Mamahonks neueste Rabenteuer: Mutter-Kind-Kur an der Ostsee 

Meine epische Suche nach einer ultimativen Familienalltagsformel führte mich in eine Kurklinik an der Ostsee. Dank meiner Kinder lernte ich in den letzten Jahren Seiten an mir kennen, die ich gar nicht kennenlernen wollte. Beispiel? Als Fünkchen morgens die Sandalen in Slow-Motion anzog – im Winter – entstand tief in mir der Wunsch danach, von elektronischen Fußfesseln Gebrauch zu machen.  Das war der Moment, in dem ich mich dazu entschloss, die Notbremse zu ziehen.

Die Beantragung 

Und stellte einen Kurantrag. Auf Vorschlag der Ärztin, die mich eigentlich nur gegen die Grippe impfen sollte. Sie sah mich an und schien den Antrag statt der Impfung in meinen Arm injizieren zu wollen. In den vorangegangenen Wochen verdrängte ich routiniert sämtliche Baustellen meines Kindes (Vollzeitjob plus Realitätsvermeidung ist ein bewährtes Konzept). Also meldete ich sie direkt mit an. Die Beantragung benötigte genau anderthalb Wochen. 

Die Bewilligung kam nach einer Woche.  

Bei der Auswahl der Klinik setzte ich klare Prioritäten: 

  • Gemeinsames Mittagessen mit den Kindern – weil ich offenbar glaubte, dass sich bestimmte Dynamiken im Kur-Kontext plötzlich in Luft auflösen. 
  • Schwimmbad und Sauna – für mein Ich, das in der Kur Zeit, Ruhe und funktionierende Betreuungskonzepte haben würde, diese Einrichtungen auch zu nutzen. 
  • Ein Zeitraum außerhalb der Ferien, aber vor Knopfs Schulwechsel – also exakt in dem magischen Zeitfenster, das von allen anderen Eltern ebenfalls beantragt wird. 

Nach einem weiteren Monat stand das Ziel fest: Rerik an der Ostsee – mit einer Klinik, die all diesen Ansprüchen gerecht wurde. 

Dann hieß es warten. Ich fieberte sechs Monate lang Entspannung, Austausch mit anderen Eltern und viel Zeit mit meinen beiden Töchtern entgegen. Die Stärkung meiner Erziehungstechniken, der Beziehung zu meinen Kindern als auch meine eigene Resilienz stand als Ziel fett auf meiner Stirn.  

Ich musste das Wort ‚Kur‘ nur hören, lesen oder denken, schon hatte ich einen Ruhepuls nah an der Bradykardie. Allein der Gedanke an die bevorstehende Kur entfaltete dieselbe Wirkung, die eine PDA unter der Geburt haben muss. ich tiefenentspanne und tiefenentspanne und tiefenentspanne. Zumindest in der Theorie. 

Die Anreise 

Dann war es endlich so weit. 
Zwischen Abschlussfest, Kindergeburtstag und Familiengeburtstag packte ich drei Kleiderschränke in drei Koffer und fünf Rucksäcke. Minimalismus – ein Konzept das nicht gerade Sympathiepunkte bei mir sammelte.  

Am Abreisetag selbst lief dann alles exakt nach Plan: 
Vollbeladenes Auto, zwei Kinder, innere Anspannung – und nach ungefähr 300 Metern die Meldung „Reifendruckverlust“. Also zurück zur Tankstelle, wo ich den elektronischen Kompressor zunächst nicht starten konnte, dafür aber innerhalb kürzester Zeit mehrere fremde Menschen in mein persönliches Scheitern involvierte. Gemeinsam schafften wir es schließlich, Luft in den Reifen und etwas Restwürde in die Situation zu bekommen. 

Das alles nur, weil ich vergaß “Speichern” zu drücken. Da muss man erstmal draufkommen. Man kann mir als Mamahonk viel vorwerfen, aber keineswegs mangelnde Gründlichkeit beim Ersinnen abwegiger Erschöpfungszenarien für meinen Alltag. 

Nach sechs Stunden Autofahrt, zwei Pausen, fünf Baustellen sowie 25 Folgen Bobo Siebenschläfer kommen wir überraschend anderthalb Stunden zu früh bei der Kurklinik an. Ein Zeitpuffer, der darauf hindeutet, dass ich innerlich mit deutlich mehr Katastrophen gerechnet habe.  

Rückblickend bin ich sehr froh, mit dem Auto gefahren zu sein. 
 

 „Ostsee“ bedeutet schließlich: Kleidung für Sommer, Herbst, Winter und eine spontane Sinnkrise. 
Zusätzlich mussten sämtliche denkbaren Sportarten für drei Personen und alle klimatischen Eventualitäten eingepackt werden – also Schwimmen, Laufen, Radfahren, Wandern und das mentale Durchhalten. 

Ich bin zwar Tetris-Weltmeisterin im Kofferpacken, aber es gibt schlicht keine Version der Realität, in der ich dieses Gepäck mit zwei Kindern und einem Rest an Selbstachtung in einen Zug getragen hätte. 

Die ärztliche Aufnahme 

Mein erster Termin fand bei meiner Bezugstherapeutin statt. Noch bevor sie mich begrüßen konnte, brach ich bereits in Tränen aus. 

Ängstlichkeit? „Ja, kenne ich.“ Schlafprobleme? „Habe ich.“ Geschwisterkonflikte? „Natürlich.“ Übergewicht? „Auch dabei.“ Schmerzen? „Selbstverständlich.“ Akupunktur? „Wo muss ich unterschreiben?“ 

Als Mamahonk leide ich nicht nur an chronischer Müdigkeit, sondern habe noch weitere negative Eigenschaften wie Empathie und Aufopferungsbereitschaft, um erfolgreich eine umfassende Erschöpfungsdepression zu entwickeln. Im Grunde spielte ich therapeutisches Bingo und war erstaunlich erfolgreich. Meine Therapeutin buchte mir direkt einen zusätzlichen Termin. 

Anschließend wurde ich vermessen, gewogen und gründlich abgehorcht. Die Ärztin besprach mit meiner Tochter und mir die dringendsten Behandlungsschwerpunkte. 

Wenig später verließ ich das Sprechzimmer mit einer respektablen Angst vor einem Therapieplan, der selbst dem Terminkalender eines Dax-Vorstands blass aussehen ließ. 

Die Anwendungen 

Bereits zu Beginn durfte ich zwischen verschiedenen Schwerpunktmodulen wählen: Achtsamkeit, Ernährung, Schmerzbewältigung oder Elternkompass. Ehrlich gesagt hätte ich bei allen vier Themen problemlos einen eigenen Gastvortrag halten können. Schlafmangel, Stressessen, Rückenschmerzen und pädagogisches Scheitern gehören schließlich zur Grundausstattung von Mamahonk.

Trotzdem entschied ich mich für den Elternkompass. Nicht, weil die anderen Themen unwichtig gewesen wären, sondern weil das Thema Familie im Alltag den größten Anteil meines Energieverbrauchs verursachte. Wenn mein Akku morgens mit 100 Prozent startete, waren nach Frühstück, Schuhe-Suchen, Geschwisterstreit und Diskussionen über die Unzumutbarkeit vom Zähneputzen meist noch zwölf Prozent Restkapazität vorhanden. 

Ergänzt wurden die Schwerpunktangebote durch eine beeindruckende Auswahl an Vorträgen, Entspannungstechniken, Sportkursen und Ernährungsberatungen. Die Klinik schien fest entschlossen, für jedes Problem mindestens drei Lösungsansätze und vier alternative Atemtechniken bereitzuhalten. 

Gleichzeitig war genau diese Vielfalt Fluch und Segen zugleich. Es gab einen festen Therapieplan mit verpflichtenden Anwendungen, der überraschend übersichtlich wirkte. Daneben existierte jedoch ein umfangreiches Angebot freiwilliger Veranstaltungen, die jede Mutter individuell ergänzen konnte. Dabei konnte man zwischen Angeboten für Erwachsene, Kinder oder gemeinsamen Eltern-Kind-Aktivitäten wählen. 

Einerseits fand ich diese Freiheit großartig. Andererseits erforderte sie genau die organisatorischen Fähigkeiten, wegen derer ich eigentlich zur Kur gefahren war. 

Besonders spannend wurde das Thema, sobald meine Tochter Einblick in meinen Therapieplan erhielt. 

In der ersten Woche führte Knopf intensive Verhandlungen darüber, warum ich sie unmöglich für ein fakultatives Angebot in die Betreuung geben könne. Dabei setzte sie äußerst erfolgreich auf die Strategie „schlechtes Gewissen“. Nach mehreren Gesprächen hatte ich das Gefühl, mein Kind bereite sich auf eine Karriere als Gewerkschaftsvertreterin vor. 

In der zweiten Woche änderte ich meine Taktik: Ich zeigte ihr meinen Plan einfach nicht mehr und erlaubte ihr stattdessen, nachmittags auch einmal auf dem Zimmer zu bleiben. 

Das Ergebnis war überraschend: Sie bat mich beim Abholen aus der Betreuung freiwillig, doch noch ein bisschen länger bleiben zu dürfen. Ob ich nicht noch einen Termin hätte? 

In den drei Wochen probierte ich eine beeindruckende Menge neuer Dinge aus: Stand-up-Paddling, Akupunktur nach dem NADA-Protokoll, Fitnesskurse mit Drumsticks, Wassertreten im Salzhaff, Tabata-Training, autogenes Training, progressive Muskelentspannung und den Hydrojet, der sich anfühlte wie eine Mischung aus Massage, Raumschiff und Wasserbett. 

Außerdem nahm ich unzählige Ideen für den Familienalltag mit. Besonders hilfreich waren die Themen Geschwisterkonflikte und kindliche Wut. Die therapeutische Kurzfassung für Geschwisterstreit lautete: Ausstreiten lassen. Bestes Kompetenztraining für die beiden. 

Und die Wut? Die wird begleitet mit der Einrichtung einer Wutecke, der King-Kong-Methode oder Kerzen ausblasen.  

Die Strohhalmmethode haben wir ordentlich eingeübt, damit Mama nicht den Verstand verliert. 

Gute Erziehung besteht also hauptsächlich darin, nicht sofort einzuschreiten und alles wegzuatmen. 

Zur großen Enttäuschung meiner Kinder bestand keine der Lösungen darin, dass Mama künftig dauerhaft die Ruhe behält. 

Mein persönliches Fazit zur Klinikleitung lautet übrigens: Sie muss aus einer Köchin, einer Mutter und einer Urlauberin bestehen. 

Das Essen war hervorragend. 

In den Therapiegesprächen ging es tatsächlich um die Mutter. 

Und sämtliche Mitarbeitenden strahlten eine Gelassenheit aus, die ich sonst nur von Menschen kenne, die ein All-Inclusive-Armband seit mindestens zwei Wochen um den Arm tragen. 

Gegen Ende der Kur fühlte sich die Einrichtung zunehmend wie ein gigantisches Elternhaus an. Die Mitarbeitenden planten, organisierten, erinnerten und kümmerten sich. Meine Hauptaufgaben bestanden darin, Yoga zu machen, Nordic Walking zu betreiben, Wasser zu trinken und pünktlich zu erscheinen. 

Nach drei Wochen war ich deshalb kurz davor, mich mitten auf den Flur zu stellen und einfach nur zu rufen: 

„Ich habe Hunger!“ 

Oder: 

„Mir ist langweilig!“ 

Die Kinderbetreuung 

Die Kinderbetreuung war hervorragend und liebevoll organisiert. Wirklich. Kurzzeitig weckte das mein Misstrauen, ob ich aus Versehen in ein Paralleluniversum geraten sei. 

Das Kinderland bot Gruppen für alle Altersstufen und flexible Betreuungszeiten. Die Betreuung lief von 8:00 bis 16:30 Uhr, wobei die Kinder idealerweise bis 9:00 Uhr abgegeben werden sollen. Es gab Ruhezeiten, in denen die Kleinen nicht gestört werden sollten. 

Das Mittagessen konnte entweder im Kinderland oder gemeinsam eingenommen werden. Eine Option, die ich sehr wertschätzte.  

Es gab Ausflüge an den Strand, in die Umgebung, Bastelangebote und natürlich das tägliche Bring- und Abholritual – eine logistisch anspruchsvolle Disziplin, bei der Eltern pünktlich, organisiert und emotional stabil erscheinen wollen. Ein Konzept, das ich respektiere, aber nicht realisierte. 

Ultimativer Kurhack für alle Eltern, die Kinder mit Fremdbetreuungsangsthintergrund erziehen und deswegen fürchten, dass die Kur ein Reinfall wird: Lasst das Spielzeug einfach zuhause.  

Hat bei Fünkchen hervorragend funktioniert. Recht flott hat sie mitbekommen, dass es den heißen Scheiß (Einhörner) in der Piratengruppe des Kinderlands gibt. Seitdem war es ein Kraftakt sie von der Kinderbetreuung loszueisen. Meist half nur Bestechung mit Eis sowie dem Versprechen, sie am kommenden Tag ganz früh zu bringen und ganz spät abzuholen. 

Die Essensversorgung 

Es gab zwei Essensstaffeln. Die Mehrheit stöhnte als sie erfuhr, dass sie in der 1. Essensstaffel ist. Frühstück ab 07:00 Uhr, Mittagessen ab 11:30 Uhr und Abendessen ab 17:30 Uhr. Ich selbst atmete auf. Nicht nur, dass die Zeiten hervorragenden zu unseren Gewohnheiten passten, sondern rechnete ich damit, dass der Speisesaal leerer und das Buffett zu diesem Zeitpunkt voller wäre. Das söhnte mich mit dem Lärmpegel im Speisesaal wie auf dem Frankfurter Flughafen zur Sommerferienzeit aus.  

Besonders erfreulich: Die Idee von einer reduzierten, diätischen Kost mündet hier in All-Inclusive-Essverhalten. Es gab täglich eine Auswahl von drei Mittagessen, eine umfangreiche Salatbar zum Mittag- und Abendessen sowie abwechselnd zum Frühstück Eier, Pancakes, Porridge, Vanillepudding. 

Bei manchen Eltern sah ich Nutella, mitgebrachte Wurst oder Ähnliches. Aus meiner Sicht möglich, aber absolut nicht nötig. Am Ende der Kur zweifelte ich stark daran, ob ich meine Kinder jemals wieder an einen herkömmlichen Frühstückstisch bekommen werde, so gut und vielfältig war die Essensversorgung 

Freizeit 

Eigentlich lässt sich dieser Abschnitt mit zwei Worten zusammenfassen: Eis und Meer. 

Wobei das der Wahrheit nur teilweise gerecht wird. Denn zwischen Eis und Meer lagen noch Sand, Sauna, Sonnenuntergänge, Kinderlachen, hunderte zurückgelegte Strandmeter und mindestens ein mittelschwerer Nervenzusammenbruch meinerseits. 

In der ersten Woche zeigte sich das Wetter noch recht norddeutsch. Regen und Sonne wecselten sich ab. Das hielt uns allerdings nicht davon ab, täglich ins Meer zu springen. Anschließend ging es zum Aufwärmen in die Sauna. Gemeinsam mit unserer Lieblingsfamilie. 

Die Kinder wurden dabei (endlich) an die Saunakultur herangeführt und nahmen diese überraschend begeistert an. In den letzten beiden Wochen übernahm dann die Sonne vollständig. Die Kinder erklärten die Sauna für unnötig und bevorzugten fortan die Anwendung „im Meer baden und Sand wie Algen in sämtliche Körperöffnungen sammeln“. 

Für mich entwickelte sich in dieser Zeit ein festes Vormittagsritual. Nachdem die Kinder versorgt waren, nutzte ich die seltene Single-Eltern-Auszeit für Sport. Meist auf dem Ergometer. Anschließend ging es direkt in die Sauna. 

Der Strand gehörte zu unserem täglichen Programm. Kein Tag verging ohne Meerbesuch. Und kein Meerbesuch ohne Eis. Besonders Fünkchen liebte diese Ausflüge. Für sie bestand die Kur hauptsächlich aus der Frage, wann wir endlich wieder zum Strand gingen. 

Eines Tages fragte sie ungefähr alle drei Minuten: 

„Wann gehen wir ans Meer?“ 

„Gleich.“ 

„Wann ist gleich?“ 

„Bald.“ 

Ist jetzt bald?“ 

„Nein.“ 

„Und jetzt?“ 

Irgendwann, hormonell ohnehin nur begrenzt belastbar, verkündete ich schließlich: 

„Jetzt geht es los!“ 

Fünkchen schoss sofort los. Ich ging davon aus, dass sie wie üblich am Spielplatz auf uns warten würde. Eine Annahme, die sich im Nachhinein als ausgesprochen optimistisch erwies.  

Denn meine mutige, sorglose und beneidenswert vertrauensvolle Tochter hatte offenbar beschlossen, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Sie lief den knappen Kilometer bis zum Meer einfach alleine. Während sie zielstrebig Richtung Strand marschierte, stellte ich irgendwann fest, dass sie verschwunden war. 

Was folgte, war die schlimmste halbe Stunde meines Lebens. Ich suchte zunächst das Zimmer ab. Dann das Klinikgelände. Gemeinsam mit meiner Lieblingsmama kontrollierte ich jeden Winkel. Die großen Kinder liefen die Strecke Richtung Strand ab. 

Allerdings nur ein Stück. Niemand von uns konnte sich vorstellen, dass eine Fünfjährige tatsächlich bis zum Meer durchlaufen würde. Währenddessen lief in meinem Kopf ausschließlich ein Satz in Dauerschleife: „Ich arbeite seit 14 Jahren hier, und wir haben noch kein Kind verloren.“ Das hatte eine Mitarbeiterin der Vermisstenmeldung gesagt. Ich klammerte ich mich an diese Aussage. 

Schließlich kam der erlösende Anruf der DLRG. 

Man hatte Fünkchen gefunden. 

An unserem Lieblingseisstand. 

Als ich sie später fragte, ob sie sich denn nicht gewundert habe, dass ihre Schwester und ich nicht mitgekommen seien, sah sie mich verständnislos an. „Ich dachte, ihr kommt gleich nach.“ 

Diese Antwort beschreibt den grundlegenden Unterschied zwischen Kindern und Eltern vermutlich besser als sämtliche psychologischen Fachbücher. Während Eltern innerhalb von 30 Minuten siebzehn Katastrophenszenarien durchleben, gehen Kinder selbstverständlich davon aus, dass sich alles irgendwie regelt. Urvertrauen nennt man das wohl. 

Ein weiterer Segen waren die beiden Spielplätze auf dem Klinikgelände. Dort ereignete sich etwas, das im normalen Familienalltag nahezu unmöglich ist. Meine Lieblingsmama und ich konnten uns unterhalten. In ganzen Sätzen. Nahezu ohne Unterbrechung. 

Allein diese Erfahrung hätte vermutlich schon als therapeutische Maßnahme anerkannt werden können. 

Die Unterkunft 

Es gab zwei Zimmer. “Eines für Mama und eines für euch.”, sagte ich. ‘Ah, endlich mal wieder alleine schlafen.’, dachte ich und glaubte mir selbst nicht. Tatsächlich wurde in den ersten Tagen das Schlafen zur größten Herausforderung. Damit hatte ich nicht gerechnet.  

Kannte ich aus dem Urlaub nicht. Eine Kur ist aber kein Urlaub. Eine Kur bedeutet: neue Umgebung, neue Abläufe, neue Menschen und offenbar die dringende Notwendigkeit, nachts regelmäßig zu überprüfen, ob Mama noch existiert. 

Zuerst bekam die Große Schlaf-Heimweh. Kaum hatte sie sich eingewöhnt, übernahm die Kleine. Das Ergebnis war, dass beide Kinder in regelmäßigen Abständen in mein Zimmer wanderten. Anfangs versuchte ich noch, sie freundlich zurückzubegleiten. Schließlich lagen wir zu dritt in einem Bett. Übereinander 

In den folgenden Tagen testeten wir verschiedene Schlafarrangements.  Irgendwann landete wir zu dritt im Kinderzimmer und ich auf dem Looserbett. 

Es benötigte 3 Wochen, um schließlich in separaten Zimmern zu schlafen. Trotzdem  gab es schließlich ein Wunder: Ich wurde einmal tatsächlich vom Wecker geweckt. Nachdem ich die Nacht durchgeschlafen hatte. Eine Erfahrung, die ich nach ungefähr zehn Jahren Elternschaft bereits ins Reich der Mythen eingeordnet hatte. 

Ansonsten war das Zimmer funktional ausgestattet. Es gab alles, was man brauchte. 

Ein Bett. 

Einen Schrank. 

Ein Bad. 

Ein Tisch. 

Ein TV. 

Die Mitkurenden

Da hockte ich nun und traf andere Mamas mit Erschöpfungshintergrund. Schon nach den ersten Stunden wurde klar, die Kur = ein Ort für Menschen, die im selben irrwitzigen Zeit-Raum-Kontinuum aus “Ich habe Hunger!” und “Mamaaa!” gefangen sind. 

Es gab Mamas, wenn du nur einen Kilometer in ihren Schuhen gingest, landest du auch im Sanatorium. Sie mussten derart viele Schicksalsschläge ertragen, dass es nicht aushaltbar für eine Person erscheint. In ihrer Gegenwart zerfraß mich das schlechte Gewissen über meine Anwesenheit hier. Meine eigenen Probleme, Ängste und Herausforderungen wurden auf ein Minimum reduziert. Allein ihre Anwesenheit war  heilsam für mich. 

Gleichzeitig ist So eine Kur ein faszinierendes, aber verstörendes Psycho-Experiment. Man sieht sich mit den Augen der anderen. Die anderen Eltern sind wie wandelnde Ganzkörperspiegel. Das merke ich gleich am ersten Abend als ich mich mit einer Mama unterhalte, deren Kinder teure Designerklamotten tragen. Es sind meine Kinder, die ihre permanent dazu motivieren, auf den Boden zu kriechen. Dem staubigen, sandigen Boden. Die andere Mama versucht tapfer, dagegenzusteuern. 

 Um den Schein zu wahren und nicht sofort als Familie Flodder enttarnt zu werden, interveniere ich ebenfalls halbherzig. Schließlich stecken meine Kids nicht ohne Grund in Secondhand-Sachen. Irgendwann lasse ich es einfach laufen. Mache ich zu Hause ja auch nicht anders. Und warum auch? Ich will doch nur meine Ruhe. 

Zum Glück begegnete ich bereits am zweiten Tag der Mama, in die ich mich schockverliebte. Wir waren gleich alt und unsere Kinder auch. Sie war die eine, mit der ich kluge, tolerante und antidepressivataugliche Gespräche führen konnte. Wir waren uns so ähnlich, dass wir uns auf Anhieb mochten und so unterschiedlich, dass wir ausreichend Gesprächsstoff hatten und unseren Horizont dabei erweiterten. Glücklicherweise verstanden sich unsere Kinder 2/3 der Kur ebenfalls hervorragend. Sie fehlt mir am meisten in meinem Alltag. 

Die Heimkehr 

„Erhol dich doch mal.“, „Schlaf dich mal richtig aus.“, „Du hast mehr vom Leben, wenn du ausschläfst.“, Das betonen Menschen gerne, als wäre einmal Ausschlafen, die Lösung meiner mutterbedingten epischen Müdigkeit.  

Ich hingegen sage immer: Wenn man Kinder hat, steht man früher auf. Ich wüsste gar nicht, was ich so lange träumen sollte. Womöglich fiele ich noch in Tiefschlaf. Das wäre noch schöner. Wahrscheinlich würde ich plötzlich gute Laune haben und vor Freude strahlen.  

Die Wahrheit ist:  Die Kur war mein mentalunload-Programm.

Denn der letzte Wille eines Mamahonks ist es keinesfalls, eine saubere Wohnung zu haben, sondern stattdessen schnell noch eine Kur zu beantragen, bevor die Kinder in die Kita gebracht, das Praxiskonzept zu Ende entwickelt und der Quinoasalat mit Oliven zubereitet wird.  

Die Kur hatte ganze Arbeit geleistet, doch die Wahrheit ist, ich öffnete zuhause die Tür und mir entgegen flogen mir Sorgen, Konflikte, Stress. 

Selbst Fruchtfliegen haben eine längere Lebensdauer als mein kurzzeitig aufgeflammtes Selbstwertgefühl 

Es reichte dennoch, um den nächsten Vollzeitvertrag zu unterzeichnen. 

Also rollen nach der Kur sich immer noch meine Fußnägel auf, wenn ich an Rollenspiele, Basteln oder den nächsten Kindergeburtstag denke. Das gehört wohl dazu. 

Erkenntnis: Das Problem sind nicht unsere Gefühle, sondern dass man uns glauben machte, normale menschliche Erfahrungen wie Angst und Traurigkeit seien Krankheiten, die es wegzutherapieren gilt. 

Was nehme ich also aus der Kur mit?

Eine neue Lieblingsfamilie.

Und den Satz, den die Ärztin mir zum Abschied sagte: „Dinge ruhig einfach mal laufen lassen!“

Eure Mamahonk

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