Stell Dir vor, Du willst downshiften und plötzlich hast Du zwei Jobs

Zu Beginn dieses Jahres beschloss ich der Karrierefrau in mir einen Korb zu geben. Große Ziele hatte ich mir gesteckt. Nach einem halben Jahr wird es nun Zeit Bilanz zu ziehen.

Wie ich mir Downshifting vorstellte…

Mehr Zeit für Knöpfchen

Oberstes Ziel meines beruflichen Downshiftings bestand darin, nicht gleich ein Sound-Check als AC/DC-Sängerin zu veranstalten, wenn Knöpfchen im Schneckentempo ihre Schuhe frühmorgens für die Kita anzog. Für mich war es schwer, diese Momente auszuhalten. Während Knöpfchen noch schnell das Pferd für Bibi & Tina sattelte, kam ich gedanklich schon zu spät zur Arbeit. Leider motivierten meine Tochter weder gutes Zureden noch die erhöhte Dezibelanzahl meiner Stimme. Das frustrierte eher. Uns beide. Ich war es leid, mich zu ärgern, weil ich bei den Gedanken an die Etatplanung und Beantragung von Fördermitteln gestört wurde, wenn mein Kind mir auf der Türschwelle gestand, dass es Pocahontas’ Entscheidung für John Rolfe nicht verstand.  Täglich ihre Bitten nach Imitation von Bibi & Tina abzuschlagen, zermürbten sie und mich. Ich sehnte mich nach Bastel-, Näh- und Schauspielmarathons. Meine Hoffnung: Mehr Zeit = mehr Gelassenheit.

Mehr Zeit für die Partnerschaft & mich selbst

Auch mein Mann sollte nicht zu kurz kommen. Mein neues, downgeshiftetes, ausgeglichenes, und kompromissbereites Ich würde harmonisch lächelnd die Missstimmungen der Familie auffangen, Zuversicht vermitteln und für Leichtigkeit im Alltag sorgen. Meine morgendlichen Yogastunden würden mein geplantes Selbst in einen permanenten Oooohmzustand versetzten, den nichts, GAR NICHTS – kein schiefer Blick, kein Gemurre, keine unangemessen hervorgebrachte Forderung- aus dem Gleichgewicht brächten. Selbstverständlich würden regelmäßiger Sport, gesunde und ausgewogene Ernährung zu meinem ausgeglichenen Dasein als Downshifterin beitragen. Und, ich wollte den Kinderriegeln meine Treue kündigen! Jawohl, mein Downshiftingprojekt würde meine persönliche Kinderriegel-Rehab werden. Aus einem zuckergesteuerten Zombie wird ein tiefenentspanntes Kreativmonster.

Mehr Zeit für die Gesellschaft

Nicht nur ich, mein Kind, mein Mann und meine Familie sollten von meinem erweiterten Zeitbudget profitieren, sondern auch die Gesellschaft.  Die Ehrenamtlerin in mir bekam ebenfalls ein Stück vom Aufmerksamkeitskuchen ab. Ich sah mich als Aktivistin für die Friday for Future-Bewegung oder alternativ für den Terre des Femmes-Verein durch die online und offline Welt aktivieren. Lang genug hatte ich den homo politicus in mir vernachlässigt…

Wie Downshifting tatsächlich war…

  1. Ich bin keine Supermama

Seit meiner Kündigung fühlte ich mich, als stiege ich jeden Tag in den Ring. Gegen mein altes Ich. Zwar ging mein neues Ich als Punktsiegerin hervor, doch meine Hoffnungen auf ein entspanntes Dasein erfüllten sich nur bedingt. Ich trieb Sport, traf mich mit Freund:innen oder spendete Plasma. Doch irgendwie gelang es mir so ganz und gar nicht, Knöpfchen morgens tiefenentspannt in die Kita zu bringen oder abends in die Dusche zu befördern. Irgendwie hatte ich übersehen, dass wir morgens eigentlich immer ausreichend Zeit zur Verfügung hatten. Es lag an meinem miserablen Timing. Das hatte auch downgeshiftet. Meinem Innerstem gelang es schlichtweg nicht, Gelassenheit zu simulieren, wenn sich Knöpfchen in Zeitlupentempo die Sandalen verkehrtherum bei -5 Grad Außentemperatur und Regen anzog. Zehnmal am Tag mit Knöpfchen Bibi & Tina zu imitieren, brachte überraschenderweise auch nicht die ersehnte emotionale Erfüllung für mich. In den Disziplinen Basteln und Nähen überzeugte ich eher durch Einfallslosigkeit als spitzenmäßige Do-It-Yourself-Projekte. „Sie hat sich aber Mühe gegeben…

Ich bin mehr Feministin als ich dachte

Die überraschendste Erkenntnis meines Downshiftingexperiments: Der Statusverlust streckte mich nieder. K.O. in zwei Runden. Das war etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Liegt es an dem Erbe von Alice Schwarzer? Beruflicher Erfolg und Erfüllung erwiesen sich als wichtige Bestandteile meiner femininen Identität. Die Festlegung auf das Rollenmuster ‚berufstätige Mama in Teilzeit‘ löste bei mir in regelmäßigen Abständen leichte bis mittelschwere Identitätskrisen aus. Der Statusverlust kratzte enorm an meinem feministischen Ego.

Beispiel gefällig? Da ich mich zutiefst nach präcoronaler Normalität sehne – und damit meine ich vor allem die Möglichkeit, meine Eltern besuchen zu können, ohne 14 Tage danach bei jedem Telefongespräch in Ohnmacht zu fallen, wenn Papa oder Mama hüsteln – beschloss ich, mich impfen zu lassen. Ja, ein bisschen spielte wohl auch die Sehnsucht zu reisen eine Rolle. Wäre Fernweh ansteckend, müsste meine gesamte Familie, Kolleg:innen und Freund:innen in Quarantäne. Also: Ab ins Impfzentrum.

Der dortige Arzt überforderte mein neues Ich als Downshifterin. Er klopfte – im Downshifttempo – meine vollständige Anamnese ab. Dabei gestand ich ihm, dass ich für einen besseren Schlaf Baldrian nehme. Interessiert erkundigte er sich nach meiner beruflichen Tätigkeit. Als er hörte, dass ich Verwaltungsfachangestellte sei, verlor er sich in einen zehnminütigen Vortrag, der mit den Worten schloss, ob ich vor Boreout nicht schlafen könne?

Ein Sexist, schoss es mir durch den Kopf.
Oder ein ÖD-hassender, gelangweilter Arzt in Rente.
Oder ein Psychologe im 36. Semester.
Oder von allem etwas.

In jedem Fall jemand, der den Begriff Downshifting eher mit einer entspannten Sonntagsfahrt in seinem Mercedes assoziiert, denn mit Work-Life-Balance. 

Mit der Schlagfertigkeit einer Schnecke zog ich die Augenbraue hoch, grinste mitteldämlich und fragte ihn, ob wir zum Impfen oder Quatschen hier seien? Leider war dies nicht die einzige Begegnung dieser Art. Und ja, es störte mich. Mir war klar, dass das mit meinen eigenen Glaubenssätzen zusammenhing. Leider waren die nur fett gedruckt in meiner mentalen Festplatte.

Der Mann ist weniger Feminist als ich dachte

Das Downshiftingprojekt führte auch zur Verstimmungstendenzen zwischen dem Mann und mir; schließlich zwang es mich dazu, eine Rolle zu spielen, die mir überhaupt nicht lag. Plötzlich erwartete der Mann von mir, dass ich kochte, putzte und das Kind erzog. Gut, das erwartete er schon immer. Der Mann bezeichnete sich zwar als Feminist. Doch seine Interpretation vom Feminismus war etwas gewöhnungsbedürftig. Ginge es nach ihm, ginge die Frau Vollzeit arbeiten, kümmerte sich um die Kinder und erledigte sämtliche haushaltsnahe Tätigkeiten. Und der Mann? Der Mann geht in den Garten. Als ich noch als Koordinatorin arbeitete, hatte ich die Argumente für eine gleichberechtigte Haushaltsführung auf meiner Seite. Zwar zähneknirschend, doch einsichtig lebte der Mann damit, dass er abends von mir kein warmes Essen serviert bekam. Und kochte selbst. Jetzt, da ich mir mit einem Halbtagsjob die Rente versaute, steigerte sich seine Erwartung nach einem traditionell geführten Haushalt proportional zur Reduktion meiner Arbeitsstunden. Diese Wechselwirkung gab mir das Gefühl, mit einem Schlag 45 Jahre Emanzipation der Frau zunichte gemacht zu haben.

Wenn Kreativität zum Zwang wird

Die zahlreichen Aufgaben, die Erfüllung am Abend, sie fehlten mir. Ich widmete mich zwar verstärkt dem schöpferischen Tun. Häufig verlor ich dabei jedoch den Fokus. Schnell mal eine Onlinerecherche für den nächsten Artikel, schon zermetzelten Neid und Selbstzweifel ob der zahlreichen, tollen e-Businesses meine Motivation. Nicht nur der Optimismus schwand, sondern auch die Zeit. Beispielsweise recherchierte ich im Internet für einen Artikel nach einem paarungswilligen Insekt. Kurz darauf kam ich zwei Tage später zu mir und wusste alles über Stabheuschrecken (Sie können Gliedmaßen regenerieren und sich ohne Männchen vermehren.), dem Düsseldorfer Hape Kerkeling sowie den sog. Plus-Size-Influencer:innen. Den Rest der freien Zeit verbrachte ich zumeist geruhsam auf der Couch und schaute den Möbeln beim Verstauben zu. Zu viel Muse führte bei mir zum Grübeln. Grübeln führte zu Unzufriedenheit. Kurzum mir gelang es nicht, die gewonnene Zeit schöpferisch auszufüllen. Das glich einer chinesischen Tropfenfolter.

Geld macht nicht glücklich, trotzdem geht es mir besser mit als ohne

Außerdem gelangte ich zu der Erkenntnis, dass der Volksmund irrt, wenn er behauptet, Geld mache nicht glücklich. In meiner vorherigen beruflichen Tätigkeit verspürte ich einen starken Leistungsdruck. Davon verabschiedete ich mich für mein Downshiftingleben. Es galt der Tausch: Geld gegen Zeit und inneren Frieden. Meine Hoffnung auf leistungslosen Reichtum erfüllte sich jedoch nicht. Im Wald ist einfach keine Schatzkiste vergraben. Ich habe nachgesehen. Ehrlich. Da ist nichts. Und Ferrero ließ mich übel hängen. Meine Geldreserven schwinden zu sehen, trug nicht unbedingt zur Reduktion meines Baldriankonsums bei. Schon gar nicht, als unsere Waschmaschine viel zu früh die Hufe hochmachte, und kurz darauf ein unerhört hohes Mieterhöhungsverlangen ins Haus flatterte. Wieder zwei Monate weniger Zeit zum Downshiften. Ächz.

Mitten in meine Identitätskrise als Teilzeit-Downshifterin kam ein Anruf von meinem aktuellen Arbeitgeber. Vielleicht erinnert ihr euch? Ich hatte fünf Bewerbungen, vier Vorstellungsgespräche und drei Jobzusagen. Zum Zeitpunkt meines Artikels zum Thema Downshifting stand die Rückmeldung des vierten Gesprächs noch aus. Es handelte sich um eine unbefristete 50% -Stelle im Öffentlichen Dienst. Bildungssektor. Es ging um die Begleitung von jungen Erwachsenen. Kurzum – ein Träumchen. Ich hatte den Haken unter diese Bewerbung bereits gesetzt, als der Anruf kam. Zwar sei ich auf Platz zwei gelandet, doch es sei die andere Hälfte der Stelle noch unbesetzt.

Plötzlich hatte ich den Vertragssalat: Eine befristete Projektstelle, die ich inzwischen schon richtig liebgewonnen hatte und mein Traumjob. Fünfzig Prozent. Und nochmal fünfzig Prozent. Ergibt Vollzeit. Richtig gelesen. Klingt jetzt eher weniger nach Downshifting. Ich sagte trotzdem zu. Das war sowieso mein Plan gewesen. Gut, ich wollte 1-2 Jahre entspannt im Teilzeitmodus verbringen und erst dann aufstocken. Jetzt arbeite ich entspannt 1-2 Jahre im Vollzeitmodus und werde dann wieder reduzieren. Vielleicht habe ich bis dahin neue, realistischere Visionen.

Was soll ich sagen? So wurden es eben nur ein paar Monate. Womit bewiesen wäre, als Downshifterin taugte ich nichts, die Feministin in mir ist stärker als gedacht und die Ziege Mette mit ihren Schwestern müssen vorerst warten. Meine fehlende Entscheidungskompetenz bescherte mir eine unerwartete Vollzeittätigkeit.

Was nach dem Downshifting geblieben ist…

Das feministische Ying & Yang in meinem Leben war wieder hergestellt. Alice Schwarzer würde weinen vor Stolz. Dabei sprang sogar ein neues Verhältnis zwischen Knöpfchen und dem Mann heraus, da der Mann und ich nunmehr in Schichten betreuten. Bisher war es selbstverständlich, dass ich Knöpfchen vormittags und nachmittags betreute. Das lag nicht daran, dass der Mann keine Bereitschaft zu Abhol- oder Bringdiensten in die Kita hatte. Ich drängelte mich vor und er ließ sich zur Seite drängeln.

Nun reichte die Zersetzung der traditionellen Rollenbilder in unserer Erziehung so weit, dass der Mann sogar hin- und wieder ein Playdate mit einem anderen Papa organisierte. Höhepunkt war sicherlich die Zusammenkunft von vier Vätern mit insgesamt 6 Kleinkindern in unserer Kleingartenanlage. Da konnte es schon passieren, dass Knöpfchen dann abends ins Wohnzimmer, in dem der Mann und ich gelangweilt die Couch anwärmten, stürmte und rief: „Papa und ihr anderen (gemeint war wohl ich), ich habe Hunger!“.

Fazit: Mir war nicht bewusst, wie sehr mein Selbstwert von beruflicher Erfüllung, einer gleichberechtigten Partnerschaft und einem kostendeckenden Gehalt abhängt. Vielleicht wollte ich zu viel und hatte mehr als ich dachte? Herzlich willkommen zurück in der Komfortzone!