Mamahonks kleine Monatsrückschau März 2024 – feministische Frustration
Im März flatterte das Testament meines Vaters ins Haus und ich betätigte mich als Forscherin und Möchtegern-Feministin. Gibt es etwa endlich Licht am Ende des Tunnels im Leben von Mamahonk? Read it, like it or leave it.
Familie und Freunde
Im März beschäftigte ich mich damit, in meine Rolle als Erbin hineinzuwachsen. Mein Vater verstarb im November. Es galt nun das Erbe zu regeln. Das Testament in den Händen zu halten und all den ungeklärten Fragen nachzuspüren, war eine vollkommen neue Daseinserfahrung für mich.
Als ich den Brief vom Nachlassgericht öffnete und die krakelige Unterschrift meines Vaters sah, verspürte ich die unbändige Lust in mir, niedliche Baby-Videos auf einer bekannten Social-Media-Plattform anzusehen. Genau wie die meisten Menschen habe ich Angst vor dem fortgeschrittenen Alter. Der Gedanke, plötzlich aufzuwachen und festzustellen, dass ich nicht alle Lebensziele verwirklicht habe, raubte mir schlicht den Atem.
Seit Jahren nahm ich mir vor, nach Australien zu reisen. Kurz bevor ich den Kaufen-Button auf der Billigerfliegen-Homepage klickte, bekam ich eine Tochter. Beim zweiten Mal bekam die Welt Corona. Genauso geht es mir mit meinem Bestseller-Roman. Der wäre bereits bei Spiegel auf Platz 1, gäbe es nicht die süßen Babyvideos auf dieser ominösen Plattform.
Was im Kleinen hinderlich schien, könnte im Großen bahnbrechende Wirkung entfalten. Ich war überzeugt davon, würden die persönlichen Referent*innen von Trump, Putin und Erdogan ihre Vorgesetzten dazu nötigen, schon beim Aufwachen eines dieser niedlichen Babyvideos zu konsumieren, die Welt wäre ein friedlicherer Ort.
Doch selbst die Baby-Videos neutralisierten nicht den unangenehmen Beigeschmack des Testaments. Das Dokument konfrontierte mich nicht nur mit der eigenen Sterblichkeit, sondern stellte mich auch vor finanzielle Herausforderungen. Mit dem Ableben meines Vaters wurden meine zwei Geschwister und ich Erb*innen einer Haushälfte.
Miteigentümerin einer Immobilie. Klang erstmal nicht schlecht. Blöd nur: Eine überalterte Immobilie kochte kein Mittagessen. Schon gar nicht, da sie mit einem Vermächtnis beschwert war. Vorsichtshalber nahm ich mir vor, mich für ein Jurastudium einzuschreiben. Gleich nachdem ich noch ein Baby-Video geguckt hatte. Oder zwei….
Wenden wir uns leichteren Dingen zu. Der März brachte den Frühling und damit Frühlingsgefühle. Wenn diese nicht gerade ein zwangsgestörtes Ausmistverhalten von sämtlichen Kleinkindartikeln, die ich anschließend auf Ebay verscherbelte, bei mir auslösten, trafen der Mann und ich uns im März mit den Pädagoginnen unserer beiden Töchter. Zu Elterngesprächen.
Diese verliefen recht unspektakulär. Unsere Kinder verhielten sich … wie Kinder eben. Zwar verkündete die Erzieherin unserer Jüngsten, dass sie gerne die Sprachentwicklung unserer Tochter kommentieren wolle, dies allerdings unmöglich sei, weil sie in der Kita nicht spreche. Dramatischer Blick.
Wahrscheinlich wäre ich zutiefst alarmiert, erlebte ich nicht gerade nach drei Monaten schlaflosen Nächten und mehreren auf Arbeit vor Müdigkeit in den Sand gesetzten Millionen Euro ein wahre Sprachexplosion bei meiner Tochter. Der Mann fasste meine Gedanken auf seine Art zusammen: „Sprache gibt’s eben nur beim Premium-Account!“

Ebendiese neu entwickelten Sprachfähigkeiten offenbarten einen recht vielversprechenden Zugang meiner jüngsten Tochter zur Welt:
Als wir kürzlich die Straße entlanggingen, entdeckte sie einen Stein.
“Ist das?”, fragte sie und guckte mich mit ihren dunklen Kulleraugen an.
“Ein Stein”
“Kann man esse?”
“Nein.”
Sie nickte verständig und sagte: “Liegenlasse.”
So geht es immerzu.
„Ist das?“ „Regenwurm.“ “Kann man esse?”
„Ist das?“ „Klopapier.“ “Kann man esse?”
„Ist das?“ „Blumenkohl“ “Kann man esse?”
Ihre Welt bestand nicht aus gut und böse, dein und mein, sondern aus kann-man-esse oder kann-man-nicht-esse. Mir schien, ich konnte dem Kind nichts mehr beibringen.
Kampf dem Patriarchat
Der März war der Frauenmonat. Wie ich darauf kam? Es gab einen Haufen Aktionstage, um auf die Anliegen von Frauen aufmerksam zu machen: Equal Pay Day, Frauentag und der Equal Care Day vom 29.02. gehörte irgendwie auch noch dazu. Am 29.02.-Geborene können ja auch alternativ auf den 28.02. oder 01.03. ausweichen.
Es gab also ausreichend Anlässe, feministisch aktiv zu werden und es dem Patriarchat mal so richtig zu zeigen. Allesamt zogen sie ungenutzt an mir vorüber. Stattdessen überzeugte ich – nach der Leberfleckentfernung unterhalb meines Auges – als Mamahonk-Scarface und lebte meine misanthropischen Gelüste an übermäßig neugierigen Kleinkindern aus.
Immer wenn so eine Rübe auf mich zeigte und aufgeregt seine Mama fragte: “Guck mal, was hat die Frau da?”, knurrte ich: “Ich habe mit einem freilaufenden Säbelzahntiger gekämpft. Du solltest IHN mal sehen.”
Doch okay, immerhin eine Stunde tummelte ich mich auf der Demonstration anlässlich des 8. Märzes. Ich stand zwischen all den FLINTA*s und sinnierte darüber, wie merkwürdig das Leben doch war:


Am 15.9.2015 bin ich kurz eingenickt und als ich wieder aufwachte, lief ich barfüßig, mit einem Baby im Tragetuch um mich gebunden und wusste mehr über die Mundgesundheit bei Saugern als die Hebamme Ingeborg Stradelmann. Aha, dachte ich. Sekundenschlaf, ganz klar. Nie wieder war ich Dinkeldörte näher.
Irgendwie versuchte ich meinen neuen Status zu kombinieren mit einer teilzeitbezahlten Vollzeit-Führungsposition. Mit den bekannten Folgen Dass mich so ein epischer Sekundenschlaf erneut ereilen würde, konnte keiner ahnen. Es war aber so.
Dieser zweite Sekundenschlaf katapultierte mich von einem vielversprechenden weiblichen Führungstalent direkt in die Hausschuhe einer „Bisher dachte ich, wir leben in einer gleichberechtigten Gesellschaft, doch dann wurde ich Mutter“-Mama und damit auf diese Demonstration.
Persönlich gingen mir die Aktionstage manchmal dezent auf den Sack. Das waren die Tage an denen wir alle kuschelten, uns feierten und uns schön bunt fanden. So viele tolle Frauen erhoben ihre Stimmen, informierten, agierten und steckten ihre kostbare Energie, Zeit und Geld in diese Tage.
Was nichts daran änderte, dass Männer die Mehrheit der Macht- und Führungspositionen dieses Landes besetzten, dass sich die Mehrheit der Frauen teilzeitbeschäftigt um die Kinder kümmerte, dass Politiker es wichtiger empfanden, eine Scheindebatte über Gendersternchen zu führen und diese zu verbieten, damit all die Ralf, Ulfs und Udos sich nicht mehr in ihrer Männlichkeit bedroht fühlten und endlich jemanden hatten, der wieder durchgreifte und für Ordnung sorgte.
Ohne Männer funktionierte Feminismus nicht.
Nicht falsch verstehen. Gerade vor diesem Hintergrund möchte ich nicht auf nur einen dieser Aktionstage verzichten. Ich bin nur wesentlich praktischer veranlagt. Ich möchte handeln. Doch die Logistik feministischer Aktivitäten ist gar nicht so einfach, wenn die Feministin eine Frau ist und familiäre Pflichten zu erfüllen hat. Das frustrierte mich.
Daher begnügte ich mich damit, feministische Literatur zu lesen und das erworbene Wissen ungefragt an sämtliche Personen mit einer Vagina in meinem Umfeld weiterzugeben. Mein feministisches Plädoyer traf jedoch selten auf offene Ohren.
Immer, wenn ich Freundinnen dazu ermutigte, ihre Finanzen selbst in die Hand zu nehmen, blickte diese mich mit einer Mischung aus „Wozu? Mein Partner hat doch alles geregelt?“ und „Zweifelst du etwa an unserer Beziehung?“ an. Ein bisschen fühlte ich mich dann wie Don Quijote.
Das lag vielleicht daran, dass ich tatsächlich auf die Beziehung meiner Freundinnen vertraute. Letztendlich war ja auch ich die, die in einer zerrütteten Beziehung lebte. Wobei die Frage, ob der status quo meiner Beziehung Ursache oder Konsequenz meiner feministischen Ansichten war, ungeklärt ist?
Beruf und Finanzen
Im März feilte ich weiter an meinem misanthropischen Wesenskern. Bisher dachte ich ja, ich rede mit niemandem mehr, weil ich keine Lust habe. Stattdessen stellte ich fest: Ich beherrschte Konversation einfach nicht. Was ich beherrschte? Ich war ein wahres Naturtalent in der Verbreitung von schlechter Laune.
Das gelang mir, indem ich so tat als hätte ich gute Laune. Jede*r Durschnittsdeutsche*r konnte mit Optimismus und Zuversicht so viel anfangen wie Björn Hocke mit Conchita Wurst. Das war genetisch. Ich kam also morgens voller Elan ins Büro und strahlte meine Kolleg*innen an. Die zogen sich von ganz alleine zurück, sodass ich wieder grübelnd vor meinem Rechner sitzen und mürrisch dreinblicken konnte.
Was eine Kollegin nicht davon abhielt, mich zu einer einmonatigen Challenge aufzufordern: „Täglich 8 Stunden Schlaf! Die Leute werden dich kaum wiedererkennen. Ich habe es getestet“. Mein Blick, der ihr faltenfreies, 8-Stunden-Schlaf-Gesicht traf, bewegte sich zwischen Charles Manson und Donald Trump. Ich wusste nicht, ob ich sie umbringen oder eine 9 Meter hohe Mauer um sie bauen sollte?
8 Stunden Schlaf? 8 Stunden SCHLAF! 8 Stunden am Stück etwa?
Einen Monat lang den vom Kleinkind unterbrochenen Schlaf täglich im Büro nachzuholen, schien mir die wesentlich erfolgversprechendere Challenge zu sein. Doch mit Büroschlaf war im März nicht viel. Stattdessen war Feldforschung angesagt.

Zusammen mit unserem Forschungsteam bereisten wir gefühlte hundert Schulen und befragten Schüler*innen im Alter von Pubertät bis „Ihr-habt-mir-gar-nichts-zu-sagen“. Bereits nach dem ersten Schulbesuch, war ich überzeugt vom bevorstehenden Untergang des Abendlandes und bereit, die AFD zu wählen. Haha. Das hätten die gern. Stattdessen war ich überrascht, wie freundlich, sittsam und ausdauernd viele Schüler*innen unseren einstündigen Fragebogen beantworteten.
Während der Erhebung kam ich in den Genuss ein Auto mit Automatikgangschaltung zu fahren und meine Kolleg*innen in den Genuss meiner Fahrkünste. Anfänglich lachten sie noch als ich verkündete: „Augen auf, zu wem ihr ins Auto steigt. In Fachkreisen bin ich auch als Easy Rider bekannt.“ Sie ahnten nicht, dass ich eine Autofahrerin war, in deren Brust ein Radlerinnenherz schlug.
Drei Nahtoderlebnisse später telefonierte der erste Kollege mit seinem Notar und änderte sein Testament, die zweite Kollegin trennte sich von ihrem Freund und der Dritte bat um das Smartphone des ersten Kollegen, um sich endlich nach 20 Jahren mit seinem Vater auszusöhnen. Fast zumindest.
Sport und Gesundheit
Im März wurde mir auch klar, was ihr vermutlich schon lange ahntet: Ich bin ein klassischer Selbstoptimierungsfail.
Meine Vision von meinem besseren Ich: Ökologisch korrekte Ernährung, reich durch gendergerechte Blogartikel, regelmäßige Teilnahme am Muddy Angel Run, politisch aktive Feministin. Die Realität: Ich fuhr mit eingezogenen Schultern an der Frauentagsdemo vorbei, haute das letzte Geld für Kiederriegelpartys in der Sauna raus und lag abends in meinem persönlichen Naherholungsgebiet – der Couch – um nasebohrend Frauenromane von Ellen Berg zu inhalieren.
Aktuell bot mir mein Leben eine dankenswerte Ausrede: Kleine Kinder. Doch was tue ich, wenn diese sich selbstständig anziehen und alleine auf das Klo gehen können? Wie erkläre ich meine olympischen Fähigkeiten in Prokrastination, wenn Knopfs Freundinnen wichtiger werden als Mamas Vorlesestunde?
Eigentlich könnte ich auf die Weisheit meiner 41 Lebensjahre verweisen und erklären: Ist mir wurscht. Ich will so scheiße bleiben, wie ich bin. Prämenstruell gelang mir das im März ganz gut. Postmenstruell flüsterten meine Hormone: „Du kannst mehr!“

Vor Schreck kaufte ich im März ein paar Aktien, rannte den Berg hinter unserer Wohnung hoch und unterschrieb sämtliche Online-Petitionen für kostenlose Hygieneartikel auf Frauen-WCs. Ergebnis: Eine Korrektur an der Börse, eine gerissene Muskelfaser im Knie und ein Shitstorm AFD-treuer „Ich bin kein Nazi“-Nazis.
Damit verschob ich sämtliche ausstehenden Selbstoptimierungsprojekte auf den Monat April. Inzwischen war ich so unsportlich, dass ich nicht mal mehr vor meinen Problemen davonlaufen konnte.
Zum Glück interessierte sich für mich keine Sau! Man stellte sich das nur mal vor – es käme ein unscheinbarer Islamist des Weges und fragte mich: „Du siehst ja furchtbar aus. Wie kann ich Dir helfen? Was brauchst Du?“
In meiner aktuellen Situation lautete die einzig zulässige Antwort: „Eine Kugel im Kopf? Ich bin am Ende.“

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Ich wünsch dir ein oder zwei Auszeitjahre bei den Meerjungfrauen auf Nimmerland. Zum erden und Schmetterlinge gucken.
Hör bloß nie auf zu schreiben!! 🤗
Das habe ich jetzt gebraucht. Danke😘
Liebe Manja,
dein März-Rückblick ist herrlich! Auch, wenn deine Kolleginnen das möglicherweise nicht ganz so lustig gefunden haben.
Vielen Dank für die tollen Einblicke!
Liebe Grüße,
Monika
Liebe Monika, danke Dir. Wie meine Kolleginnen das finden, kann ich nicht sagen. Ich sehe nicht, was sie hinter der 9 Meter hohen Mauer tun😅
Liebe Manja,
dein Monatsrückblick ist sensationell – überhaupt hat dein Blog jetzt ein neuen Fan. Ich mag deine Art zu denken und zu schreiben. Einfach herrlich!
Hab einen tollen April ohne größere Katastrophen und fühl dich lieb gegrüßt von der Bine
Aaawwww, wie schön! Damit fliege ich heute durch den Tag. 🐱🏍 Ich wünsche Dir ebenfalls einen ganz tollen April und ich freue mich schon auf Deine Kochabenteuer. LG Manja
Herrlich, danke für die gute Unterhaltung!
Gerne, und Danke❤️
😘