Knöpfchen in der Wackelzahnpubertät

Inzwischen bin ich Platinumkundin bei der Gesellschaft Deutscher Psychotherapeut * innen. Wie es dazu kam? Im Frühjahr 2022 galt es den gordischen Knoten zu entwirren: Wackelzahnpubertät traf Entthronung traf Trennungs- und Verlustangst. Das war nicht gerade ein Klacks für meine von Stillhormonen geplagte Seele, wenn man nebenbei ein stillfaules Baby befriedigen musste.

Verknotung 1 – Die Entthronung Ich wurde zum 2. Mal Mutter. Knöpfchen, unsere Erstgeborene, ward entthront. Das war schmerzhaft und schön zugleich. Trug jedoch nicht dazu bei, dass meine Tochter Nr. 1 ein Buddha 2.0 werden würde. Ich sowieso nicht. Im Gegenteil. Nervlich geschwächt vom Wochenbett und unfähig, pädagogische Ratgeber über die Seite 5 hinaus zu lesen, gelang es mir äußerst erfolgreich, die Situation zu verschärfen. Statt der Grundregel Erstgeborenes First zu folgen, verzettelte ich mich stets.

Immer häufiger fing sich Knöpfchen ein „Nein, jetzt nicht.“ oder „Gleich, wenn ich gestillt habe.“ als Antwort auf ihre Bitten um Aufmerksamkeit. Knöpfchen liebte ihre Schwester, doch konnte sie wenig mit ihr anfangen. Mit meiner Neigung ratzfatz alles erledigen zu wollen, statt sie einzubinden, versemmelte ich es endgültig. Logisch, dass Knöpfchen irgendwann zu pöbeln anfing. Das mutete gelegentlich niedlich an, wenn eine 5-jährige vor lauter Wut light ihre Jacken auf den Boden schmiss und anschließend erschrocken von der eigenen Courage alle Kleidungsstücke einsammelte und zurück an die Garderobe hing. Doch ihre Anfälle trieben meine Nerven auf das Niveau einer Frührentnerin.

Das Verhältnis entspannte sich, nachdem ich eine Werbekampagne für Fünkchen startete. Regelmäßig geriet ich außer Häuschen, wenn Tochter Nr. 2 lange schlief oder liebevoll ihre Schwester beobachtete. Das tat das Baby ausschließlich um uns einen Riesengefallen zu tun. Knöpfchen ist inzwischen der festen Überzeugung, ihre Schwester sei ihr größter Fan. Ich brach mit meinem langjährig gehegten Vorurteil gegenüber Schwindeln und band Knöpfchen ein Winni Puh nach dem anderen auf. War Knöpfchen nachdem ich das Baby ins Bett brachte zu laut, faselte ich etwas von meiner Hörsensibilität, damit sie ihre Schwester nicht weckte. Gleichzeitig durfte Knöpfchen beispielsweise ihren Modegeschmack unter Beweis stellen, indem sie allmorgendlich das Outfit für Fünkchen zusammenstellte. Selbstverständlich feierte ich sie dafür ausführlich.

Die Entthronung hätten wir noch gemeistert. Doch wir steckten im gordischen Knoten und nicht im Kreuzknoten. Der ist für Babys. Püh.

Verknotung 2 – Das Wachstum Erschwerend kam hinzu, dass Knöpfchen sich mal wieder in einer P-H-A-S-E befand. Innerhalb von Sekunden wechselten ihr Launen. Dr. Jekyll und Mr. Hyde konnte einpacken! Jetzt kam Knöpfchen. In einem Moment kuschelte sie sich an mich und raunte: „Ich habe Dich so lieb“. Im nächsten stieß sie mich von sich. Das Raunen wurde zum Raunzen und ich erhielt den Titel „Blödste Mama auf der Welt“. Die zeitgenössische Pädagogik hat ein schickes Wort dafür: Wackelzahnpädagogik. Die beste Nachricht – Die Wackelzahnpubertät dauert entspannte fünf Jahre. (Um dann wahrscheinlich nahtlos in die Pubertät überzugehen.)   

Immer häufiger erinnerte mich Knöpfchens Anblick an einen leichenblassen Zombie. Eine weitere Gemeinsamkeit mit einem leichenblassen Zombie bestand darin, dass ich am liebsten Reißaus vor ihr genommen hätte. Ein Zusammentreffen mit Knöpfchen konnte gefährlich sein. In der Regel begegnete sie mir mit Wut, Weinen und Wanst vollschlagen. Meinen Wanst. Knallhartes Dissen („Du Pupser“) und unkontrolliertes Zungerausstrecken war an der Tagesordnung.

Ist es ein Wunder, dass die Wackelzahnpubertät meiner Erstgeborenen mich zum feuchten Traum von Ferrero mutieren ließ? Eigentlich wollte ich meinen Pre-Baby-Body zurück. Doch ich inhalierte Kinderriegel wie andere Zigarettenrauch. In der Schwangerschaft hatte ich meine Impulse konsequent gesteuert und stets (OK, fast stets) einen zweiten oder dritten Kinderriegel verkniffen. Doch in der Wackelzahnpubertät meiner Tochter erschienen mir breite Hüften und kaputte Zähne langfristig günstiger als die nächste Tranche für meine Psychotherapeutin.

Auch die Wackelzahnpubertät wäre noch zu wuppen gewesen. Selbst vor dem Hintergrund der familiären Verunsicherung, weil ein geisteskranker bockiger Mann in die Ukraine einmarschierte.

Verknotung 3 – Die Trennungs- und Verlustangst Parallel zu meiner Operation unterzog sich mein Vater einer OP. Nur, dass er nicht wie geplant an Ostern nach Hause durfte. Stattdessen landete er mit Sepsis und multiplen Organversagen auf der Intensivstation. Obwohl ich es mir fest vornahm, gelang es mir nicht, den Mann darüber zu informieren, OHNE dass die Erstgeborene etwas mitbekam. Ich brach Tränen aus. Knöpfchen bekam die volle Breitseite ab. Sofort nahm sie mich in die Arme und sagte: „Er schafft das! Denk an etwas Schönes.“. Holla, dachte ich, wie stark.

Doch das war nur der erste Moment. Tatsächlich war sie in den Grundfesten erschüttert. Und bekam Angst. Angst, die Mama zu verlieren. Klammern, war ihre ultimative Antwort. Seitdem ist Kita ein Reizwort für Knöpfchen. Der morgendliche Gang dorthin mutierte zur Besteigung des Mount Everests. Kräftemäßig. Das gleiche Kind, dass mich regelmäßig im Spätdienst angenölt hatte, wenn ich kam, verweigerte die Kita.  Sie klagte über „Gefühle“, die ich nach vielen Gesprächen, Tränen und – ja, leider auch – Schreien als Trennungsangst identifizierte. In dieser Zeit verbannte ich die Märchen der Gebrüder Grimm endgültig aus der Hausbibliothek. Wieso? Als ich Knöpfchen fragte, wieso sie Angst habe, die Mama zu verlieren, gab sie zur Antwort: „In den Märchen sterben doch auch immer die Mamas!“. Kein weiterer Kommentar notwendig.

Das war richtig GRANDE, sage ich euch. Pain in the ass. Mir zerriss es das Herz.

In meiner Not suchte ich bei geschultem Personal Hilfe. Knöpfchens Erzieherin. Die kennt sie. Die ist kompetent. Die ist engagiert.

Und sie nahm sich Zeit für mich. Normalisierte die Situation. Gab gute Tipps. Machte mir aber auch deutlich, dass es Knöpfchen an Strategien mangele, sich selbst zu beruhigen und zu regulieren.

Das triggerte mich. Da war es wieder. Dieses Unwort. Regulationsstörung.  Bereits zu Schreibbabyzeiten bekam ich dabei Schnappatmung. Ich erinnerte mich an all die altklugen Stimmen: „Lass sie ruhig ein bisschen schreien. Sie muss Selbstregulation lernen.“ Hatte ich nicht. Konnte sie nicht.

Vorsichtig erkundigte ich mich bei Knöpfchens Erzieherin, wie wir ihr diese Strategien vermitteln könnten? „Seien sie Vorbild!“, war die simple Antwort. Volltreffer. Was soll man da als Gelegenheitschorlerikerin sagen?

Wie immer half mir Humor. Anlass zum Schmunzeln gab es auch in dieser Zeit reichlich. Knöpfchen und ich führten die absurdesten Dialoge. Eines Morgens hingen wir mal wieder in der Konfliktschleife fest. Sie wollte nicht in die Kita. Schrie und keifte. Krampfhaft suchte ich nach einer Lösung.

„Beruhig dich!“, funktionierte nicht.

„Atme durch!“, wurde knallhart ignoriert.

„Ich hüpf gleich an die Decke und lass mich kopfüber hängen!“, ließ Knöpfchens Wut auf Rekordgröße anschwellen.

Wir stierten uns wie zwei Stiere an. Sie stand derart unter Strom, dass ich mich wunderte, dass ihr nicht alle Haare zu Berge standen. Kurz vor der Eskalation fiel mir der Tipp der Erzieherin ein, sie mit kleinen Fragen abzulenken:

„Wenn ich ein Gemüse wäre, was wäre ich dann?“. Äh. Gut. Zugegeben, das war nicht gerade Einstein, aber immerhin.

„Eine Aubergine.“, antwortete Knöpfchen ohne nachzudenken.

Ich stutzte. Aha. „Und wieso?“, erkundigte ich mich.

„Unten dick und oben dünn“.

„…“

Vorsicht Fräulein, dachte ich bei mir. Du hast kein Kindchenschema mehr, das dich rettet. Doch wir lachten so herzhaft. Das war Balsam für die Seele.

Wie immer half mir ein bestimmter Satz. Nicht. Jeder kennt ihn! Den ultimativen Satz für Elternfrischlinge. Ein Satz, sie zu trösten. Ein Satz, ihnen Hoffnung zu geben. Ein Satz, ihnen Glauben zu machen, dass irgendwann alles besser wird:

Es ist nur eine Phase.

„Es ist nur eine Phase!“, sagten sie. „Es geht vorbei!“, sagten sie.

Das Leben hatte mich gelehrt, auf das zu hören, was NICHT gesagt wird.

Die gesamte Profi-Elternschaft verschwieg nämlich einen entscheidenden Fakt. Niemand. Absolut niemand verriet, die Anzahl der Phasen, die da kommen mochten. Mal ehrlich: Babys, Kleinkinder, Vorschulkinder, Jugendliche durchlaufen permanent irgendeine Phase. Phasen, die ausschließlich aus Gefühlsausbrüchen, ungesteuerter Aggression, penetranter Anhänglichkeit und totaler Widersprüchlichkeit bestehen. Trotzphase, Wackelzahnpubertät, Pubertät. Damit nicht genug. Später hält das Leben Quarterlife-Crisis und Midlife-Crisis bereit. Warum war niemand ehrlich und nannte das Kind beim Namen?

Der Mensch ist einfach restlos total bescheuert. DAUERHAFT. Ohne Unterbrechung.

Phase? Pah! Von wegen.

Doch eine Erkenntnis bereitete mir diebische Freude: Die „Phasen“ unseres Nachwuchses mochten die Angelegenheit von uns Sorgeberechtigten sein. Doch die „Krisen“ dürfen wir glücklicherweise an die zukünftigen Freund*innen, Partner*innen und Arbeitskolleg*innen unseres Nachwuchses outsourcen. Wuhahah! Da freue ich mich schon drauf. Wenn Knöpfchen oder Fünkchen in ihrer Quarterlife-Crisis ankommen, hebe ich die Hände: „Sorry, it’s not my job“. Dank meines fortgeschrittenen Alters werde ich mich zu diesem Zeitpunkt ausgiebig der Frage widmen, ob es eine Miss-Sixty-Crisis gibt?

Bis dahin habe ich mich von sämtlichen Erziehungsstilen vorerst verabschiedet. Mein Motto: Hauptsache überleben! Wenn mir jemand verrät, was das Schwert von Alexander dem Großen ist, wäre ich sehr dankbar?

Fortsetzung folgt…

Mama wandert mit Baby

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