Mamahonks kleine Monatsrückschau Juni 2023

Die sprachliche Entwicklung von Fünkchen zeigte bereits im Mai erste Blüten. Mit einem seligen Lächeln tapste sie durch die Gegend und rief permanent: „Halou!“. Ich war halb ohnmächtig vor Freude, dass ein Begrüßungswort, welches Offenheit, Zugänglichkeit und Menschenfreundlichkeit versprach, ihr offizielles 1. Wort war. (“Mama” und “Papa” rechne ich nicht. Das sind Lautfolgen mit denen Babys alle sicherheitsvermittelnden Alltagsgegenstände bezeichnen. Selbst Klopapier).

Knopfs erstes Wort lautete: „Nein!“ Nicht falsch verstehen, die Fähigkeit Nein-Sagen zu können ist elementar, besonders als Mädchen und Frau. Doch, wenn „Nein“ das erste Wort ist, habt ihr ungefähr eine Ahnung, wieviel Widerstand in dem kleinen Zwerg steckte.

Im Juni nahm Fünkchens Sprachentwicklung richitg Fahrt auf. Vorzugsweise nachts verbrachten wir viel Zeit mit tiefenphilosophischen Gesprächen.

Fünkchen : Mamaaa?

Ich: „Schsch!“

Fünkchen: „Mamamamamamamamam.“

Ich: „SCHSCHSCHSCHSCH!“

Fünkchen: „Mamaaaa.“ Pause. „Maammaaaaaaaaaaaaa“

Mit der Sprache entdeckte Fünkchen ihren eigenen Willen und kommunizierte ihn bellend. Mit ihrem zweiten Wort: Neiiiin!

Das ließ sich ebenfalls nachts besonders gut erproben, wenn ich sie nach dem Stillen zurück in ihr Bettchen legen wollte. Sie bäumte sich auf, bog den Rücken durch und gab ein markerschütterndes „Neiiiin!“ von sich. Ein Schrei, der jede Jugendamtsmitarbeiterin sofort in Alarmbereitschaft versetzten konnte.

Philosophieren bis zur totalen Erschöpfung

Die – nun ja – sagen wir „bruchstückhaften Nächte“, die daraus resultierten, trugen sicherlich dazu bei, dass ich den beruflichen Wiedereinstieg verfluchte, mir statt des Mannes einen stummen, kinderbetreuenden Haushaltseinkaufsmasseur ohne eigene Bedürfnisse wünschte und das Bloggen schmählichst vernachlässigte. Erneut gibt es daher keinen Einblick in die Chronologie der Ereignisse im Juni, sondern nur ein Schlaglicht auf meine Gedanken- und Erlebniswelt.

Read it, like it or leave it!

Der Juni bestach durch verschiedene herausragende Tage: Sommeranfang, Tag des Schlafes und meinem Wiegenfest. Nun trug es sich zu, dass ich nicht mit meinem Geburtstag hausieren ging. Wieso auch? Meine Fähigkeiten, angemessene Reaktionen auf Glückwünsche zu zeigen, bewegten sich zwischen Kerzen auspusten, aufgeregt in die Hände klatschen und mit roten Bäkchen „Viel Glück und viel Segen“ mitsingen. Ich verfügte schlichtweg über kein adäquates Verhaltensrepertoire, dass einem zweistelligen Geburtstag entsprach. Wieso sollte ich das jemanden antun?

Ich könnte Floristin werden. Doch warum dieses Risiko eingehen?

Überzeugt davon, dass ich auf meiner „neuen“ Arbeitsstelle mein Älterwerden erfolgreich verheimlicht hatte, ignorierte ich mein Geburtstag völlig. Geschafft von unzähligen Kinder- und runder Geburtstagsfeiern sowie dem beruflichen Einstieg und der Vorbereitung auf das Stilfser Joch, zeigte ich keinerlei Elan, Kerzen auszupusten.

Nun muss man wissen, dass ich eine Fähigkeit deutlich besser beherrsche als angemessen im Mittelpunkt zu stehen: Das Vernachlässigen von Pflanzen. Zur Jugendweihe bekam ich einen Ficus geschenkt. Trotz großen Latinums habe ich keine Ahnung, wie die lateinische Bezeichnung in das Deutsche übersetzt wird. Aufgrund der Empirie traue ich mir jedoch zu, zu behaupten, dass die Übersetzung „unverwüstliches Gewächs“ lauten muss.

Mir gelang es mindestens dreimal, die Pflanze in Grund und Boden zu richten. Ausschließlich dank zahlreicher Auslandsaufenthalte überlebte mein Ficus. Während ich in Minsk, Moskau, Ufa oder Odessa weilte, übernahm nämlich mein Bruder die Patenschaft für ihn. Jedes Mal erhielt ich bei meiner Rückkehr ein grün wucherndes Monstrum zurück, nur um es wenige Monate später als entblättertes Skelett erneut in die grünen Hände meines Bruders zu geben. Dort ließ ich ihn schließlich für immer.

Ein Grund, weshalb des Mannes feuchter Traum von mir als Gärtnerin bisher ein Traum blieb.

Zu meinem 41. Geburtstag schienen sich meine Arbeitskolleg*innen mit dem Mann verschworen zu haben. Sie starteten eine grüne Revolution. Zuerst erhielt ich eine Sonnenblume. Da lächelte ich noch. Ist ja nur eine Saison, beruhigte ich mich. Das schaffe ich. Dann folgte eine Salbei. Ich hielt die Mundwinkel angestrengt nach oben. Ist der unverwüstlich? Er sieht unverwüstlich aus. Ich sprach mir Mut zu.

Auch von der Verwandtschaft wurde mir buntes Grünzeug in die Hand gedrückt. Ich spürte, wie der Leistungsdruck stieg. Oben drauf kam noch eine Kalanchoe von meiner Kollegin. (Bei dem Namen handelt es sich um einen Platzhalter. Es könnte auch eine Begonie sein. Wer weiß das schon? Meine Kollegin und ich jedenfalls nicht. Die Blume sieht auf jeden Fall sehr schön aus. Trotzdem kann ich nachts nicht mehr schlafen. Wie sollte ich das schaffen? Mir gelang es nicht mal einen Ficus am Leben zu erhalten. Und jetzt sollte ich mich gleich um vier Pflanzen kümmern?

Der Mann frohlockte. „Ich habe schon einen Platz im Garten dafür.“

„Vergiss es!“, ließ ich den Mann abblitzen.

Dafür war ich zu stolz. Von wegen!

ICH hatte die Pflanzen bekommen.

ICH nahm sie mit ins Büro.

MEIN grüner Ehrgeiz war geweckt.

ICH nahm mir fest vor, die grünen Glückwünsche zu hegen und zu pflegen, mich an ihnen zu erfreuen und meiner aufmerksamen Kolleg*innen zu gedenken, wenn ich sie anblickte.

Als kurz darauf eine Mail von der Klassenlehrerin unserer Tochter eintrudelte, mit der Bitte, für die Ferien die Patenschaft einer Pflanze zu übernehmen, ignorierte ich diese. Ich mag größenwahnsinnig sein, aber nicht blöd,

Vielleicht wäre alles gut gegangen und ich wäre endlich Floristin geworden. Vielleicht hätten sich des Mannes heißersehnter Traum erfüllt und wir harkten fortan Schulter an Schulter bei Sonnenuntergang die Gemüsebeete im Garten. Vielleicht wäre meine Kolleg*innen mit einem Strahlen ob der grünen Pracht in mein Büro gekommen.

Vielleicht.

Wenn nicht, ja,  wenn nicht am folgenden Tag meine Tochter selig strahlend mit einer Aloe Vera vor mir gestanden wäre und vor Stolz verkündet hätte: „Guck mal Mama, ich habe eine Pflanzenpatenschaft übernommen!“

Ich kapitulierte. Und aß Sushi.

Im Zeitraffer verwelkte erst die Blätter der Sonnenblume, dem Salbei fielen die Blätter ab und dem Pfalnzensortiment meiner Verwandtschaft entfleuchten seltsame Insekten. Lediglich die Pflanze des unbekannten Gewächs widerstand meiner Pflege. Mal sehen, wie lange?

Platzhalterbild. Bevor ich die “Grünen Geschenke” fotografisch verewigen konnte, entblätterten sie sich. Alternativ: Pflanzliches Suhsi

Der Geburtstag offenbarte auch eine Schwäche meiner Strategie im Kampf gegen meine Kinderriegelabhängigkeit. Diese bestand darin, Kinderriegel unmittelbar, ganzheitlich und vollständig zu vernichten, sobald sie die Hausschwelle passierten. Einfach wegwerfen brachte ich nicht über mein kariöses Herz. Allerdings geht nunmehr das Gerücht herum, dass ich Kinderriegel sehr gerne esse. So trug es sich zu, dass ich diesjährig mehrere Pfund Kinderriegel bekam. Ratet mal, wie die Geschichte ausging?

a) Ich habe die Kinderriegel allmäglich gegessen. Jeden Tag ein Riegel. Ich fühlte mich ausgeglichen udn zufrieden.

b) Waff?

Ich ging als emanzipierte Frau in den Kreißsaal und kam als Hausfrau und Mutter wieder raus!

Immer häufiger beschäftigte mich dieser Satz. Auch im Juni. Eine Allensbachstudie nach der anderen scheint diese Behauptung zu bestätigen. Persönlich weigerte ich mich jedoch, dies anzuerkennen. Vielleicht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Vielleicht, weil ich überzeugt davon bin, dass vieles von den eigenen Erwartungen und Vorstellungen an und von dem Leben abhängt? Vielleicht, weil – und das ist nicht zu unterschätzen – vieles mit den Erwartungen und Vorstellungen des Partners steht und fällt?

Was ich in jedem Fall für mich behaupten konnte: Durch die Geburt meiner Töchter bin ich näher an meine Gene gerückt. Keine Ahnung, ob es so etwas, wie Instinkt gibt? In jedem Fall wurde ich affektgesteuerter. Ursprünglich prägte mein Verhalten Reflexion, Vernunft und Selbstregulation. Das irrwitzige Verhalten, dass ich seit der Geburt meiner beiden Töchter an den Tag legte, wollte ich bitteschön mit nichts anderem als mit der Biologie erklärt wissen.

Erst kürzlich – ich war wie immer im Stress – brachte ich den Müll weg. Entgegen der Konvention warf ich die Pappkartons ungefaltet in den Papiercontainer. Üblich nahm ich mir die Zeit, alles fein säuberlich flach zu hüpfen. Heute nicht. Während ich meine Untat innerlich bereute, schoss eine ältere Nachbarin um die Ecke. Fettige Haare, leicht übergewichtig, Feinrippchenhemd.

Sie keifte: „Endlich habe ich Sie erwischt.“ Sie wedelte mit dem Zeigefinger vor meiner Nase rum. „KARTONS GEHÖREN ZUSAMMENGEFALTET!“ Ein bosschen erinnerte mich ihr Verhalten an die Wutanfälle von Donald Duck.

Als selbstregulative, vernünftige und reflektierte Person hätte ich verlegen gelacht und geantwortet: „Jetzt haben sie mich aber ertappt!“, die Kartons entschuldigend aus dem Container gefischt und zusammengetreten.

Stattdessen: Mein Nebennierenmark und Sympathikus koppelten positiv rück, mein Körper lief mit Adrenalin über und pumpte die Atem- und Herzfrequenz in schwindelerregende Höhe. Das Tier in mir schrie: „Aaaaaaaaaaaaaaaaaaangriff!“

Und antwortete: „Der Karton ist voll!“ Lügen war nie meine Stärke. Keine Ahnung, wieso ich log? Mir war absolut klar, dass meine hanebüchene Lüge sofort aufflog, wenn die Frau den Karton anhob. „Der Karton muss nicht zusammengelegt werden, weil sich sein Volumen dann auch nicht ändert.“, beharrte ich dennoch.

Die Frau hob den Karton an. „Aha“

„Voll mit Füllmaterial. Das ist leicht.“ Ich geriet ins Schwitzen. Warum hörte ich nicht auf?

Die Frau öffnete den leeren Karton. Triumph blitzte in den Augen. Dann sprang sie.

„SO“ *hüpf*

„MACHT“ *hüpf*

„MAN“ *hüpf*

„DAS“ *hüpf*

„!!!“ *hüpf*

Dabei wippten ihr Brüste aus ihrem Hemd, was die Absurdität der Situation steigerte.

Rumpelstilzchen war ein Scheißdreck dagegen. Ich schwöre.

Im selben Augenblick, wie ich der Lüge überführt wurde, beendete mein Körper den Abbau des Adrenalins und ich entspannte.

„Hupsi“, stotterte ich, entschuldigte und erklärte mich, sodass ich zwar nicht mit der Dame einen Trinken gehen wollte, wir uns aber wenigstens mit einem Lächeln verabschiedeten.

Ich sag’s doch: Dauerhaft im Honkmodus! Die Amygdala regiert.

Der Monat Juli verspricht ähnlich herausfordernd zu werden wie der Monat Juni: Der letzte Trainingsmonat für das Stilfser Joch, der letzte Monat in Teilzeitarbeit und der erste Monat mit einem Ferienkind. Falls ihr nichts von mir hört, bin ich entweder gegen die Wand oder Amok gelaufen.

Schöne Sommerzeit!🫠

Mama wandert mit Baby

Du möchtest keinen Mamastisch-Beitrag verpassen? Dann abonniere meinen Blog und erhalte regelmäßig Neues aus dem Leben von Mamahonk.

Anregungen, Kritik? Gerne per Mail. Folge mir gerne auch auf Instagram oder Facebook, um über die neuesten Einträge informiert zu werden. Und ganz wichtig: Weitersagen & Empfehlen – danke du Schnegge😀