Vom Kugelvollhonk zum Mamahonk – 3. Trimester

Die gesamte Schwangerschaft über erklärte ich Freund*innen, Kolleg*innen und Familienangehörigen, dass ich mich anlässlich meiner Schwangerschaft vor allem auf eines freute: DIE COUCH. Mein absolutes Endziel im Mutterschutz. Ich träumte von mir mit Kinderriegeln, Erziehungsratgebern und digitalen Endgeräten auf der Couch. Die Couch und ich. Wir bildeten schon in der ersten Schwangerschaft ein Dreamteam. Passgenau fügte sich mein voluminöser Körper in das kuschelige Ambiente. Anlässlich des bevorstehenden Mutterschutzes ließ ich das gute Stück zusätzlich mit einer Tageslichtlampe und einem Schafsfell vom diesjährigen Christkind ausstatten. Man gönnte sich ja sonst nix. Alles war bereit für das Chillen de Luxe.

Dank Resturlaub arbeitete ich bereits Anfang Dezember meine Elternzeitvertretung ein und verabschiedete mich sukzessive von meinen Kolleg*innen. Mit jedem Tag und jeder Verabschiedung rückte die geplante Chillorgie auf der Couch näher. Mit jedem „Tschüß bis 2023“ rief ich innerlich „Hello again, Couch“. Die Kugel, die ich vor mir herschob, schien magnetisch von dem Möbelstück angezogen zu werden.

Dann war es soweit. Der letzte Arbeitstag. Ich schloss die Wohnungstür hinter mir und nahm freudestrahlend Anlauf. Da stand sie, die treue Seele. Bereit für Permachillen. Eilig kam der Mann auf mich zu. „Und? Lässt Du Dich boostern?“ Hä? Was? Ach ja. Leicht angesäuert tauschte ich Couch gegen Impfzentrum.

Lange rang ich mit mir. Ich bin keine Impfgegnerin. Grundsätzlich glaube ich, dass das mRNA-Verfahren ähnlich bahnbrechend für die Medizin ist, wie die Erfindung des Autos für das Transportwesen. Dieses löste die Kutsche gesamtgesellschaftlich ab. Doof zwar für die Kutscher*innen und die Pferdezucht. Und die Natur sowieso. Trotzdem möchte kaum einer darauf verzichten; glaubt man den 67 Millionen PKW-Halter*innen in Deutschland. Tendenz steigend. Das mRNA-Verfahren – so meine Hoffnung –  wird insbesondere die Krebstherapie revolutionieren. Und sicher, es entstehen dabei nicht nur Vorteile. Wie immer gibt es Gewinner*innen und Verlierer*innen. Natürlich auch Nebenwirkungen. Ein Medikament ohne Nebenwirkung? Von der Idee muss man sich verabschieden. Jede*r muss dementsprechend selbst entscheiden, ob er Segel setzt oder Mauern baut. Abwägen, welches Risiko höher ist.

In der Schwangerschaft war ich allerdings das erste Mal genau mit diesem Abwägen überfordert. Das lag sicherlich daran, dass ganz unterschiedlich gepolte Meinungen auf mich einprasselten. Gesellschaftspolitisch  entstand ein zunehmender Druck, den der Mann verstärkte, nachdem er Berichte von Schwangeren auf Intensivstationen las.  Meine Eltern mahnten hingegen zur Vorsicht. Beide Positionen triggerten meine Angst, erneut ein Baby zu verlieren. Je mehr Personen ich in die Entscheidungsfindung einbezog, desto größer wurde der Impuls, mich bockig wie ein kleines Kind auf den Boden zu werfen und „Nein, nein, nein“ zu brüllen. Ich war kurz davor eine Kerze in die Hand zu nehmen und spazieren zu gehen. Stattdessen las ich sämtliche Studien zur Impfung von Schwangeren bzw. zu Infektionsverläufen von Corona in der Schwangerschaft, ließ mich von Ärzt*innen beraten. Letztendlich half mir meine klassische pro-contra-Liste meine Angst vor der Booster-Impfung in der Schwangerschaft zu überwinden. Und zack, war ich – dank Schwangerschaftsbonus – ohne große Wartezeit geimpft. Nestschutz für mein Baby inklusive.

Beispielbild

Dann konnte ich mich endlich dem Wesentlichen zuwenden: DER COUCH. Zielsicher schritt ich auf sie zu. Da drückte mir der Mann einen Koffer in die Hand. „Hier, der ist leicht.“ Ach ja, da war ja noch etwas. Die alljährliche Weihnachtstournee zu den Großeltern. Das hieß drei Orte in drei Tagen. Drei mal Kartoffelsalat mit Würstchen, drei mal Vanillegipferl, drei mal Bescherung. So ist das eben in Patchworkfamilien. Sonst ein Quell steter Energie, packte mich diesjährig der pränatale Fluchtreflex. Wann und wo ich konnte, ging ich eine zärtliche Liason mit den Couches meiner Verwandten ein. Und hoffte, die heimische Couch möge mir meine Fremdchillen verzeihen. Während dessen trug der Mann fluchend das Gepäck die Treppen hoch, runter, hoch runter, hoch, runter.

Dann zum Jahreswechsel begann der Endspurt. Noch zwei Schritte bis zur Couch. Zwei! Da fiel mir eine Checkliste zur Erstausstattung eines Neugeborenen im Winter in die Hände. Upsi! Richtig. Knöpfchens ehemalige Sommergarnitur taugte im Winter eventuell nicht. Traurig schielte ich zur Couch und setzte mich an den Rechner, um Ebay-Kleinanzeigen unsicher zu machen. Wie immer kaufte ich alles gebraucht. Das hat nicht nur finanzielle Gründe. Nein, ich redete mir auch ein, dass das nachhaltiger sei. Außerdem waren die Chemikalien bereits ausgewaschen und konnten so der zarten Babyhaut nichts anhaben. Zusätzlich bereitete es mir eine diebische Freude, den kapitalistischen Handlangern der Babyindustrie ein Schnippchen zu schlagen. Den schenkte ich immer noch nichts. Harr, harr, harr. Nimm das, Kapitalist. Was? Na gut, für ’nen Kinderriegel mach ich‘ s.

So, jetzt aber! Auf zur Couch! Was war das? Ein Erziehungsratgeber für Geschwisterkinder? Ach Du Schreck! Wir bekamen ja ein Baby! Und waren nicht vorbereitet! Weder psychisch noch physisch noch organisatorisch. Adieu Couch. Eifrig studierte ich alles über die Entthronung des Erstgeborenen. Irgendwie fing ich an, das seltsame Verhalten meiner Tochter immer besser zu verstehen. Gemeinsam mit ihr suchte ich in der Bibliothek kindgerechte Bücher zu Erweiterung der Familie und las ihr abends daraus vor. Mit dem Mann gestaltete es sich etwas defizieler. Es war DER SCHLÜSSELMOMENT in unserer Beziehung, der uns auf unsere biologischen Rollen zurückwarf. Während ich meine Kugel mit Babyöl massierte, meinen Luxuskörper vom Gynäkologen zum Physiotherapeuten und zur Akupunktur schleppte sowie online Geburtsvorbereitungskurse besuchte, hämmerte und werkelte der Mann von früh bis spät und verwandelte unsere Dreiraumwohnung in ein Stauraumwunder. Mir war es zwar immer noch ein Rätsel, wie wir zu viert auf 64m² leben sollten? Doch ich wollte gerne auf unsere durch zahlreiche Konflikte erworbene Konfliktlösungskompetenzen vertrauen.

Atemlos absolvierten wir einen Verwaltungsmarathon mit Anmeldung im Krankenhaus, Vaterschafts- und Sorgerechtsanerkennung sowie Vorbereitung sämtlicher Anträge (Geburtsurkunde, Elternzeit, Kitaplatz, Elterngeld, Kindergeld etc.). Gelgentlich warf ich unserer Couch einen sehnsuchtsvollen Blick zu. Anders als bei der ersten Geburt musste die Betreuung unserer Erstgeborenen auch noch sichergestellt werden. Mangels ausgiebiger Couchliegezeiten versagten meine Selbstfürsorgesysteme in dieser Zeit völlig. Die „Zucker-ist-Gift-Stimme“ schwieg beharrlich und die Iss-für-zwei-Theorie malträtierte meinen Appetit. Kinderriegel ließen grüßen.

Sehnsuchtsort

Und die Couch? Die tat was Couches eben so tun: Sah urgemütlich aus. Auch ohne mich. Auf die Couch kam ich erst zum Geburtstag meines Mannes. Der auch der Geburtstag meiner Tochter sein sollte. Mehr lest Ihr hier.