Geständnisse einer Rabenmutter

Schon seit längerem – ungefähr seit Knopfs Geburt – habe ich mich im Verdacht, keine gute Mutter zu sein. Eine Rabenmutter. Indizien gab es mehrere. Im November 2022 war die Beweisführung schließlich abgeschlossen.

Read it, like it or leave it.

Nach einem Radausflug kehrten meine beiden Mädels und ich nach Hause zurück. Wir fuhren in die Tiefgarage. Nicht, weil wir einen Radausflug mit dem Auto gemacht hatten, sondern weil sich dort der Radkeller befand.

Bei Betreten der Tiefgarage sah ich, dass die Tür zum besagten Keller offen stand. Das rief ein gewisses Wohlbefinden bei mir hervor. Offenstehende Türen ersparten mir einen Arbeitsschritt.

Es fiel zwar nur das Aufschließen weg. Trotzdem. Knopf (6) war müde, Fünkchen (0) hungrig. Da zählte jede Nanosekunde.

In der Tür zum Radkeller stand ein älterer Herr. Ein Nachbar. Gerade als ich ihm mitteilen wollte, dass er die Tür nicht schließen brauche, sagte er: „Mir ist schwindlig!“.

Erschrocken erkundigte ich mich: „Soll ich einen Arzt rufen?“ Er verneinte.

Tja.

Nun…

… hätte ich die SMH trotzdem rufen können.

… hätte ich ihn um einen Moment Geduld bitten können, um die Kinder in die Wohnung zu bringen.

… hätte ich warten können, bis jemand kommt, um entweder auf die Kinder oder auf den Herrn aufzupassen.

… hätte ich Durchfall vortäuschen oder im Erdboden versinken können.

Ich bin ein sehr entscheidungsfreudiger, um nicht zu sagen, impulsiver Mensch. Täglich treffe ich läppische 30.000 Entscheidungen innerhalb von Nanosekunden.

Darunter sind gute und eben nicht so gute. Die Entscheidung, die ich jetzt traf, war derart, dass sie mich im Nachhinein länger als eine Nanosekunde beschäftigte.

Denn ich fragte den Herrn mit Schwindel: „Soll ich Sie in ihre Wohnung begleiten?“ Dankbar nickte der Herr.

Dann erst fiel mir auf, dass ich nicht in der Lage war, gleichzeitig den Herrn zu stützen, mein Baby im Radanhänger zu schieben sowie Knopf in die obere Häuserreihe zu lotsen.

Von der Tiefgarage gibt es obere und untere Zugänge zu den Wohnungen. Der Herr wohnte oben, wir unten. Knopf hätte mich und den Herrn begleiten können, doch dann bliebe Fünkchen allein.

„Bleib bei Fünkchen. Ich bin gleich wieder da. Dem Mann geht es nicht gut. Ich bringe ihn in seine Wohnung.“, rief ich meinem Knopf zu.

Kurz fühlte ich mich schlecht, meinem Grundschulkind diese Bürde aufzubinden und zweifelte. Doch wie bei der ungeplanten Hausgeburt von Fünkchen war ich voll Vertrauen: Das läuft gerade nicht nach Handbuch, aber es wird gut gehen.

Ich brachte den Herrn sicher in die Wohnung, versprach ihm, später nach ihm zu sehen. Dann sprintete ich barsockig zu meinen Mädels. Das beanspruchte ungefähr 7 Minuten. Das Baby weinte, die Große ebenfalls. Beide waren völlig aufgelöst. Eine Nachbarin stand daneben. Ich hatte Knopf zu viel zugemutet.

Anschließend kassierte ich Moralpredigten von meiner großen Tochter, von dem Mann und von meiner Mutter ein. Mein schlechtes Gewissen war selbstverständlich auch mit von der Partie.

Alle vier waren hervorragend darin, in meinem Kopfkino wahre Blockbuster zu konstruieren, in denen am Ende entweder meine Kinder oder der schwindelige Herr oder alle tot waren. Vielleicht sollten sie sich mit Steven Spielberg zusammentun?

Wie konnte ich meine beiden Mädchen allein zurücklassen, um einen fremden Mann zu helfen? Familie kommt zuerst.

Ich beschreibe die Episode nicht, um mich zu rechtfertigen oder um Abbitte zu leisten. Das habe ich schon. Bei meinen Töchtern.

Ich will auch nicht hören „Nett, dass du dem Mann geholfen hast.“ Das hat er bereits selbst kundgetan.

Mir geht es darum, die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten zu verinnerlichen. Denn in der Situation hatte ich schlichtweg keinen Handlungsplan, sondern reagierte einfach. Voll darauf vertrauend, dass alles gut geht. Ging es auch. Diesmal.

Da jedoch ca. 70% in unserem Wohnkomplex das Rentenalter schon seit mindestens 5 Jahren überschritten haben, ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass ich mal wieder so eine Entscheidung treffen muss. Dann möchte ich meinen Kindern, Sicherheit vermitteln, indem ich weiß, was ich tue.

Außerdem ist es mir wichtig, Helikoptereltern zu zeigen, die versehentlich entscheiden wie ich: Ihr seid nicht allein. Lasst uns gemeinsam schlecht fühlen, dann ist es nicht mehr ganz so schlimm.

Ein ganz kleines bisschen ist es aber auch ein Plädoyer, an das gute Ende zu glauben.

Und ein noch viel kleineres bisschen ist es eine Erklärung dafür, warum es in Russland (nicht nur da), so wenige Marinas Owsjannikowas gibt.

Foto: Pixabay

Mama wandert mit Baby

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