Vom Kugelhonk zum Kugelvollhonk – 2. Trimester

Bald beginnt mein Mutterschutz. Völlig überraschend. Das 1. und 2. Trimeon verpennte ich dornröschenmäßig. Zumindest auf meinem Blog. Bitte verzeiht, wenn ich Eure zahlreichen Anfragen nach meinem Befinden nicht beantwortet habe. Irgendwie gelang es mir nach vier Jahrzehnten irdischer Existenz erneut, mit herausragender Naivität an meine Schwangerschaft und an meine Fähigkeit, Pläne zielstrebig umzusetzen, heranzugehen.

Meine Vision: Mit positivem Schwangerschaftstest gehe ich ins Beschäftigungsverbot und werde Influencerin für Schwangerschaft, stinkend reich und wandere nach Dubai aus. Oder so.

Meine Realität: Pareto und ich sind jetzt best buddies. Von zehn geplanten Artikeln schreibe ich gerade den zweiten. Passt doch, 20% stehen für 80%. Das liegt vor allem daran, dass ich mit meinem Jobwechsel beruflich nicht ins Klo, sondern in die Kaviardose (natürlich aus Aquakultur und vegan) gegriffen habe. Vor lauter Vollzeitarbeiten verpasste ich meine zweite Schwangerschaft. Die Bedürfnisse von Knöpfchen taten ihr Übriges. Schicksalsmonate einer Zweitgebärenden.

Na, so total verpasst habe ich meine Schwangerschaft nicht. Denn mein Körper entpuppte sich als pathologische Nutzfläche. Aufgrund meiner gesundheitlichen Vorgeschichten verbrachte ich meine vollständige Freizeit (und partiell meine Arbeitszeit) in Wartezimmern: Frauenarzt, Hebamme zur Vorsorge, Hebamme zu Nachsorge, Dysplasiefrauenärztin, Psychotherapeutin, Hautärztin, Physiotherapeutin, Zahnärztin. Meine Schwangerschaft sorgte für den Unterhalt zahlreicher Familien.

Früher war das leichter. Ich auch. Mein Gewicht korrelierte mit meiner zunehmenden Überzeugung, sich von meinem Bauchgefühl leiten zu lassen: Mein Hirn sagte Gemüse, mein Bauch sagte Schokolade. Ich vertraute dem Bauchgefühl. Die Schwangerschaft wurde damit zu einem Dauerangriff auf Bauch, Beine und Po. Ich reagierte sehr achtsam und parkte mein Gesundheitsbewusstsein irgendwo außer Sichtweite. Da, wo es mich nicht störte. Nach dem 2. Trimester glich ich einer Naturkatastrophe in XXL.  

Gern schrieb ich nun, dass, wenn schon die Beziehung zu meinem Körper kurz vor dem Scheitern stand, stattdessen die Beziehung zu Knöpfchen und dem Mann ein neues Ausmaß an Nähe, inniger Zuneigung und Zukunftsvertrauen erfuhr. Das wäre gelogen. Das heranwachsende Baby in mir ließ meinen Hormonhaushalt völlig kollabieren. Mit fatalen Folgen für Kind und den Mann. Die Kernschmelze von Fukushima zu verhindern oder das Containerschiff „Ever given“ sicher durch den Suezkanal zu manövrieren erschien mir aussichtsreicher als die Beziehung zu Knöpfchen und dem Mann harmonisch zu gestalten.

Ungefähr in der 12. SSW teilten wir Knöpfchen mit, dass sie bald eine große Schwester wird. Nach den ersten Momenten der Freude ging es in den darauffolgenden Wochen darum, den Tag ohne Kieferbruch zu überstehen. Meine Geduld sank proportional zu Knöpfchens Bedarf an Aufmerksamkeit. Irgendwann standen wir beide heulend voreinander und sie meinte, sie wolle, dass das Baby wieder weg sei. Ich fluchte leise vor mich hin und malte mir aus, wie ich reagieren würde, wenn ich nicht Verwaltungsfachangstellte, sondern Katia Saalfrank oder Jesper Juul wäre. War ich aber nicht. Müde sah ich Knöpfchen an und gab vor, in die Ferne zu lauschen: „Hörst du das? Das ist der Sound meines Herzens, das gerade bricht.“ Meine Tochter starrte mich an. „Kann jemand bitte Untertitel einblenden? Ohne Untertitel verstehe ich kein Wort.“, schienen ihre großen, dunklen Augen zu sagen. Wir verstanden einander nicht mehr.

Die Gespräche mit dem Mann hingegen drehten sich wieder um Elternzeit, Kinderwagen und die Schicksalsfrage, ob mit Hand oder Geschirrspülmaschine das verdreckte Geschirr gereinigt werden sollte, jedoch ganz sicher nicht um Dessous und gemeinsame Pärchenabende. Nicht selten sponsorten wir uns gegenseitig eine Reise zum Mond. Inzwischen bin ich Meisterin darin, teuflische Pläne zu ersinnen, wie ich mich der Bedürfnisse meiner Tochter und des Mannes entledigen könnte, um einfach mal zehn Minuten die Füße hochzulegen. Unser zweiwöchiger Babymoon auf Kreta brachte schließlich etwas Entspannung (abgesehen von meiner Hose, die spannte danach mehr). Während der Mann durch die steinigen Schluchten kraxelte, verbrachten Knöpfchen und ich den Tag wahlweise am Strand oder beim Geocaching. Zumindest vorübergehend beruhigten sich die aufgebrachten Gemüter.

Nebenbei erwähnt ist es erstaunlich, wie viele wissend nicken, wenn ich meine Geschichte erzähle. Für die Mehrheit bin ich der lebende Beweis für die Prinzipien „Lasse los und Du wirst schwanger!“, „Es liegt halt doch am Kopf“ oder „Entspann mal ein bisschen.“ In meiner größten Verzweiflung habe ich auf genau solch einen Ausgang gehofft. Innerlich denke ich trotzdem „Alles idealistischer Mumpitz“. Durch Gelassenheit bin ich nicht schwanger geworden. Vielleicht war ich wieder mehr Mensch als Zombie, doch nur weil ein paar Glückshormone durch meinen Körper flossen, nistete sich kein Ei ein.

Denn das Schwangerwerden war ja nie das Problem. Es war das Schwangerbleiben, das durch knallharte medizinische Fehlschaltungen in meinem Körper verhindert wurde. Ich glich einer einzigen genetischen Disposition, die zu habituellen Aborten führte. Fehlverteilung der Geschlechtschromosomen (Mosaik) ist die wissenschaftliche Erklärung der Humangenetik für den Schmarrn. Schlagt es gerne nach. Und obendrauf gab es kostenlos eine Endometritis dazu. Obwohl Letztere mit Antibiotika behandelt wurde, dachten die Killerzellen nicht daran, zu verschwinden und feierten weiter in meinem Uterus eine fette Party.

Warum es dann diesmal doch funktioniert hat? Keine Ahnung. Fragt die Gynäkologen! Ich habe lediglich ein paar naive Ansätze: Vielleicht lag es daran, dass die genetische Kombination endlich mal keine Monosomie beim Embryo hervorbrachte? Vielleicht lag es daran, dass die Endometritis durch die Antibiotika doch geschwächt war, so dass das Ei eine gesunde Stelle zum Einnisten fand? Vielleicht lag es an der Corona-Impfung zwei Wochen vor Eisprung, die mein Immunsystem so ablenkte, dass es völlig vergaß, den Fremdkörper in der Gebärmutter zu bekämpfen? Vielleicht lag es auch an dem Progesteron, dass ich seit Bekanntwerden der Schwangerschaft bekam?

Was immer es auch war, ich bin einfach nur dankbar.

Fortsetzung folgt…