist. Schon mal versucht in einem OP-Hemd rhetorisch versiert zu sein?

Naja. Schließlich stillte ich Fünkchen während der Anästhesist mir erklärte, dass Nebenwirkungen der Narkose wie Blutdruckabfall, Atemdepression bis Apnoe und Bradykardie einen schweren Verlauf annehmen und zu Koma sowie zum Tod durch Herzstillstand führen können. Spitze. Das hebt die Laune. Egal. Mein Kind war satt. Das zählte.

Die OP selbst verlief glücklicherweise flott und reibungslos. Das Baby hatte überlebt. Ich auch. Gut, mich überfiel eine spontane Depression, nachdem ich die Stories der Mitpatienten hörte. An solchen Orten hörte man keine Geschichten wie während der OP hatte ich die Idee für einen elektrischen Poporeiniger. Zufällig fand der Arzt das spitze, lieferte das Kapital für die Erfindung und wir verdienten uns dumm und dämlich. Nein. Es sind eher Geschichten wie während der OP wurde ich wach, schreckte hoch und der Operateur schnitt den gesamten Gebärmutterhals ab.

Doch auch das ging vorbei. Nach zwei Stunden durfte der Mann mich mit nach Hause nehmen. Zwischen Gesundheitszentrum und Mamahonk-Biotop wurde mir übel. Also im Auto. Ob ich kurz aussteigen könne? Leider nicht, mitten auf der Schnellstraße. Ob ich das Fenster kurz runterfahren könne? Leider auch nicht, Fensterverriegelung klemmte. Na gut. Die Frage, ob ich ins Auto kotzen könne, ersparte ich dem Mann. Erwartbar war er frustriert. Sehr frustriert. Die Narkose verursachte mir Übelkeit, meine Gebärmutter rebellierte. Das ist so übel, wie es klingt.

Nachmittags durfte ich mir noch eine Körperverletzung zufügen. Ich verpasste mir eine Thrombosespritze. Das erste Mal in meinem Leben. Eine halbe Stunde benötigte ich, bis ich meine Amygdala soweit hatte, die Nadel in die Bauchdecke einzuführen.

Jetzt, 16 Tage später, sitze ich hier. Mein Baby quäkt an der Brust. Mein kunterbunt geschminktes Knöpfchen übt sich im sterbenden Schwan. Am Telefon fragt die befreundete Mama, ob wir gleich den anstehenden Kuchenbasar für kommende Woche besprechen wollen? Mein Kind könne ruhig auf den Spielplatz. Ihr Mann passe auf. Und der Gynäkologe klingelt und klingelt und klingelt.

Welche Neuigkeiten hat er für mich? Ist heute der Tag, an dem sich wieder mal alles ändert? Steht uns ein Marathon an Chemotherapien, Bestrahlungen und Immuntherapien bevor? Werde ich meinen beiden Töchtern trotzdem eine starke Mama sein können? Mir wird schlecht als ich die Halten-Taste drücke. „Guten Tag, Frau Mamahonk. Ich habe gute Neuigkeiten. Es gibt keinerlei negative Infiltration des umliegenden Gewebes. Gut, dass sie bei der Vorsorge waren. Kommen Sie bitte in 6, 12 und 24 Monaten wieder in die Praxis.“

Mama wandert mit Baby

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