Hindern Grimms Märchen Frauen daran, erfolgreich zu sein?

Wieso sind manche Menschen erfolgreicher als andere? Schnell stößt man bei dieser Frage auf die These, insbesondere Männer seien erfolgreicher als Frauen. Geschlecht als Erfolgsfaktor? Ein erster Blick in die Statistik bestätigt dies. Unter den 25 reichsten Deutschen werden genau zwei Frauen namentlich benannt. Nur jede dritte Führungsposition ist 2019 mit einer Frau besetzt. Erstaunlich in einem Land, in dem die mächtigste Person eine Vagina hat. Womit hängt das zusammen? Ganz einfach, der Unterschied beginnt bei der Definition des Begriffes ‚Erfolg‘. Frauen und Männer haben unterschiedliche Vorstellungen von einem erfolgreichen Leben. Die Wurzeln dafür liegen in der Kindheit.

Und zwar in den Märchenerzählungen der Gebrüder Grimm. „Huch?“, mag der eine oder die andere jetzt denken, „Wo kommen die denn plötzlich her?“. Es gibt gute Gründe, die Prägung durch Grimms Märchen nicht zu unterschätzen:

1. Grimms Märchen waren das Netflix des Mittelalters und sind tief in das Bewusstsein unserer Gesellschaft verankert. Sie gehören zur Weltliteratur und fehlen in keinem Kinderzimmer. Jeder und jede kennt Dornröschen, Schneewittchen und Aschenputtel. Gemeinsam gruselten wir alle uns vor den bösen Stiefmuttern und Hexen und bangten mit hübschen, jungen Frauen, die schließlich vom Prinzen erlöst wurden.

2. Kinder brauchen Märchen. Sie leisten ein Identifikationsangebot und schenken Kindern Urvertrauen, weil das Gute das Böse besiegt. Zugegeben die Methoden muten teilweise recht grausam an, wenn eine Hexe im Ofen verbrennt oder ein Wolf mit Wackersteinen vollgestopft und schließlich ertränkt wird. Doch beim Sieg des Guten über das Böse heiligt der Zweck die Mittel. Mir schien es als Kind auch nur gerecht. Ging Euch wahrscheinlich auch so, oder?

3. Grimms Märchen entwerfen ein sehr eindimensionales Frauenbild (und auch Männerbild, doch in diesem Blog geht es ja um uns Mädels). Eine „erfolgreiche“ Frau ist passiv und am Ende der Geschichte mit dem Prinzen vermählt. Ihr wisst schon, der Prinz mit dem Schimmel, auf den wir (vergeblich) gewartet haben. Das ist der Punkt, mit dem ich am meisten hadere. Nicht mit dem verhinderten Prinzen, sondern mit dem eindimensionalen Frauenbild. Gerade, weil Punkt 1 und 2 uneingeschränkt wirken.

Seien wir ehrlich, entweder sind Frauen in Grimms Märchen Barbies oder Bitches. Beispiel gefällig? In Aschenputtel streben zwei hinterhältige Stiefschwestern in Kooperation mit einer missgünstigen Mutter nach Macht, Schönheit und dem tollsten Kerl am Kiez und haben augenscheinlich Freude daran, Aschenputtel zu dissen. Alle vier Frauen eint die Vorstellung, eine Vermählung mit dem Prinzen sei das höchste erreichbare Ziel im Leben einer Frau. Dafür ist frau schon mal bereit, sich die Ferse abzuhacken. Ist sowieso völlig überschätzt so eine Ferse. Letztendlich öffnen schicke Kleider vom braven Aschenputtel die Tür zum Herzen des Prinzen. Die Kleider hat sie nicht etwa, weil sie besonders klug oder ehrgeizig war. Nein, die hat sie bekommen, weil sie brav alle Beleidigungen geschluckt hat und zauberhafte Helfer Mitleid mit ihr hatten. Weiblicher Erfolg folgt dabei dem Motiv „Ich angle mir einen Millionär“. Dornröschen und Schneewittchen schlagen in die gleiche Kerbe. Wieder gibt es hinterhältige Gegenspielerinnen, die den fleißigen, schönen und bescheidenen Hauptfiguren nichts gönnen. Diese gehen einmal durch ein Tränental (100 Jahre Bewusstlosigkeit oder Vergiftung) und am Ende steht….Tataaa, der Prinz. Selbst angeblich emanzipatorische Frauenfiguren wie die Königstochter in dem Froschkönig, die aktiv gegen das Wort des Vaters und Königs rebelliert, kriegt am Ende…Na klar, den Prinzen.

Müssten Grimms Frauenfiguren Zielvereinbarungen zur Erfolgsmessung unterzeichnen, setzten sie ihre Unterschrift womöglich unter folgenden Wortlaut: Ich bin hübsch, brav, fleißig, lasse mir von mystischen Zwergen, Fröschen und Tauben helfen und heirate in 1,10, wahlweise 100 Jahren einen Mann mit viel Geld. Ich erwarte keine multikomplexen Persönlichkeiten in Märchen. Allerdings finde ich es dezent problematisch, dass nur die braven und schönen Mädchen positive Wertungen erfahren und erfolgreich sind. Alternative Frauen, die mit den eigentlich coolen Fähigkeiten und damit tragfähigen Lösungskompetenzen ausgestattet sind, haftet der Geruch des Bösen an. Doch erkläre mal einer Vierjährigen, dass die dreizehnte Fee nur sauer war, weil sie auf Dornröschens Geburt nicht eingeladen war und die Königseltern den ganzen Schlamassel hätten vermeiden können, wenn sie einfach ein Gedeck mehr gekauft hätten.

Fazit: Ja, Grimms Frauenbilder wecken in mir meist ein Bedürfnis nach dezent alkoholartigen Getränken. Oder nach Kinderriegeln. Glaubt man den Gebrüder Grimm, besteht männlicher Erfolg in Reichtum, Macht und schönen Frauen und weiblicher Erfolg in einer Ehe mit dem reichen, mächtigen Mann. Na, kommt Euch das bekannt vor? Realität lässt grüßen. Da kann es noch so viel Frauenquoten, Kanzlerinnen und Gleichstellungsbeauftragungen geben. Solange in den Kinderzimmern Grimms Märchen stehen, lernen unsere Töchter und Söhne genau das und nichts Anderes. Mädchen wird vermittelt, passiv auf den Erlöser von außen zu warten. Grimms Märchen hindern nicht am Erfolg, sondern vermitteln einseitige Erfolgsvorstellungen. Wie stark dieses Narrativ weibliches Denken prägt, zeigt der folgende Tweet einer Großmutter:

Tweet Zuckerberg

Dankenswerterweise reagierte Mark Zuckerberg auf die einzig richtige Art und Weise.

Mir liegt es fern, Grimms Märchen aus den Kinderzimmern zu verbannen. Denn Hand auf’s Herz, gibt es etwas Schöneres als Märchen zusammengekuschelt auf der Couch bei einer Tasse Kakao zu lesen. Gerade in der Winter- und Weihnachtszeit. Mir geht es schlichtweg darum, der rosafarbenen Glitzerprinzessin eine Xenia zur Seite zu stellen. Das ist gar nicht so einfach. Grimms Märchen sind überall. Die Nachbarn, die Schwiegereltern und ja, sogar meine eigene Tochter schleppen immerzu neue Bücher mit Grimms Märchen an. Das neumodische Zeug kann man den Kindern ja nicht antun, höre ich dann. Euch hat es auch nicht geschadet! (Übrigens eine Aussage, der ich nicht uneingeschränkt zustimmen würde. Meine Erkenntnis nach zwei Jahren Therapie und mehrjähriger Kinderriegelabhängigkeit.) Anfänglich habe ich die Bücher lächelnd entgegengenommen, um sie im obersten Regal verschwinden zu lassen. Später verschluckte sie die hinterste Schublade. Trotzdem hat Knöpfchen die Bücher immer wieder hervorgezerrt. Mit vier Jahren lässt sie sich nun nicht mehr so einfach austricksen und besteht auf ihr märchenhaftes Lesevergnügen. Ich will es ihr nicht verwehren. Man kennt das ja, Verbote machen Dinge ungleich attraktiver. Also liege ich inzwischen jeden Abend mit Märchenprinzen und -prinzessinnen im Bett und betreibe nach besten Wissen und Gewissen Schadensbekämpfung. Ich rolle das System quasi von innen her auf.

Geschichten über Prinzessinnen erfreuen mich nämlich nur dann, wenn die Prinzessin wahlweise den Prinzen oder eine Prinzessin wachküsst. Doch Knöpfchen kennt viele der Märchen bereits aus der Kita oder von Verwandten. Wenn ich ihr einen Apfel für ein Ei verkaufe, kriege ich einen saftigen Anschiss von ihr. Nix mit simplen Rollentausch. Das erfordert richtig Hirnschmalz. Also staffiere ich die Figuren erstmal mit ein paar AddOns aus. Prinzen und Prinzessinnen sind eben nicht nur schön und jung, sondern auch naturbegeistert, klug, mutig, widerspenstig, achtsam, sportlich etc. Schneewittchen übt sich als Tierärztin oder im Bogenschießen, wenn die Zwerge im Bergwerk unterwegs sind und Rapunzel experimentiert in ihrem Turm. Besonders kreativ werde ich, wenn ein Prinz Schneewittchen und Dornröschen wachküssen will. Von einer schallenden Ohrfeige bis zu ausführlichen Dates zum Kennenlernen ist alles dabei. (Tut mir nicht leid, wenn sich hier jemand auf dem Schlips getreten fühlen sollte oder meinte, ich projiziere zu viel in die Märchen. Doch einfach ‚jemanden küssen‘ und sofort heiraten geht gar nicht. Das ist so 19. Jahrhundert.)

Trotzdem bin ich immer auf der Suche nach Geschichten, deren Heldinnen a) aktiv sind und ihre Probleme selbst lösen und b) andere Ziele haben, als den richtigen Mann zu finden. Pippi Langstrumpf und Bibi Blocksberg sind schon mal kein schlechter Anfang gewesen. Die findet Knöpfchen schon cool. Doch richtig ab geht sie auf Elsa aus „Die Eiskönigin“. Anfänglich fand ich die Vorliebe meiner Tochter für „Die Eiskönigin“ etwas uninspiriert. Erst steht sie auf Elsa, dann inhaliert sie Zucker und schließlich braucht sie harte Drogen, um mit der Realität klarzukommen. Außerdem ist der Film eine kapitalistische eierlegende Wollmilchsau. Es gibt nichts, was es nicht mit dem Konterfei von Elsa & Anna ausgestattet und mit 50% Preissteigerung zu kaufen gibt. Puzzle, Radhandschuhe, Heftpflaster etc. Walt Disney melkt die Kuh. Lange hegte ich den Verdacht, die Geschichte sei auch nur wieder eine schöne Prinzessin und am Ende kommt der Mann, löst das Problem, es gibt ´ne knackige Hochzeit und Happy End.

Eiskönigin II

Tatsächlich dienen Elsa und Anna als role models erster Güte. Elsa verkörpert die klassische Märchenhexe mit magischen Kräften. Eigentlich die Böse. Aufgrund ihrer Andersartigkeit wird sie ins Abseits gedrängt und lebt hinter den verschlossenen Türen des elterlichen Schlosses. An ihrer Seite ist die heiratswütige Schwester Anna. Ein Konflikt zwischen den beiden – um eine übereilte Ehe mit dem vermeintlichen Märchenprinzen Hans – führt zur Befreiung von Elsas Ängsten. Dieser Schritt stürzt jedoch ihr Umfeld scheinbar ins Unglück. Ihre Kräfte bringen den Winter das Heimatdorf und gefrieren das Herz von Anna. Die Erwartung des klassischen Plots, dass nun nur der Kuss eines Prinzen Erlösung bringt, wird herrlich konterkariert. Der vermeintliche Erlöser in persona des Prinzen Hans, erfüllt das Heilsversprechen nicht, sondern erweist sich als machtgieriger kaltherziger Vollhonk. Anna und Elsa gelingt es aus eigener Kraft, sich von dem unheilvollen Zauber zu erlösen. Es braucht keinen Hans und keinen Kristoff, um erfolgreich zu sein. Auch im zweiten Teil sind es die beiden Schwestern, die losziehen und die Welt retten. Sie kooperieren und haben Konflikte. Sie holen sich Unterstützung, wenn sie die brauchen. Anna findet in Kristoff den Mann für das Leben. Elsa findet ihr Glück in der Natur. Ja, „Die Eiskönigin“ ist Walt Disneys Gelddruckmaschine. Ob man dem nachgibt oder nicht, ist jeder und jedem selbst überlassen. Doch weiblicher Erfolg besteht eben nicht nur aus der Vermählung mit einem Mann, sondern in der Überwindung eigener Ängste, der aktiven Lösung von Problemen und der Kooperation mit anderen. Das hat Walt Disney begriffen und verdient sich wahrscheinlich genau deswegen dumm und dämlich an den Merchandiseartikeln.

Ich bin gespannt, welche Heldinnengeschichten lest Ihr Euren Töchtern vor? Habt Ihr noch spannende Ideen oder kennt Ihr Bücher/Filme, die unseren weiblichen Nachwuchs ein modernes Bild vom weiblichen Erfolg bieten? Schreibt mir gerne eine Nachricht oder schreibt es in die Kommentare.