Mamahonk hat Corona

Erst erwischte es den Mann. Einen Tag nach dem Geburtstag von Knöpfchen weckte er mich mit Worten, die ich seit zwei Jahren fürchtete: „Ich habe Corona!“ OK. Kurz ging ich in mich und überlegte, wie ich das fand? Erster Gedanke: Gott sei Dank NACH dem Urlaub. Zweiter Gedanke: Mist! NACH dem Kindergeburtstag. Innerlich sah ich die geschlossene Kita vor mir. Daneben – zornesrote Eltern mit Mistgabeln und Fackeln in der Hand. Knöpfchen und ich testeten uns. Beide negativ. Tiefenenttäuschte Reaktion des Mannes: „Blöd! Ich bin als einziger positiv.“ Ich hoffte, dass das seiner Vorstellung von Liebe entsprach und er einfach nur alles, wirklich alles, teilen wollte. Selbst Corona. Ich bewaffnete mich mit Maske und kaufte Lebensmittel für zwei Wochen ein. Reichte für eine Woche. Zumindest bei uns. Wir schöpften aus zahlreichen Quarantäneerfahrungen.

Symptome des Mannes? Innerhalb weniger Stunden verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Er schlief und schlief und schlief. Mit brüchiger Stimme teilte er mir schließlich mit, dass er mir im Fall seines Todes seinen Fernsehen mit OLED-Technik vermache. Dann bat er um die Krankensalbung. Zwei Tage später gehörte ich auch zum Team Krank. Der Test war so eindeutig. So positive Tests hätte ich mir mal in der Kinderwunschzeit gewünscht. Die Kinder waren negativ. Zumindest Knöpfchen. Fünkchen testeten wir nicht. Das Teststäbchen passte nicht in die Nase. Jetzt war ich froh, zu Kriegsbeginn gehamstert zu haben. Während andere die Öl- und Mehlbestände aus den Regalen der Supermärkte räumten, kaufte ich Unmengen an Schokolade ein. Unsere Nerven dankten es uns.

Außerdem erwies sich der Kindergeburtstag VOR Corona als Glücksfall. Wir waren reichlich versorgt mit Spielen, Puzzeln, Büchern. Zugegeben fühlte es sich unterirdisch an, sämtliche Eltern zu informieren. Alle zeigten sich jedoch solidarisch. An eine Familie gaben wir den Staffelstab leider weiter. Das war doof. Corona selbst – wahrscheinlich dank Impfung – nicht so. Ich hatte einen komischen Schnupfen und war unendlich müde. Am meisten zu schaffen machte mir persönlich der Umstand, dass ich wegen des Stillens keine Medikamente nehmen konnte. Zwiebel, Engelwurz und Thymian Myrte Balsam sind jetzt nicht gerade der Endgegner für Corona. Mehrmals täglich kam ich an meine Grenzen. Wahlweise wollte ich mich trennen, die Kinder zur Adoption freigeben oder eine Reiswaffel mit Senf essen. Meist entschied ich mich dafür, auf den Balkon zu gehen, tief einzuatmen und einen halben Liter Wasser in mich zu kippen. Ohne Scheiß. Ich bin überzeugt, Corona wäre wesentlich entspannter für uns verlaufen, hätten wir nicht anfänglich den lächerlichen Versuch unternommen, die Infektion der Kinder zu verhindern. Unternahmen wir aber. Den ganzen Tag rannte ich mit Maske rum. Der Mann auch. Manchmal versteckte ich mich stundenlang auf dem Gästeklo. Einfach um frei atmen zu können. Knöpfchen blieb tatsächlich negativ. Auch nachdem und weil wir die Nase voll hatten und uns die FFP2 Masken vom Gesicht rissen. Fünkchen blieb zumindest symptomfrei.

Am liebsten hätte ich jeden Tag bereits um 14 Uhr mit der Abendroutine begonnen. So schlapp war ich. Naja, jetzt weiß ich, man kann einen ganzen Tag im Bett liegend mit Uno spielen verbringen. Auch gut. Müsst ihr ausprobieren. Etwas ungünstig war allerdings das Timing des Mannes. Er hatte sein Abo für Disney+ storniert. Riesenfehler. Denn…

Wie heißt die Steigerungsform von Quarantäne? Genau! Hüftschnupfen. Nur wenige Tage nach unserer Positivtestung klagte Knöpfchen über Schmerzen im Oberschenkel. Als diese nachts selbst nach einer Tonne Schmerzmittel nicht nachließen, beschlossen wir in die Kindernotaufnahme zu fahren. Bereits im Urlaub hatte unsere Tochter über Schmerzen im Bein gestöhnt. Ich tat es als Wachstumsschmerz ab. Alternativ ließ ich noch Belastungsschmerz gelten. Schließlich waren wir wie die Irren gerutscht. Das verwächst sich, dachte ich. Alles andere verbuchte ich unter hypochondrischen Humbug.

Stundenlang starrte ich das Schild an, bis die Klinik mein Töchterchen wieder ausspuckte

So konnte man sich irren. Gemeinsam fuhren wir in die Klinik. Der Mann und Knöpfchen wurden im Quarantänebereich aufgenommen. Der Mann! Nicht ich. Ihre Mama. Wie beschissen konnte Mutterschaft manchmal sein? Ich konnte nicht mit ins Krankenhaus, um meiner Erstgeborenene beizustehen, weil ich Fünkchen stillen musste. Grrrg. Corona im Krankenhaus bedeutete komplette Desinfektion eines Untersuchungszimmers nach jeder Behandlung. Das wiederum bedeutete, dass Papahonk und Knöpfchen fünf Stunden in einem kleinen Behandlungszimmer vor sich hinsiechten. Fünkchen und ich leisteten durch das Fenster moralische und kulinarische Unterstützung. Reichten Bratwürste sowie Comics. So Sachen eben, die der Gesundung dienen. Schließlich diagnostizierte die Ärztin unserer Tochter eine Entzündung des Hüftgelenks infolge einer nicht bakteriellen Infektion. Hüftschnupfen eben.

Was kommt als Nächstes? Knorpelinfluenza? Gelenkerkältung? Hinterngrippe? Die Diagnose war ein Fest für mein schlechtes Gewissen. Der Gedanke „Ich habe den Schmerz meines Kindes nicht ernst genommen“ amüsierte sich köstlich mit dem Schuldgefühl „Wir haben all unsere Freunde infiziert“. Gespielt wurde der Dauerbrenner „WUÄH“. Entsprechend stieg die Stimmung. Therapie des Hüftschnupfens: Sieben Tage Couch. Ernsthaft? Für eine Sechsjährige. Wow, dachte ich, von Quarantäne in einer 64 m² Wohnung hin zur Isolation auf eine 2 m² Eckcouch. Spitze. Hätte nicht gedacht, dass da noch Luft nach oben sei. Das war – da waren der Mann und ich selten einig – der richtige Zeitpunkt, um Disney+ (Keine Werbung, sondern notwendige Überlebensstrategie.) erneut zu abonnieren.

Alltag mit Corona und Hüftschnupfen war letztendlich nicht so übel wie es klang. In der Regel begann mein Tag damit, dass ich zur bescheuertsten Mami auf der Welt gekürt wurde. Ich übersetzte es für mich als Liebeserklärung. Und hielt meine Ich-habe-dich-lieb-Rede. Eigentlich war ich immer sehr dankbar, dass unser Knöpfchen sich selbstständig verhielt. Allein auf‘s Klo gehen, allein anziehen, allein Essen holen. Klappte alles. Das war nun passé. Knöpfchen war bewegungsunfähig. Plötzlich durfte ich zwei Kinder tragen, anziehen und – gut, Klo klappte immer noch allein. Das waren die Momente, in denen ich merkte, wie sehr mein Ideal von mir als Mama von der nackten Realität abwich. Gesunde Ernährung? Viel Bewegung? Wenig Medien? Mitnichten. Am härtesten war für mich die Erkenntnis, dass ich 99 Prozent der Zeit nicht wusste, was ich tat. Eigentlich hatte ich mir mein Mutterbild so zurecht geschustert, dass ich voll bewusst meinen Töchtern Werte vorlebe und vermittle. Wie naiv. Ich wollte es ernsthaft wie mein Studium angehen – eben Literarturrecherche, Literatur durcharbeiten, Exzerpt erstellen und schließlich Anwenden. *Prust* Schöner Scherz. Die Realität? Ich reagierte. Durchweg und ausschließlich aus dem Bauch.

Beispielsweise kam während der Quarantäne eine Freundin vorbei, um das Dankeschön einer ukrainischen Familie vorbeizubringen. Hin und wieder hatte ich zu Kriegsbeginn übersetzt. Obwohl ich die Vorlieben ukrainischer Frauen kannte und wusste, dass sie viel stärker in traditionellen Geschlechterrollen verankert waren als ich, blockierten meine Hirnschaltungen. Mein Synapsen versagten ihren Dienst. Als meine Freundin – die die heimliche Feministin in mir sehr wohl kannte – vorsichtige Andeutungen machte, hätte ich zu Knöpfchen sagen können: „Das ist ein Geschenk für Erwachsene.“ oder „Geh spielen!“. Nein. Ich sagte zu Knöpfchen: „Boah, ein Geschenk. Los komm, lass ma gucken.“ Und schon zog meine Tochter die wohl pinkeste Barbie on earth aus der Tüte. B-A-R-B-I-E. Der Schock saß tief. Ich hatte schon Paw Patrol nicht vor ihr verheimlichen können. Jetzt also Barbie. Gerne hätte ich Knöpfchen einen Vortrag darüber gehalten, dass dieses kleine Püppchen der Inbegriff gefährlicher Schönheitsideale, stereotypischer Geschlechterrollen und des Kapitalismus‘ schlechthin sei. Doch sie schnappte die Puppe, strahlte vor Glück und ward nimmer gesehen. Das grämte mich. Erst der nächste Morgen versöhnte mich etwas. Als Knöpfchen das Barbiezubehör – ein Glätteisen und eine Haarbürste – zum Verschrauben unseres Bettes verwendete, war meine Genderwelt (fast) wieder in Ordnung.

Medienpädagogisch schlingerte ich ebenfalls durch die Quarantäne. Es brachen alle Dämme. Sollte ich mich in 20 Jahren fragen, wie es dazu kam, dass mein Knöpfchen ein blasser, fetter Nerd ist, der sich von Pizza ernährt, tagsüber schläft und nachts zockt, dann kann ich zurückblicken und weiß, es war Corona. Während wir bei den vorherigen Quarantänen Langeweile noch mit Anbrüllen überbrückt hatten, binge watchte Knöpfchen Disney+ und lernte das Wort ‚App‘ kennen. Ich hatte ihr unseligerweise eine auf mein altes Smartphone runtergeladen, die sie nun ständig spielte. Ich redete mir die Situation schön, indem ich mir einbildete, dass die App ‘Bibel für Kids‘ nicht gerade Call of Duty sei. Doch mein schlechtes Gewissen lachte mich aus.

Aus meiner Sicht hätte Corona kein besseres Timing haben können. Es löste eine Grundsatzfrage zwischen dem Mann und mir. Eine Frage, die mir bereits Wochen vor Papahonks Elternzeit den Schweiß auf die Stirn trieb. Wie ihr wisst, hatte unser Knöpfchen die vergangenen Wochen mit starkem Kitaweh zu kämpfen. Was also tun, wenn Papa in Elternzeit ist? Für die meisten wäre der Fall klar: Zuhause bleiben. Schöne Zeit zusammen verbringen, gemeinsam etwas unternehmen. Richtig. Das war auch mein Ansatz. Papahonk wandte allerdings ein: „Und danach? Da bekommen wir sie erst recht nicht mehr in die Kita! Dann ist sie völlig entwöhnt.“. Auch wahr. Hm. Innerlich rechnete ich jedoch mit Revolutionen unserer Erstgeborenen. Und zwar Französischen und nicht Deutschen. Würde ich genauso machen. Alle blieben zuhause. Nur sie sollte Außendienst leisten? So ein Schmarrn, hörte ich sie sagen. Gleichzeitig befürchtete ich, dass Papahonk aus der Elternzeit eine Gartenzeit machte. Mir fiel es schwer, eine klare Haltung zu entwickeln. Corona löste das Problem. So viel Familienzeit mit puzzeln, Halligalli spielen, basteln, TV schauen, vorlesen, gemeinsam kochen hatten wir selten. Knöpfchen wurde von Tag zu Tag ausgeglichener. Und Fünkchen? Das Baby war sowieso zufrieden. 

 

Ein Wermutstropfen: Am 10. Tag meiner Quarantäne fand der erste Elternabend vor Knöpfchens Einschulung statt. Meine Vorstellungen von der Grundschule sind relativ begrenzt. Mir ist bekannt, dass Elternabenden immer ein gewisser Mief anhängt. Leider gehörte ich nicht zu den 5 % der Menschheit, die sagt „Who cares? Ist doch wurscht.“ Nö, ich war nun mal zur Glucke mutiert. Ich halte es mit ERSTEN Begegnungen mit den Worten meines ehemaligen Chefs: „Das ist ein bisschen wie, wenn Enten schlüpfen und zum ersten Mal ihre Mutter sehen. Das prägt. Ein Leben lang.“ Es ging um nichts weniger als den ersten Eindruck zwischen Klassenlehrerin und Eltern. Da der Elternabend genau zu Fünkchens allabendlichen Stillhoch stattfand, war von Beginn an klar, dass der Mann hinging. Das fiel mir als Helikoptermama schwer genug. Mit unserer Coronaerkrankung wurden die Karten neu gemischt. Es geisterten vier Szenarien durch meinen Kopf.

Szenario A) Der Mann wird rechtzeitig negativ und geht zum Elternabend. Er gewinnt mit seinem misantrophen Verhalten alle für sich. Zumindest die Väter. Nicht die Klassenlehrerin. Nicht die anderen Mütter. Die sind dankbar, wenn ich das nächste mal komme.

Szenario B) Wir sind beide positiv und glänzen durch Abwesenheit. Die Klassenlehrerin fühlt sich maximal vernachlässigt und verpasst uns das Label ‚asozial‘.

Szenario C) Wir sind beide positiv, gehen inkognito zum Elternabend. Natürlich stecken wir die gesamte Eltern- und Lehrerschaft mit Corona an. Alles fliegt auf. Die Klassenlehrerin überträgt ihren Unmut auf Knöpfchen. Genauso die Eltern der anderen Schüler*innen. Knöpfchen wird von allen gemobbt.

Szenario D) Ich bin rechtezeitig negativ und sitze mit schreiendem Baby in der Ecke und lasse verzweifelt meine Titten raushängen, um sie zu beruhigen. Die Klassenlehrerin ist maximal genervt und projiziert ihren Unmut auf meine Tochter. Sie mobbt sie die gesamte Grundschulzeit.

Ehrlicherweise hoffte ich immer noch auf A). Für alle Fälle versetzten wir meinen Bruder und Schwager in Alarmbereitschaft, uns zu vertreten. Wer mein Baby auf die Welt bringen kann, übersteht auch unseren ersten Elternabend.

And the Oscar goes to…

Test 1 – Papahonk, Test 2 – Mamahonk, Test 3- Fünkchen

Szenario E!

Negativer Test bei mir, positiver Test bei dem Mann. Mein Bruder kam mit und protokollierte, ich versteckte mich in der hintersten Reihe, Fünkchen pennte die ganze Zeit und Knöpfchens Lehrerin war nur mit Papieren beschäftigt. Trotz heftiger Symptome war der Mann einen Tag später ganz plötzlich negativ. Nachtigall ich hör dir trapsen. Wenn da mal nicht der Rotstift im Spiel war. Und Knöpfchen? Knöpfchen durfte noch eine Extrarunde zuhause drehen. Dünne Personalschicht in der Kita.

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